Du bist einer von denen

Matthäus 26, 69 – 75

69 Petrus aber saß draußen im Hof; da trat eine Magd zu ihm und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa. 70 Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst.

            Der Blick des Leser*innen wird jetzt aus dem Verhörsaal nach draußen geleitet, in die Aula. So heißt der Hof auf Griechisch. Von der Haupt-Person der Passion auf eine Nebenfigur. Petrus ist trotz allem Licht und Schatten, der jetzt auf ihn fällt, im Geschehen nur eine Nebenfigur, mehr nicht. Wie wir alle nur Nebenfiguren sind, auch wenn uns die Passion zugutekommt. Es geht um Jesus zuerst und nicht um uns zuerst. Wohl aber um Jesus um unseretwillen.

Eine Magd, irgendeine Sklavin, stellt Petrus, konfrontiert ihn:  Du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa. Hört Petrus in den Worten der jungen Frau – auch das kann das Wort  παιδίσκη  bedeuten – schon eine Anklage? Eine mögliche Beschuldigung? Es ist ja erst einmal nur eine Feststellung, mehr noch nicht.

Petrus aber verwahrt sich gegen ihre Worte, wie gegen eine Beschuldigung. Vor ihnen allen, also vor allen, die im Hof sind, als sähe er sich hier schon vor einer Gerichtsversammlung.  Sie hat ihm sein Mit-Jesus-Sein vorgehalten. Das ist eines der Themen im ganzen Kapitel. „Jedes Mal, wenn bisher vom „Mit-Jesus-Sein der Jünger“ die Rede war, wurde ihr Versagen geschildert. (26,23.38.40.51)“ (U. Luz, aaO.  S. 214)

            Petrus versucht sich herauszureden. Ich verstehe nicht, was du sagst. Er stellt sich dumm. Er hört „die verächtliche Bezeichnung Jesu als des „Galiläers“, die ihn vielleicht als potentiellen Revolutionär bezeichnet.“(E. Schweizer, aaO.   S. 327) Wie jemand auf so etwas kommen kann, versteht Petrus wirklich nicht. Aber in Wahrheit geht er auf Abstand von Jesus. Verleugnet sein mit Jesus sein. Nicht als Einziger, aber hier als der eine, auf dem der Blick ruht.

71 Als er aber hinausging in die Torhalle, sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. 72 Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht.

So zur Rede gestellt, sucht er einen anderen Platz, geht ein wenig weiter weg, in die Torhalle. Wieder sieht ihn eine und wendet sich an die, die auch in dieser Torhalle sind. Sie stellt also gewissermaßen Öffentlichkeit her, ein Forum für ihr Worte: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. Petrus ist nicht mehr der Angeredete. Hier ist er schon fast so etwas wie ein Beschuldigter. Die Situation hat sich zugespitzt. Zum zweiten Mal: ρνσατο – er leugnete – abstreiten, alles abstreiten.

Weil es gefährlicher wird, nach Anklage klingt, darum geht Petrus mit seiner zweiten Antwort auch einen Schritt weiter. Hatte er zunächst einfach den gegeben, der nichts versteht, so kommt es hier zum Abschwören: Ich kenne den Menschen nicht. Nicht einmal den Namen Jesus nennt er. Das soll wohl unterstreichen: Ich habe nichts mit ihm zu tun.

οὐκ οἶδα ὑμᾶς.Ich kenne euch nicht“, wird der Bräutigam sagen – zu denen, die ihn versäumt haben (25,12). Ähnlich wir Jesus zu denen sprechen, die ihn nur Herr, Herr genannt haben, aber nicht getan haben, was er wollte (7,23). Genau die gleichen Worte gebraucht Petrus hier, und zieht damit das Gericht auf sich. So sollen wir es als Leser doch wohl verstehen.

73 Und nach einer kleinen Weile traten hinzu, die da standen, und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich. 74 Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht.

            Die Worte der Frau haben Hörer gefunden, die sich jetzt, so muss man doch wohl sehen, um Petrus scharen, ihn umzingeln. Jetzt stellen sie ihn: du kannst dich nicht herausreden. Es ist gerade so, dass Deine Sprache dich verrät. Sein Dialekt macht Petrus unverwechselbar als Galiläer kenntlich. Darum wird er denen zugeordnet. Denen, die zu diesem Galiläer dort im Saal gehören.

Petrus fällt. Er schwört ab. Ja, er verflucht sich selbst. Ist es eine Art „Reinigungseid“? Oder: „Verflucht Petrus sich selbst, so dass er sich gleichsam unter den Bannfluch stellt, wenn er nicht die Wahrheit sagt?“ (U. Luz, aaO.  S.216) Inhaltlich wiederholt Petrus nur, was er schon zuvor gesagt hat. Er bricht damit die Gemeinschaft mit Jesus. Von sich aus endgültig. Da ist kein Weg mehr zurück.

Und alsbald krähte der Hahn. 75 Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Die Stunde hat geschlagen. Der Hahn kräht. Da kommen die Worte Jesu Petrus wieder in den Sinn. Wohl auch die eigenen Antworten. Und damit sein Versagen, sein Wortbrüchig werden. Was für eine Kränkung: Ich habe mich überschätzt. Ich habe die Tragkraft meiner Liebe überschätzt. Ich habe den Mund zu voll genommen. Ich habe gekniffen. Was bleibt sind bittere Tränen. Scham und Reue. Und der Weg ins Dunkel der Nacht. Einmal mehr.

Um dieser Geschichte willen steht auf vielen Kirchtürmen der Hahn. Mahnung an uns Christen, nicht den Mund zu voll zu nehmen, nicht gar so sicher zu sein, dass wir bekennen, wenn bekennen gefragt ist, dass wir uns nicht vom Acker machen, wenn Standfestigkeit Not tut.

Es ist wohl die Erinnerung an so manches Schweigen und sich Verbergen, die den Exegeten, der das 3. Reich miterlebt und mit durchlitten hat, schreiben lässt: „Wo, seit den Tagen des Heilandes, die Verleugnung des Petrus als ein Schimpf empfunden wurde, dem gegenüber sich der Urteilende hoch erhaben dünkte, da wurde vergessen, dass die Tapferkeit im Kriege schon nach Bismarcks bekanntem Wort viel leichter ist als die „Zivilcourage“, die Tapferkeit des alltäglichen Lebens; nichts verführt so sehr zu Feigheit als verlacht zu werden.“ (J. Schniewind, aaO. S. 264) Wir tun gut daran, Petrus nicht zu verachten. Er ist allen Bruder, die manchmal nicht fest stehen. Und sich doch nach einem Rückweg sehnen.

Auch das wird man zu bedenken haben. Die Christen, die diese Geschichte als erste lesen, werden, wenigstens zum Teil vor Gerichte gezerrt, mit dem Tod bedroht. Bekommen das Leben angeboten, wenn sie abschwören, wenn sie sagen: Ich kenne den Menschen nicht. Wie lebt es sich, wenn man so sein Leben gerettet hat – durch Verleugnen, durch sich lösen aus der Gemeinschaft des Glaubens? Für manchen mag es den Schritt zu einem neuen Anfang, des Glaubens und wieder hin in die Gemeinschaft geöffnet haben, dass diese Geschichte von Petrus erzählt wird. In allen Evangelien.

Es ist ein Trost für alle, die in der Liebe ihres Glaubens auch Scheitern spüren, dass es diese Erzählung vom Scheitern dr Liebe des Petrus als Teil des Evangeliums gibt.

Was mich beschäftigt:

Ich lese wieder über die Situation hinaus. Es ist doch – hoffentlich – so, dass die Sprache verrät, dass wir zu denen gehören. Nicht mehr der Dialekt. Wohl aber, was wir sagen. Dass wir Gott bekennen, wenn alle ihn für verzichtbar halten. Dass wir die Würde des Einzelnen, auch des Verlierers betonen, wenn alle ihm, ihr diese Würde absprechen. Dass wir Leben und Tod für unverfügbar erklären, auch wenn alle Welt das Verfügungsrecht über das Leben behauptet unter Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht. Dass wir Geld nur für ein Zahlungsmittel und nicht für einen Lebenszweck halten, wenn so viele darin das Ziel ihres Lebens sehen, die Millionen anzuhäufen. Dass wir zum Frieden mahnen, wenn alle den Krieg für die ultima ratio halten. Dass wir inmitten des großen Religions-Einerlei mutig bleiben und sagen: Ich bin mit Jesus. Ich liebe Jesus. Auch wenn das wie von Gestern klingt.

 

Herr Jesus. Gib Du mir Deinen Kraft und Mut genug, mich zu Dir zu stellen, wenn es nicht angesagt ist, nicht opportun ist, keinen Beifall bringt. Gib mir den Mut, die Liebe zu Dir auch dann zu wahren und zu bewähren, wenn der Wind gegen den Glauben an Dich steht, wenn es Nachteile bringt, zu Außenseitern werden lässt.

Gib mir Deinen Geist, der beständig macht und standfest, so dass uns nichts trennen kann von Dir. Du lässt Dich ja durch nichts von uns trennen. Amen