Auf Abstand

Matthäus 26, 57- 68

57 Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten.

            Jesus wird abgeführt. Er wird dorthin gebracht, wo sich die versammelt haben, die seine Verhaftung veranlasst haben – in den Palast des Hohenpriester Kaiphas, zu den Schriftgelehrten und Ältesten. „Es handelt sich bei diesem Ort nicht um einen der offiziellen Versammlungsorte des Synhedriums.“ (U. Luz, aaO.  S. 171) Und wenn sich das Ganze in der Nacht abspielt, auch nicht um eine ordnungsgemäße, rechtlich legitimierte Gerichts-Sitzung.    

58 Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast des Hohenpriesters und ging hinein und setzte sich zu den Knechten, um zu sehen, worauf es hinauswollte.

            Petrus folgt seinem Herrn. Von ferne. Das ist mehr als eine Angabe zum Abstand, der sich auf dem Weg ergibt, auch nicht nur ein Hinweis auf die Vorsicht des Petrus, nicht auffällig nahe zu sein. Ich glaube auch nicht, dass so schon vorbereitet wird, was später geschieht, dass Petrus seine Nachfolge kündigt, indem er Jesus verleugnet. Aber es ist immerhin auffällig genug:

 Für das Folgen des Petrus wird genau das Wort ἀκολουθέω gebraucht, das für das Nachfolgen der Jünger, auch für den Ruf Jesu in die Nachfolge steht. Also ein für die Leser des Evangeliums theologisch-geistlich deutlich besetztes Verb. Auch dieses Folgen des Petrus ist Nachfolgen!

Von ferne – ἀπὸ μακρόθενdas ist der Platz, den Menschen auch nach dem Lukas-Evangelium in der Passion Jesu haben. Darum lese ich von ferne als eine „geistliche Platzanweisung“: Das Geschehen der Passion ist für die Nachfolger Jesu, für Christinnen und Christen nur wie von ferne wahrzunehmen. Es ist sein Weg und wir stehen und sehen nur von ferne. Auch wir heute sind nicht Akteure in diesem Geschehen, sondern allenfalls „Zuschauer“. Auch das schwingt für mich mit: Unser Sehen und Verstehen, unser Glauben ist immer nur eine Annäherung von ferne. Nie werden wir diesen Weg ganz begreifen. Erst am Ende, in Gottes Ewigkeit „werden wir ihn sehen, wie er ist.“(1. Johannes 3,2)

Es wird sich später wiederholen, dass Jesu Jüngerinnen von ferne (27,55) sehen. Die Nähe, in die uns manche Passionslieder hineinziehen, diese emotionale Nähe ist in den biblischen Texten vermieden.

Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht!
Von dir will ich nicht gehen,wenn dir dein Herze bricht;
Wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß,
Alsdann will ich dich fassen in meinen Arm und Schoß.     P. Gerhardt 1656, EG 85

Das berührt sich mit der wundervollen Erzählung Edzard Schapers vom Vierten König, der am Kreuz mit seinem sterbenden König Jesu im Tod vereint wird – die biblischen Geschichten dagegen halten die Jünger auf Abstand.

Immerhin: Petrus ist im  Palast, um zu sehen, zu beobachten, worauf es hinauswollte. Er geht nicht einfach weg, verschwindet nicht im Dunkel der Nacht. Weil er Angst hat. Er will Zeuge des Geschehens werden – und wird ja später auch wirklich Zeuge Jesu sein. Μάρτυς – bis hin zum Martyrium. So weiß es die Legende.

  59 Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, dass sie ihn töteten. 60 Und obwohl viele falsche Zeugen herzutraten, fanden sie doch nichts. Zuletzt traten zwei herzu 61 und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen.

Die Verhandlung läuft. Der Evangelist lässt keinen Zweifel: es ist kein faires Verfahren. Von Anfang an fußt die Anklagen auf der Suche nach einem falschen Zeugnis. Weil das Urteil schon feststeht und ihre Absicht klar ist: dass sie ihn töteten. An falschen Zeugen ist kein Mangel. Aber irgendwie stockt alles. Es fehlt die letzte, innere Überzeugung. Man will doch wenigstens den Anschein des Rechts wahren. Nicht einfach einen offensichtlichen Justizmord begehen.

Schließlich finden sich zwei, die bei den Reden Jesu zugegen waren und nun seine Worte zitieren:  Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen. Woher kommt dieses Wort?

Das Johannes-Evangelium überliefert einen Dialog zwischen Jesus und den Juden: „Da fingen die Juden an und sprachen zu ihm: Was zeigst du uns für ein Zeichen, dass du dies tun darfst? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.“ (Johannes 2, 18-21)

Das ist missverständlich genug und hat der jungen Christenheit auch Probleme gemacht. In den Ohren von Juden ist es eine frontale Gotteslästerung – ist doch der Tempel auf Befehl Gottes gebaut und wieder aufgebaut. Wer ihn zerstören wollte, greift damit Gott selbst an.

Von diesen beiden Zeugen sagt Matthäus übrigens nicht, dass sie falsche Zeugen seien! Ihr Zeugnis trifft zwar den Wortlaut, aber nicht den Sinn der Worte Jesu. Aber der Wortlaut, der Buchstabe genügt – und er wird auch hier tödliche Folgen haben. Das mag auch ein Hinweis darauf sein, dass das wortwörtliche Verständnis nicht immer das richtige Verständnis ist. „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“(2. Korinther 3,6) Hüten wir uns also vor dem Kampf um die Buchstaben, die Worte, die Wörtlichkeit. Fragen wir lieber nach dem Sinn und vertrauen dem Geist.

 62 Und der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen? 63 Aber Jesus schwieg still.

            Der Hohepriester wähnt Jesus gefangen in seinen Worten. So „bittet“ er ihn um  Stellungnahme. Um ein Dementi? Oder eine Bestätigung? Aber Jesus schwieg still. Keine Richtigstellung. Keine Erläuterung. Einfach Schweigen. „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.“(Jesaja 53, 7)  Auch das kann mitschwingen, dass Matthäus in der Mitte des Evangeliums schon einmal auf den Gottesknecht verweist: „Er wird nicht streiten noch schreien, und man wird seine Stimme nicht hören auf den Gassen.“(12,19) So wird die Schrift erfüllt.

Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes. 64 Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.

            Jesu Schweigen ist nicht das Schweigen eines Überführten. Darum setzt der Hohepriester neu an, mit einer „Beschwörungsformel“(E. Schweizer, aaO. S. 326), unter Berufung auf den lebendigen Gott, die Jesus herausfordert zu der letzten Wahrheit über sich selbst. „Offenbar fällt für ihn (den Hohenpriester) die Entscheidung mit der Frage nach der Christus- und Gottessohnwürde Jesu.“(ebda., S. 326)  

            Mich beschäftigt, dass hier durch den Hohenpriester gefragt wird, was in den Versuchungen Jesu das Wort des Versuchers ist: Bist du Gottes Sohn (4,3; 4,5) Ist das eine zufällige Parallele? Es könnte ja auch sein, dass Matthäus hier einen Bogen schlägt, vom Anfang  des Weges Jesu zu seinem Ende: Immer geht es darum, dass er sich als der Sohn Gottes erweist, selbst bezeugt – während das Evangelium doch behauptet: Es ist Gott, „die Stimme aus dem Himmel“ (3,17; 17,7), die ihn so nennt. Es sind die Zeugen Jesu, die ihn so nennen: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“(16,16)

Darum ist es schlüssig, wie Jesus antwortet: Du sagst es. Was der Hohepriester gefragt hat, stimmt. Wie nahe ist hier der inquisitorisch fragende Richter dem Zeugen Jesu und seinem Bekenntnis! Und doch auch wieder weit entfernt. „Dort ging es um die von Gott geschenkte Christuserkenntnis des Jüngers, der damit für den Weg der Nachfolge vorbereitet wird. Hier geht es um ein selbst angemaßtes Urteil des menschlichen Richters über Jesus, der nicht weiß, dass er vor dem Weltrichter steht.“ (U. Luz, aaO.  S. 178) 

Aber es bleibt nicht bei dem Du sagst es. Oder bei dem, auch das ist übersetzungsmäßig möglich: „Das sagst Du.“ Jetzt enthüllt, offenbart Jesus, wer er ist und wer er sein wird. Der Menschensohn, sitzend zur Rechten der Kraft, kommend auf den Wolken des Himmels. Er sagt das, was die Gemeinde seitdem glaubt. Was Lukas als das Bekenntnis des Sterbenden Stephanus überliefert: „Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ (Apostelgeschichte 7,56) In den Reden an seine Jünger hatte Jesus sich als den kommenden Menschensohn bezeichnet (24,17; 25,31 – 46)

            Jetzt tut er es, in dieser Situation der Entscheidung, vor aller Welt. Wohl auch deshalb, weil man es erst jetzt nicht mehr hören kann als die Ankündigung der Machtübernahme. Sondern es ist das Wort des Leidenden, Wort aus der Tiefe. Es gibt den Menschensohn als Sieger nicht anders als durch das Leiden hindurch.

65 Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert!

            Schon das Zerreißen der Kleider genügt. Das Urteil ist gefallen. Die Worte sagen nur noch, was der Gestus schon gesagt hat: Er hat Gott gelästert! So will es die Tradition, in der der Hohepriester steht. Wer als Richter Zeuge einer Gotteslästerung wird, zerreißt seine Kleider. Das ist die Reaktion des Königs Hiskia auf die Läster-Reden gegen den Gott Israels: „Als der König Hiskia das hörte, zerriss er seine Kleider und legte einen Sack an und ging in das Haus des HERRN.“(2. Könige 19,1) So steht Jesus gewissermaßen Seite an Seite mit dem Gotteslästerer Rabschake aus den Heiden.

Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört. 66 Was ist euer Urteil? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig.

Der Prozess ist vorüber. Das Urteil gesprochen. Es braucht keine weiteren Zeugen mehr. Alle, die  da sind, haben ja selbst gehört. Sie sprechen deshalb das Urteil. Er ist des Todes schuldig. Der Befund ist eindeutig. Die Gesetzeslage klar. „Wer des HERRN Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen. Ob Fremdling oder Einheimischer, wer den Namen lästert, soll sterben.“ 3. Mose 24,16) 

67 Da spien sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten. Einige aber schlugen ihn ins Angesicht 68 und sprachen: Weissage uns, Christus, wer ist’s, der dich schlug?

            Und sie fangen an, als Zeugen zu tun, wozu sie verpflichtet sind, nämlich dass Urteil zu vollstrecken. „Vermutlich führt kein Weg daran vorbei, die vorher genannten Ratsherren als Subjekt der grausigen Verspottungsszene anzunehmen.“ (U. Luz, aaO.  S.204) So sieht es Matthäus: Würdige Menschen, religiöse Leute, die jetzt ihrer Wut, ihrem Zorn freien Lauf lassen. Dieser Gotteslästerer hat keine Schonung mehr verdient. Für ihn gibt es keinen Schutz mehr.

So wird Christus Opfer, wie so viele vor ihm und ungezählte nach ihm. Opfer von Hass und Willkür, von Lust am Quälen und zynischen Späßen auf Kosten eines wehrlos Ausgelieferten. Eben: Opfer. Er steht in einer Reihe mit den Vielen  – in den Folterverliesen aller Zeiten, in den KZs, im Gulag, in Guantanamo, Abu Ghraib, in den Fängen der IS. Sie sind ihm nahe und er ist ihnen nahe.

Die aber, die ihn bespeien, schlagen und verspotten, die ihm seine Würde nehmen wollen, indem sie ihn schänden, schänden damit zugleich sich selbst. Sie nehmen sich mit diesem entwürdigenden Verhalten selbst ihre Würde. Die Menschlichkeit, die sie dem Angeklagten verweigern, obwohl sie sie ihm schulden, zerstört die eigene Menschenwürde. Es fällt immer auf die Folternden zurück, was sie ihren Opfern antun.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

            Das ist die Botschaft des Matthäus, weil über Kaiphas hinaus: Wer sich ein Bild von Jesus machen will ohne die Bereitschaft, sich auf seinen Weg rufen zu lassen, der wird scheitern. Es gibt nicht das sozusagen objektive Bild Jesu – es gibt nur Glauben oder eben Unglauben. Der Glauben erschließt sich nicht im distanzierten Betrachten, Er erschließt sich allein in der Hingabe. Darin ist er seinem Wesen nach quer zu allen Denkvoraussetzungen der Zeit heute und wahrhaftig eine Zumutung an an unsere Denkweisen. Wer die Wahrheit des Glaubens für sich entdecken will, kommt nicht um die ersten Schritte einer Hingabe herum: Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Gib Dich mir in  mein Leben – ich gebe mich dir.

 

Ausgeliefert. Preisgegeben. Fertig gemacht. So stehst Du da, Jesus, vor den Menschen damals. Und vor uns? Würde ich mich zu Dir stellen? Oder würde ich auch bei denen stehen, die Dich verspotten, foltern, verhöhnen.

Ich bin mir nicht sicher.

Darum  ich bitte Dich, dass Du mir hilfst bei Dir zu stehen, bei Dir zu bleiben. Bleibe Du bei mir, damit ich bei Dir bleibe. Amen