Gewaltverzicht

Matthäus 26, 47- 56

47 Und als er noch redete, siehe, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes. 48 Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift. 49 Und alsbald trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi!, und küsste ihn.

            Es geht jetzt Schlag auf Schlag. Judas kommt. Es ist auffällig, wie der Evangelist betont, was doch alle Leser*innen des Evangeliums  wissen: Judas ist einer von den Zwölfen, Mir will es scheinen, als sei dies für die Leser*innen schon der Anklang  einer Mahnung, sich nicht zu sicher zu sein im eigenen Christenstand. Judas ist gewiss nicht der Anführer der Truppe, die von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes ausgesandt ist, sondern nur ihr Wegweiser. Die Schar wirkt überdimensioniert. Für die Verhaftung eines Einzelnen so ein Groß-Aufgebot – eine große Schar mit Schwertern und mit Stangen. Das sind ziemlich viele für nur einen Mann, es sei denn, man rechnet mit Widerstand.

            Offensichtlich ist Jesus dem Verhaftungskommando nicht persönlich bekannt. Deshalb muss er „markiert“ werden. Das Zeichen dafür ist verabredet, durch Judas vorgeschlagen. Ein Kuss. Der Kuss – „Zeichen der Zusammengehörigkeit“, „Zeichen der Verehrung gegenüber Höhergestellten“, „Zeichen der Versöhnung“ (U. Luz, aaO.  S.163) Der Kuss hat es zu liturgischen Ehren gebracht. „Grüßt alle Brüder mit dem heiligen Kuss.“ (1. Thessalonicher 5,26) Das lässt die Leserinnen die Ungeheuerlichkeit des Vorganges umso mehr empfinden. Darum wird der Judas-Kuss sprichwörtlich als Zeichen des ärgsten Verrates.

σημεον – Zeichen ist in den Evangelien mehr als nur ein Signal. Die Taten Jesu sind Zeichen für die Wirklichkeit, aus der er handelt, für sein Gesandtsein. Dass Gott hinter ihm steht, dass er in eer Vollmacht Gottes handelt, das zeigt sich in seinen Zeichen. Sie eisen über die sichtbare Wirklichkeit hinaus auf die unsichtbare Welt. Vor allem im Johannes-Evangelium wird dieses Verständnis von Zeichen deutlich ausgeführt werden.hier also – in der Stunde der Auslieferung ein Zeichen, das doch auch mehr sein wird als nur der Hinweis: der ist es!

Zumindest nachdenken darf ich darüber, ob in diesem Kuss des Verrates sich nicht auch eine unaufgelöste tiefe Verbundenheit des Judas mit Jesus zeigt. Es ist ja die Frage, die nicht zu beantworten ist, aber immer neu zu stellen: Welches Motiv leitet Judas? Geldgier – das wirkt geradezu lächerlich angesichts der Summe von 30 Denaren. Hass – aber nichts deutet zuvor auf irgendeine Weise darauf hin. Oder ist es doch der Versuch, Jesus zu zwingen, jetzt endlich, in der Bedrängnis, in letzter Sekunde seine Macht zu zeigen, sich als Sohn Gottes zu offenbaren und das Regiment zu übernehmen?

Oder gibt es gar so etwas wie ein Einverständnis zwischen Jesus und Judas – um des Erlösungswerkes willen? „Statt des Winkens aus dem Hinterhalt – die Umarmung; statt des verschwiegenen Zeigens – der Kuss! Der Liebeserweis eines Mannes, der beauftragt war, sich zu verleugnen… Der Knecht küsst den Herrn, der Herr sagt zum Diener: Mein Freund.“ (W. Jens, zit. nach U. Luz, aaO.  S. 158) Selbst wenn es weit hergeholt wirkt, es ist mir ein Hinweis auf die so doppelgesichtige Rolle, die Judas in diesem Drama spielt. Er ist verantwortlich für sein Tun und doch zugleich Werkzeug des Geschehens, Werkzeug der Regie Gottes.

50 Jesus a#ber sprach zu ihm: Mein Freund, dazu bist du gekommen? Da traten sie heran und legten Hand an Jesus und ergriffen ihn.

Selbst dem Verräter gegenüber bricht bei Jesus kein Zorn auf.  Während für den Kuss das griechische Hauptwort für „Freund, Freundschaft, freunden“ gebraucht wird – φιλειν, folgt hier aus dem Mund Jesu mit  der Anrede ταρε, Genosse, Gefährte, doch ein deutlich distanzierteres Wort. Aber immerhin – die Erinnerung an Weggemeinschaft und gemeinsame Erfahrungen, Lachen, Weinen, Essen, Trinken, Reden, Schlafen. Mag sich Judas von ihm distanzieren – Jesus streicht ihn nicht aus seiner Geschichte, kündigt ihm nicht die Freundschaft. Man könnte auch so lesen: Wozu du gekommen bist, das mag jetzt geschehen. Und es geschieht. Jesus wird dingfest gemacht.

51 Und siehe, einer von denen, die bei Jesus waren, streckte die Hand aus und zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab.

Die Jünger sind nicht der ganz und gar eingeschüchterte Haufen. Einer greift zur Waffe, um sich zu widersetzen, um Jesus herauszuhauen. Wer dieser Eine ist, findet der Evangelisten nicht so interessant, dass er seinen Namen weitergeben müsste. Einer  reicht um zu zeigen: Es waren nicht nur leere Worte, gesagt im Gefühlsüberschwang: „Wenn ich mit dir sterben müsste, will ich dich nicht verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle Jünger.“ (26,35) Hier schwingt einer das Schwert. Und trifft immerhin ein Ohr.

52 Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. 53 Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte? 54 Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, dass es so geschehen muss? 55 Zu der Stunde sprach Jesus zu der Schar: Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. Habe ich doch täglich im Tempel gesessen und gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. 56 Aber das ist alles geschehen, damit erfüllt würden die Schriften der Propheten.

Bevor es zu weiteren Tumulten, Schlägereien und Schwertkämpfen kommt, greift Jesus ein. Ergreift er, an den sie doch schon Hand angelegt hatten, das Wort. Es ist seine einzige Waffe. Er fällt dem Jünger in den Arm. Stecke dein Schwert an seinen Ort! Keine Gewalt. Und es folgt ein Satz wie aus dem Lehrbuch – und er ist ja auch zum Lehrbuch-Satz geworden. Für Pazifisten. Für alle, die Gewalt verabscheuen: Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Die Spirale der Gewalt erzeugt nur neue Opfer. Sie schafft niemals Frieden. Sie ist – immer! – eine Sackgasse.

Merkwürdig: Jesus richtet seine Rede nicht an die hochgerüstete Schar seiner Häscher, sondern nur an seine Leute. Seine Jünger. Und erinnert sie: Wenn es um Macht ginge, um den Einsatz von Truppen: Ganze Heerscharen von Engeln, zwölf Legionen, würden auf mein Bitten und das Geheiß des Vaters eingreifen. Unwiderstehlich. Aber das ist nicht der Plan. Das ist nicht, was die Schrift erfüllt. Eine einzelne Schriftstelle ist hier nicht im Blick, aber der Verweis auf Jesaja 53 legt sich dennoch nahe.

Erst nach diesen Worten an die Jünger wendet sich Jesus an seine Häscher. Und macht das lächerlich Absurde der Situation sichtbar: Was für ein Aufgebot, um einen friedlichen Menschen zu ergreifen. Wie um einen Räuber zu verhaften. Dabei hätte man ihn doch Tag um Tag im Tempel treffen  und „einbestellen“ können, meinetwegen auch ergreifen. Sie aber scheuen das Licht, den Tag, wohl auch, weil sie ahnen, dass sie „im Licht gesehen“ mit ihrer Aktion nicht  bestehen können.

Aber: Es muss so sein – mit dieser nächtlichen Aktion. „Mit der gleichen Formel spricht Offenbarung 1,1 vom Endgeschehen, das nach Gottes willen ablaufen muss. So rückt Jesu Leiden in die Reihe jener Ereignisse, die nach Gottes Plan und Willen geschehen müssen, damit sein Reich der Vollendung kommen kann.“ (E. Schweizer , aaO.  S.324) Hinter allen steht der Weg Gottes.

Da verließen ihn alle Jünger und flohen.

Es wundert mich nicht, dass die Jünger fliehen. Alle. Jetzt erst, nachdem Jesus ihnen ihre Möglichkeiten, für ihn zu kämpfen und zu sterben, mit seinen Worten aus der Hand genommen hat. Sie können ja nichts mehr für ihn tun. Nur noch fliehen. Wer will denn das verstehen, was da geschieht, dass einer, der die Macht hat, sich zu befreien, auf diese Macht verzichtet, der sich mit einem Wort Hilfe holen könnte, keine Hilfe will. Alles nur, um einen Plan zu erfüllen. Den Plan eines Gottes im Himmel, der schweigt. Ich glaube, ich wäre auch geflohen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben

Kann es sein, dass wir als Christen zu lernen haben: diese Worte Jesu über das Schwert und den Verzicht auf möglichen irdischen und himmlischen Truppen-Einsatz sind keine Allerweltsworte, nicht gerichtet an die Anderen, sondern immer nur an Jesu Leute, an die, die sich Christen nennen. Auch wenn sie sie, angesichts der Gewalt, die in der Welt herrscht, schutzlos, waffenlos machen? Kann es sein, dass es der Ruf in die Spur Jesu ist, der Christ*innen zum Verzicht auf Gewalt fordert und nicht eine vernünftige Friedensethik. Vernünftig in den Augen der Welt ist ja bis zu diesem Tag heute die Parole der Römer: si vis pacem para bellum.Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor.“ Mich beschäftigt diese Frage sehr. Erst recht in unseren Zeiten.

Auch das gilt es zu bedenken: Wir sind nicht Jesus. Man muss sich hüten, aus jedem einzelnen Lebensschritt Jesu eine Handlungsanweisung für das eigene Leben zu machen. Das ist die Gefahr einer ausschließlichen Vorbild-Christologie. Wir stehen nicht an Krankenbetten und sagen: Steh auf! wir stehen nicht vor verwirrten Menschen und sagen: Weiche, du böser Geist! Wir stehen nicht an Gräbern und rufen: Komm heraus! Es ist ein Unterschied zwischen seinen Weg und unseren Wegen. Sein Weg ist der Weg zur Erlösung der Welt. Unser Weg ist der Weg derer, die durch ihn freien Zugang zum Vater haben. Ob ich auf diesem Weg innerlich und äußerlich abrüsten kann? Ich weiß es nicht. Ich sehe auf Jesus und hoffe, dass aus diesem Sehen Vertrauen wächst für meine Wege.

Jesus, als wir Dich verteidigen wollten haben wir zugeschlagen, nicht mit den Fäusten – dazu sind wir zu friedfertig; nicht mit einem Schwert  – sind wir doch für gewaltfreies Leben.

Zugeschlagen haben wir mit Worten, mit Argumenten, mit unserer Kompetenz.. Sie haben gesessen, diese Schläge. Wir sind schlagfertige Leute mit schlagkräftigen Argumenten. Aber dann wundern wir uns, dass es um uns so viele verletzte Menschen gibt, die auf Distanz halten und auf Distanz bleiben

Hätten wir mit unseren Worten behutsamer umgehen sollen? Hätten wir darauf verzichten sollen, Dich zu verteidigen? Wolltest Du das gar nicht, dass wir Dich verteidigen?

Oder haben wir in Wahrheit gar nicht Dich verteidigt sondern uns? Unser Ansehen, unsere Überzeugungen, unsere Frömmigkeit?

Jesus, Du gehst deinen Weg und lässt Dich auf diesem Weg verletzten. Du willst heilen, die von Deinen Leuten verletzt worden sind. Du willst zurechtbringen, die sich  so oft verrannt haben in Schlagfertigkeit und Rechthaberei

Lass uns Deine Schutzlosigkeit auf dem Weg der Passion sehen. Lass uns Dein Vertrauen auf dem Weg der Passion sehen. Lass uns leben lernen in Deiner Schutzlosigkeit und Deinem Vertrauen. Geborgen in Dir. Amen