Ist Vorsicht geboten?

Matthäus 26, 31- 35

31 Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr alle Ärgernis nehmen an mir. Denn es steht geschrieben (Sacharja 13,7): »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.« 32 Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.

Am Ende von Veranstaltungen gibt es das oft: Worte auf den Weg. Noch eun gutes Wort zum Abschluss. ein Mut-mach-Wort. Versprechen, dass Gott da ist, mit auf dem Weg. Das ist eine schöne Übung.

Worte auf dem Weg. Eigene Worte und geliehene Worte. Jesus kennt seine Jünger, ist er doch lange genug mit ihnen unterwegs. Er weiß auch, was als Geschehen auf ihn zukommt. Deshalb sind seine Worte „Seelsorge“, Vorbereitung darauf, dass sie überfordert sein werden. Es ist eine harte, konfrontierende Seelsorge, keine sanfte Streicheleinheit. Aber manchmal ist genau das Seelsorge, dass jemand mit der zukünftigen Realität seines Lebens und Handelns konfrontierte wird.

In dieser Nacht werdet ihr alle Ärgernis nehmen an mir. Σκανδαλισθήσεσθε steht da im Griechischen, ein Wort, von dem sich „Skandal“ im Deutschen ableitet. Ich werde für euch zum Skandal werden, zum Anstoß, zum Fall. So könnte man auch sagen. „Luthers Übersetzung „werdet ir euch alle ergern an mir“ ist viel zu schwach.“ (U. Luz, aaO.  S. 125) Die Jünger werden an Jesus scheitern, weil sie ihn nicht verstehen, seinen Weg nicht annehmen können – trotz aller Leidensansagen zuvor und trotz aller Erfahrungen auf dem Weg.

Es folgt ein Schrift-Zitat – schwer vorstellbar im Mund eines Menschen, der seinem Ende entgegen geht. Man versteht wohl richtig: Das Zitat deutet aus der Sicht des Evangelisten das Geschehen als ein Handeln Gottes. Deshalb ist auch das Zerstreuen der Herde Teil dieses Handelns. In allem Tun der Menschen in dieser Nacht steht doch alles Geschehen unter der Regie Gottes.

Auch daran erinnert das Zitat und hat deshalb zu Recht seinen Platz im Mund Jesu: Er ist hier und in der ganzen kommenden Passion nicht willenloses Opfer. Es ist sein Weg: „Jesus geht bewusst in das Geschick, das Gott über ihn bringen wird. Er ist nicht geschlagenes Opfer, sondern Wissender, der sein Leiden bewusst bejaht und auf sich nimmt.“ (U. Luz, aaO.   S. 127f.)              

               Man wird schon fragen dürfen: Ob die Jünger den Satz über die Auferstehung und den Weg nach der Auferstehung überhaupt hören, geschweige denn in seiner Tragweite verstehen  konnten? Ob sie im Dunkel dieser Nacht überhaupt noch eine Perspektive sehen und glauben können?

33 Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Wenn sie auch alle Ärgernis nehmen, so will ich doch niemals Ärgernis nehmen an dir.

Petrus behauptet seine bleibende Perspektive: `Ich bin treu. Ich halte an dir fest – auch wenn ich womöglich der Einzige sein werde.‘  Oder anders gesagt: Für mich kannst du, Jesus, nie zum Anstoß werden, zum Skandal. Es ist vielleicht „Selbstsicherheit“(E. Schweizer , aaO.  S. 322), die Petrus so reden lässt. Aber die Selbstsicherheit des Petrus ist nicht aus der Luft gegriffen! Petrus hat doch das eine Wort – Jesu Wort! -, das ihn aus allen hervorhebt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“(16,18) Es ist seine Atwort auf die Worte Jesu: Er sieht sich zur Bewährung herausgefordert und traut sich zu, sie zu bestehen.

Ich sehe in diesem Wort keine Überheblichkeit. Auch kein „sich vor allen anderen erheben.“ (J. Schniewind, aaO.  S. 259) Ich sehe nur die Worte und den Willen eines Menschen, der seiner Liebe Großes zutraut, der es sich nicht vorstellen kann, dass ihm etwas lieber werden kann auf Erden als sein Herr Jesus. Kein Abwägen, kein Analysieren, nur die Liebe hat hier das Wort.

 34 Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

            Die Reaktion Jesu ist hart. Dem unbestimmten und irgendwie vagen „niemals“ des Petrus setzt Jesus das konkrete in dieser Nacht entgegen. Dem nie das dreimal. Dreimal ist kein bloßer Ausrutscher mehr, sondern einen endgültige Absage. παρνέομαι – „gänzlich leugnen, abschlagen, verweigern.“(Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Hand-Wörterbuch,  München/Wien 1957, S. 90) Da ist nichts zwischen ihm und mir.

Es steht mit dieser Absage viel mehr als nur irdische Treue auf dem Spiel: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ (10,33) Die Zukunft vor dem Vater, die Fürsprache vor dem Vater. Petrus ist in dieser Nacht in Gefahr, sein Heil zu verleugnen. Nicht nur seinen Meister.

 35 Petrus sprach zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste, will ich dich nicht verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle Jünger.

            Auch das muss man mit in den Blick nehmen: Die da so vehement den Worten Jesu widersprechen, die Treue schwören, Petrus und alle anderen Jünger, die haben doch von Jesus gehört und gelernt: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“(16,24-25) Sie ahnen: Jetzt wird das Gelernte auf die Probe gestellt, ob wir es nur gehört haben oder ob es unser Leben leitet.  Das mag erklären, warum Petrus „uneinsichtig“ ist. Warum er sich nichts sagen lässt. Warum er auf der Treue beharrt und wenn sie ihn das Leben kosten würde.

Ich überlege: Es muss doch in der Seele unendlich weh tun, diese so nüchternen Worte zu hören: `Ihr werdet alle auf Abstand gehen. Ihr werdet euch alle in Sicherheit bringen. Ihr werdet mir all die die Treue aufkündigen.‘ Kann das einer, der über Jahre hin mit Jesus durchs Land gezogen ist, der ihm nachgefolgt ist, der darin sein Leben gefunden hat, hören, ohne zu widersprechen? Ohne, wie Petrus zu sagen: „Aber ich nicht!“ Es ist ziemlich leicht, hier „Selbstüberschätzung“ (s.o.) zu diagnostizieren. Aber die Liebe muss manchmal den Mund zu voll nehmen. Es geht doch gar nicht anders, als dass man die Kraft der Liebe auch überschätzt im Versuch, an der Liebe festzuhalten.

Mir gefällt das Urteil über die Evangelisten: „Wenn sie nicht wahrheitsliebend gewesen wären, hätten sie nicht aufgeschrieben, dass Petrus verleugnete und dass die Jünger zu Fall kamen“, sagt Origines zu Recht.“(J. Schniewind, aaO.  S. 259) Es unterscheidet das Evangelium von späteren Heiligen-Geschichten, dass es die Schwäche der Menschen, hier des engsten Jüngerkreises Jesu, nicht überspringt, sondern sie mit ins Bild nimmt. Mehr noch, dass es Evangelium gerade um  dieser Schwäche willen ist. „Auch die LeserInnen werden durch das Versagen ihrer Identifikationsfiguren, der Jünger, destabilisiert.“ (U. Luz, aaO.  S. 126) Offensichtlich ist es die große Gefahr, dass Jünger und Jüngerinnen sich selbst Stabilität zu-messen, wo Glaube gefragt ist, das Vertrauen, das sich in aller Schwäche in Gottes Hand birgt.

Was mich beschäftigt:

             Eine persönliche Beobachtung: Ich bin im Lauf der Jahre sehr skeptisch geworden im Blick auf meinen eigenen Glauben. Nicht, dass ich die Sätze des Glaubens nicht mehr sagen und unterstreichen würde. Im Gespräch mit Atheisten und Agnostikern würde ich sie alle begründen und verteidigen. „Gott ist Hilfe und Zuflucht. Gottes Erbarmen gibt Halt. In Christus weiß ich mich für Zeit und Ewigkeit geliebt.“ Das alles steht für mich außer Zweifel. Und doch ist da die Skepsis: Ob ich auch im harten Gegenwind standhaft bleiben würde? Wenn es auf einmal lebensbedrohlich würde, wenn es mich die Freiheit kosten könnte, meine bürgerliche Existenz und Unversehrtheit auf dem Spiel stünde.

In jungen Jahren hätte ich bedenkenlos eingestimmt: „Lass fahren dahin Das Feld muss uns doch bleiben.“(M. Luther, 1529 EG 362) Jetzt, im Alter, weiß ich nicht. Vielleicht habe ich inzwischen zu viel zu verlieren. Ob der alt gewordene Petrus über die Sätze seiner Jugend nicht den Kopf geschüttelt hat, ist nicht überliefert. Ich ahne immer mehr: um standfest zu bleiben, um nicht wegzulaufen, braucht es die Kraft von außen, von oben. Den Geist, der auch in den Ängsten und durch die Ängste führt. Ohne den Geist bleibe ich stumm und in Furcht gefangen.

 Jenseits der Kirchengrenzen vor Jahren eine Pressekonferenz. Teresa Enke, die Frau des Torhüters Robert Enke, der sich das Leben genommen hatte – sagte einen bitter schweren  Satz: „Wir dachten, wir schaffen alles. Wir dachten, mit Liebe geht das.“ Aber die menschliche Liebe schafft nicht alles. Sie scheitert auch. Was aber wäre das für eine Liebe, die das Scheitern sozusagen einkalkuliert: Wir versuchen einmal, wie weit wir kommen. Nein, die Liebe wird immer aufs Ganze gehen – auch die Liebe zu Gott.

Jesus, ich bin vorsichtig geworden mit großen Bekenntnissen, Treueschwüren, dem Vertrauen auf meine eigene Tapferkeit. Ich bin vorsichtig geworden, weil ich meine Wankelmütigkeit kenne, die Angst um mich selbst, mir nicht mehr traue, wenn es um Festigkeit geht,  um unbeirrtes Einstehen für meinen Glauben.

Darum bitte ich Dich: Höre Du nicht auf, auf mich zu achten, mich zu bewahren, mein Vertrauen zu stärken in Dich, aber auch in Menschen um mich herum, auch wenn es noch so klein ist. Amen