Ein gutes Werk

Matthäus 26, 1- 16

1 Und es begab sich, als Jesus alle diese Reden vollendet hatte, dass er zu seinen Jüngern sprach: 2 Ihr wisst, dass in zwei Tagen Passa ist; und der Menschensohn wird überantwortet werden, dass er gekreuzigt werde.

            Vorausgegangen sind gleich mehrere Gleichnisse und die „Endzeit-Reden“ Jesu. Der Horizont des Leben und der Welt ist so in den Blick genommen. Aber jetzt ist alles gesagt, was zu sagen war – Jesus hat alle diese Reden vollendet. τλεσεν. Man könnte auch sagen: er ist mit seinem Lehren ans Ziel, ans Ende gekommen.  Darum folgt jetzt sein Blickwechsel. Jetzt nimmt Jesus den Nah-Horizont des eigenen Lebens in den Blick. In zwei Tagen ist Passa – die Erinnerung an Verschonung und Aufbruch, an den Weg in die Freiheit.  Das Fest, das Israel daran erinnert, was seine Identität ausmacht: Befreiung durch Gottes Handeln.

Jesus aber sieht, was an diesem Fest mit ihm geschehen wird: Statt Freiheit Auslieferung, statt Leben das Kreuz. Der Horizont seines Lebens wird ganz eng werden. Überantwortet wird er werden, übergeben. Eine Passiv-Formulierung, weil Jesus diesen Weg nicht selbstbestimmt gehen wird. Er gerät in die Hände von Menschen – und es ist zugleich der Weg, den Gott mit ihm geht. Die Kreuzigung Jesu ist nicht Gottes Verkehrsunfall mit der Welt.

Das wird durch die Wortwahl und das Passiv angedeutet: Dieser Weg, der steinig werden wird und schwer, ist dennoch Gottes Weg. In diesem Geschehen ist kein Raum für den Gedanken, dass sich die Macht des Bösen an Jesus austoben könnte. Er wird überantwortet werden –  παραδδοται – ist ein Wort, das im Evangelium mit allerhöchster Bedeutung gefüllt ist. Es ist Gott, der ihn so dahingibt. Für das Leben der Welt. Darauf bereitet Jesus seine Jünger vor.

3 Da versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der hieß Kaiphas, 4 und hielten Rat, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten. 5 Sie sprachen aber: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr gebe im Volk.

Szenenwechsel, wie ein Bildumschnitt im Film. Während Jesus seine Jünger vorbereitet, werden gleichzeitig andernorts, im Palast des Hohenpriesters Pläne geschmiedet, Vorbereitungen getroffen. Keine offene, sondern eine verdeckte Aktion soll der Zugriff auf Jesus werden. Ohne großes Aufsehen. δλος -„Trug, verheimlichte Absicht, Ränke.“(Gemoll, Grisech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 224) Dahinter steckt mehr als nur die Sorge vor Aufregung. Es ist auch das Wissen, dass ihr Planen das Licht der Wahrheit scheuen muss.  Sie schmieden Mordpläne. Es scheint, als fürchteten Hohenpriester und Älteste die Sympathiewerte Jesu beim Volk. Dazu kommt, dass sie nicht wollen, dass ein Schatten auf das Fest fällt. Als spürten sie den Widerspruch zwischen der Feier des Festes der Verschonung und dem Mordplan, der kein Verschonen kennt. Diese Szene im Haus des Hohenpriesters liegt irgendwie, auch erzählerisch, im Halbschatten.

6 Als nun Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen,

Und wieder Szenenwechsel, jetzt ins helle, volle Licht. Jesus ist in Betanien, im Haus eines Simon, des Aussätzigen. Das muss ja wohl bedeuten: Der Hausbesitzer war einmal ein Aussätziger, ist jetzt aber geheilt, vielleicht sogar von Jesus geheilt. Jedenfalls ist er wieder in seiner  sozialen Stellung zurück. Aber, wie so häufig, schweigt sich der biblische Text aus über Begründungen, warum Jesus dort zu Gast ist. Es ist ein bisschen spekulativ, dass Simon „sich das Vorrecht der Aufnahme Jesu im Namen aller übrigen auserbeten hatte. Nicht ein jeder konnte Jesus aufnehmen, aber jeder wollte nach Kräften zu der Huldigung, die ihm dargebracht wurde, beitragen.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Matthäus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S. 337)

7 trat zu ihm eine Frau, die hatte ein Glas mit kostbarem Salböl und goss es auf sein Haupt, als er zu Tisch saß.

            Zu dem Gast Jesus tritt eine Frau, deren Namen ungenannt bleibt und übergießt ihn mit Salböl. Kostbar hält der Evangelist ausdrücklich fest. Hoch-wertig könnte man auch sagen. Nichts Billiges. Keine Allerwelts-Salbe. Dass sie es ausgießt, geleitet wie durch einen großen Gefühlsüberschwang, nicht vorsichtig portioniert, nicht behutsam verteilt, unterstreicht den Augenschein einer maßlosen Handlung. Sie überschüttet – κατχεεν  ihn regelrecht mit dieser Kostbarkeit. Merkwürdig und auffallend: Der Text schweigt völlig über mögliche Motive und Emotionen der Frau. Wir tun wohl gut daran, sie nicht aus parallelen Überlieferungen der anderen Evangelien hier hinein zu lesen.

 8 Als das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Vergeudung? 9 Es hätte teuer verkauft und das Geld den Armen gegeben werden können.

            Genau darauf reagieren die Jünger: „Das ist eine Verschwendung, die sich nicht gehört.“(U. Luz, Das Evangelium nach Matthäus (26 – 28) EKK 1/4, Zürich 2002, S.59) In der Parallelüberlieferung (Markus 14,5) steht der Hinweis, dass die Salbe 300 Denare wert war, Jahresverdienst eines Arbeiters. Das macht die Aufregung der Jünger noch verständlicher.

Sie verstehen nicht. Sie, die doch alles verlassen haben, um Jesus nachzufolgen (19,27)  haben kein Verständnis für die Hingabe dieser Frau. Weil es eine Frau ist? Weil sie die Konkurrenz der Hingabe spüren? Eifersucht von Männern auf Frauen? Das jedenfalls kennzeichnet bei Matthäus, jetzt schon ein gedanklicher Vorgriff auf später folgende Texte, die Frauen: „Sie bleiben bei Jesus, gerade in seinem Leiden. Sie handeln auf die Person Jesu bezogen, der für sie über allen steht und den sie auch in seinem Tod nicht verlassen.“ (U. Luz, aaO.  S. 59) 

Es klingt ein wenig an den Haaren herbei gezogen: Wie viel Gutes hätte man mit diesem Geld tun können. Es finden sich leicht Vorschläge für Wohltaten an Armen, Flüchtlingen, Abgehängten und Gescheiterten, solange sie aus dem Geldbeutel anderer bezahlt werden sollen.

10 Als Jesus das merkte, sprach er zu ihnen: Was betrübt ihr die Frau? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 11 Denn Arme habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.

            Das Gemurmel, die Gedanken, die Gespräche seiner Jünger untereinander bleiben Jesus nicht verborgen. Er bemerkt sie, nimmt sie zur Kenntnis und reagiert. Zunächst einmal darin, dass er die Frau in Schutz nimmt. „Warum macht ihr jetzt diese Frau fertig?“ – so würden wir heute vielleicht sagen (Volxbibel; S. 996). Darf sie nicht tun, was sie will? Mir fällt die Parallele auf zu einem Gleichniswort Jesu – da fragt der Hausvater, unverkennbar mit Gott in eins gesetzt: „Darf ich denn mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder   bist du neidisch, weil ich so gütig bin?“(20, 15-16; Neue Genfer Übersetzung) Darf also diese Frau nicht an Jesus verschwenden, was ihr gehört?  

            Das, was die Frau getan hat, ist ein gutes Werk. ργον καλν. Getan an Jesus. Man kann also gute Werke tun. Die Angst der Evangelischen vor den guten Werken ist ein wenig unbegründet. Sie sollte sich beschränken auf das Verrechnungswesen, nicht aber auf das Tun ausgeweitet werden. Es gibt keine Entschuldigung für unterlassene Gut-Taten. Schon gar nicht die Entschuldigung, dass sie unterlassen worden wären, weil man nicht durch gute Werke Pluspunkte sammeln wollte. Im Himmel oder sonst wo.   

Und dann: Niemand hindert euch Gutes zu tun. Die Welt ist voller Armut. Nur zu. Ein Satz, der als Merksatz allen gesagt ist, die vermeintliche Verschwendung von Kirchenmitteln anklagen. Gesagt, aufgeschrieben  in einer Zeit, in der es keine reiche Kirche gab, sondern nur arme Gemeinden, ohne Kirchensteueraufkommen, ohne Ersatz-Leistungen des Staates. Und doch eine Herausforderung Die Chancen, mit dem eigenen Geld Gutes zu tun, sind reichlich vorhanden. Ihr müsst sie nur nützen.

12 Dass sie das Öl auf meinen Leib gegossen hat, das hat sie für mein Begräbnis getan. 13 Wahrlich, ich sage euch: Wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Danach erst deutet Jesus das Tun der Frau. „Er ist es also, der die Tat der Frau interpretiert; was sie selbst dachte und meinte, interessiert den Erzähler nicht.“ (U. Luz, aaO.   S.61) Begräbnis-Vorbereitung hat sie getrieben. Sie hat getan, was später, am Ostertag (Markus 16,2) beabsichtigt sein wird, aber ausfallen muss. Mangels Leiche.

Es ist in sich bemerkenswert. Die schweigende Tat der Frau löst eine Menge Männergespräche aus. Es sind vorzugsweise Männer, die ihr Tun deuten: Königskrönung, Messias-Salbung, Verschwendung, verfehlte Liebe. Sie selbst sagt nichts. Sie hat getan, was ihr Herz – so deute ich – sie geheißen hat. Ob das irgendwelchen Ansprüchen genügt oder sie bestätigt, interessiert sie anscheinend nicht. Das Tun genügt.

Und – feierlich durch ἀμὴν. – unser Deutsches „Amen“, wahrlich,  so soll und wird es sein, – bekräftigt Jesus: Das was sie getan hat, wird unvergessen bleiben. Im Himmel bewahrt und in der Welt gepredigt. Die Taten der Liebe bleiben bewahrt im Gedächtnis Gottes. Die Tat der Frau ist ein Teil des Evangeliums.

14 Da ging einer von den Zwölfen, mit Namen Judas Iskariot, hin zu den Hohenpriestern 15 und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. 16 Und von da an suchte er eine Gelegenheit, dass er ihn verriete.

Wieder wird der Blick auf eine Szene im Halbdunkel geführt. Es mutet fast wie eine Antwort an: Da ging einer von den Zwölfen hin. Τότε kann auch übersetzt werden mit da erst. (Gemoll, aaO.  S. 745) Dann wäre mit dieser Salbung für Judas das Maß voll gewesen! Wieder geht es ums Geld. Diesmal nicht um 300 Denare, sondern „nur“ um dreißig. Um Verräterlohn. Der Hass, so lese ich, ist weniger bereit zu geben als die Liebe.

Es ist Judas, der diesen Handel eingeht. Es sind die Hohenpriester, die ihn abschließen. Der Jünger und die geistlichen Autoritäten.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Das gute Werk der Frau – ἔργον καλὸν – wozu ist es gut?  Vielleicht aber führt uns das gut der deutschen Übersetzung auf eine falsche Fährte. Es geht nicht um Qualität im Sinn von Nützlichkeit. Es geht um die  andere Güte ihres Tuns. Sie hat etwas Schönes getan, etwas Angenehmes. Das steckt auch im griechischen καλὸν mit drin. Sie hat – so könnte ich auch denken – schlicht Jesus eine Freude machen wollen. Von Mutter Theresa von Kalkutta gibt es die Anweisung an ihre Schwestern: „lasst uns etwas Schönes für Jesus tun“ – und dann sammelten sie Sterbende auf für ihre letzten Stunden, wuschen sie und hielten es bei ihnen aus. Wem hat das genützt? Jedenfalls hat es nicht die Welt verändert. Aber es hat Menschen in ihren letzten Stunden ihre Würde zurück gegeben.

Wem nützt die Matthäus-Passion? Wem nützen die Gemälde in unseren Kirchen. Wem nützen schöne Gottesdienste? Es ist eine müßige Frage, ob sie ein Beitrag dazu sind, das Bewusstsein zu schärfen, Menschen zu aktivieren, sie in Gang zu setzen, damit sie ihr Teil dazu beitragen, die tausend Probleme der Welt anzugehen  Gottesdienste sind – hoffentlich – einfach nur schön und darin sind sie gut – etwas Schönes für Gott. Und eine Wohltat und ein Trost für Menschen, für ihren Weg in die Zukunft.

 

Herr Jesus Christus, das fällt uns schwer, uns loszulassen, uns hinzugeben, uns zu verschenken. Dir unseren Verstand, unsere Phantasie, unser Geld, unsere Kraft, unsere Zeit zur Verfügung zu stellen – das macht Sinn. Damit können wir umgehen. Das entspricht unserer Zeit.

Aber wichtiger als das alles ist Dir unsere Liebe. Lass uns Deine Liebe erkennen, damit wir von ihr entzündet, uns Dir hingeben, uns schenken mit unserer Liebe. Amen

Ein Gedanke zu „Ein gutes Werk“

  1. Herzlichen Dank für die gründlichen Kommentare zum Samuelbuch. Vieles sehe ich jetzt besser. Auch danke für Ihr liebevolles Verständnis für Saul.

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