Ein Heldenlied – eine Totenklage

  1. Samuel 1, 17 – 27

 17 Und David sang dieses Klagelied über Saul und Jonatan, seinen Sohn, 18 und befahl, man sollte die Judäer das Bogenlied lehren. Siehe, es steht geschrieben im Buch des Redlichen:

             David, der Psalmen-Sänger, der Musik-Therapeut Sauls, singt. Ein Klagelied über Saul und Jonatan, seinen Sohn. Dass er dieses Lied nicht nur einmal singt, sondern es eingefügt wird in eine regelrechte Lieder-Sammlung – so lese ich es steht geschrieben im Buch des Redlichen – deutet darauf hin, wie wichtig ihm, David, und nachfolgenden Generationen dieses Lied ist. Genau wie die Anordnung, es die Judäer zu lehren. Eine Anordnung, die im Grunde erst in die spätere Zeit passt, als David König ist. Der Mann in Ziklag kann ja diese Anordnung schlechterdings nicht getroffen haben. Solche Anachronismen passieren manchmal.

 19 Die Edelsten in Israel sind auf deinen Höhen erschlagen.                             Wie sind die Helden gefallen!                                                                                        20 Sagt’s nicht an in Gat,                                                                                                verkündet’s nicht auf den Gassen in Aschkelon,                                                       dass sich nicht freuen die Töchter der Philister,                                                   dass nicht frohlocken die Töchter der Unbeschnittenen.  

Nihil nisi bene de mortuis. Nicht außer Gutem über die Toten. So haben es die Römer gelehrt, so haben wir als Latein-Schüler gelernt. So fängt David sein Lied an. Die Edelsten in Israel sind auf deinen Höhen erschlagen. Es sind nicht irgendwelche Männer – es gab keine Besseren im ganzen Land. Die Edelsten singt David von allen, die in der Schlacht gegen die Philister auf den Höhen des Gebirges Gilboa gefallen sind, also auch von dem Mann, der ihm nach den Leben getrachtet hat. Unermesslich für Israel ist der Verlust. „David klagt, dass Israel durch diese Niederlage alles verloren hat, was seinen Stolz ausmachte.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 33)

             Mich erinnert das an die Klage, die ich als Junge in den 50-er Jahren nicht nur einmal gehört habe. In dem großen Krieg seien nur die Besten gefallen. Und die, die dem Tod entronnen seien, die heimgekehrt seien aus dem großen Sterben seien eben nicht würdig gewesen, den Heldentod zu sterben. Mich hat das immer seltsam berührt. Aber ich mag ja auch nicht die Verherrlichung von Männertreue bis in den Tod, wie im Lied: „Ich hatt´ einen Kameraden.“ 

Das wieder ist nachvollziehbar: Der Blick wendet sich, weg von Israel hin zu den Hauptstädten der Feinde – Gat und Aschkelon. Dort wird Freude herrschen über den Sieg. Freude auch über den Tod der Helden.  Am besten wäre, sie wüssten nichts von diesem Tod und diesen Toten. Sagt’s nicht an in Gat, – „offensichtlich war es eine sprichwörtliche Redewendung in Israel.“(K. vom Orde, aaO. S. 34)Das geht sie nichts an. Und: Niemand dort soll sich im Spott über Israel ergehen dürfen. Im Hintergrund mag der Bericht über die Schändung der Leichname durch ihre Pfählung auf der Mauer von Beth-Schean (1. Samuel 31,10) mitschwingen.  Und die Verachtung für diese Unbeschnittenen, denen das Bundeszeichen Gottes fehlt.

21 Ihr Berge von Gilboa, es soll weder tauen noch regnen auf euch,                  ihr trügerischen Gefilde;                                                                                             denn daselbst wurde der Helden Schild entweiht,                                                 der Schild Sauls, als wäre er nicht gesalbt mit Öl.                                                  22 Der Bogen Jonatans hat nie gefehlt,                                                                     und das Schwert Sauls ist nie leer zurückgekommen                                             von dem Blut der Erschlagenen und vom Mark der Helden.

             Es ist eine Metapher, die oft auftaucht: die Natur, die Schöpfung ist mitbetroffen vom Schicksal, das die Leute Gottes trifft. So denken Leute auch noch heute: wie kann das Leben weitergehen, wenn der oder die gegangen ist.   

 Why does my heart go on beating?
Why do these eyes of mine cry?
Don’t they know it’s the end of the world?
It ended when you said goodbye                  S. Davis, The End of the World, 1963

             Erst recht gilt das doch, wenn es Helden tödlich getroffen hat, wenn sie, entgegen ihrer Würde, entwürdigt, entweiht worden sind. Die Anspielung auf die Schändung der Leiche ist unübersehbar. Was für eine Spannung: im Kampf unbesiegbar – und jetzt dennoch tot. Mit dieser bitteren Feststellung „beginnt die Ehrbezeugung der beiden edelsten Krieger des geschlagenen israelitischen Heeres.“ (K. vom Orde, aaO: S. 35)

    Es ist keine billige Kritik, aber es gehört zur nüchternen Wahrnehmung der Realität, wie sie dem Herrn Jesus zugeschrieben wird: „Wer das Schwert nimmt, der wird durch das Schwert umkommen.“(Matthäus 26,53)Gültig für die Krieger aller Zeiten

 23 Saul und Jonatan, geliebt und einander zugetan,                                            im Leben und im Tod nicht geschieden;                                                                schneller waren sie als die Adler und stärker als die Löwen.                              24 Ihr Töchter Israel, weint über Saul,                                                                   der euch kleidete mit kostbarem Purpur                                                                     und euch schmückte mit goldenen Kleinoden an euren Kleidern.  

„Angesichts des Todes gerät der Rückblick aufs Leben oft idyllisch.“(W. Dietrich/ Th. Naumann, Die Samuelbücher, Darmstadt 1995, S. 113) Was für manche Leichenreden heute gilt, muss nicht damals schon gelten. Aber es bleibt zu fragen: Wer den Konflikt um David zwischen Saul und seinem Sohn Jonatan vor Augen hat, die bitteren Vorwürfe des Vaters an den Sohn, verwundert sich ein wenig: einander zugetan, im Leben und im Tod nicht geschieden. Wird hier postmortal geschönt, so wie es der Satz des Auslegers unterstellt? Oder werden die Differenzen angesichts des gemeinsamen Todes am gleichen Tag gegenstandslos?

Wir haben keine Belege dafür, dass Jonatan sich jemals vom Hof des Vaters zurückgezogen hat. Deshalb kann es zutreffen: „So eng das Verhältnis zwischen David und Jonathan war, hat diese Freundschaft nie zum Zerreißen des  Bandes zwischen Vater und Sohn geführt.(H. W. Hertzberg, aaO. S. 196) Ausdrücklich hervorgehoben wird an den beiden edlen Toten ihre Stärke im Kampf und an Saul zusätzlich seine Großzügigkeit den Töchtern Israels gegenüber.

 25 Wie sind die Helden gefallen im Streit!                                                              Jonatan ist auf deinen Höhen erschlagen!                                                                 26 Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonatan,                                                   ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt;                                                deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist.  

            Das ist der Höhepunkt der Klage – die um den Freund und Bruder Jonatan. „Die Worte sind Zeugnis dafür, wie tief ihm David verbunden war. In der Kühnheit und Zartheit ist diese Klage im alten Testament ein einzigartiges Bekenntnis zu brüderlicher Liebe und Treue.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 96) Ich weiß wirklich nicht, ob es angemessen ist, hinter diesen Worte nach einer Anspielung auf eine homosexuelle Beziehung zwischen David und Jonatan zu suchen. Das scheint mir mehr voyeuristischem Interesse als dem Wortlaut geschuldet zu sein. Der überbietende Vergleich zur Frauenliebe zielt mehr auf die Innigkeit. Der Sänger sucht nach dem Vergleich, der die unüberbietbare Schönheit dieser Freundschaft trifft.

 27 Wie sind die Helden gefallen                                                                                 und die Waffen des Krieges verloren.

             Eine Wiederholung, die den Eindruck der Klage verstärkt „Es ist ein eindrucksvolles Zeugnis echten Schmerzes über Sauls wie auch über Jonatans Ende und den Verlust, den Israel durch beider Tod erlitten hat.“ (J. Conrad, aaO. S. 96)

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Zwei Fragen stellen sich. Die Erste: Wie entgeht man der Versuchung, Heldenlieder zu singen? Wie entgehen man der Versuchung, den Tod im Kampf so zu verherrlichen, dass er geradezu zum vorbildlichen Tod wird, dass er suggeriert: Ein Mann stirbt im Kampf oder er ist kein Mann? Das ist die kritische Anfrage, die ich an so manche Inschrift stelle, die an Kriegerdenkmalen auch für Gefallene des 2. Weltkrieg angebracht ist. So lese ich: „Den Tagesbefehlen nicht, dem unbekannten Appell gehorchend, löstet das Leben ihr ein“ (Gefallenen-Ehrenmal Hörnum auf Sylt.) In meinen Augen grenzt das an Gotteslästerung!

Die andere Frage, aktuell bis heute: Wie entgeht man der Versuchung, den Tod zu schönen und auch das Leben eines/einer Verstorbenen zu schönen. In so mancher Leichenrede, die ich gehört habe, habe ich Verstorbene nicht wiedererkannt. Da war plötzlich alles gut. Hier widerständig zu sein, kostet Kraft. Aber es lohnt sich auch. Das andere ist genauso gefährlich: aus einem bitteren Weg zum Sterben einen Siegesweg zu machen. Die Leiden einfach wegzureden.

Es ist eine geradezu gespenstische Erinnerung: Der Ehemann, vom Unfall tief gezeichnet im Rollstuhl am Grab und der Redner findet nur Worte, den Weg der verstorbenen Ehefrau und des mit verunglückten Kindes ins himmlische Jerusalem zu preisen. Es gibt eine Verharmlosung der Schmerzen des Todes, die ihn zum natürlichen Lebensbestandteil erklärt und damit einfangen will oder „nur“ als Zwischenspiel und Durchgang zur Auferstehung: Die eine wie die andere Denkweise ist in meinen Augen eine Verweigerung, sich dem Schmerz, der Wut, der Ratlosigkeit und der Trauer zu stellen.

 

Heiliger Gott, hilf klagen, hilf fragen, hilf die Trauer zuzulassen und auszuhalten über den Verlust, den uns jeder Tod zumutet.

Hilf aber auch zu danken für das, was die Toten uns gegeben haben an Glück und Freude, an Lachen und Liebe.

Und hilf uns auch dazu, dass wir um Vergebung bitten lernen für alles Unrecht, das erlittene und das von uns anderen zugefügte Unrecht. Hilf Du uns zur Versöhnung, auch und gerade an den Gräbern. Amen