Der Tod des Gesalbten Gottes

  1. Samuel 31, 1 – 13

 1 Die Philister aber kämpften gegen Israel, und die Männer Israels flohen vor den Philistern und blieben erschlagen liegen auf dem Gebirge Gilboa.

             „Die Ereignisse folgen unmittelbar jener Nacht von Endor“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, s. 188) So ist der Zusammenhang wieder hergestellt – rückwärts zu Kapitel 29. Der Aufmarsch der Philister sollte ja zur Schlacht führen. Die wird jetzt geschlagen, Es ist eine harte Feststellung: „Die Entscheidungsschlacht mit den Philistern ist für Saul von vornherein verloren.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994,  S. 93) Israels Heer wird in die Flucht geschlagen. Die Leichen liegen auf dem Fluchtweg.

 2 Und die Philister verfolgten Saul und seine Söhne und erschlugen Jonatan und Abinadab und Malkischua, die Söhne Sauls.3 Und der Kampf tobte heftig um Saul, und die Bogenschützen fanden ihn, und er wurde schwer verwundet von den Schützen. 4 Da sprach Saul zu seinem Waffenträger: Zieh dein Schwert und erstich mich damit, dass nicht diese Unbeschnittenen kommen und mich erstechen und treiben ihren Spott mit mir. Aber sein Waffenträger wollte nicht, denn er fürchtete sich sehr. Da nahm Saul das Schwert und stürzte sich hinein.

             Umso verwunderlicher; inmitten dieser Flucht scheinen Saul und seine Söhne standgehalten zu haben. Und bezahlen die verweigerte oder auch nur versäumte Flucht mit dem Leben. Für  Jonatan und Abinadab und Malkischua wird der Tod schlicht konstatiert. Der Tod Sauls dagegen wird ausführlich erzählt, nicht ohne Mitgefühl.

 Der von Bogenschützen schwer verletzte Saul will sterben. Er will nicht lebend in die Hände der Feinde fallen, die er noch unter Schmerzen als Unbeschnittenen verhöhnt, missachtet. Nur das nicht, damit sie nicht mit ihm ihren Spott treiben können. Für Leser*innen, die mit den großen biblischen Zusammenhängen vertraut sind, mag sich ein Zusammenhang zum Schicksal Simsons zeigen, Der wird, gefangen von den Philistern als tapsiger Bär vorgeführt: „Als nun ihr Herz guter Dinge war, sprachen sie: Lasst Simson holen, dass er vor uns seine Späße treibe. Da holten sie Simson aus dem Gefängnis, und er trieb seine Späße vor ihnen, und sie stellten ihn zwischen die Säulen.“(Richter 16, 25) So will Saul nicht enden. Darum soll ihn sein Waffenträger töten. Als der sich weigert, Hand an den Gesalbten Gottes zu legen, stürzt Saul sich selbst in sein Schwert. „So erspart er sich selbst und Israel eine letzte Erniedrigung.“ (J. Conrad, ebda.)

„Ein solcher Selbstmord bringt für uns negative Assoziationen mit sich.“(G. Hentschel, Saul, Leipzig 2003. S. 190) Umso wichtiger ist, genau hinzuschauen. Dann fällt auf, dass diese Tat Sauls in keiner Weise moralisch oder theologisch bewertet wird. Es ist der letzte Ausweg in einer ausweglosen Situation. Keine freie Entscheidung, kein Frei-Tod, sondern vollzogen unter dem Zwang der Umstände. Auch keine, die den Wert des Lebens als Gabe Gottes bestreitet.

  5 Als nun sein Waffenträger sah, dass Saul tot war, stürzte auch er sich in sein Schwert und starb mit ihm. 6 So starben Saul und seine drei Söhne und sein Waffenträger und alle seine Männer miteinander an diesem Tage.

             Es ist wohl eine Frage der Ehre, dass sich auch der Waffenträger Sauls den Tod gibt. es ist ein großes Sterben an diesem Tag, nach einem erbitterten Kampf. Ein Zeichen auch dafür, dass Saul keineswegs ein verachteter König war.  

 7 Als aber die Männer Israels, die jenseits der Ebene und gegen den Jordan hin wohnten, sahen, dass die Männer Israels geflohen und Saul und seine Söhne tot waren, verließen sie die Städte und flohen auch. Da kamen die Philister und wohnten darin.

             Jetzt aber, nachdem die Schlacht verloren ist, nachdem mit Saul der Machtfaktor Israels tot ist, gibt es nur noch Rückzug. Die Jesreel-Ebene wird geräumt und die Philister stoßen in diesen frei gewordenen Raum vor. Ihr „wohnen“ ist wohl eher als ein Besetzen des Gebietes zu verstehen.

 8 Am andern Tage kamen die Philister, um die Erschlagenen auszuplündern, und fanden Saul und seine drei Söhne, gefallen auf dem Gebirge Gilboa. 9 Da hieben sie ihm sein Haupt ab und nahmen ihm seine Waffen ab und sandten sie im Philisterland umher, um es zu verkünden im Hause ihrer Götzen und unter dem Volk. 10 Und sie legten seine Waffen in das Haus der Astarte, aber seinen Leichnam hängten sie auf an der Mauer von Bet-Schean.

             Erst jetzt, am Tag nach der Schlacht, können die Philister tun,  was Sieger tun. Sie plündern die Erschlagenen. Alles, was Wert verspricht, wird ihnen genommen. Bei dieser Gelegenheit finden sie auch die Leichen Sauls und der Söhne. Was mit den Leichen der Söhne geschieht, wird nicht erwähnt. Aber Saul wird „entwaffnet“, der Leichnam geköpft und der Kopf als Trophäe im Land herum gereicht. die Waffen kommen in den Tempel, das Haus  der Astarte. Der Leichnam aber wird öffentlich ausgestellt, aufgehängt an der Mauer von Bet-Schean.

            Man wird vergeblich bei den Philistern nach Zartgefühl suchen, nach einem letzten Respekt vor dem toten Feind. Es gibt damals keine Konvention, keine Übereinkunft, die so etwas verbietet. Immerhin: „Der Bericht, so sachlich er ist, atmet durchaus Missbilligung und lebhafte Empfindung für das Schändliche, was Saul hier angetan wird.(H. W. Hertzberg, aaO. S. 190)

 11 Als die Leute von Jabesch in Gilead hörten, was die Philister Saul angetan hatten, 12 machten sich alle streitbaren Männer auf und gingen die ganze Nacht hindurch und nahmen die Leichname Sauls und seiner Söhne von der Mauer zu Bet-Schean und brachten sie nach Jabesch und verbrannten sie dort. 13 Und sie nahmen ihre Gebeine und begruben sie unter dem Tamariskenbaum zu Jabesch und fasteten sieben Tage. 

Es spricht sich herum, wie die Philister mit den Leichen umgehen. Bis zu den Männern von Jabesch in Gilead. Sie hatte Saul seinerzeit vor dem Angriff der Ammoniter gerettet (1. Samuel 11).-  So fühlten sie sich dem toten König über seinen Tod hinaus zu Dank verpflichtet. alle waffenfähigen Männer gehen, eine langen Weg durch die Nacht und holen die Leichen von der Stadtmauer zu Bet-Schean. Sie verbrennen die Leichen. „Das ist für die israelitische Art, mit Toten umzugehen unüblich, um nicht zu sagen, religiös völlig unverständlich.“ ( M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 313)Aber angesichts der vorangegangenen Misshandlung der Leichen vielleicht erforderlich, um die Gebeine dann irgendwie doch noch ordentlich bestatten zu können.  Diese Beisetzung findet dann auch einen würdigen Rahmen unter dem Tamariskenbaum zu Jabesch und im siebentägigen Fasten.

„Die entschlossene und mutige Tat der Männer von Jabesch in Gilead konnte zwar die Niederlage und den Tod Sauls nicht aus der Welt schaffen, aber dennoch die Ehre Sauls und seiner Söhne retten.“(G. Hentschel, aaO. S. 190)

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

 Saul kommt in der Schilderung seiner Königszeit nicht wirklich gut weg. Er ist wankelmütig. Er ist sich selbst nicht treu. Er ist schon früh gezeichnet als der, der die Unterstützung Samuels verspielt hat und dem auch Gott irgendwie seine Hilfe versagt. Umso bemerkenswerter: „Nicht mit einer Andeutung wird Sauls Schlachtentod als verdient, als Strafe Gottes und als Folge seines Ungehorsams hingestellt.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 188)  Es ist vielmehr ein tragisches Ende, das dieser erste König Israels findet.

„Vor unseren Augen entsteht das Bild eines tapferen Königs, der zwar tragisch scheitert, aber dessen Taten in Israel – vor allem im ostjordanischen Jabesch – noch nicht vergessen sind.“(G. Hentschel, aaO. S. 194) Man tut gut daran, sich in seiner Auslegung der Schilderung im Samuelbuch nicht von den deutlich negativen Urteilen über Saul aus dem Chronik-Bericht leiten zu lassen. Es ist allemal geboten, den einzelnen biblischen Text sorgfältig zu lesen und ihn nicht mit seiner Sicht in eine vermeintlich Gesamtschau einzuschmelzen.

Was mich beschäftigt:

Mit Saul scheitert der erste König Israels. Er scheitert, obwohl die Geschichte seines Anfangs keinen Zweifel daran lässt: er ist der Erwählte Gottes. Er ist nicht der Notnagel von Plan B. Gott hat diesen Sohn des Kisch gewollt. Er hat ihn durch Samuel zum König gesalbt. Es ist der Gesalbte Gottes, der an seinem Auftrag scheitert, der ein Opfer der Verhältnisse wird und noch im Tod geschändet. Es ist offenkundig: Dass einer/eine von Gott auserwählt ist, gezeichnet, gesalbt, bewahrt nicht vor dem Scheitern, nicht vor Schmerzen, nicht vor den Ängsten und den Verwirrungen der Seele. Vielleicht müssen wir so die Geschichte dieses Königs lesen, dass wir an ihm sehen, wie Gott seine Leute auch dem Sturm des Lebens aussetzt.

So gelesen ist die Saul-Geschichte eine Korrektur der Vorstellungen, dass Gottes Leute vor allem Unheil bewahrt sind, weil sie erwählt, gesalbt oder als Christ*innen getauft sind.

 

Mein Gott. Mir ist Saul nahe. Einer, der nicht alles richtig macht; einer, der fromm sein will und doch an sich selbst scheitert; einer, der versucht alles richtig zu machen, am Ende aber ist er ausweglos dem Schmerz ausgeliefert.

Das will ich glauben, dass Deine Geschichte mit Saul nicht zu Ende ist, als er sich in sein Schwert gestürzt hat, dass Deine Geschichte mit Saul weitergeht und Du Deinen Gesalbten nicht fallen lässt. Das will ich glauben, dass Du treu bist über den Tod hinaus, allen treu, die Du erwählt und gerufen hast. Treu auch mit uns, die wir keine Könige sind. Amen