Ein blutbefleckter Falschspieler

  1. Samuel 27, 1 – 28,2

 1 David aber dachte in seinem Herzen: Ich werde doch eines Tages Saul in die Hände fallen; es gibt nichts Besseres für mich, als dass ich entrinne ins Philisterland. Dann wird Saul davon ablassen, mich fernerhin zu suchen im ganzen Gebiet Israels, und ich werde seiner Hand entrinnen.

Der Druck der Verfolgungen durch Saul ist gewachsen – selbst wenn es für David auf dem Hügel Hachila in der Wüste Sif (26,1-2) gut ausgegangen ist. Man soll sein Glück nicht überstrapazieren Davids Vorsicht lässt ihn ausweichen.

 2 Und David machte sich auf und zog hin mit den sechshundert Mann, die bei ihm waren, zu Achisch, dem Sohn Maochs, dem König von Gat. 3 Und David blieb bei Achisch in Gat mit seinen Männern, ein jeder mit seinem Hause; David auch mit seinen beiden Frauen, Ahinoam, der Jesreeliterin, und Abigajil, Nabals Frau, der Karmeliterin. 4 Und als Saul angesagt wurde, dass David nach Gat geflohen wäre, suchte er ihn nicht mehr.

             David wechselt mit seiner ganzen Mannschaft ins „Exil“. Nach Gat, einer Philister-Stadt im Hügelland, der Schefola. Zu den Feinden Sauls, zu den Feinden Israels. Das ist nicht zuletzt deshalb erstaunlich, weil seine Geschichte mit den Philistern ja doch reichlich konfliktgetränkt ist – nicht nur durch den Sieg über Goliath. Es dürfte unvergessen sein: „Da machte sich David auf und zog hin mit seinen Männern und erschlug unter den Philistern zweihundert Mann. Und David brachte ihre Vorhäute dem König in voller Zahl, um des Königs Schwiegersohn zu werden.“(18,27) Es ist eine seltsam verdrehte Situation. Besser bei den Philistern als in der Hand Sauls.

Saul wird über diesen Grenzübertritt seines früheren Schweigersohns informiert. Kein Wort darüber, ob er das bedauert, sich Vorwürfe macht. Auch kein Wort darüber, ob er David auf der Seite der Feinde fürchtet. Immerhin weiß der doch alles über die Truppen Sauls. Solche Überläufer sind gefährlich. Nur so viel wird notiert: Saul stellt die Verfolgung ein.

5 Und David sprach zu Achisch: Habe ich Gnade vor deinen Augen gefunden, so mag man mir einen Wohnort geben in einer der Städte auf dem Lande, dass ich darin wohne; warum soll dein Knecht in der Königsstadt bei dir wohnen? 6 Da gab ihm Achisch an diesem Tage Ziklag. Daher gehört Ziklag den Königen von Juda bis auf diesen Tag. 7 Die Zeit aber, die David im Philisterlande wohnte, war ein Jahr und vier Monate.

             David tritt, auch als Flüchtling einigermaßen selbstbewusst auf. Er will sich offensichtlich der Nähe des Königs Achisch entziehen, darum erbittet er eine feste Bleibe. Es könnte sein, es sind die schlechten Erfahrungen am Königshof Sauls, die ihn auf Abstand achten lassen,. Zu viel Nähe kann rasch umschlagen in Gefährdung. Achisch geht auf die Bitte ein – sorglos oder  aus Klugheit? Um diesen „Gast“ nicht zu verscheuchen?  . Es ist wie ein Vertrauensbeweis des Philister-Königs, dass er ihm Ziklag als Wohnsitz und Truppenstandort zuweist. Der spätere Schreiber der Davidsgeschichte notiert: Daher gehört Ziklag den Königen von Juda bis auf diesen Tag. Was zufällig wirkt, ist eine Entscheidung mit Langzeitwirkung.

8 David zog hinauf mit seinen Männern und fiel ins Land der Geschuriter und Geseriter und Amalekiter ein; denn diese waren von alters her die Bewohner des Landes bis hin nach Schur und Ägyptenland. 9 Und sooft David in das Land einfiel, ließ er weder Mann noch Frau leben und nahm mit Schafe, Rinder, Esel, Kamele und Kleider und kehrte wieder zurück. Kam er dann zu Achisch 10 und Achisch sprach: Wo seid ihr heute eingefallen?, so sprach David: In das Südland Judas, oder: In das Südland der Jerachmeeliter, oder: In das Südland der Keniter. 11 David aber ließ weder Mann noch Frau lebend nach Gat kommen; denn er dachte: Sie könnten uns verraten: So hat David getan! 

Streifzüge gegen Stämme tief im Süden. Gegen die Israel schon immer verhassten Amalekiter. Und gegen die Geschuriter – die in loser Verbindung zu den Philistern stehen. „Davids Verhalten ist ebenso brutal wie praktisch; er vernichtet alles, dessen er an Menschen habhaft wird, um keine Zeugen am Leben zu lassen, und nimmt nur Vieh und Habe als Beute mit.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 174) Es ist ein Vollstrecken des Bannes, nicht, weil Gott es so will sondern aus dem Eigeninteresse des David.

Menschen werden getötet, damit sie nicht verraten können, dass David keineswegs in das Südland Judas eingedrungen ist. Er stellt sich Achisch gegenüber dar als einen Mann, der mit seinem Volk völlig gebrochen hat, der keinen Rückweg nach Israel mehr frei hat.  Es ist ein falsches Spiel, das David spielt. „Achisch gegenüber tut David so, als ob er Juda angreife. In Wirklichkeit greift er dessen Feinde und die Freunde der Philister an.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, s. 280)

 Und das war seine Art, solange er im Philisterland wohnte. 12 Und Achisch glaubte David; denn er dachte: Er hat sich stinkend gemacht bei seinem Volk Israel; darum wird er für immer mein Knecht sein.

             Achisch geht David auf den Leim. Es ist die bezwingende Art dieses Räuberhauptmanns, die ihn Menschen manipulieren lässt. David setzt alle seine Möglichkeiten gekonnt ein, wohl wissend, dass es ein riskantes Spiel ist, was er spielt. Aber Achisch glaubt ihm nur zu gerne. Getreu dem Denkmuster: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“

28,1 Und es begab sich zu der Zeit, dass die Philister ihr Heer sammelten, um in den Kampf zu ziehen gegen Israel. Und Achisch sprach zu David: Du sollst wissen, dass du und deine Männer mit mir ausziehen sollen im Heer. 2 David sprach zu Achisch: Wohlan, du sollst erfahren, was dein Knecht tun wird. Achisch sprach zu David: So will ich dich zu meinem Leibwächter einsetzen für die ganze Zeit.

Plötzlich spitzt sich die Situation zu. Achisch plant den offenen Kampf gegen Israel. Und fordert den neuen Gefolgsmann zur Loyalität. Er und seine Männer sollen Teil des Heeres sein. Das ist eine deutliche Herausforderung – wenn David ihr folgt, gibt es keinen Rückweg nach Israel mehr für ihn. Sollte er sich aber verweigern, würde er den Schutzstatus bei den Philistern riskieren und verlieren.

Wir hören nicht, ob David über diesem Befehl erschrickt. Weil das ganze Buch mit solche Gefühls-Informationen sehr sparsam ist. Es ist die Stunde sorgfältig gewählter Worte.  Hohe Diplomatie aus dem Mund des David, der so in Rage geraten konnte durch die Kränkungen Nabals. Hier also eine zweideutige Antwort, die David auf dieses Ansinnen hin gibt: Wohlan, du sollst erfahren, was dein Knecht tun wird. Nach allen Seiten auslegbar – und der Philister hört in ihr ein Treueversprechen. Er lässt sich hinters Licht führen. Das wird sicher nicht ohne Spott so überliefert, zeigt es doch, wie naiv-gutgläubig dieser Philister-Fürst ist.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

 „Von Gottes Wirken wird im Text nicht ausdrücklich gesprochen. Doch kann kein Zweifel sein, dass die letzte Entscheidung, ihn vom Kampf gegen Israel fernzuhalten, auf Gott zurückgeführt wird und es dann auch in dessen Sinn sein muss, wenn er sich zum Heuchler macht, um das eigene Volk nicht zu verraten.“(J. Conrad, aaO. S. 84) So also scheint auch hier der Satz zu gelten: Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.

Es fällt auf, wie hier auf jede Beurteilung des Verhaltens Davids verzichtet ist. Kein Wort dazu, dass er Menschen regelrecht abschlachten lässt, mit verdeckten Karten spielt, Solidarität heuchelt. Stefan Heym führt diese moralfreie Darstellung in seinem Buch „Der König Davis Bericht“ auf die Einfluss-Nahme des Salomo zurück, der eine makelloses Bild der Vaters vom Berichtschreiber einfordert. Aber der König-David-Bericht im Samuel-Buch schönt ja nicht. Er verzichtet nur auf moralische Urteile. Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Es könnte sein, wir heute haben genau das neu zu lernen – nicht zu urteilen, sondern darauf zu vertrauen, dass es genügt, die Fakten zu benennen. Die Leser*innen werden urteilsfähig genug sein.

Manchmal, mein Gott bin ich da, wo ich nie sein wollte, treffe ich auf Menschen, bei denen ich nur halbherzig bin. Manchmal stehe ich in der Gefahr, falsch zu spielen, Nähe zu heucheln, während ich in Wahrheit innerlich weit weg bin.

Hilf Du mir, dass ich wahrhaftig bleibe, auch dann, wenn es mir Nachteile bringen könnte, wenn ich mir Schwierigkeiten einhandele – wahrhaftig in meinen Worten und in meinem Tun. Amen