Der Rat einer klugen Frau: Mäßigung

  1. Samuel 25, 18 – 44

 18 Da eilte Abigajil und nahm zweihundert Brote und zwei Krüge Wein und fünf zubereitete Schafe und fünf Scheffel Röstkorn und hundert Rosinenkuchen und zweihundert Feigenkuchen und lud alles auf Esel 19 und sprach zu ihren Leuten: Geht vor mir her; siehe, ich will sogleich hinter euch herkommen. Und sie sagte ihrem Mann Nabal nichts davon.

             Abigajil  verliert keine Zeit. Sie handelt. Sie stellt eine Sendung zusammen, eine Art „Botschaft“. Auch wenn das Ziel dieser Sendung nicht genannt wird. Es ist klar: sie will mit diesen Gaben David entgegen ziehen. Es gilt, durch „Zuvorkommen“ Schaden abzuwenden. Die ganze Aktion erinnert an die Art, wie Jakob sich auf das Treffen mit seinem Bruder Esau vorbereitet. „Und Jakob nahm von dem, was er erworben hatte, ein Geschenk für seinen Bruder Esau: zweihundert Ziegen, zwanzig Böcke, zweihundert Schafe, zwanzig Widder und dreißig säugende Kamele mit ihren Füllen, vierzig Kühe und zehn junge Stiere, zwanzig Eselinnen und zehn Esel.“(1. Mose 32, 14-16) Auch da werden „Geschenke vorab gesandt, um den zu erwartenden Zorn zu besänftigen

 20 Und als sie auf dem Esel ritt und hinabzog im Schutz des Berges, siehe, da kamen David und seine Männer hinab ihr entgegen, sodass sie auf sie stieß. 21 David aber hatte gedacht: Nun hab ich alles umsonst behütet, was der da in der Wüste hat, sodass nichts vermisst wurde von allem, was er hat; und er vergilt mir Gutes mit Bösem! 22 Gott tue mir dies und noch mehr, wenn ich ihm bis zum lichten Morgen einen Einzigen übrig lasse, der an die Wand pisst, von allem, was er hat.

             Sie kann es nicht wissen, wohl aber ahnen. Sie zieht einem David entgegen, der aufs Äußerste erbittert ist. Beide rechnen mit einer Begegnung, auf die sie unterschiedlich eingestellt sind. Abigajil  weiß, es gilt „Gnade“ zu finden, David dagegen ist auf Bestrafung, wenn nicht auf Rache für die Demütigung aus. Seine Ehre muss wiederhergestellt werden. Die tatsächliche Begegnung kommt dennoch plötzlich zustande. Es ist fast ein Aufeinanderstoßen.

 23 Als nun Abigajil David sah, stieg sie eilends vom Esel und fiel vor David nieder und beugte sich zur Erde 24 und fiel ihm zu Füßen und sprach: Ach, mein Herr, auf mich allein falle die Schuld! Lass deine Magd reden vor deinen Ohren und höre die Worte deiner Magd! 25 Mein Herr achte nicht auf diesen heillosen Mann, diesen Nabal; denn er ist, wie er heißt. Er heißt »Narr«, und Narrheit ist bei ihm. Ich aber, deine Magd, habe die Männer meines Herrn nicht gesehen, die du gesandt hast.

             Abigajil  verliert keine Zeit. Sie wirft sich vor David auf den Boden. Huldigt ihm oder ist es nur das Zeichen ihrer Unterwerfung?  Sie bittet ihn, alle Aufmerksamkeit ihr zu zu wenden und keinen Gedanken an Nabal, diesen Narren zu verschwenden. Sie nimt die schuld für das Debakel auf dem Hof auf sich – sie hat die Männer nicht bemerkt, die David gesandt hatte.

 26 Nun aber, mein Herr, so wahr der HERR lebt und so wahr du selbst lebst: Der HERR hat dich davor bewahrt, in Blutschuld zu geraten und dir mit eigener Hand zu helfen. So sollen deine Feinde und alle, die meinem Herrn übel wollen, wie Nabal werden! 27 Hier ist die Segensgabe, die deine Magd meinem Herrn gebracht hat; das soll den Männern gegeben werden, die meinem Herrn folgen. 28 Vergib deiner Magd ihr Vergehen!

             Abigajil´s „Rede ist ein Mustereispiel ausgesuchter Höflichkeit und diplomatischen Geschicks.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 72) Sie verbindet die Anerkennung der eigenen Versäumnisse mit der Warnung vor eiligem Handeln, das Blutschuld mit sich bringen würde. Sie hält ihm vor Augen, dass er in der Gefahr steht, Gott ins „Handwerk zu pfuschen“, wenn er dem Impuls folgt, sich mit eigener Hand zu helfen. Gott wird richten – darum kann David seinen Zorn zügeln.

 Der HERR wird meinem Herrn ein beständiges Haus bauen, denn du führst des HERRN Kriege. Es möge nichts Böses an dir gefunden werden dein Leben lang. 29 Und wenn sich ein Mensch erheben wird, dich zu verfolgen und dir nach dem Leben zu trachten, so soll das Leben meines Herrn eingebunden sein im Bündlein der Lebendigen bei dem HERRN, deinem Gott, aber das Leben deiner Feinde soll er fortschleudern mit der Schleuder. 30 Wenn dann der HERR meinem Herrn all das Gute tun wird, das er dir zugesagt hat, und dich zum Fürsten bestellt hat über Israel, 31 so wird’s dem Herzen meines Herrn nicht ein Anstoß noch Ärgernis sein, dass du unschuldiges Blut vergossen und dir selber geholfen habest. Und wenn der HERR meinem Herrn wohltun wird, so wollest du an deine Magd denken.

Es sind weit über die Beschwörung, nicht  zu übereilen hinaus Worte mit geradezu „prophetischen Impetus“. Sie sagt David den zukünftigen Beistand Gottes zu. Sie sieht in diesem Mann, der ihr gegenüber steht schon den Gesegneten Gottes, schon den zukünftigen Herrscher. So wird man also urteilen dürfen: Hier führt nicht nur Diplomatie das Wort, sondern „Abigajil  stellt in diesem Stück die prophetische Stimme dar.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 165) Sie tritt mit ihren Worten regelrecht an die Stelle des verstorbenen Samuel.  Mehr noch diese Worte sind in ihrer Zusage: Der HERR wird meinem Herrn ein beständiges Haus bauen wie ein Vorspiel der großen Verheißung an David, wie sie in 2. Samuel 7 überliefert wird.

  32 Da sprach David zu Abigajil: Gelobt sei der HERR, der Gott Israels, der dich heute mir entgegengesandt hat, 33 und gesegnet sei deine Klugheit, und gesegnet seist du, dass du mich heute davon zurückgehalten hast, in Blutschuld zu geraten und mir mit eigener Hand zu helfen. 34 Wahrlich, so wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, der mich davor bewahrt hat, übel an dir zu tun: Wärest du nicht eilends mir begegnet, so wäre dem Nabal bis zum lichten Morgen nicht ein Einziger übrig geblieben, der an die Wand pisst.

             Was hat David gehört? Eine Frau, die sich unterwirft? Eine Frau, die ihm schmeichelt? Zuvörderst eine Frau, die ihn davor bewahrt, sich selbst sein Recht zu schaffen und sich sp ins Unrecht zu setzen. Seine maßlose Rache hat sie ihm ausgeredet. Ob die prophetischen Worte, die vorgezogene Huldigung ihn erreicht haben, seine Seele berührt haben – das bleibt ungesagt.

 35 Also nahm David aus ihrer Hand, was sie ihm gebracht hatte, und sprach zu ihr: Zieh mit Frieden hinauf in dein Haus; sieh, ich habe auf deine Stimme gehört und dein Antlitz erhoben.

             Immerhin: so abgehoben ist das alles nicht, dass darüber vergessen würde – David nimmt die Geschenke ihrer Wiedergutmachungszahlung freundlich-dankbar an. Damit ist der Fall Nabal aus der Sicht Davids erst einmal erledigt. Abigajil  darf sich wieder aufrichten. Sie hat vor Davids Augen Frieden gefunden. Das ist seine Zusage: „Du kannst wieder mit erhobenem Haupt in die Welt sehen, deine Bitte habe ich gehört.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 264) Es ist alles gut ausgegangen.

36 Als aber Abigajil zu Nabal kam, siehe, da hatte er ein Mahl zubereitet in seinem Hause wie eines Königs Mahl, und sein Herz war guter Dinge, und er war sehr betrunken. Sie aber sagte ihm nichts, weder wenig noch viel, bis an den lichten Morgen. 37 Als es aber Morgen geworden und die Trunkenheit von Nabal gewichen war, sagte ihm seine Frau alles. Da erstarb sein Herz in seinem Leibe, und er ward wie ein Stein. 38 Und nach zehn Tagen schlug der HERR den Nabal, dass er starb.

             Was folgt, ist irgendwie passend zu Nabal. Er hat ein großes Gelage veranstaltet, nichts ahnend von der Gefahr, in der er schwebte. Auch darin zeigt er sich als Narr. Seine Frau lässt ich erst seinen Rausch ausschlafen. Dann konfrontiert sie ihn mit dem, „was er beinahe angerichtet und wovor sie ihn bewahrt hat.“ (M. Holland, ebda.)  Das trifft ihn wie ein Schlag. Diagnose: Schlaganfall und sein Tod ist dann nur noch Nachspann.

 39 Als David hörte, dass Nabal tot war, sprach er: Gelobt sei der HERR, der meine Schmach gerächt hat an Nabal und seinen Knecht abgehalten hat von einer bösen Tat! Der HERR hat dem Nabal seine böse Tat auf seinen Kopf vergolten.

             Die Reaktion Davids ist wie ein erleichtertes Aufatmen. Er ist vor voreiligem, falschem Handeln bewahrt worden. So sieht es David: „Der rasche Tod Nabals ist der klare Beweis dafür, dass Gott für ihn die Strafe vollzieht.“(J. Conrad, ebda.)   

 Und David sandte hin und ließ Abigajil sagen, dass er sie zur Frau nehmen wolle. 40 Und als die Knechte Davids zu Abigajil nach Karmel kamen, redeten sie mit ihr und sprachen: David hat uns zu dir gesandt, dass er dich zur Frau nehme. 41 Sie stand auf und fiel nieder auf ihr Angesicht zur Erde und sprach: Siehe, deine Magd ist bereit, den Knechten meines Herrn zu dienen und ihre Füße zu waschen. 42 Und Abigajil machte sich eilends auf und setzte sich auf einen Esel, und ihre fünf Mägde gingen hinter ihr her. Und sie zog den Boten Davids nach und wurde seine Frau.

Wenn es nicht makaber wäre, könnte man sagen, es geht Schlag auf Schlag. David will diese schöne und kluge Frau Abigajil. „Die Werbung erfolgt sehr kurz, fast befehlend schroff und wird mit der gleichen höflichen Demut erwidert, die wir bei Abigail schon kennen gelernt haben. (H. W. Hertzberg, aaO. S. 166) Von Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau ist hier keine Spur.

43 Auch hatte David Ahinoam von Jesreel zur Frau genommen; sie wurden beide seine Frauen. 44 Saul aber hatte seine Tochter Michal, Davids Frau, Palti, dem Sohn des Lajisch aus Gallim, gegeben.

                 Es ist vielmehr so – die Witwe des Nabal ist nur eine unter vielen, die David zur Frau nimmt. Nur die Königstochter Michal, die ihm anvertraut war, die wird mit einem anderen verbunden. Betrachtet man diesen Frauenreigen um David, so „stellt sich der Eindruck ein, David habe seine Frauen – vielleicht nicht nur, aber doch wesentlich – nach politischen Gesichtspunkten gewählt: ein Eindruck, der sich später noch verstärken wird. Bemerkenswerterweise zeigte David diese für das orientalische Königtum typische Vorgehensweise bereits zu einem Zeitpunkt, als er noch gar nicht König war. Offenbar war ihm frühzeitig klar, was er werden wollte!“((W. Dietrich, David, Leipzig 2016, S. 147) So viel zum Thema Zwangsehen und strategischer Heirat. Nach der Glückssehnsucht der Frau fragt damals keiner so wenig wie nach der Liebe des Mannes. Ehen sind „Geschäfte.“

So viel zum Thema Zwangsehen und strategischer Heirat. Nach der Glückssehnsucht der Frau fragt damals keiner so wenig wie nach der Liebe des Mannes. Ehen sind „Geschäfte.“

 Was mich beschäftigt:

Mich erschreckt die Deutung Davids, die Gott als den Erfüllungsgehilfen seiner Rache sieht. Gott hat ihm erfreulicherweise abgenommen, den Nabal erschlagen zu müssen. Es ist mir zunehmend fremd geworden, das Geschick von Menschen unter der Überschrift „Schuld und Strafe“ zu sehen. Mich leitet vielmehr das Wort, das als Wort Jesu überliefert wird:  „Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“(Johannes 9, 1 – 3) Dass damit alle Fragen, auch an den biblischen Text erledigt sind, glaube ich freilich nicht.

 

Mein Gott, wie oft bin ich wohl von Dir bewahrt worden, in mein Unheil zu rennen. Wie oft haben mich Freunde bewahrt vor schnellen Urteilen, raschem Zorn, vor Handeln, das nicht mehr gut zu machen war.

Ich danke Dir für alle, die mir so schützend in den Weg getreten sind. Lehre Du mich, auch die Stimmen derer immer wieder neu zu hören, die zur Mäßigung raten und zur Geduld, die mich daran erinnern, dass auch ich von der Gnade lebe, dem Raum Deiner Geduld. Amen