Weitherzig

Römer 14, 13 – 23

13 Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

            Wenn schon richten, dann sich selbst ausrichten. Das Wort κρνω deckt eine Bandbreite an Bedeutungen ab: „scheiden, sondern, unterscheiden, absondern, aussondern, auswählen, entscheiden, beschließen, richten, verurteilen.“(Gemoll Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957., S. 453) Im Kern geht es Paulus um die Bewahrung der Gemeinschaft, die durch Richten zerstört wird. Danach streben, dass wir dem Anderen das Leben nicht schwer machen, dass wir ihn nicht irre machen in seinem Weg.

Die Christen in Rom sollen so miteinander umgehen, dass sie einander im Glauben stärken, nicht so, dass sie einander irritieren, durch ihre große Freiheit nicht und auch nicht durch ängstliche Enge und Unfreiheit. Das gilt für beide Gruppen, die Paulus mit seinen Worten im Blick hat, die Starken und auch die Schwachen. Das Kriterium für den Umgang miteinander ist nicht das Behaupten der eigenen Position, das Beharren darauf: Wir haben recht. Das Kriterium ist die Liebe. „Es zeigt sich, dass Paulus zwar der Wahrheit der Freien zu stimmt, dass er aber vom Evangelium her diese Wahrheit in das Licht der Liebe rückt.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 305)

14 Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, ist es unrein. 15 Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist. 16 Es soll doch nicht verlästert werden, was ihr Gutes habt.

            Noch einmal, diesmal sehr betont durch den Ausdruck: Ich bin gewiss in dem Herrn Jesus. Ein Hinweis darauf, dass es um mehr geht als eine persönliche, aber letztlich relativierbare Einstellung des Paulus. Nichts ist unrein an sich selbst. Einmal mehr eine Parallele aus den Evangelien: „Merkt ihr nicht, dass alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein.“(Matthäus 15, 17-20)  Es sind nicht die Stoffe, die Menschen verunreinigen, sondern es ist die innere Gesinnung. Darin stimmt das Wort aus Matthäus mit den Worten des Paulus überein. Dieses Denken Jesu, das „mit der ganzen jüdischen Tradition bricht, wird von ihm ausdrücklich bestätigt.“(O. Michel, aaO. S. 306) Kennt Paulus solche Jesus-Worte aus seinem Umfeld?

Paulus geht dann den Schritt noch weiter: Das eigene Verhalten kann dem Bruder, der Schwester den Glauben vergällen. Es ist lieblos, zeugt nicht von dem Respekt vor dem anderen, wenn Freiheit rücksichtslos ausgelebt wird. Es zeugt auch nicht von Respekt, wenn alle in die Enge eines skrupelbehaften Gewissens gepresst werden sollen. So oder so – wo das Thema der Speisen zu groß wird, aus dem Ruder läuft, die Gemeinschaft zerstört, da droht die Gefahr, dass einer „in seiner Existenz als Christ zutiefst beschädigt wird“(W. Klaiber, Der Römerbrief, Die Botschaft des Neuen Testaments; Neukirchen 2009, S. 250), dass ihm die Freude am Glauben verdunkelt wird. Das aber verträgt sich nicht mit der Liebe, die den Christen geboten ist, in die sie hinein gestellt sind durch den Glauben an Christus.      „Weitherzig“ weiterlesen

Die Liebe überwindet Unterschiede

Römer 14, 1 – 12

 1 Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen.2 Der eine glaubt, er dürfe alles essen; wer aber schwach ist, der isst kein Fleisch. 3 Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen.

       „Wahrscheinlich gehen diesen Teilen des Briefes Nachrichten voraus, die ihm die römischen Freunde gesandt hatten.“(A. Schlatter, aaO. S. 364) Jedenfalls wirkt es so, als würde Paulus auf Fragen reagieren, die an ihn herangetragen worden sind.

Es geht nicht um Streit zwischen Fleisch-Essern und Vegetariern oder Veganern. Ob es gesünder ist, Fleisch zu essen oder nicht. Es geht um religiöse Fragen: Es geht darum, ob man alles essen darf, was der Markt gerade so hergibt – und immer besonderen Fleisch, das auf dem römischen Markt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus irgendeiner Opferhandlung im heidnischen Tempel stammen wird. aus dem Tempel der Juno, des Mars, des Jupiter, des Saturn und wie sie alle heißen.

Zwei Positionen stehen sich wohl gegenüber. Weil es beide Positionen in der Gemeinde gibt, ist es erforderlich, Klärungen herbeizuführen. Ob es dazu einen „apostolischen Entscheid“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 298) braucht, weiß ich nicht. Mir scheint diese Formulierung rückwirkend von heute her ein bisschen die Autorität des Paulus überhöht zu sehen.

Aber die Gemeinde ist in einer Zerreißprobe, die sich aus Alltagshandeln ergibt. Die einen essen bedenkenlos Fleisch, weil sie sagen: Alle Götter sind Nichtse. Sie haben es von Jesaja gelernt: „Wer sind sie, die einen Gott machen und einen Götzen gießen, der nichts nütze ist?“(Jesaja 44,10) Es liegt keine Macht auf dem, was aus den Tempeln kommt. Und es interessiert sie nicht, wo ihr Fleisch herkommt. Die anderen haben Angst, dass sie sich durch das Essen von Götzenopfer-Fleisch infizieren, mit dem heidnischen  Kult und unter dessen Einfluss geraten. Auch, dass sie strenge Speisevorschriften übertreten, die ihnen wichtig waren, wie die, das alles koscher sein muss. „Es gibt Beispiele dafür, dass Juden in solchen Situationen auf einen strengen Vegetarismus auswichen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 240)

Es liegt auf der Hand, dass so unterschiedliche Einstellungen zum Essen Probleme bereiten im Miteinander in einer Kleingruppe. Im Üben von Gastfreundschaft, wo einer sagen muss, weil er nicht anderes kann: Das esse ich nicht. Es ist Erfahrung, die sich bis heute wiederholt: erst die Begegnung mit denen, die das gewohnte Essen verweigern, aus religiösen Gründen, aus gesundheitlichen Aspekten, werden wir selbst aufmerksam und manchmal auch in Frage gestellt mit unserem eigenen Ess- und Trinkverhalten. „Die Liebe überwindet Unterschiede“ weiterlesen

Nichts für die lange Bank

Römer 13, 8 – 14

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

            Dieser erste Satz wirkt auf mich, als würde er nahtlos anknüpfen an den letzten Satz vor den Gedanken über die Obrigkeit und den Staat. Er macht damit diese ganze Passage über den Staat endgültig zu einer Art Exkurs. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Ich könnte auch lesen: Haltet fest an der Liebe.

Und hier nun: Das einzige, was ihr einander schuldet, aber auch der Welt schuldet, ist die Liebe. „Die Liebe ist die eigentliche Verpflichtung, die wir nie aus den Augen verlieren dürfen.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 288) Nach innen und außen – immer geht es um einen liebevollen Umgang. Einen Umgang, der Leben ermöglicht, der Menschen auf die Beine hilft, der Wunden heilt und Mut macht. Das sind Christen einander schuldig.

Hier steht ein Wort  φειλε, das auch schlicht Schulden bedeuten kann. „Habt also bei niemand Schulden“ sagt Paulus. Das wirkt ein bisschen wie assoziativ an die Sätze über die Steuern angeschlossen. Dennoch denke ich, dass es nicht um Geld-Schulden geht. Es geht um ein Verhalten, zu dem die Christen verpflichtet sind, das sie den anderen schulden. „Die Liebe ist Pflicht. Wir sind sie einander schuldig.“(A. Schlatter, aaO. S. 357)

            Es ist die Art Lehrsatz, die Paulus oft zur Sprache bringt: wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Im Hintergrund darf man vielleicht mithören: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (Johannes 13,34) Auch wenn das Johannes-Evangelium Jahrzehnte später geschrieben ist als der Brief des Paulus nach Rom – der sachliche Zusammenhang scheint offensichtlich. Es geht um die Liebe, die als Reflex der Liebe Christi unter den Christen und der Welt gegenüber gelebt werden soll. Die Liebe ist die Bringschuld, die die Christen gegeneinander haben. Es steht nicht im Belieben der Christ*innen zu lieben – sie sind dazu verpflichtet. Um nichts anderes geht es im Gesetz. Darum ist die Erfüllung des Gesetzes nicht anders zu haben als im Tun der Liebe, in den Werken der Liebe. „Nichts für die lange Bank“ weiterlesen

Wie halten wir es mit dem Staat?

Römer 13, 1 – 7

             Ein bisschen unvermittelt und darum überraschend kommt Paulus auf das Thema Obrigkeit zu sprechen. Vielleicht verbindet es sich für ihn mit seinem Blick auf die gesellschaftliche Umwelt. Die Obrigkeit ist für die Gemeinde in Rom ja ein realer Faktor. Der römische Historiker Sueton berichtet über Claudius (Kaiser von 41 – 54 n.Chr.): Die Juden vertrieb er aus Rom, weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten.“ (Sueton, Cäsarenleben, Hrsg. M. Heinemann, Stuttgart 1957; S. 307) Dieses Edikt des Claudius hat direkt Folgen für die Gemeinde in Rom: „Danach verließ Paulus Athen und kam nach Korinth und fand einen Juden mit Namen Aquila, aus Pontus gebürtig; der war mit seiner Frau Priszilla kürzlich aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius allen Juden geboten hatte, Rom zu verlassen.“ (Apostelgeschichte 18, 1 – 2) Es gibt also genug Anlass, sachlich und personenbezogen, für jemanden, der einen Brief an die Gemeinde in Rom schreibt, sich auch mit dem Verhältnis der Christen zum Staat, zur Macht in Rom zu beschäftigen. „Der ganze Abschnitt spricht im Stil eines jüdischen Weisheitslehrers und wendet sich daher ausdrücklich an das kritische Urteilsvermögen des Lesers.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 281)

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.

Paulus kann anschließen an das, was er zuvor gesagt hat. Zum Frieden mit jedermann hat er aufgefordert und gemahnt, nicht hoch hinaus zu wollen. Jetzt fordert er von jedermann, also allen, Unterordnung, sich einfügen. Ich finde eine Übersetzung, die das so anstößige Wort untertan vermeidet: „Jedermann soll übergeordneten Gewalten Folge leisten.“ (U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S. 29) Das griechische Wort ξουσα, das in der Luther-Bibel mit Obrigkeit und sofort anschließend mit Gewalt wiedergegeben wird,  heißt auf Lateinisch „potestas“, autorità heißt es in der italienischen Übersetzung La Parola ề vita. Es bezeichnet die Amts-Gewalt. Es ist auch das Wort, das wir am Schluss des Matthäus-Evangeliums hören – aus dem Mund Jesu: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18)   

Das hält Paulus schon durch seine Wortwahl durch: Alle Macht geht auf Gott zurück. Alle Obrigkeit hat ihr Mandat von Gott. Deshalb fordert er von den Christen ein Einfügen in die Ordnungen der Obrigkeit, ein sich diesen Obrigkeiten, ihrer Gewalt Unterstellen. Und stellt klar: „Widerstand gegen die Staatsgewalt ist Auflehnung gegen Gott.“(K. Haacker; aaO. S. 266)Das ist schon ein steiler Satz, der es nicht so einfach macht, sich mit den Gedanken des Paulus anzufreunden. Erst recht in einer Zeit, in der jederzeit der Protest aufflammen kann weil das Gesetz der Gewalten nicht der eigenen Einsicht entspricht. „Wie halten wir es mit dem Staat?“ weiterlesen

Vom Zutrauen Gottes

Römer 12, 14 – 21

14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.

Von der Fremdenliebe kommt Paulus, ein wenig assoziativ, zur Feindesliebe. „Eine Ähnlichkeit mit einem synoptischen Jesuswort ist unverkennbar.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 273)Dass Paulus darauf zurückgreifen kann, spricht dafür, dass es schon früh in der Gemeinde überliefert ist und als Wort Jesu besondere Autorität hat: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“(Lukas 6,27-28) Daran knüpft Paulus an. Und wird den Gedanken gleich wieder aufgreifen.

Die Sprengkraft dieses knappen Satzes ist groß. Sie widerspricht einer gewöhnliche Fluch-Praxis – Gegner und Feinde zu verfluchen. Mehr aber noch und bedeutsamer:  Der Segen „macht nicht an der Grenze der christlichen Gemeinde Halt, sondern umfasst auch die Außenstehenden. Ja sogar die Widerstrebenden und Verfolger.“ (O. Michel, aaO. S. 274))Es ist das bleibende Kennzeichen der christlichen Gemeinde, dass sie im Segen und Segnen nicht Mauern hochzieht, sondern abbricht, dass sie der Feindschaft im eigenen Herzen durch das Gutes-Reden – das ist ja segnen – benedicare –  entgegentritt.

15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. 16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Nach dem „Höhenflug“ wird  Paulus erst  einmal „allgemein“. Es sind einfache Regeln für ein gutes Miteinander. Übt Menschlichkeit. Gewährt Nähe. Seid nahe bei den Menschen. Mitfreude und Mitleiden sind elementare Verhaltensweisen, die in der Christenheit in hohem Ansehen stehen. Nicht zuletzt, weil sie ja im eigenen Leben wiederholen, was Gott in Christus getan hat: Sich einlassen auf das Mitleiden und Mitfreuen: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“(Philipper 2,6-7) Es geht um Einüben von Anteilnahme, von Eintracht im wahrsten Sinn des Wortes. Dass sich der andere wiederfinden kann in meinem Empfinden, meinem Mittragen, meinem bei ihm, bei ihr Bleiben.  „Vom Zutrauen Gottes“ weiterlesen

Vom Glauben im Alltag

Römer 12, 9 – 13

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. 10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

Paulus bleibt bei seinem Blick auf die Gemeinde. Hat er sie eben in ihrer Vielfalt beschrieben, so betont er jetzt, was sie zusammenhält, was ihr Miteinander bestimmt: Die Liebe. Wenn man so will: Er gibt seinen Leser*innen eine „Beschreibung der Liebeder γπη.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 269) Sie  unterscheidet. Sie ist nicht blind für das Böse, sondern parteiisch für das Gute. Aber sie ist vor allem anderen herzlich. Nicht nur formal, nicht geheuchelt, nicht nur in Worten, sondern von innen heraus, aus dem Herzen. φιλστοργος  meint zärtlich liebend, eine Liebe voll Zärtlichkeit, die auf die Verwandtschaft zurückgeht.(vgl. Gemoll Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 787)

 In der Liebe zu den Brüdern und Schwestern spiegelt sich die empfangene Liebe Christi und die Liebe zu Christus. Sie ist ihr Reflex. Das alles zeigt sich im Umgang miteinander, in der Ehrfurcht und der Ehrerbietung. Wir würden heute sagen: in der wechselseitigen Wertschätzung. In dem Signal an den Anderen, die Andere: Schön, dass Du da bist. „Vom Glauben im Alltag“ weiterlesen

Vom vernunftgemäßen Gottesdienst

Römer 12, 1 – 8

 1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Nach dem überschwänglichen Lobpreis wird es nun wieder ausgesprochen nüchtern. Es geht um das Leben in der Welt, um Hingabe, um Opfer, um Einsatz, würden wir wohl heute sagen. Es geht darum, so denke ich, dass Paulus jetzt Konsequenzen zieht aus seinem langen Anlauf, den er genommen hat. Was in den folgenden Kapiteln gesagt wird, ist kein ethischer Anhang, sondern es ist Weitersagen und Weiter-Buchstabieren des Evangeliums in das konkrete Handeln hinein. Es geht „um die praktischen Konsequenzen der Lehre, die Paulus in Kapitel 1 – 11 entfaltet hat.“(K. Haacker; aaO. S. 252)

Das wird schon durch diese Wendung deutlich: durch die Barmherzigkeit Gottes. Sie ist die Grundlage, auf der Paulus ermahnt, ermutigt, herzlich bittet. Παρακαλ – „ich ermahne, ermutige, traue euch das zu, erbitte von euch.“ – das ist alles möglich als Übersetzung.  Ich finde es gerade darum irritierend, dass auch die neuesten Übersetzungen bei „ermahnen“ bleiben als wüssten sie nicht, welche Assoziationen vom erhobenen Zeigefinger das auslöst.

Dem Erbarmen Gottes verdanken die die Christen unter den Römern, dass sie zu Christus gehören, dass sie freien Zugang zu Gott haben. Dem Erbarmen Gottes verdankt es Paulus, dass er aus dem Christenverfolger zum Apostel gewandelt worden ist. Das ist die Autorität, die hinter den Worten des Paulus steht: das Erbarmen Gottes. οκτιρμν το θεοῦ. Was er sagt, sagt er nicht begründet durch seine Autorität als Apostel, auch nicht durch seine menschliche Authentizität, sondern durch das Erbarmen Gottes. Ihm ist das Erbarmen Gottes Grundlage für sein Reden und es bestimmt gleichzeitig die Art und Weise, wie er versucht, mit Menschen zu reden und umzugehen. Eine andere Autorität als dieses Erbarmen Gottes kennt Paulus nicht.

Es versteht sich von daher fast wie von selbst, dass sein Ermahnen nicht der erhobene Zeigefinger ist, nicht eine tadelnde oder gar züchtigende Ermahnung. Παρακαλ kann sowohl für gebieterisches Aufrufen als auch für tröstliches Zureden gebraucht werden. Es ist dringlich, wesentlich, was Paulus sagt, nicht nebensächlich. Ermutigung, Zuspruch und ernsthafte, hoffnungsvolle Erwartung.

Opfer – θυσαsagt Paulus. Hingabe höre ich, Hinwendung zu Gott. Seine Leser kennen Opfer zur Genüge. Manche aufgeklärten Leute halten auch damals schon die blutigen Opfer in den Tempeln für unvernünftig, unangemessen. Stattdessen fragen sie nach vernünftigen Opfern und vernünftigen Gottesdiensten. Dieser Gottesdienst nimmt den ganzen Menschen in Beschlag. Deshalb: Leib. σώμα, Ich lese Leib nicht als altes Wort für Körper, sondern als ein anderes Wort für mich selbst. Gebt euch „ganz Gott zur Verfügung“ (W. Klaiber, aaO. S. 203) ganz ihm hin, mit Leib und Seele. Mit allen Kräften und von ganzem Gemüt.      

            Es ist kein Opfer mehr, um Gott gnädig zu stimmen, um sich mit ihm ins Reine zu bringen. Sondern es ist Opfer als Hingabe, die der Hingabe Gottes antwortet. Der Gabe des Sohnes an uns soll unsere Hingabe an Gott entsprechen. Die Hingabe der befreiten Sünder, der gerechtfertigten Gottlosen. Gott wird sich das gefallen lassen. Darauf hofft Paulus. „Vom vernunftgemäßen Gottesdienst“ weiterlesen

Bis ans Ende

Matthäus 28, 11 – 20

11 Als sie aber hingingen, siehe, da kamen einige von der Wache in die Stadt und verkündeten den Hohenpriestern alles, was geschehen war.

            Bevor Matthäus seine Leser*innen nach Galiläa leitet, richtet er seinen Blick noch einmal auf Jerusalem. Die Wachen, die in Ohnmacht gefallen waren, wie tot, erstatten Bericht bei ihren Auftrag-Gebern. Nicht bei Pilatus, dem sie unterstellt sind, sondern bei den Hohenpriestern. Wer sorgfältig gelesen hat, fragt sich: Was können sie erzählen? Sie waren doch nicht bei Sinnen. Wahrnehmungsunfähig. Was sie sagen könnten: Erdbeben, eine Engelerscheinung, eine leeres Grab. Nicht gerade überzeugend.

12 Und sie kamen mit den Ältesten zusammen, hielten Rat und gaben den Soldaten viel Geld 13 und sprachen: Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. 14 Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr sicher seid.

            Einmal mehr kommt es zu einem Beschluss, der mit Geld unterfüttert wird. Die Soldaten sollen einfach erzählen, was logisch erscheint. Seine Jünger haben die Leiche gestohlen. Es ist die Betrugsthese, die sie schon dem Pilatus vorgetragen hatten.

Wenn die Soldaten sich auf diesen Plan der Ältesten einlassen, riskieren sie viel: Schlafen auf der Wache ist ein schweres Vergehen. Dies zu gestehen, könnte ihr eigenes Todesurteil sein. Deshalb die Beschwichtigung: Wir werden uns vor Pilatus für euch verwenden.

15 Sie nahmen das Geld und taten, wie sie angewiesen waren. Und so ist dies zum Gerede geworden bei den Juden bis auf den heutigen Tag.

Die Soldaten lassen sich auf den Handel ein. Vielleicht auch, weil sie das Risiko gering schätzen. Wissen sie doch auch, dass Pilatus jedes Interesse an der Affäre Jesus verloren hat. Seitdem aber ist dieses Gerede in der Welt. „Die Rede vom Raub des Leichnams Jesu geht auf einen hinterlistigen Bestechungsversuch zurück. Die schlafenden Wachen haen für diese Anschuldigung viel Geld erhalten.“(H.-G. Gradl, Das (leere) Grab, in: Welt und Umwelt der Bibel, Stuttgart 1/2019, S. 12)Lügenhafte Gegenpropaganda gegen die Botschaft von der Auferstehung. Dieser Satz macht deutlich, was die Gemeinde glaubt: Die Auferstehungs-Botschaft bestreiten kann nur, wer der Lügen-Botschaft glaubt.   „Bis ans Ende“ weiterlesen

Nach Galiläa

Matthäus 28, 1 – 10

 1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

            Der Sabbat ist vergangen. Der erste Tag der Woche bricht an. Morgendämmerung, zwischen Nacht und Tag. Maria von Magdala und die andere Maria, zuletzt (27,56; 27,61) mehrfach namentlich erwähnt, sind auf dem Weg zum Grab. Um danach zu sehen. Andere Evangelisten wissen anderes: Um den Leichnam zu salben (Markus 16,2) Ähnlich Lukas: „sie trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.“ (Lukas 24,1) Matthäus bleibt, wie öfters karg und zurückhaltend.

 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

            Achtung, sagt Matthäus. Und siehe. Ein großes Erdbeben. Hinweis auf das Handeln Gottes. Auf sein Eingreifen. Es sind Zeichen rund um die Auferstehung, die wir hier erzählt bekommen, nicht die Auferstehung selbst. Ein Engel, aber nicht irgendein Engel, sondern der Engel des Herrn übernimmt die Regie. Er wälzt den Stein vom Grab und setzt sich auf diesen Stein. Seine Gestalt ist wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.  Dieses Gewand erinnert an die Verklärungserzählung. Auch da heißt es: „Seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“(17, 2) Beide Male λευκός -„leuchtend, glänzend“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 470) Ein Glanz zum Fürchten. So ist es kein Wunder, dass die Wachen in Ohnmacht fallen – nicht aber die Frauen.

Wie tot werden die Wachen. Sie bekommen nichts mit als den Einbruch aus der himmlischen Welt. Sie sind als Zeugen untauglich. Sie machen eine numinose, erschreckende, unheimliche Erfahrung. Aber sie werden nicht fähig sein, sie zu deuten. Man kann Engel erleben und doch nichts mit ihnen anfangen können.

Es ist nicht das Wissen der Wächter, es ist das Glaubenswissen der christlichen Gemeinde: „Alles erinnert an die Zeichen, die sonst für das Kommen des Herrn und beim Anbruch des Gottesreiches erwartet werden.“(E. Schweizer, aaO.  S. 343) 

 5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten.

            Der Engel öffnet den Frauen den Weg aus der Furcht. Fürchtet euch nicht! Und öffnet ihnen so einen Weg zum Verstehen. Die Botschaft der Auferstehung ist Engel-Botschaft von Anfang an. Nicht Erfahrungssatz der Frauen: Auf jedes Stirb folgt ein Werde!

Es ist eine kaum merkliche Korrektur in den Worten des Engels: Ihr sucht Jesus den Gekreuzigten! Ihr werdet ihn nicht finden, nicht hier. Er ist auferstanden. γρθη, eine Passiv-Form vonγερω ist genauer zu übersetzen: Er ist auferweckt worden. Im Passiv wird das Handeln Gottes angezeigt. Er ist es, der Jesus nicht im Tod, nicht unter den Toten lässt. Geschehen ist also, was Jesus angesagt hatte, wie er gesagt hat Das heißt doch, weit über die knappe Botschaft des Engels hinaus auch: alle seine Worte sind zuverlässig, tragfähig. Auch die anderen, die in Gleichnissen und Verheißungen. „Nach Galiläa“ weiterlesen

Ein ehrendes Gedächtnis

Matthäus 27, 57 – 66

 57 Am Abend aber kam ein reicher Mann aus Arimathäa, der hieß Josef und war auch ein Jünger Jesu. 58 Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man sollte ihm ihn geben.

Am Abend taucht wieder ein Jünger auf. Keiner von den Zwölfen, die mit Jesus unterwegs waren. Aber doch ein Jünger. „Der einzige Jünger, der, da Jesus stirbt, sich zu ihm hält, ist der sonst ganz unbekannte Joseph von Arimathäa.“(J. Schniewind, aaO.  S. 272) Er ist reich. Vielleicht hat er die Jesus-Bewegung aus dem Hintergrund unauffällig unterstützt?  Dieser reiche Mann geht zu Pilatus und erbittet den Leichnam Jesu. Damit macht er sich erkennbar als Sympathisant des Hingerichteten. Das ist kein  ganz risikoloser Schritt. Aber seine Bitte wird ohne weiteres Nachfragen durch Pilatus gewährt. Für ihn ist die Akte Jesus geschlossen.

59 Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch 60 und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon. 61 Es waren aber dort Maria von Magdala und die andere Maria; die saßen dem Grab gegenüber.

            Josef ordnet das Begräbnis Jesu. Der Leichnam wird vom Kreuz abgenommen, in ein sauberes Tuch gehüllt und in ein Grab gelegt, das dem Josef gehört. Es ist ein neues Grab, noch nicht mit anderen Leichen belegt. In Felsen gehauen und durch einen großen Rollstein gesichert. An einer näheren Bestimmung des Grabortes hat Matthäus, wohl wie die Gemeinde der Christen der ersten Jahrhunderte insgesamt, kein Interesse. Nur so viel: „Die Bestattung dient als sinnfälliger Beweis für den wirklichen Tod Jesu.“(H.-G. Gradl, Das (leere) Grab, in: Welt und Umwelt der Bibel, Stuttgart 1/2019, S. 11) Mehr nicht. Es bleibt der Frömmigkeits-Geschichte späterer Generationen vorbehalten, den Ort des Grabes genau bestimmen zu wollen. Für die ersten Christen ist das Grab Jesu nur eine Zwischenstation. Darum auch geht Josef nach getaner Arbeit einfach davon.

Die Frauen aber, Maria von Magdala und die andere Maria, verweilen noch gegenüber diesem Grab. Wie lange, bleibt unklar.

Um das Tuch, σινδών, in das Jesu Leichnam eingehüllt wurde, hat sich in der Folge des „Turiner Grabtuches“ eine riesige Diskussion, eine eigene Wissenschaftsdisziplin, „Sindonologie“ = Lehre vom Tuch, entwickelt. Den einen ist das Grabtuch ein Beweis für die Auferstehung Jesu. Anderen bedeutet es nur den Hinweis: In dieses Tuch war jemand eingehüllt. Und den Dritten sagt es gar nichts. Ich lese, zustimmend: „Als Exeget kann ich nur – zu meiner eigenen Erleichterung – feststellen, dass ich vom NT her  zu dieser Disziplin nichts beizutragen habe.“(U. Luz, aaO. , S. 80) Ich als Pfarrer in Ruhe auch nicht.  „Ein ehrendes Gedächtnis“ weiterlesen