Ein Rüpel aus dem Rüpel-Lehrbuch

  1. Samuel 25, 1 – 17

 1 Und Samuel starb, und ganz Israel versammelte sich und hielt ihm die Totenklage. Und sie begruben ihn in seinem Hause zu Rama. David aber machte sich auf und zog hinab in die Wüste Paran.

             Es ist Chronisten-Pflicht: Samuel starb. Der alte, unheimliche Mann wird von ganz Israel in Rama  mit der Totenklage geehrt. Es ist ein auffällig dürrer Satz, dem geschuldet, das Samuel schon längst keine Rolle mehr für den Weg des Königtums, für den Weg Israels spielt. Aber immerhin: Zu seiner Totenklage sammelt sich noch einmal ganz Israels, das in Wahrheit doch so zerrissen ist, hin und her zwischen dem amtierenden König Saul und dem gesuchten Terroristen David, von dem manche ahnen: der ist der kommende Mann.   

             David wird wohl kaum in Rama sein, obwohl Samuels Tod  für ihn ein großer Verlust sein muss: „In jedem Fall ist damit eine Wurzel ausgerissen, die David im Erdreich Israels hatte.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965,, S. 161) Einer, der nicht auf Seiten Sauls stand und deshalb Vermittler hätte sein können.

Nicht Rama – die Wüste Paran, tief im Süden des Landes. „Grenzgebiet zwischen dem Kulturland und der Wüste im Süden Palästinas, ein Gebiet, in dem noch Weidewirtschaft mit Schaf- und Ziegenherden betrieben werden kann, das aber im Ganzen sehr unwirtlich und menschenarm und daher auch schwer zu kontrollieren ist. Deshalb hielten sich hier seit jeher Personen auf, die verschuldet waren, Straftaten begangen oder sich sonstwie irgendwie missliebig gemacht  hatten, um sich einer Strafverfolgung oder Nachstellungen und Anschlägen zu entziehen.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 71) In diese Landschaft passen David und seine Männer!

 2 Und es war ein Mann in Maon, der hatte sein Gut in Karmel, und der Mann hatte sehr großes Vermögen und besaß dreitausend Schafe und tausend Ziegen. Und es begab sich, dass er eben seine Schafe schor in Karmel. 3 Der Mann hieß Nabal, seine Frau aber hieß Abigajil. Und sie war eine Frau von Verstand und schön von Angesicht, der Mann aber war hart und boshaft in seinem Tun und war ein Kalebiter.

             In jeder Landschaft gibt es Leute, die das Sagen haben. So auch hier. Hier hat Nabal das Sagen. Er ist ein reicher Mann, ein einflussreicher Mann auch. Sein Name freilich ist keine Schmeichelei. Sein Name bedeutet „Tor“ – vielleicht auch nur „Dummerchen.(H. W. Hertzberg, aaO. S. 164) Ob es sein wirklicher Name oder nur ein Spitzname ist, steht dahin, ist auch nicht wirklich von Bedeutung.

Hervorgehoben wird allerdings der Kontrast zwischen ihm und seiner Frau.  Abigail wird regelrecht gerühmt: Sie hat Verstand, sie ist schön. Ist das ein Zeichen der patriarchalischen Denkweise, dass es so ausdrücklich hervorgehoben wird, dass sie eine Frau von Verstand ist. Es kann  auch sein, dass hier alte Denkmuster ausdrücklich in Frage gestellt werden. Jedenfalls ist der Unterschied scharf herausgestellt: „Nabal dagegen muss ein rücksichtloser, brutaler und ichsüchtiger Polterer gewesen sein.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 261) Einer der nach der Devise zu leben versucht: Nabal first!

 4 Als nun David in der Wüste hörte, dass Nabal seine Schafe schor, 5 sandte er zehn Männer aus und sprach zu ihnen: Geht hinauf nach Karmel, und wenn ihr zu Nabal kommt, so grüßt ihn freundlich in meinem Namen 6 und sprecht: Glück zu! Friede sei mit dir und deinem Hause und mit allem, was du hast! 7 Ich habe gehört, dass du Schafschur hast. Nun, deine Hirten sind mit uns zusammen gewesen; wir haben ihnen nichts zuleide getan und sie haben nichts vermisst, solange sie in Karmel gewesen sind. 8 Frage deine Leute danach, die werden’s dir sagen. Und lass meine Männer Gnade finden vor deinen Augen, denn wir sind an einem Festtag gekommen. Gib deinen Knechten und deinem Sohn David, was du zur Hand hast.

             Es ist die Zeit der Schafschur. Eine Zeit im Arbeitsjahr, die auf der einen Seite anstrengend und arbeitsintensiv ist, aber auch eine Zeit des Festes. „Bei solcher Gelegenheit sollte auch für den unmittelbaren Nachbarn etwas abfallen.“(H. W. Hertzberg, ebda.) So sendet David seine jungen Leute zu Nabal, um daran erinnern: Es gibt eine gute Zusammenarbeit, ein gutes Miteinander. Die Männer Davids haben dazu beigetragen, dass die Herden im Karmel-Gebiet keine Verluste erlitten haben.

Man kann sehr unterschiedlich lesen: es mag einfach eine freundlich Erinnerung sein – wir sind für deine Leute da gewesen. Es kann aber auch fast etwas von einer Schutzgelderpressung an sich haben: Vergiss nicht, dass du uns auch verpflichtet bist. Manus manum lavat – eine Hand wäscht die andere. Man kann so lesen: „David hat das angestammte Recht, eine Art Schutzzoll zu erhalten.“ (M. Holland, aaO. S. 264) Wobei er es großzügig Nabal überlässt, darüber zu entscheiden, was er für ein in der Höhe angemessenes „Geschenk“ hält. Er bittet ihn nur, zu geben, was du zur Hand hast. Ich übersetze: Mach keine große Geschichte daraus.

 9 Und als die Männer Davids hinkamen und in Davids Namen alle diese Worte mit Nabal redeten und ruhig warteten, 10 da antwortete Nabal den Knechten Davids: Wer ist David? Und wer ist der Sohn Isais? Es gibt jetzt viele Knechte, die ihren Herren davongelaufen sind. 11 Sollte ich mein Brot und mein Wasser nehmen und mein Fleisch, das ich für meine Scherer geschlachtet habe, und Leuten geben, von denen ich nicht weiß, wo sie her sind? 12 Da wandten sich die Männer Davids um und gingen ihres Weges.

             Die Männer Davids erleben, erleiden eine beleidigende Abfuhr. Nabal will nichts geben. Aber so, wie er sich verweigert, zeigt er nichts als Verachtung für David und seine Männer: Wer ist David? Irgendein hergelaufener Kerl, ein entlaufener Knecht. Aufmerksame Leser*innen haben es noch im Ohr: David hat sich Saul gegenüber als „toten Hund, einzelnen Floh“(24,15) bezeichnet. Aber es ist eine Sache, sich selbst so gering zu sehen und eine andere, gering geachtet und geringschätzig behandelt zu werden!

 Und als sie zu ihm zurückkamen, sagten sie ihm das alles. 13 Da sprach David zu seinen Männern: Gürte sich ein jeder sein Schwert um! Und jeder gürtete sich sein Schwert um, und auch David gürtete sich sein Schwert um, und etwa vierhundert Mann zogen ihm nach, aber zweihundert blieben bei dem Tross.

Die Männer kehren mit dieser Botschaft zurück. Sie informieren David: Nabal will nicht. Sagen sie ihm, was er über David so alles gesagt hat? Kein Kommentar aus dem Mund Davids zu dem, was er hört. Nur so viel: David gibt sofort den Befehl zum Aufbruch und etwa vierhundert Mann – machen sich auf den Weg.   

14 Aber der Abigajil, Nabals Frau, sagte es einer von den Leuten und sprach: Siehe, David hat Boten gesandt aus der Wüste, unsern Herrn zu grüßen, er aber hat sie angeschrien. 15 Aber die Männer sind uns doch sehr nützlich gewesen und haben uns nichts zuleide getan, und wir haben nichts vermisst, solange wir mit ihnen umherzogen, wenn wir auf dem Felde waren, 16 sondern sie sind wie eine Mauer um uns gewesen Tag und Nacht, solange wir die Schafe bei ihnen gehütet haben

Szenenwechsel. Umschnitt auf das Hofgelände des Nabal. Zu seiner Frau. Abigail. Auch sie wird informiert, einer der Männer spricht zu ihr- über die Grüße Davids, über seine Bitte  und wie Nabal Davids Leute behandelt hat. Er hat sie angeschrien, angebrüllt. Weggejagt. Dabei – jetzt werden Nabals Leute deutlich – diese Männer haben uns unterstützt. Sie waren ehrlich zu uns, sie haben sich nie an unseren Herden „bedient.“ Mehr noch: sie sind wie eine Mauer um uns gewesen Tag und Nacht. Das schließt wohl mit ein: Sie haben uns wehrhaft andere Gefahren vom Leib gehalten. Wie muss da das Verhalten Nabals bei solchen Leuten ankommen?

 . 17 So bedenke nun und sieh zu, was du tust; denn es ist gewiss ein Unheil beschlossen über unsern Herrn und über sein ganzes Haus. Er aber ist ein heilloser Mensch, dem niemand etwas zu sagen wagt.

             „Wenn ein junger Mann seiner Chefin über ihren Ehemann so etwas – damals – ungestraft zu sagen wagt, ist es schon weit gekommen.“ (M. Holland, aaO. S. 262) Er nennt ihn Nichtsnutz, eine heillosen Menschen, einen Tyrannen, einen, der uns alle in Gefahr bringt.  Er rechnet mit einer Strafaktion Davids. Offensichtlich aber setzt dieser Mann zugleich darauf, dass Abigail tatkräftig ist und sich nicht einfach in das Schicksal ergeben wird, das droht.

Heiliger Gott, wie leicht vergreift man sich im Ton. Wie leicht kränkt einer den anderen. Wir rasch ist es geschehen, dass aus einer harmlosen Situation Gefahr erwächst, dass Feindschaft entsteht, dass Kränkungen zugefügt werden.

Unbedachte Worte schlagen Wunden. Unbeherrschte Worte verletzen, reißen die Brücken zueinander ein, lassen den Kontakt abbrechen. Und plötzlich stehen sich Gruppen feindlich gegenüber, wenden sich Menschen voneinander ab, gib es nur noch „die da“ und uns – und das Recht ist immer auf unserer Seite.

Heiliger Gott, mache mich empfindlich dafür zu spüren, wo ich andere kränke, wo ich maßlos bin in meinem Zorn, wo meine Wortwahl ausschließt, wo sie nicht Wege zueinander offen hält.

Gib, dass ich in meinen Worten den Weg der Versöhnung offen halte und ihn dann auch in meinem Tun zu gehen suche. Amen