Modellfall Feindes-Liebe

  1. Samuel 24, 1 – 23

 1 Und David zog von dort hinauf und blieb in den Bergfesten bei En-Gedi. 2 Als nun Saul zurückkam von der Verfolgung der Philister, wurde ihm gesagt: Siehe, David ist in der Wüste En-Gedi. 3 Und Saul nahm dreitausend auserlesene Männer aus ganz Israel und zog hin, David samt seinen Männern zu suchen bei den Steinbockfelsen.

             David bleibt in der Gegend, die „ihm als Hirte im weiteren Umfeld von Bethlehem (bis En-Gedi ca 22 km Luftlinie!)vertraut ist.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 252) Vielleicht bleibt er auch, weil er hier genügend Möglichkeiten hat, sich in Höhlen und Seitentälern zu verbergen. Das Gelände um die Oase in der Mitte des Ostabhangs zum Toten Meer ist eine Bergwüste, unzugängliches, unübersichtliches Gebiet.  Ideal, um sich zu Verstecken.

Es wird nicht erzählt, aber Saul hat wohl die Philister zurückgeschlagen. Und so seine Autorität gestärkt. Jetzt hat er die Kraft, neu Männer zu sammeln und ruft dreitausend auserlesene Männer aus ganz Israel, um die Jagd auf David zu Ende zu ringen. Sie suchen ihn bei den Steinbockfelsen, in der Nähe der Oase En-Gedi.

 4 Und als er kam zu den Schafhürden am Wege, war dort eine Höhle, und Saul ging hinein, um seine Füße zu decken. David aber und seine Männer saßen hinten in der Höhle.

             „An Höhlen ist in der Wüste Juda kein Mangel; darunter sind solche, die gleichsam in Abschnitten verlaufen, wobei an den Eingangsrum sich weitere Höhlen, oft durch halbverschüttete Gänge verbunden, anschließen“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 158) So eine Höhle, die in der Nähe von Schafherden liegt, sucht Saul auf – um sich zu erleichtern, seine Notdurft zu verrichten – seine Füße zu decken. Das ist eine Situation, in der auch starke Männer eher hilflos sind – mit heruntergelassener Hose ist man ziemlich ausgeliefert.

  5 Da sprachen die Männer Davids zu ihm: Siehe, das ist der Tag, von dem der HERR zu dir gesagt hat: Siehe, ich will deinen Feind in deine Hand geben, dass du mit ihm tust, was dir gefällt. Und David stand auf und schnitt leise einen Zipfel vom Rock Sauls.

             Die Männer Davids sagen: ein Geschenk des Himmels. Mehr noch, sie sehen in der augenblicklichen Hilflosigkeit des Saul das handeln Gottes – er hat es ja gesagt: ich will deinen Feind in deine Hand geben. Gott hält in diesem Moment sein Versprechen. Es ist an David, dass er seine Chance nützt, die man nicht vorübergehen lassen darf. Hierzu zögern wäre Misstrauen gegen Gott!

Und David? Er sieht, was möglich ist, greift nach einem Messer – seinem Männer werden denken: Jetzt! – und schneidet behutsam einen leise einen Zipfel vom Rock Sauls ab. Mehr nicht – nur ein Stück Tuch.

  6 Aber danach schlug ihm sein Herz, dass er den Zipfel vom Rock Sauls abgeschnitten hatte, 7 und er sprach zu seinen Männern: Das lasse der HERR ferne von mir sein, dass ich das tun sollte und meine Hand legen an meinen Herrn, den Gesalbten des HERRN; denn er ist der Gesalbte des HERRN. 8 Und David wies seine Männer mit diesen Worten von sich und ließ sie sich nicht an Saul vergreifen.

             Selbst das aber lässt ihn nachträglich erbeben. Wegen der Gefahr, in die er sich begeben hatte? Was wäre denn, wenn Saul ihn bemerkt und seine Männer herbei gerufen hätte? Es ist wohl nicht diese glücklich überstanden Gefahr, die ihm das Herz schlagen lässt.  Es schlägt ihm, „weil er sich an des Königs Kleid vergriffen hat. Die Kleidung gehört nach damaligem Verständnis zur Person. Wer sich an ihr vergreift, vergreift sich an ihrem Besitzer.“ (M. Holland, aaO. S. 253) So ganz fremd sind uns solche Gedanken auch nicht. Wer einer ist, wie man ihn einzuschätzen hat, zeigt sich auch an seinen Outfit. „Kleider machen Leute“  so lehrt es Wilhelm Hauff in seiner Erzählung “Der Affe als Mensch.”

Das aber weiß David: Hand anlegen an den Gesalbten des HERRN  ist eine absoluten Grenzüberschreitung. Saul ist und bleibt der Gesalbte des HERRN. Darum ist er sakrosankt, unberührbar, unverletzbar. Man darf so jemand nicht einfach umbringen. Darum hat David nicht zugestochen und darum verwehrt er auch seinen Männern, hier kurzen Prozess mit dem wehrlosen Saul zu machen.

Es gibt Grenzen. Sie gelten auch, wenn es scheinbar so vernünftig erscheint, sie einfach zu ignorieren. Es ist eines der Kennzeichen unserer Zeit, dass es diesen letzten Respekt vor diesen Grenzen immer weniger zu geben scheint. Da sind keine Beißhemmungen mehr in Gesprächen. Da wird diffamiert, beschuldigt, mit Fake News Dreck geschleudert. Menschen werden an den Pranger des Internets gestellt in den angeblich Sozialen Medien, die sich so oft genug als Tummelplatz asozialer Attacken erweisen. Wenn es der Quote dient, wenn es Stimmen bringt, Klicks generiert – dann scheint alle erlaubt. David wäre, so scheint es mir, in unserer Zeit mit seinem Verhalten ein ziemlich seltsamer Typ.

 Als aber Saul sich aufmachte aus der Höhle und seines Weges ging, 9 machte sich danach auch David auf und ging aus der Höhle und rief Saul nach und sprach: Mein Herr und König! Saul sah sich um. Und David neigte sein Antlitz zur Erde und fiel nieder

             Saul kann die Höhle unbehelligt verlassen. Als er wieder auf dem Weg ist, geht auch David aus der Höhle und ruft Saul an. Mein Herr und König! Das sind nicht die Worte eines vom Ehrgeiz zerfressenen Menschen. Es ist die Huldigung, die den König als König ehrt. Das also  bekommt Saul zu sehen: Seinen Feldhauptmann, den er für seinen Feind hält, der sich vor ihm niederwirft, ihm huldigt. Auch als einer, der selbst verfolgt wird, erweist David so seine Loyalität dem gegenüber, der ihn verfolgt.

 10 Und David sprach zu Saul: Warum hörst du auf das Reden der Menschen, die da sagen: David sucht dein Unglück? 11 Siehe, heute haben deine Augen gesehen, dass dich der HERR heute in meine Hand gegeben hat in der Höhle, und man hat mir gesagt, dass ich dich töten sollte. Aber ich habe dich verschont; denn ich dachte: Ich will meine Hand nicht an meinen Herrn legen; denn er ist der Gesalbte des HERRN. 12 Mein Vater, sieh doch hier den Zipfel deines Rocks in meiner Hand! Dass ich den Zipfel von deinem Rock schnitt und dich nicht tötete, daran erkenne und sieh, dass nichts Böses in meiner Hand ist und kein Vergehen. Ich habe mich nicht an dir versündigt; aber du jagst mir nach, um mir das Leben zu nehmen.

     Es folgen bewegende Worte: David sagt Saul, zeigt ihm, in welcher Gefahr er sich befunden hat. Seine Männer haben ihn gedrängt, ihn zu töten. Er zeigt ihm den Rockzipfel, damit Saul versteht, dass David die Wahrheit sagt. Er zeigt mit diesem Fetzen Tuch, „dass er den in der Salbung betätigten Gotteswillen als höchste Norm geachtet hat.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 159) Der König ist ihm heilig, unverletzlich. Und es klingt wie Eine Bitte: Sieh doch, dass ich dir nichts Böses will. Stelle doch deine Feindschaft gegen mich ein.

13 Der HERR wird Richter sein zwischen mir und dir und mich an dir rächen, aber meine Hand soll nicht gegen dich sein; 14 wie man sagt nach dem alten Sprichwort: Von Frevlern kommt Frevel; aber meine Hand soll nicht gegen dich sein. 15 Wem zieht der König von Israel nach? Wem jagst du nach? Einem toten Hund, einem einzelnen Floh! 16 Der HERR sei Richter und richte zwischen mir und dir und sehe darein und führe meine Sache, dass er mir Recht schaffe und mich rette aus deiner Hand!

           Noch einmal die Zusicherung von David: Du König hast von mir nichts zu befürchten. Und wie um das zu unterstreichen, macht er sich kleiner als er ist  Ein toter Hund, ein Floh. Mehr ist er nicht gemessen an Sauls Größe. Aber ganz so klein ist David auch nicht – gleich zweimal ruft er den HERRN zum Richter auf. So wie Der Herr das Bindeglied zwischen David und Jonathan ist, so ist er auch Richter zwischen David und Saul. Es wird sich zeigen, dessen ist David sich sicher: meine Sache ist Recht. 

 17 Als nun David diese Worte zu Saul geredet hatte, sprach Saul: Ist das nicht deine Stimme, mein Sohn David? Und Saul erhob seine Stimme und weinte 18 und sprach zu David: Du bist gerechter als ich, du hast mir Gutes erwiesen; ich aber habe dir Böses erwiesen. 19 Und du hast mir heute gezeigt, wie du Gutes an mir getan hast, als mich der HERR in deine Hand gegeben hatte und du mich doch nicht getötet hast. 20 Wo ist jemand, der seinen Feind findet und lässt ihn im Guten seinen Weg gehen? Der HERR vergelte dir Gutes für das, was du heute an mir getan hast! 21 Nun siehe, ich weiß, dass du König werden wirst und das Königtum über Israel in deiner Hand Bestand haben wird. 22 So schwöre mir nun bei dem HERRN, dass du mein Geschlecht nach mir nicht ausrotten und meinen Namen nicht austilgen wirst aus meines Vaters Hause.

             Sieht Saul schlecht? Hört Saul schlecht? Oder ist er nur erschüttert, weil ihm plötzlich seine Situation aufgeht? „Wie wir es von manchem Man mit viel Verantwortung wissen, zerbricht in einer besonderen Situation seine äußere Hülle, die Schwäche verbergen muss und Gefühle nicht zeigen darf.“ (M. Holland, aaO. S. 254)Es ist, als würde der König, der so seinen Gefühlen ausgeliefert ist, jetzt plötzlich die Wahrheit erkennen und sich ihr auch stellen können.  Der Wahrheit, dass David sein Nachfolger werden wird. Der Wahrheit, dass er verschont worden ist.

Wie anders hat sich David verhalten als er ihn verschont hat. Es wäre normal gewesen, ihn, den Feind zu töten. Es wäre normal gewesen, die Chance zu nutzen, den zu beseitigen, der ihm übel will. Aber David hat sich gegen diese Normalität entschieden. In den Fragen Sauls wird noch einmal diese völlige Abweichung Davids vom menschlich so naheliegenden Verhaltensmuster hervorgehoben.

Nur eines bleibt Saul noch – darum zu bitten, dass David nicht in Zukunft seine Königsmacht gebrauchen wird, um das Geschlecht Sauls auszurotten, seinen Namen nicht auszustreichen ans den Geschlechtsregistern Israels.

Das ist Großmut, die nicht jeder aufbringen wird – es gibt die damnatio memoriae – die Streichung aus dem Gedächtnis des Volkes, verweigerte Erinnerung. In Israel und anderswo. Bis heute. Manchmal erscheint sie wie ein Akt der Selbstreinigung – wir wollen nichts mehr wissen von denen, die so waren. Sie sind nur ein „Vogelschiss“(Gauland), sie zählen nicht.

23 Und David schwor es Saul. Da zog Saul heim. David aber mit seinen Männern zog hinauf auf die Bergfeste.

         David schwört – und er wird diesen Schwur halten. Das wird sich zeigen an seinem Umgang mit Mefi-Boschet, dem lahmen Sohn Jonathans( 2. Samuel 9) Saul kehrt nach Gibea zurück. David zieht sich zurück auf die Bergfeste, in die Wüste.

 Ein Gedanke geht mir nach: David schont den, der ihm feindlich gesonnen ist. Seinen Feind Saul. Er weigert sich mit ihm so umzugehen, wie man mit einen Feind umzugehen pflegt. So kann es sein, dass der Davidssohn Jesus diese Geschichte kennt und sie im Gedächtnis hat, wenn er seine Jünger und seine Anhänger lehrt. „ Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. … Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. (Matthäus 5, 43-45.48)  David macht es vor, wie man mit dem umgehen kann, der nicht fair mit einem selbst ist.

 

Heiliger Gott, Du gehst mit Deiner Liebe bis zum Äußersten. Du gehst uns entgegen, Deinen Menschen, die sich so oft Dir verweigern. Du lässt uns nicht los, überlässt uns nicht unseren selbstgewählten Wegen, unserem Schicksal.

Du suchst uns, rufst uns an, hoffst auf eine Wende zum Guten  durch Deine Geduld mit uns. Gib, dass wir Dein Rufen hören, und wirklich umkehren zu Dir. Lehre Du uns, Deine barmherzigen Geduld uns gefallen zu lassen und sie anderen zuzuwenden, auch denen, mit denen wir es schwer haben. Amen