Gott befragen – Gott zusagen

  1. Samuel 23, 1 – 18

1 Und es wurde David angesagt: Siehe, die Philister kämpfen gegen Keïla und berauben die Tennen. 2 Da befragte David den HERRN und sprach: Soll ich hinziehen und diese Philister schlagen? Und der HERR sprach zu David: Zieh hin, schlage die Philister und errette Keïla! 3 Aber die Männer Davids sprachen zu ihm: Siehe, wir fürchten uns schon hier in Juda und wollen nun hinziehen nach Keïla gegen die Schlachtreihen der Philister? 4 Da befragte David wieder den HERRN, und der HERR antwortete ihm und sprach: Auf, zieh hinab nach Keïla, denn ich will die Philister in deine Hand geben!

             Wo erreichen David diese Nachrichten? Ist er immer noch in Jaar-Heret. vielleicht ist die Frage auch überflüssig. Wichtig ist nur: wo immer David auch sein mag, es erreicht ihn die Not seines Volkes. Hier die Not der Einwohner von  Keïla, hebräisch eʽȋ„Kegila ist dem Druck der Philister ausgesetzt, der eigentlichen Herren im Hügelland.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 153) In der Schefola.

Es klingt gar nicht so sehr nach einem Hilferuf der Bedrängten, sondern eher nach einer Information durch Beobachter, vielleicht Nachbarn aus dem Hügelland. Wenn die Tennen geplündert werden, droht Hunger, weil die Vorräte verloren gehen und die Aussaat für das nächste Jahr bedroht ist David weiß sich, so informiert, in Anspruch genommen. Auch wenn er keine Königskrone trägt, ist bereit, die Aufgabe des König in Israel wahrzunehmen, so zu handeln als o er dazu beauftragt wäre.

Um diese Beauftragung geht es folgerichtig auch, wenn David Gott befragt. „Wahrscheinlich befragt David Gott durch einen Propheten.““ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 244) Vielleicht aber auch durch den Priester Abjatar, von dem die Leser*innen ja wissen, dass er bei David seine Zuflucht gefunden hat.(22,23) Dieses Befragen ist die Suche nach einem Orakelspruch. Einer Wegweisung.

 Der  Orakelspruch des HERRN(!) gibt grünes Licht für die Hilfsaktion, nur die Männer Davids zögern. sie fühlen sich nicht stark genug, sind sie doch in Juda schon nur ein kleiner Haufen. wie viel weniger werden sie den Philistern gewachsen sein. Es ist eine realistische Sicht der Dinge. So wird die Befragung wiederholt und erneut ist es der HERR, der zum Kampf ermutigt. Es ist wie eine Bestätigung an David – weit über die aktuelle Frage hinaus. Er soll königlich über das Volk wachen, es schützen. Gott wird es gelingen lassen.

 5 So zog David mit seinen Männern nach Keïla und kämpfte gegen die Philister und trieb ihnen ihr Vieh weg und schlug sie hart. So errettete David die Leute von Keïla. 6 Als aber Abjatar, der Sohn Ahimelechs, zu David nach Keïla floh, brachte er den Efod mit sich herab.  

7 Da wurde Saul angesagt, dass David nach Keïla gekommen wäre, und Saul dachte: Gott hat ihn in meine Hand gegeben, denn er ist eingeschlossen, nun er in eine Stadt mit Toren und Riegeln gekommen ist. 8 Und Saul ließ das ganze Kriegsvolk aufrufen, zum Kampf hinabzuziehen nach Keïla, dass sie David und seine Männer belagerten.

             Der Feldzug gelingt – erst verlieren die Philister ihr Vieh – gleich, ob es Beutetiere sind oder Last-Tiere, mit denen sie ihre Beute transportieren wollten – dann verlieren sie auch die Schlacht. David schlägt sie hart – es ist ein großer Sieg.

Auf den ersten Eindruck wirkt es wie ein Nachtrag, eine Rückblende, die erklären soll, wie es kommt, dass das Efod bei David im Lager ist. „Richter 17,5; 18, 14 – 20 legen nahe, dass es sich beim Efod um ein priesterliches Gerät handelt. In 1.Sam. 30,7 dient ein Efod zur Einholung eines Orakels.“(Sach-und Wörterklärungen Lutherbibel 2017, S. 327) Zusammen mit den Efod ist auch Abjatar vor Ort.

Nüchtern geht es weiter; Saul erfährt, was geschehen ist, auch, dass David in der Stadt ist, einer Stadt, die man dicht machen kann, Tore und Riegel können verschlossen werden. Es scheint, Saul setzt darauf, dass die Leute von Keïla sich nicht für ihre Retter gegen den König Israels engagieren werden. Vor allem aber setzt er darauf: Gott hat ihn in meine Hand gegeben. Gott kann auch einen wie David verwerfen. So also will Saul eine Belagerung des Orts starten und sammelt dafür das ganze Kriegsvolk.

 9 Als aber David merkte, dass Saul Böses gegen ihn im Sinne hatte, sprach er zu dem Priester Abjatar: Bringe den Efod her! 10 Und David sprach: HERR, Gott Israels, dein Knecht hat gehört, dass Saul danach trachtet, nach Keïla zu ziehen, die Stadt zu verderben um meinetwillen. 11 Werden mich die Bürger von Keïla ihm überantworten? Und wird Saul herabkommen, wie dein Knecht gehört hat? Das verkünde, HERR, Gott Israels, deinem Knecht! Und der HERR sprach: Er wird herabkommen. 12 David fragte weiter: Werden die Bürger von Keïla mich und meine Männer Saul überantworten? Der HERR sprach: Ja. 13 Da machte sich David auf samt seinen Männern, etwa sechshundert, und sie zogen fort von Keïla und streiften da und dort umher.

             Der Plan Sauls kommt irgendwie David zu Ohren. Gibt es im Umfeld Sauls Informanten die David auf dem Laufenden halten? Vielleicht ahnt er auch nur, was werden könnte, weil die Stadt nicht allzu weit weg von Gibea liegt. Zum dritten Mal in kurzer Zeit wird der Herr befragt, diesmal unter Einsatz des Efod. Wie man sich das denken muss, bleibt unklar. Bemerkenswert: Es sind klare, eindeutige Fragen, die David stellt. Nicht irgendwie nach allen Seiten interpretierbar; klare Fragen, die auf klare Antworten setzte.

Bemerkenswert auch: es ist immer David, der die Fragen formuliert, nicht der Priester. Und es ist auch immer David, der die Antwort des HERRN erhält, direkt, nicht durch den Priester vermittelt. Ob man diese Befragungen „innige Gespräche zu Gott“ (M. Holland, aaO. S. 246)nennen soll, scheint mir fragwürdig. Weil diese Wendung stärker Frömmigkeits-Geschichte der Neuzeit spielgelt als die Zeit der Könige Israels. .

             Die Antwort des Orakels ist ernüchternd: Saul wird kommen. Und die Leute von Kegila werden sich nicht scheuen, David und seine Leute auszuliefern. Sie im Stich zu lassen. Es wäre sträfliche Leichtsinn, auf ihre Loyalität zu hoffen. So Räumt David mit seiner auf sechshundert Mann gewachsenen Truppe die Stadt. Es beginnt ein unstetes Leben – Streifzüge hierhin und dorthin.

 Als nun Saul angesagt wurde, dass David aus Keïla entronnen war, stand er ab von seinem Zuge.

             Saul wird informiert und bläst die ganze Unternehmung ab. Warum nach Kegila ziehen, wenn David dort nicht mehr zu fassen ist.

 14 David aber blieb in der Wüste auf den Bergfesten; er blieb im Gebirge in der Wüste Sif. Und Saul suchte ihn die ganze Zeit; aber Gott gab ihn nicht in seine Hand. 15 Und als David sah, dass Saul ausgezogen war, um ihm nach dem Leben zu trachten, blieb er in der Wüste Sif in Horescha.

             David hat Rückzugsorte gefunden – Bergfesten in der Wüste Sif. Dort sucht ihn Saul, findet ihn jedoch nicht. Dass diese Suche vergeblich bleibt, hat einen tiefer liegenden Grund: Gott gab ihn nicht in seine Hand. Der Gesalbte – David – steht unter den Schutz Gottes, der ihn schützt vor den Suchen des Gesalbten – Saul. Es ist kein ruhiges Leben, das David mit seinen Männern führen kann. Sie bewegen sich in einem Gebiet, nahe am dem Gebirgs-Abfall zum Toten Meer hin, auf der Wasserscheide, am Rand er Weidelandschaften. Wüste und Gebirge  „zeigen, wie gehetzt und gedrängt sich das Leben Davids und seiner Männer gestaltet…. Es ist ein richtige Treibjagd, der sich David ausgesetzt sieht.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S 156)         

16 Da machte sich Jonatan, Sauls Sohn, auf und ging hin zu David nach Horescha und stärkte sein Vertrauen auf Gott 17 und sprach zu ihm: Fürchte dich nicht! Sauls, meines Vaters, Hand wird dich nicht finden, und du wirst König werden über Israel, und ich werde der Zweite nach dir sein; das weiß auch Saul, mein Vater. 18 Und sie schlossen beide einen Bund miteinander vor dem HERRN. David blieb in Horescha, aber Jonatan zog wieder heim.

             Was für ein Lichtblick in solchen unruhigen Zeiten. Jonathan, der vertraute Freund kommt zu David, ins Lager nach Horescha. Er ermutigt ihn, stärkt ihm den Rücken: Fürchte dich nicht! Mehr noch: er stärkte sein Vertrauen auf Gott.  Weiß Jonathan oder hofft er nur, wenn er sagt: meines Vaters, Hand wird dich nicht finden. Und es ist, als würde er die geheimsten Ängste seines Vater Saul kennen, wenn er sagt: du wirst König werden über Israel. Jonathan ist kein Prophet, nur ein Kriegsmann, nur ein Freund. Aber einer mit einem Weitblick, der von keinem Eigeninteresse oder dynastischem Denken getrübt ist.

Im Gesamt-Text des Buches aber sind diese Worte Jonathans als Selbst-Festlegung Gottes zu verstehen: „Saul mag verfolgen und David mag verfolgt werden; dass David gerettet bleibt, liegt im Ablauf der göttlichen Pläne fest.“(H. W. Hertzberg, ebda.) Es ist so beschlossen: David wird König über Israel werden.

Was mich beschäftigt:

Es ist das letzte Treffen der beiden Freunde. Wieder, wie zuvor schon immer, geht die Initiative dazu eindeutig von Jonathan aus: er macht sich auf, er sucht David auf. Was Saul nicht gelingt – Jonathan weiß den Freund zu finden. Darf man sagen; Freundschaft weiß besser zu suchen als der Hass? Man wird wohl auch zu verstehen haben: Auch der Bund, den sie hier in Horescha schließen ist kein Bund auf Augenhöhe. Jonathan schließt den Bundberīt – mit David. Auf die Inhalte des Bundes kann verzichtet werden – sie haben sich gegenüber dem letzten Treffen nicht verändert. Auch auf  die Schilderung von Emotionen kann, wie so häufig in biblischen Texten, verzichtet werden. Nicht einmal das wird vermerkt: Es wird kein Wiedersehen mehr geben.

Mein Gott, es ist wunderbar, wie du manchmal führst. Du ersparst uns nicht, nach Deinen Wegen zu suchen, Deinen Willen zu erfragen. Du ersparst es uns auch nicht, vernünftige Entscheidungen zu treffen, mit den menschlichen Unzulänglichkeiten umzugehen, den eigenen und denen der anderen.

Manchmal geht es gut aus und wir entgehen rechtzeitig der Gefahr. Manchmal aber auch werden wir Opfer von Versäumnissen, Fehleinschätzungen oder einfach auch von Schicksalsschlägen.

Schicke Du uns dann die, die uns stärken, uns helfen, am Glauben festzuhalten, uns Mut zusprechen, weil sie uns daran erinnern: Du bist unser Gott und Du bist uns gut. Amen