Immer noch vom Geschenk der Freundschaft

  1. Samuel 20, 24 – 21,1

24 David verbarg sich auf dem Felde. Und als der Neumond kam, setzte sich der König zu Tisch, um zu essen. 25 Und der König saß an seinem Platz, wie er gewohnt war, an der Wand, aber Jonatan stand auf; und Abner setzte sich an die Seite Sauls. Davids Platz aber war leer.

26 Und Saul sagte an diesem Tage nichts; denn er dachte: Es ist ihm etwas widerfahren, dass er nicht rein ist; ja, er ist nicht rein. 27 Des andern Tags aber nach dem Neumond, als Davids Platz leer blieb, sprach Saul zu seinem Sohn Jonatan: Warum ist der Sohn Isais nicht zu Tisch gekommen, weder gestern noch heute? 28 Jonatan antwortete Saul: Er bat mich sehr, dass er nach Bethlehem gehen dürfe, 29 und sprach: Lass mich hingehen, denn unser Geschlecht hat zu opfern in der Stadt, und mein Bruder hat mir’s selbst geboten. Hab ich nun Gnade vor deinen Augen gefunden, so will ich hinweg und meine Brüder sehen. Darum ist er nicht zum Tisch des Königs gekommen.

            Es ist, als würde die Zeit stehen bleiben. David ist in seinem Versteck. Jonathan bei dem Vater in Gibea. Am Königshof. Beim Essen am Neumond. Was unsereiner als bloße Zeitangabe liest, beinhaltet mehr. „Das Neumondfest war ein Feiertag, an dem man ein kultisches Mahl abhielt, dessen Teilnehmer auch kultisch rein sein mussten. Verunreinigend, und zwar für einen Tag, war beispielsweise sexueller Verkehr.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 67) So erklärt sich Saul das Fehlen Davids an der Tafel. Als er auch den nachfolgenden Tag fehlt, verlangt er Erklärungen von Jonathan, dessen Verbindung zu David er ja kennt. Und erhält eine, die auf den ersten Blick einleuchten könnte – ein Opfer im Kreis der Familie in Bethlehem.

 30 Da entbrannte der Zorn Sauls über Jonatan, und er sprach zu ihm: Du Sohn einer ehrlosen Mutter! Ich weiß sehr wohl, dass du den Sohn Isais erkoren hast, dir und der Blöße deiner Mutter zur Schande! 31 Denn solange der Sohn Isais lebt auf Erden, wirst du und auch dein Königtum nicht bestehen. So sende nun hin und lass ihn herholen zu mir, denn er ist ein Kind des Todes.

 Durchschaut Saul die Ausrede? Ahnt er, dass er hinters Licht geführt werden soll? Jedenfalls folgt einer seiner – inzwischen – berüchtigten Zornesausbrüche, diesmal gegen Jonathan gerichtet. „In einem unflätigen Zornesausbruch verflucht er den Sohn und dessen Mutter.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 141) Der ist von Anfang an, das steckt in diesem Ausbruch – „entartet“. Aus der Art geschlagen. Wie könnte er sonst sein Königtum so wegwerfen. Es folgt der strenge Befehl, David herbeizuschaffen – er ist ein Kind des Todes. Jetzt will Saul die Causa David endgültig zu Ende bringen. Das Spiel ist aus.

 32 Jonatan antwortete seinem Vater Saul und sprach zu ihm: Warum soll er sterben? Was hat er getan? 33 Da schleuderte Saul den Spieß nach ihm, ihn zu durchbohren. Da merkte Jonatan, dass es bei seinem Vater fest beschlossen war, David zu töten. 34 Und Jonatan stand vom Tisch auf in grimmigem Zorn und aß am zweiten Tage nach dem Neumond nichts; denn er war bekümmert um David und dass ihm sein Vater solchen Schimpf antat.

Das ist der Bruch zwischen Vater und Sohn. So sehr übermannt der Zorn den Vater, dass er den eigenen Sohn angreift, ihn töten will. Auch das wird man zu sehen haben: „Bis hin zur eigenen Gefährdung stellt sich Jonathan auf Davids Seite.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 142) Seine Freundschaft ist nicht nur so obenhin, sie geht tiefer als die Zuneigung zum Vater, tiefer als alle Hoffnung auf eigene persönliche Größe. Als er sieht, dass hier nicht nur Affekte am Werk sind, bleibt für Jonathan nur noch, dass er den Tisch verlässt. Das Tischtuch ist zerschnitten.

  35 Am Morgen ging Jonatan hinaus aufs Feld, wohin er David bestellt hatte, und ein Knabe mit ihm. 36 Und er sprach zu dem Knaben: Lauf und suche mir die Pfeile, die ich schieße! Und als der Knabe lief, schoss er einen Pfeil über ihn hin. 37 Und als der Knabe an den Ort kam, wohin Jonatan den Pfeil geschossen hatte, rief ihm Jonatan nach und sprach: Der Pfeil liegt hinwärts von dir. 38 Und Jonatan rief abermals dem Knaben nach: Rasch, eile und halte dich nicht auf! Da las Jonatans Knabe den Pfeil auf und brachte ihn zu seinem Herrn. 39 Der Knabe aber merkte nichts; allein Jonatan und David wussten um die Sache. 40 Da gab Jonatan seine Waffen dem Knaben, den er bei sich hatte, und sprach zu ihm: Geh und trage sie in die Stadt.

 Was bleibt, ist David über den Sachstand zu unterrichten. Es folgt die umständliche schwierige Pfeilaktion, die sie verabredet hatten. der Knabe sammelt die Pfeile auf und wird mit ihnen nach Hause geschickt, zurück in die Stadt. „Damit ist die Geschichte zu Ende und in ihrer Urform wird sie auch zu Ende gewesen sein. David ist unterrichtet und muss nun sein Versteck und die Nachbarschaft Sauls verlassen.“ (H. W. Hertzberg, ebda.)

  41 Und als der Knabe gegangen war, stand David auf hinter dem Steinhaufen und fiel auf sein Antlitz zur Erde und beugte sich dreimal nieder, und sie küssten einander und weinten miteinander, David aber am allermeisten. 42 Und Jonatan sprach zu David: Geh hin mit Frieden! Denn wir beide haben im Namen des HERRN geschworen und gesagt: Der HERR sei Zeuge zwischen mir und dir, zwischen meinen Nachkommen und deinen Nachkommen in Ewigkeit.

             Es mag sein, hier wird eine andere Überlieferung eingeschoben – eine, die das Verhältnis Jonathan-David besonders hervorheben will. Es wirkt, als würden die beiden es nicht aushalten, nur non-verbal zu kommunizieren. Nur die verabredeten Zechen zu geben. David kommt aus einem Versteck und fällt zu Boden. Erschrocken, erschöpft und zugleich den Freund ehrend. Beide ahnen, wissen wohl, dass es ein Abschied für immer sein wird. Tränenreich – bis zum Übermaß.

Und der Kronprinz erinnert an ihren Bund, ihr Versprechen. „Zwei, die eigentlich Rivalen sein könnten, weil sie in der Gunst des Heeres beide vorne dran sind; zwei, die eigentlich Todfeinde im Kampf um das Königtum sein müssten, sind Freunde, weil sie um Gottes Führung wissen.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, s. 227) Es ist der Herr, Zeuge zwischen mir und dir, der ihre Freundschaft in aller Belastung trägt. Er ist die Brücke zwischen ihnen, die bleibt.

 21, 1 Und David machte sich auf und ging seines Weges; Jonatan aber ging in die Stadt.

 Sie gehen – jeder seinen Weg. Weil er zwischen ihnen ist, sind sie ganz miteinander verbunden, auch wenn sich jetzt die Wege in der Zeit für immer trennen.

 

Mein Gott, wie viel ist mir Freundschaft wert? Die Freundschaft mit alten Weggefährten? Wie viel investiere ich an Zeit, an Kraft in den Versuch, Kontakt zu halten? Würde ich für sie Streit riskieren? Würde ich für die alten Freunde Feindschaft in Kauf nehmen?

Das leuchtende Bild der Freundschaft lässt mich so fragen. Und meine Antwort kann ich nur mit dem Leben geben, nicht mit den Worten eines Gebetes.

Wenn ich den Freunden nicht treu bleibe – wie werde ich Dir dann die Treue halten? Gib Du, mein Gott mir, dass ich meine alten Freundschaften in Treue bewahre, damit ich Treue lerne, auch Treue zu Dir. Amen