Du – zwischen uns

  1. Samuel 20, 1 – 23

 1 David aber floh von Najot in Rama und kam und redete vor Jonatan:

             David muss fliehen. Die Flucht geht weiter, weg von Najot in Rama – wohin wird nicht klar. Saul wird ja nicht immer erstarrt unter den Propheten, in diesem „Kloster“ liegen bleiben. Aber irgendwo trifft David auf Jonathan und kann sein Herz vor ihm ausschütten.

Was hab ich getan? Was ist meine Schuld? Was hab ich gesündigt vor deinem Vater, dass er mir nach dem Leben trachtet? 2 Er aber sprach zu ihm: Das sei ferne; du sollst nicht sterben. Siehe, mein Vater tut nichts, weder Großes noch Kleines, ohne es mir kundzutun. Warum sollte denn mein Vater dies vor mir verbergen? Es ist nicht so. 3 Da schwor David sogar und sprach: Dein Vater weiß sehr wohl, dass ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe; darum dachte er: Jonatan soll das nicht wissen, es könnte ihn bekümmern. Wahrlich, so wahr der HERR lebt und so wahr du lebst: Es ist nur ein Schritt zwischen mir und dem Tod!

 Es ehrt David: Er fragt nach seinem Anteil an dieser bedrohlichen Situation. Liegt es an mir? So kann nur einer fragen, der irgendwie nicht versteht, was da vor sich geht. Schuld ʽawon – und Sündechataʼ – Beides ist möglich. Beides schließt David in seinem Fragen offensichtlich nicht aus! Könnte es sein, so klingt es mit an, dass Saul ein Recht hat, ihm nach dem Leben zu trachten? In diesem Fragen wird deutlich: David kommt in keiner Weise auf die Idee, seine Salbung durch Samuel hier mit ins Spiel zu bringen. Er sieht sich nicht als den Konkurrenten Sauls um den Königsthron.

Und Jonathan? „Jonatan träumt. In seiner Unschuld kann er sich gar nicht vorstellen, dass sein Vater einen Mord begehen könnte.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 223)Ist er also nur naiv? David hingegen ahnt: Weil Saul weiß, wie nahe David seinem Sohn steht, weiht er diesen nicht ein in seine Pläne, die so düster sind. Auch weil er, Saul ihn, Jonatan, schonen will. David unterstellt dem, der ihn so jagt, gleichwohl Feingefühl dem Sohn gegenüber! Der Gejagte macht sich nichts vor: Ich bin wirklich in Lebensgefahr.

 4 Jonatan sprach zu David: Ich will für dich tun, was dein Herz begehrt. 5 David sprach zu Jonatan: Siehe, morgen ist Neumond; da sollte ich mit dem König zu Tisch sitzen; aber lass mich, dass ich mich auf dem Felde verberge bis zum Abend des dritten Tages. 6 Wird dein Vater nach mir fragen, so sprich: David bat mich, dass er nach Bethlehem, seiner Stadt, eilen dürfe; denn dort ist das jährliche Opferfest für das ganze Geschlecht. 7 Wird er sagen: Es ist recht, so steht es gut um deinen Knecht; wird er aber ergrimmen, so wirst du merken, dass Böses bei ihm beschlossen ist. 8 So tu nun Barmherzigkeit an deinem Knecht, denn du hast deinen Knecht mit dir in den Bund des HERRN treten lassen. Liegt aber eine Schuld auf mir, so töte du mich; warum willst du mich zu deinem Vater bringen?

 Obwohl David die Situation so nüchtern einschätzt, zieht er nicht die entsprechende Konsequenz. Immer noch hält er die Möglichkeit einer Rückkehr zu Saul offen. „Es läge doch am nächsten, schleunigst zu fliehen. Stattdessen wird ein ausgeklügelter Plan ins Werk gesetzt, um letzte Klarheit über Sauls Absichten zu gewinnen.“(J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 66) Alles deutet darauf hin: Saul ist in seinem Grimm unberechenbar und undurchschaubar. Aber so denkt David nicht, so denkt auch Jonathan nicht. Beide scheinen vielmehr damit zu rechnen, dass sich die Lage wieder entkrampfen kann. Jonathan wird versuchen herauszufinden, wie die „Stimmung“ bei Saul ist. Als ob es nicht längst offen zu Tage läge, wie wechselhaft Sauls Stimmungen und Handlungen sein können.

 9 Jonatan sprach: Das sei ferne von dir, dass ich es dir nicht sagen sollte, wenn ich weiß, dass bei meinem Vater beschlossen ist, Böses über dich zu bringen. 10 David aber sprach zu Jonatan: Wer wird mir’s sagen, wenn dir dein Vater etwas Hartes antwortet? 11 Jonatan sprach zu David: Komm, lass uns hinaus aufs Feld gehen! Und sie gingen beide hinaus aufs Feld. 12 Und Jonatan sprach zu David: Bei dem HERRN, dem Gott Israels: Wenn ich meinen Vater ausforsche morgen und am dritten Tage, dass es gut steht mit David, und wenn ich dann nicht hinsende zu dir und es dir nicht kundtue, 13 so tue der HERR dem Jonatan dies und das. Wenn aber mein Vater Böses gegen dich sinnt, so will ich es dir kundtun und dich ziehen lassen, dass du mit Frieden weggehen kannst.

 Es ist eine Verabredung rückhaltloser Ehrlichkeit. Das ist das Kontrast-Programm zum Verhalten Sauls. Der brütet in seinem Inneren Böses aus und lässt es keinen wissen. David und Jonathan dagegen sagen es sich zu: Keine Geheimnisse. Keine Winkelzüge. auch kein Verschweigen schlechter Botschaften. Daran liegt Jonathan vor allem, dass der Freund und Herzensbruder mit Frieden weggehen kann, wenn es denn nicht anders gehen wird.

 Und der HERR sei mit dir, wie er mit meinem Vater gewesen ist. 14 Du aber wollest die Barmherzigkeit des HERRN an mir tun, solange ich lebe, und wenn ich sterbe, 15 so nimm deine Barmherzigkeit niemals fort von meinem Hause; auch nicht, wenn der HERR die Feinde Davids ausrotten wird, Mann für Mann, aus dem Lande. 16 So schloss Jonatan einen Bund mit dem Hause Davids. Der HERR möge Rache nehmen an den Feinden Davids! 17 Und Jonatan ließ nun auch David schwören bei seiner Liebe zu ihm; denn er hatte ihn so lieb wie sein eigenes Leben.

 Diese Worte sprengen die Situation. sie greifen weit hinaus in eine Zukunft, die noch nicht da ist. Jonathan sagt David Segen zu, erbittet für ihn Gottes Weggeleit. Seine Bitte stellt David in eine Reihe mit Saul, „was nur so zu verstehen ist, dass Jonathan auf Davids zukünftiges Königtum anspielt.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 140) Davon allerdings war bisher an keiner Stelle die Rede, nicht einmal bei der Salbung Davids! Wenn  man so will: hier zeigt sich: Jonathan ist nicht naiv, im Gegenteil, er ist durchaus weitblickend.

Es ist ein Vorgriff auf spätere Zeiten: Wenn David die Macht haben wird, dann soll er das Haus Jonatans schonen, es mit Barmherzigkeit umgeben. Darum geht es in diesen Worten, dass David „nicht mit ihm, Jonathan, und seinen Nachkommen in der Weise verfahren möge, wie so oft der Herrscher aus einem anderen Haus mit den Angehörigen des alten Königs erfuhr.“ (H. W. Hertzberg, ebda.) Die Geschichte der Welt, nicht nur in Israel, ist voll von Beispielen dieser Art. Es ist lebensgefährlich zu der Sippe zu gehören, die die Macht verloren hat.

Was zwischen den Beiden besprochen wird, das wird feierlich besiegelt, beschworen. Jonathan verlangt dem Freund dieses Versprechen ab. Es ist ein Schwur, der aus gegenseitiger Liebe schöpft. Man geht kaum zu weit, wenn man so versteht: das ist der jetzt gewissermaßen nachgetragene Inhalt des Bundes (18,3), den die beiden schon lange zuvor miteinander geschlossen haben.

Man darf es nicht überspringen: In diesem Geschehen gibt Jonathan die Thronfolge aus der Hand. Es wird keine Dynastie aus dem Hause Sauls geben. Ist er darin „eine tragische Gestalt“(J. Conrad, aaO. S. 67)? Oder ist es nicht gerade umgekehrt: Am Verhalten Jonathans leuchten Treue und Weitsicht auf: Nicht nur die Treue, die ihn „zu einem Vorbild wahrer und tiefster Freundesliebe“ (J. Conrad, ebda.)macht. Sondern auch die Weitsicht, die sich den Wegen Gottes anvertraut, die das eigene Interesse zurückstellen kann, weil sie erkannt hat, dass Gottes Weg anders ist als es die Erbfolge vermuten lässt.

 18 Und Jonatan sprach zu ihm: Morgen ist Neumond; da wird man dich vermissen, wenn dein Platz leer bleibt. 19 Am dritten Tage aber steig herab und komm an den Ort, wo du dich verborgen hattest am Tage jener Tat, und setze dich dort neben den Steinhaufen. 20 So will ich nach seiner Seite drei Pfeile schießen, als ob ich auf ein Ziel schösse. 21 Und siehe, ich will den Knaben hinschicken: Geh, suche die Pfeile! Werde ich zum Knaben sagen: Siehe, die Pfeile liegen herwärts von dir, hole sie!, so komm; denn es steht gut um dich und hat keine Gefahr, so wahr der HERR lebt. 22 Sage ich aber zu dem Knaben: Siehe, die Pfeile liegen hinwärts von dir!, so geh hin; denn der HERR schickt dich fort.

 Jetzt erst folgt die konkrete Verabredung, wie die Information über die Gemütslage des Königs erfolgen soll. Nicht Brief, nicht Zuruf – sondern Alltagsverhalten wird zum Zeichen gewählt. Pfeile schießen –  hierhin, dorthin und die Pfeile einsammeln lassen – das ist Alltag im Leben des Königssohns. Im Vordergrund steht dabei, dass David vor jeder Gefahr, erkannt und entdeckt zu werden, geschützt sein soll. Es klingt ein bisschen kompliziert, es ist jedoch nur die Vorsicht, die zu diesem umständlichen Verfahren zwingt.

 23 Was aber du und ich miteinander geredet haben: Siehe, dafür steht der HERR zwischen mir und dir ewiglich.

Das ist das Schluss-Wort dieser Unterredung. Noch einmal wird in die Mitte gerückt, was auch wirklich die Mitte ist: Zwischen uns steht der Herr. Das ist das Geheimnis dieser Freundschaft. Sie sind in ihm verbunden.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Es sind Worte, die mich ein Leben lang geleitet haben. Ich weiß nicht, ob in ihrem Hintergrund dieser karge Satz steht: Siehe, dafür steht der HERR zwischen mir und dir ewiglich. Aber ich kann es mir gut vorstellen, dass sich der Gedanke auch auf diesen Satz zurückführen lässt: „Bruder ist einer dem anderen allein durch Christus. ich in dem andere Bruder durch das, was Jesus Christus für mich und an mir getan hat; der andere ist mir zum Bruder geworden durch das, was Jesus Christus für ihn und an ihm getan hat. … Gemeinschaft mit dem anderen habe ich und werde ich haben allein durch Jesus Christus. Je echter und tiefer unsere Gemeinschaft wird, desto mehr wird alles andere zwischen uns zurücktreten. … Aber durch Christus haben wir einander auch wirklich, haben wir uns ganz für alle Ewigkeit.“ (D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, München 1939, S. 17)  So beschreibt Bonhoeffer die Gemeinschaft, die er pneumatisch, geistlich nennt. Im Gegenüber zu einer Gemeinschaft, die er psychisch nennt, die sich an den Vorzügen des anderen entzündet und an seinen Schwächen zerbricht. Es ist eine Schutzformel vor aller Übergriffigkeit: „Zwischen uns ist der Herr.“ Wo sie vergessen wird, droht Ungemach. Wie auch in der Wirklichkeit der Kirchen immer wieder offen zu Tage liegt.

Mein Gott, mich bewegt, dass es Freundschaft gibt, die Entfernungen überwindet, die Jahre hindurch reift, standhält. Mich bewegt das Geschenk, dass es ein paar Menschen gibt, mit denen ich tief verbunden bin, dauerhaft durch die Lebenszeit, Freuden und Schmerzen

Mich bewegt es, berührt es in der Tiefe meiner Existenz, dass Du, unser Herr, in der Mitte dieser Freundschaften stehst, nicht ständig benannt. Unausgesprochen, aber immer da. Immer Du in der Mitte. Amen