David gegen Goliath

  1. Samuel 17, 31- 58

 31 Und als sie die Worte hörten, die David sagte, brachten sie es vor Saul, und er ließ ihn holen. 32 Und David sprach zu Saul: Keiner lasse seinetwegen den Mut sinken; dein Knecht wird hingehen und mit diesem Philister kämpfen. 33 Saul aber sprach zu David: Du kannst nicht hingehen zu diesem Philister, mit ihm zu kämpfen; denn du bist ein Knabe, dieser aber ist ein Kriegsmann von Jugend auf.

             Es ist eine seltsame Situation: der Knabe spricht dem König Mut zu. Saul ist der Bedenkenträger, der Realist. Seine Erfahrung lehrt ihn: Es ist Wahnsinn, einen Knaben gegen diesen Krieger zu schicken. David dagegen ist der, der anders auf die Lage schaut. Alle sehen nur den großen Kerl, gegen den keiner eine Chance haben wird. David auch. Aber er sieht anders hin.  „Auch eines Goliat wegen darf das Herz eines Menschen nicht den Mut verlieren und in Angst fallen.“(M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 198)

34 David aber sprach zu Saul: Dein Knecht hütete die Schafe seines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, 35 so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot. 36 So hat dein Knecht den Löwen wie den Bären erschlagen, und diesem unbeschnittenen Philister soll es ergehen wie einem von ihnen; denn er hat die Schlachtreihen des lebendigen Gottes verhöhnt. 37 Und David sprach: Der HERR, der mich von dem Löwen und Bären errettet hat, der wird mich auch erretten von diesem Philister.

           Es ist eine doppelte Antwort, die David den Einwänden Sauls entgegenstellt. Das eine ist seine eigene Hirtenerfahrung. „Die Tapferkeit palästinensischer Hirten ist ein Stück ihrer Berufsehre; hat aber auch andere Gründe: der Hirte ist für jedes Tier seiner Herde dem Herrn gegenüber verantwortlich.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 121)  So hat David mit Bären und Löwen gekämpft und gesiegt. Wer aber solche Tiere besiegt, fürchtet sich nicht vor einem Goliath, Der ist doch auch nur groß. Sonst nichts. Und obendrein: er hat die Schlachtreihen, des lebendigen Gottes verhöhnt. Er ist hochmütig, er spottet nicht nur Israel, er verspottet in Israel den lebendigen Gott selbst. „Goliath ist der Vertreter der gottfeindlichen Macht.“(H. W. Hertzberg, ebda.)

Das andere Argument liegt für heutige Leser*innen nicht so auf der Hand, ist aber das, was vom Erzähler her das gewichtigere ist: Der HERR, der mich von dem Löwen und Bären errettet hat, der wird mich auch erretten von diesem Philister. Zum Selbstvertrauen als Kämpfer kommt das Gottvertrauen. Dass man mit der Hilfe Gottes rechnen darf, das scheint heutzutage doch vielen eher eine Frömmigkeit-Übung als eine vernünftiger Umgang mit den Problemen der Welt.

Und Saul sprach zu David: Geh hin, der HERR sei mit dir! 38 Und Saul legte David seine Rüstung an und setzte ihm einen ehernen Helm auf sein Haupt und legte ihm einen Panzer an. 39 Und David gürtete sein Schwert über seine Kleider und versuchte zu gehen; aber er war es nicht gewohnt. Da sprach David zu Saul: Ich kann so nicht gehen, denn ich bin’s nicht gewohnt; und er legte es ab 40 und nahm seinen Stab in die Hand und wählte fünf glatte Steine aus dem Bach und tat sie in die Hirtentasche, die er hatte, in den Beutel, und nahm die Schleuder in die Hand und ging dem Philister entgegen.

             Saul gibt sich geschlagen. Weil er überzeugt ist? Durch die Siegeszuversicht dieses Knaben? Immerhin – er will ihn für den Kampf ordentlich ausrüsten lassen.  Aber es geht um mehr als nur um vernünftige Rüstung. „Dass er ihm sein, also des Königs Waffen zur Verfügung stellt, zeigt, wie stark er den bevorstehenden Kampf als ein offizielles Ereignis empfindet.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 123)David wird für Israel stehen und kämpfen! Stirbt er, so wird Israel unterworfen sein.

Es ist wohl zugleich weit über die Situation hinaus zu lesen. Hier zieht Saul seinen Nachfolger, dem Gesalbten des Herrn, seine Rüstung an. Er weiß es nicht, aber es ist zutiefst symbolträchtig.  Und wenn David diese Rüstung zurückweist, weil sie nicht passt, weil sie ihn mehr hindern wird als schützen, so wird darin deutlich: Auch David weiß nicht, was da bei seiner Salbung in Wahrheit geschehen ist.

  41 Der Philister aber kam immer näher an David heran, und sein Schildträger ging vor ihm her. 42 Als nun der Philister aufsah und David anschaute, verachtete er ihn; denn er war ein Knabe, bräunlich und schön. 43 Und der Philister sprach zu David: Bin ich denn ein Hund, dass du mit Stecken zu mir kommst? Und der Philister fluchte dem David bei seinem Gott. 44 Und der Philister sprach zu David: Komm her zu mir, ich will dein Fleisch den Vögeln unter dem Himmel geben und den Tieren auf dem Felde.

             So fangen Kämpfe an. Man macht den Gegner klein, entmutigt ihn. Man nimmt ihm seine Ehre und damit seine Kraft. Es geht nicht um Hochmut, der sich hier zeigt, sondern im Gegenteil, es geht um Entmutigung durch starke Worte. Die Alten wissen es gut: wer den Gegner verhöhnt, seine Schwächen trifft, der macht ihn noch nicht kampfunfähig, aber er beeindruckt ihn doch stark.

Anschauungsmaterial für diese Vorstellung findet sich heute reichlich: Sportler setzen solche Praktiken ein, um Konkurrenten zu beeindrucken, zu verunsichern. Das Show-Getue vor den Start ist genau darauf abgerichtet. Die Schmähgesänge in Bundesliga-Stadien haben hier ihre uralten Vorbilder.

 45 David aber sprach zu dem Philister: Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Sichelschwert, ich aber komme zu dir im Namen des HERRN Zebaoth, des Gottes der Schlachtreihen Israels, die du verhöhnt hast. 46 Heute wird dich der HERR mir überantworten, dass ich dich erschlage und dir den Kopf abhaue und gebe deinen Leichnam und die Leichname des Heeres der Philister heute den Vögeln unter dem Himmel und dem Wild auf der Erde, damit alle Welt innewerde, dass Israel einen Gott hat, 47 und damit diese ganze Gemeinde innewerde, dass der HERR nicht durch Schwert oder Spieß hilft; denn der Krieg ist des HERRN, und er wird euch in unsere Hand geben.

 Das sind die Schlüsselworte zur Deutung des ganzen Geschehens. Hier steht nicht nur klein gegen groß – das ist ja die Sichtweise, die Sportreporter auf diese Erzählung wieder und wieder zurückgreifen lässt. Sondern hier steht der Große, der sich auf sich und seine Größe verlässt, dem gegenüber, der im Namen Gottes kommt.

Es sind mit die ersten Worte, die uns von David überliefert werden. Die erste Rede. Und damit hat sie Programm-Charakter. Von diesen Worten her – ich aber komme zu dir im Namen des HERRN Zebaoth, des Gottes der Schlachtreihen Israels, –   soll David verstanden werden. Man könnte sagen: das ist sein Lebensmotto. Die nachfolgenden Geschichten werden wenig von der Frömmigkeit dieses Königs in seinen Worten erkennen lassen. Umso wichtiger ist es, dass er hier sein ganzes Tun auf Gott zurückführt. Das weiß er  – und das soll diese ganze Gemeinde erkennen. Es ist sicher kein Zufall, dass hier nicht steht das Volk oder das Heer, sondern die Gemeinde, kāhāl, die Versammlung, die zum Gottesdienst gerufen ist.

Die Frage bleibt – über diese Erzählung vom Kampf mit Goliath hinaus: Wird David das leben können, sein Lebensmotto durchhalten können? Wird er der König sein, der in allem dem Namen des Herrn entspricht? Wird er der König sein, der nicht in die Strukturen, Handlungs-mechanismen, Panzer und Waffen orientalischer Großkönige hineinwächst?

 48 Als sich nun der Philister aufmachte und daherging und sich David nahte, lief David eilends von der Schlachtreihe dem Philister entgegen. 49 Und David tat seine Hand in die Tasche und nahm einen Stein daraus und schleuderte ihn und traf den Philister an der Stirn, dass der Stein in seine Stirn fuhr und er zur Erde fiel auf sein Angesicht. 50 So überwand David den Philister mit Schleuder und Stein und traf und tötete ihn. David aber hatte kein Schwert in seiner Hand. 51 Da lief er hin und trat zu dem Philister und nahm dessen Schwert und zog es aus der Scheide und tötete ihn und hieb ihm den Kopf damit ab.

Der Kampf ist schnell erzählt. Es kommt ja gar nicht zum Handgemenge. Wenn man so will: David entzieht sich dem auf Nahkampf ausgerichteten Gegner durch seine überlegene Technik. Er ist kein Nahkämpfer, sondern ein Distanz-Schütze. Für diesen Kampf gilt: Hirn statt Panzer.

Die Enthauptung des Getöteten ist ein Detail, das verzichtbar wäre. Sie ist nicht Ausdruck eines plötzlichen Blutrausches. Oder eine Triumphgeste – seht hier, ich bin der Riesen-Töter. „Er tötet ihn durch den Stein, das Schwert soll nur den Tod sichtbar machen.“(M. Holland, aaO. S. 200)

Da aber die Philister sahen, dass ihr Stärkster tot war, flohen sie. 52 Und die Männer Israels und Judas machten sich auf, erhoben das Kriegsgeschrei und jagten den Philistern nach bis nach Gat und bis an die Tore Ekrons. Und die Philister blieben erschlagen liegen auf dem Wege von Schaarajim bis nach Gat und Ekron. 53 Und die Israeliten kehrten um von der Verfolgung der Philister und plünderten ihr Lager.

Dieser Stellvertreter-Zweikampf mit seinen unerwarteten Ausgang schlägt die Philister in die Flucht, während sie die Männer Israels ermutigt, zu Verfolgung und Kampf. Es ist ein großer Sieg, aber im Gang der Erzählung nur noch eine Randbemerkung.

54 David aber nahm des Philisters Haupt und brachte es nach Jerusalem, seine Waffen aber legte er in sein Zelt. 55 Da Saul aber David dem Philister entgegengehen sah, sprach er zu Abner, seinem Feldhauptmann: Wessen Sohn ist der Knabe? Abner sprach: Bei deinem Leben, König: Ich weiß es nicht. 56 Der König sprach: So frage danach, wessen Sohn der junge Mann ist. 57 Als nun David zurückkam vom Sieg über den Philister, nahm ihn Abner und brachte ihn vor Saul, und er hatte des Philisters Haupt in seiner Hand. 58 Und Saul sprach zu ihm: Wessen Sohn bist du, Knabe? David sprach: Ich bin ein Sohn deines Knechts Isai, des Bethlehemiters.

             Es ist vielfach irritierend:  Was hat in dieser Geschichte Jerusalem zu suchen? Das ist zur erzählten Zeit keine jüdische Stadt. Hier gehen dem Redaktor die Dinge irgendwie durcheinander. Jerusalem wird doch erst spät, durch Eroberung, Davids Stadt werden. Und weiter: Kennt der Erzähl-Strang, der hier verarbeitet ist, die Vorgeschichte nicht? Weiß er nichts von der Anwesenheit Davids als Musik-Therapeut und Waffenträger an Sauls Seite? Es ist schwer nachzuvollziehen, wie Saul sich jetzt bei seinem Feldhauptmann Abner nach diesem jungen Mann erkundigt, wenn der doch zuvor schon sein Waffenträger war. Auch Abner kennt ihn nicht. Aber er bringt ihn dann zu Saul und jetzt wird geklärt, wer David ist.

Irgendwie ist dieser ganze Schluss konfus. Angefügt und im Widerspruch zu den vorhergehenden Passagen. Aber es wird ein wenig verständlicher, wenn wir uns klarmachen, dass dieser „Nachtrag“ (M. Holland, aaO, S, 201) ein Interesse hat: „So mochte David selber ei Kommen in die Nachfolge interpretiert haben wollen, unter möglichster Schonung des ersten Trägers der Krone und seiner  Familie.“(H. W. Hertzberg, ebda.) Das würde darauf hin deuten, dass eine Erzählung aus dem Umkreis des David hier verarbeitet ist.  Vorab: Das Motiv der Schonung Sauls wird sich noch öfters zeigen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Es ist eine bemerkenswerte Anmerkung, die am Symbolgehalt dieser Szene mit der abgelehnten Rüstung anknüpft: „Wie oft hat die Kirche im Lauf der Jahrhunderte mit fremden Waffen sich schützen und das Evangelium verteidigen und ausreiten wollen. Sie hat immer wieder erleiden müssen, dass die Hilfe allein bei Gott steht.“(M. Holland, aaO. S. 199) So ist der viel beklagte Relevanzverlust, der schwindende öffentliche Einfluss der Kirchen vielleicht ja so etwas wie ein göttlicher Appell: Lernt zu verzichten auf die Panzer und Waffen, die nicht zu euch stimmen. Lernt es endlich, arm und nackt und bloß zu sein – und darin auf Gott zu vertrauen.

Was so für die Kirchen gilt, gilt wohl auch für die einzelnen Christ*innen. Es ist die große Versuchung, aufzurüsten, um im Streit der Gefühle, Stimmen, Meinungen und Glaubens-Sätze bestehen zu können. sich selbst zu wappnen, damit man gewappnet ist. Und darüber zu vergessen, dass die Waffen auch stimmen müssen. Man kann nicht die Botschaft von der Liebe Gottes lieblos, mit einem Reden in Maschinengewehr-Tempo an den Mann und die Frau bringen wollen. Gewalt in den Worten widerspricht dem Geist des Friedenstifters. Und auch das trifft wohl zu: was ein anderer als Argument, schlagfertig in eine Debatte einbringen kann, muss bei mir noch lange nicht gut sein. Stimmen die Worte für mich? Sind es meine oder sind es nur geliehenen Worte, die mir zu groß sind, zu schwer, wie Sauls Rüstung für David?

Kann ich das, mein Gott, mich ent-rüsten, weil ich ganz auf Dich vertraue. Mich ent-rüsten, weil ich weiß, dass nicht zu mir passt, was mir als Sicherheit angeboten wird.

Will ich das -der Macht ungepanzert entgegentreten, mich dem Spott aussetzen, der meine Schutzlosigkeit verhöhnt? Der meinen Glauben für Unsinn hält, der es mich spüren lässt, dass er sich mit seinen handfesten Fakten tausendmal überlegen fühlt?

Herr Gott im Himmel, wecke Du in mir auf Erden das Vertrauen, das sich ganz geborgen weiß in Dir und in Deinem Namen dem entgegentreten kann, was in der Welt so mächtig auftritt. Amen