Durchblick erforderlich

  1. Samuel 17, 1 – 30

 1 Die Philister sammelten ihre Heere zum Kampf und kamen zusammen bei Socho in Juda und lagerten sich zwischen Socho und Aseka bei Efes-Dammim. 2 Aber Saul und die Männer Israels kamen zusammen und lagerten sich im Eichgrund und rüsteten sich zum Kampf gegen die Philister. 3 Und die Philister standen auf einem Berge jenseits und die Israeliten auf einem Berge diesseits, sodass das Tal zwischen ihnen war.

             Die Konfliktgeschichte zwischen Philistern und Israeliten geht weiter. Sie ist nicht mit dem einen Sieg in einer Schlacht zugunsten Israels erledigt. In einem Gebiet, auf das beide Wert legen, sammeln sich die Truppen. So ist die Deutung wohl möglich: „Die Philister wollen für ihren Warenverkehr freie Straßen und Ruhe. Darum planen sie eine Strafexpedition gegen die Israeliten.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 194) Richtig daran ist vor allem, dass die Philister sich nach wie vor als die Herren im Land betrachten und die Israeliten als lästige Störenfriede. Der Krieg erstarrt zum Stellungskrieg – beide Seiten liegen sich nur gegenüber.

 4 Da trat aus den Lagern der Philister ein Riese mit Namen Goliat aus Gat, sechs Ellen und eine Handbreit groß. 5 Der hatte einen ehernen Helm auf seinem Haupt und einen Schuppenpanzer an, und das Gewicht seines Panzers war fünftausend Schekel Erz, 6 und hatte eherne Schienen an seinen Beinen und ein ehernes Sichelschwert auf seinen Schultern. 7 Und der Schaft seines Spießes war wie ein Weberbaum, und die eiserne Spitze seines Spießes wog sechshundert Schekel, und sein Schildträger ging vor ihm her.

     An einem der Tage kommt Bewegung in Spiel Einer, ein Riese mit Namen Goliat aus Gat, tritt aus dem Lager der Philister. „Der Mittelsmann.“(M. Holland, aaO S.189) Wörtlich:  ʼisch-habbēnajim – Mann zwischen die Reihen. Dieser Mann wird ausführlich beschrieben als eine Riese mit einer entsprechend riesenhaften Bewaffnung. Eine imponierende, einschüchternde Erscheinung. Alles spricht dafür: Hier tritt einer auf,  der ist unbesiegbar. Eben ein Goliath.

  8 Und er stellte sich hin und rief den Schlachtreihen Israels zu: Was seid ihr ausgezogen, euch zum Kampf zu rüsten? Bin ich nicht ein Philister und ihr Sauls Knechte? Erwählt einen unter euch, der zu mir herabkomme. 9 Vermag er gegen mich zu kämpfen und erschlägt er mich, so wollen wir eure Knechte sein; vermag ich aber über ihn zu siegen und erschlage ich ihn, so sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen.

             Das ist seine Funktion als Mittelsmann. Er bietet statt einer Schlacht den Zweikampf an und wer diesen Zweikampf gewinnt, hat die Schlacht stellevertretend für sein Heer entschieden. Wenn man so will – eine Lösung, die viel Blutvergießen erspart.

 10 Und der Philister sprach: Ich habe heute den Schlachtreihen Israels Hohn gesprochen. Gebt mir einen Mann und lasst uns miteinander kämpfen. 11 Da Saul und ganz Israel diese Rede des Philisters hörten, entsetzten sie sich und fürchteten sich sehr.

     Das Angebot zum Zweikampf ist ernst gemeint und zugleich voller Hohn. „Die Verhöhnung liegt darin, dass er ernsthaft eben nicht mit der Existenz eines Israeliten rechnet, der es wagen würde, mit ihm anzubinden.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 119) Sich dem Kampf zu stellen mit diesem im wahrsten Sinn des Wortes riesenhaften Gegner. Es ist ein Vorschlag, der auf Einschüchterung aus ist. Wer sollte sich so einem von vornherein ungleichen Kampf auch stellen wollen? Der Auftritt Goliaths erfüllt seinen Zweck. Saul und ganz Israel mit ihm geraten in Furcht und Schrecken.  Sie sind geradezu vor Angst wie gelähmt.

             Der ganze folgende Abschnitt 12 – 30 fehlt in der Septuaginta – der Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische. Vermutlich, weil er auch in den ältesten hebräischen Versionen der Samuel-Bücher fehlt. Er macht den Eindruck einer späteren Zufügung, die erklären will, wie David ins Heerlager „gerät.“ Die auch deshalb früher fehlen konnte, weil es ja die vorhergehende Überlieferung gibt, die David als „Waffenträger Sauls“(16,21) bereits erwähnt hat. Auch dadurch wirkt diese Erzählung hier irgendwie eingefügt, aus anderen Quellen zugesetzt.

 12 David aber war der Sohn jenes Efratiters aus Bethlehem in Juda, der Isai hieß. Der hatte acht Söhne und war zu Sauls Zeiten schon alt und betagt. 13 Aber die drei ältesten Söhne Isais waren mit Saul in den Krieg gezogen. Und das sind die Namen seiner drei Söhne, die in den Krieg gezogen waren: Eliab, der erstgeborene, Abinadab, der zweite, und Schamma, der dritte. 14 Und David war der jüngste; die drei ältesten aber waren Saul gefolgt. 15 Und David ging oftmals von Saul nach Bethlehem, um die Schafe seines Vaters zu hüten. 16 Aber der Philister kam heraus frühmorgens und abends und stellte sich hin, lang. 17 Isai aber sprach zu seinem Sohn David: Nimm für deine Brüder diesen Scheffel geröstete Körner und diese zehn Brote und bringe sie eilends ins Lager zu deinen Brüdern; 18 und diese zehn Käse bringe dem Hauptmann und sieh nach deinen Brüdern, ob’s ihnen gut geht, und bringe auch ein Unterpfand von ihnen mit. 19 Saul und sie und alle Männer Israels sind im Eichgrund und kämpfen gegen die Philister.

     David wird, als würde er zum ersten Mal erwähnt, vorgestellt – Sohn Isais mit sieben älteren Brüdern. „Immer noch ein unmündiger Knabe oder Jüngling, der als solcher auch nicht in den Krieg ziehen kann.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 57) Neu ist die Erklärung, dass Isai zu Sauls Zeiten schon alt und betagt ist. Das mag erklären, warum er zu Hause ist und nur die ältesten Söhne mit im Heer Sauls sind.Auch in Israel endet die „Kriegspflicht“ in einem Alter, in dem die körperliche Leistungsfähigkeit nachlässt.

„David soll den drei Brüdern Brot bringen; da es sich um keinen Bewegungskrieg handelt, bei dem Beute zu machen ist, sondern um einen länger dauernden Stellungskrieg und die Soldaten des Heerbanns für ihre Verköstigung selbst zu sorgen haben, ist Isais Maßnahme begreiflich und fürsorglich.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 120) Das ist die Rolle, die David nach dieser Quelle hat – er ist der gehorsame jüngste Sohn, der für Aufträge des Vaters bereit steht. Sonst die Schafe bei Bethlehem zu hüten, hier die Versorgung der Brüder, verbunden mit Geschenken für die Vorgesetzten.  

             Wie nebenher: seit vierzig Tagen das immer gleiche Schauspiel – der Auftritt des Goliat, die Herausforderung zum Zweikampf. Seit vierzig Tagen unbeantwortet.

20 Da machte sich David früh am Morgen auf und überließ die Schafe einem Hüter, lud auf und ging hin, wie ihm Isai geboten hatte, und kam zur Wagenburg. Das Heer aber war ausgezogen und hatte sich aufgestellt zur Schlachtreihe, und sie erhoben das Kriegsgeschrei. 21 Und Israel und die Philister hatten sich aufgestellt, Reihe gegen Reihe. 22 Da ließ David sein Gepäck, das er trug, bei der Wache des Trosses und lief zur Schlachtreihe, kam hin und fragte seine Brüder, wie es ihnen gehe.

      David gehorcht, kommt mit seinem Proviant im Heerlager an. Just zu der Zeit, als die Formationen sich gegenüber stehen. Kriegsgeschrei hüben und drüben. Es scheint, David kennt keine Angst. Er hat getan, was er sollte. Jetzt läuft er dorthin, wo der Lärm herkommt –  zur Schlachtreihe – „so gelangt David an das gottgewollte Ziel.“ (H. W. Hertzerg, ebda.) In dieser Einschätzung weiß der Ausleger mehr als der Text verrät. Man könnte auch auf angstfreie Neugier tippen.

An der Schlachtreihe angekommen, findet David seine Brüder und fragt sie. Nicht, was los ist. Er fragt nach ihrem Ergehen. Der kleine Bruder besorgt?

 23 Und als er noch mit ihnen redete, siehe, da kam herauf der Riese mit Namen Goliat, der Philister von Gat, aus den Reihen der Philister und redete dieselben Worte, und David hörte es. 24 Und wer von Isradl den Mann sah, floh vor ihm und fürchtete sich sehr. 25 Und die Männer von Israel sprachen: Habt ihr den Mann heraufkommen sehen? Er kommt herauf, Israel Hohn zu sprechen. Wer ihn erschlägt, den will der König sehr reich machen und ihm seine Tochter geben und will seines Vaters Haus frei machen von Lasten in Israel.

             In diese Befragung der Brüder platzt der heutige Auftritt des Goliat, der  hier wieder, eigentlich überflüssig, mit Namen und Herkunftsort vorgestellt wird. Er wiederholt seine übliche Aufforderung, die wie eine Schmährede wirken muss. David hört sie.  Hört er auch, was sich die Männer Israels erzählen? Es würde sich lohnen, ihm entgegenzutreten, wenn man es denn überleben würde. Reichtum, die Tochter des Königs und Steuerfreiheit sind versprochen!  Ein hoher Gewinn für ein hohes Risiko.

 26 Da sprach David zu den Männern, die bei ihm standen: Was wird man dem tun, der diesen Philister erschlägt und die Schande von Israel wendet? Denn wer ist dieser unbeschnittene Philister, der die Schlachtreihen des lebendigen Gottes verhöhnt? 27 Da sagte ihm das Volk wie vorher: So wird man dem tun, der ihn erschlägt.

       Ist David schwerhörig? Hat er nicht richtig verstanden beim Geschrei des Riesen, was um ihn herum getuschelt wurde? Regt er sich, dem frommen Ausleger gleich, auf über die Männer Israels: „Für Gottes Ehre haben die Kämpfenden kein Gespür. Geld und Sex beherrschen ihre Gedanken.“(M. Holland, aaO. S. 197) Es sind bemerkenswerte erste Worte, die von David im Fluss der Erzählung überliefert sind:  Was wird man dem tun, der diesen Philister erschlägt und die Schande von Israel wendet? Denn wer ist dieser unbeschnittene Philister, der die Schlachtreihen des lebendigen Gottes verhöhnt? Ich übertrage: Wird es sich lohnen ist die erste Frage.  Und die Zweite: Wer ist der schon?  Es deutet sich hier schon an – David sieht diesen Philister mit anderen Augen. Er sieht zwar einen großen Kerl – aber er sieht ihn im Gegensatz zu den Schlachtreihen des lebendigen Gottes. Der Philister sieht angstschlotternde Männer Israels, David sieht hinter diesen „Angsthasen“ den lebendigen Gott!

28 Und als Eliab, sein ältester Bruder, ihn reden hörte mit den Männern, wurde er zornig über David und sprach: Warum bist du hergekommen? Und wem hast du die wenigen Schafe dort in der Wüste überlassen? Ich kenne deine Vermessenheit wohl und deines Herzens Bosheit. Du bist nur gekommen, um dem Kampf zuzusehen.

             So geht es unter Brüdern zu. Der große Bruder will den kleinen zurechtstutzen. Er wittert bei ihm Hochmut, Vermessenheit, Abenteuerlust, Neugier. Womöglich ist er auch noch ohne väterlichen Auftrag hier vor Ort? „Geschwister kennen sich nur zu gut. Da weiß jeder um die Schwächen des anderen.“(M. Holland, ebda.) Eliab würde zustimmen: so ist David.

 29 David antwortete: Was hab ich denn getan? Ich habe doch nur gefragt! 30 Und er wandte sich von ihm zu einem andern und sprach, wie er vorher gesagt hatte. Da antwortete ihm das Volk wie das erste Mal.

             David aber wehrt sich. Man wird doch noch fragen dürfen. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Er hat doch nur den väterlichen Auftrag erfüllt – und jetzt vor Ort die Chance genützt, zu hören, was im Gang ist. Wenn es heißt: er sprach, wie er vorher gesagt hatte, so ist schwerlich die Wiederholung der Frage nach der Belohnung gemeint. Eher wohl seine Bemerkung, dass man sich doch als Schlachtreihe des lebendigen Gottes nicht solche Hohn anhören müsse.

Es ist die Folge der Auseinandersetzung mit dem Bruder, „dass David mit seinen Äußerungen anderswohin geht und so – ohne es natürlich zu wollen – es dahin bringt, dass diese in der Truppe herumkommen und bis zu den Ohren des Königs gelangen.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 121) So hat der große Bruder, ungewollt, doch die richtigen Weichen gestellt.

Was mich beschäftigt:

Es ist im Davids-Bericht nur ein Neben-Thema. Das Verhältnis der Brüder Davids zu David. Eliab spielt dabei nur eine Art Sprecher-Rolle. Das Verhältnis erinnert an Joseph und seine Brüder. Auch da ist das Verhältnis der Älteren zu dem Jüngeren von Rivalität geprägt. Die Worte Eliabs sind möglicherweise ein Hinweis: Der kleine David nervt. Es ist schwer vorstellbar, dass die Szene beim Heer das erste Mal ist, dass es so zwischen den Brüdern kracht. Sie waren stumme Zeugen der Salbung Davids durch Samuel, seiner Bevorzugung vor ihnen allen, ihrer „Verwerfung“ zu seinen Gunsten. Kein Wunder also, dass Eliab ihn hier anherrscht. Ihm ein ganzes Bündel schräger Motive unterstellt.

David scheint nicht zu verstehen, was geschieht. Er muss gar nichts tun, nichts Gute und nichts Schlimmes. Es reicht, dass er da ist. Es ist schwer zu begreifen, dass er allein schon durch sein Da-Sein die anderen in Frage stellt. Es ist ein langer Weg, bis die Verletzungen der Geschwisterschaft heilen können. Die Brüder Davids verschwinden nach dieser kurzen Episode im Dunkel der Geschichte.

Mein Gott, wie oft fordern Lautsprecher heraus. Wie oft ist lautes Getöse nur dazu da, andere einzuschüchtern, klein zu machen, ihnen den Mut zu nehmen.

Nur wer anders hinblickt, anders hinhört, der wird sich dem ersten Eindruck entziehen können. Du stehst hinter denen, die sich selbst nichts mehr zutrauen. Du willst die stärken, die den Mut verlieren, sich wegducken möchten.

Du willst, dass wir in Dir unsere Hilfe finden und denen widerstehen können, die sich selbstaufblasen und großmachen. Schenke uns den Durchblick, der dazu hilft. Amen