Musik-Therapie – gute Gabe Gottes

  1. Samuel 16, 14 – 23

14 Der Geist des HERRN aber wich von Saul, und ein böser Geist vom HERRN verstörte ihn. 15 Da sprachen die Knechte Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott verstört dich. 16 Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, er mit seiner Hand darauf spiele, und es besser mit dir werde.

             Szenenwechsel. An den Königshof. Das ist vielleicht schon zu hoch gegriffen – in das Haus Sauls. Nach Gibea? Und dort fällt das Licht auf einen verstörten Saul. Er ist vom guten Geist Gottes verlassen und ein böser Geist greift nach ihm. Bewegend geschildert: „Dieser riesige Mann, der in der Schlacht stand wie ein Turm, verkroch sich in die Ecke seines Zeltes, stammelte vor Angst und biss sich in die Knöchel, oder brütete vor sich hin, stundenlang, lauschte Stimmen, die nur er hören konnte, oder zitterte und raste mit Schaum vor dem Mund.“( St. Heym, Der König-David-Bericht, Frankfurt 1974, S. 29)

Es ist kein satanischer Angriff! Dieser böse Geist ist vom HERRN! So „wird zum Ausdruck gebracht, dass schließlich Alles seine Ursache bei dem Einen hat.(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 111) In den biblischen Texten ist kein Raum für einen selbstständig, auf eigene Rechnung agierenden Satan!

Gibt es eine Ursache, einen Auslöser für den Ausbruch dieser Krankheit? Ich bin ein wenig zurückhaltend gegenüber der Diagnose aus der Ferne: „Gemeint ist wohl ein manisch-depressives Leiden, also eine psychische Erkrankung, denn solche Krankheiten wurden damals allgemein auf dämonische Mächte zurückgeführt.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 52)

Mir liegt – menschlich – die nachfolgende Deutung näher, die eine Antwort auf den Ausbruch der Krankheit versucht: „Ich glaube, das war nach dem Sieg über Amalek. … Mein Vater schlug alles Volk mit der Schärfe des Schwerts; das Vieh aber schonte er. Er war ein Bauer und das sinnlose Abschlachten von Vieh widerstrebte ihm; außerdem verlangten seine Männer ihre Beute und er war ihr König…. Samuel aber sprach: Bring mir Agag, den König der Amalekiter. Agag trat vor meinen Vater – ich sah es mit diesen Augen – er trat getrost vor ihn und sagte: Also ist die Bitterkeit des Todes vorüber. Mein Vater König Saul aber stand da und sah zu, wie Samuel, der Prophet, den Agag in Stücke zerhieb vor dem Herrn in Gilgal. Frage: Und danach begann der böse Geist ihn zu beunruhigen? Antwort: Ja.( St. Heym, aaO. S. 30)

Das ist nicht strenge Wissenschaft, auch nicht Theologie, auch schweigt der Text darüber – aber es ist eine Deutung, die für sich hat, dass sie das seelische Leid unzähliger Männer in Rechnung stellt, die gesehen haben, was sie nie hätten sehen dürfen, die beteiligt waren an Taten, die sie nie hätten mittun dürfen, die bis ans Ende ihrer Tage von diesem Sehen und ihrer Mittäterschaft schwer verstört worden sind. Sie alle haben in Saul einen Schmerzensbruder.

Seine Männer mögen Saul. Sie sind nicht nur Knechte, Befehlsempfänger. Sie möchten ihm helfen, indem sie seine Verstörung ernst nehmen, sie nicht einfach als gegeben hinnehmen. Sie ahnen hinter der Krankheit Gott. Das aber macht sie nicht passiv, nicht schicksalsergeben. Sie suchen nach Abhilfe. Modern gesprochen: Ihnen fällt die heilende Kraft der Musik ein.

Gesucht wird einer, der mit der Harfe umgehen kann, genauer der kleinen Leier – kinnȏr. „Die Leier hatte ihren festen Platz auch bei kultischen Prozessionen.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 186) Ob also die Suche einer Art musica sacra, heiliger Musik im Sinn von meditativen Gesängen,  gelten sollte?

 17 Da sprach Saul zu seinen Knechten: Seht nach einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist, und bringt ihn zu mir. 18 Da antwortete einer der jungen Männer und sprach: Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Bethlehemiters, der ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön, und der HERR ist mit ihm. 19 Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende deinen Sohn David zu mir, der bei den Schafen ist.

             Saul hört den Rat und macht ihn sich zu eigen. Es ist die Klugheit guter Ratgeber, dass sie ihre Vorschläge so an den Mann bringen, dass sie auf fruchtbaren Boden fallen, ganz so, als wären es eigene Ideen. Aus dem Beraterkreis weiß einer sogar einen, der der richtige Mann sein könnte. „Es sind seine musiktherapeutischen Fähigkeiten, die Sauls Umgebung auf ihn aufmerksam machen.“ (R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 180)Reicht das nicht als Empfehlung?

Ist es der Soldat in Saul, dem man mit der Beschreibung ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf diesen möglichen Musik-Therapeuten empfehlen will? Dieser David ist kein Softie, kein Weichei. Er ist tüchtig, verständig in seinen Reden und schön, und der HERR ist mit ihm. Genug der Empfehlung. Saul ist gewonnen und sendet Boten an den Vater Isai und bittet um die Überstellung des Sohnes David. Es ist Isai, auf dessen Zustimmung zur Bitte Sauls es ankommen wird, der hier die Schlüsselstellung hat, nicht David.

Ist es ein Befehl, den Saul erteilt oder eine Bitte, die er an Isai richtet? Das wird wohl nur vorsichtig zu bewerten sein. Immerhin ist Saul König und sein Königtum ist nicht öffentlich bestritten. Gleichwohl richtet er seine Botschaft an einen aus einem anderen Stamm, aus Juda – Bethlehem ist ein Ort in Juda. So haben wir hier also eine Königsbitte vor uns, die doch auch etwas sichtbar werden lässt vom großen Einfluss des Königs.

Es wird nicht von übergroßer Bedeutung sein: Der das Königtum auf der Suche nach den Eselinnen seines Vaters gefunden hatte, der lässt jetzt seinen Musik-Therapeuten von den Schafen weg holen, aus seinem Hirtendienst. Bemerkenswert: „Die Tatsache einer vorhergehenden Salbung wird übrigens weder bei Saul als bekannt vorausgesetzt, noch  erhält man den Eindruck, dass Isai und David befürchten, Sauls Verlangen hänge mit ihr zusammen.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 112) Saul weiß nicht, dass er sich den Gesalbten des HERRN an seinen Hof holt.

20 Da nahm Isai einen Esel und Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböcklein und sandte es Saul durch seinen Sohn David. 21 So kam David zu Saul und diente ihm. Und Saul gewann ihn sehr lieb, und er wurde sein Waffenträger. 22 Und Saul sandte zu Isai und ließ ihm sagen: Lass David mir dienen, denn er hat Gnade gefunden vor meinen Augen.

             Isai geht auf den Wunsch des Königs ein. David wird in der ganzen Angelegenheit weder befragt noch gehört. Er tut einfach, was der Vater ihn heißt, was von ihm verlangt wird. Er bringt Geschenke an den König mit – Naturalien aus der bäuerlichen Landwirtschaft. Das wird Saul zu schätzen wissen. „Was wollte Isai mit diesen Geschenken erreichen? War er sich nicht sicher, dass Saul seinen Sohn gut behandeln würde?“(G. Hentschel, Saul, Leipzig 2003, S. 105) Es scheint, er hofft, dass  Saul die Geschenke zu schätzen wissen wird. So kommt es, aber mehr noch weiß er David zu schätzen. Dieser junge Mann tut ihm gut. So wird aus einer vorübergehenden Beschäftigung die Bitte um eine dauerhafte „Überlassung“ des Sohnes.

Ganz tragfähig ist der Gedanke wohl nicht: „Wenn Saul ihn zum Waffenträger macht, mag das eine doppelten Grund haben: Der geliebte Musiker soll immer ganz nah ei ihm sein und als Waffenträger wird die Funktion Davids als Tröster mit Hilfe der Musik verhüllt.“ (M. Holland, aaO. S. 187) In der Umgebung Sauls wusste man doch, warum David geholt worden war. War es doch der Vorschlag der Knechte, „dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, er mit seiner Hand darauf spiele, und es besser mit dir werde.“ Dann wäre der Waffenträger David ein völlig durchsichtiges und überflüssiges Versteckspielen.  

 Wieder muss nicht David, sondern der Vater Isai zustimmen! Es fällt bei dieser Geschichte von der „Hof-Fahrt“ Davids insgesamt auf – er ist nicht der aktiv Handelnde. Er ist der, der gehorcht.

 23 Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm.

Es ist eine gute Idee, eine erfolgreiches Konzept: Der Klang der Harfe hilft Saul, aus seinen verstörenden Gedanken und Gefühlen heraus zu finden. Immer wieder. Das ist keine Heilung für immer, aber es ist in den akuten Fällen eine Hilfe. Es ist schon viel, wenn einer mit Hilfe der Musik aus den Tiefen seiner Ängste immer neu ein Stück herausgeholt werden kann. Seine Leiden werden gelindert. Er kann unter den Klängen heilsamer Musik aufatmen. Wenigstens bis zur nächsten Attacke.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Eine Randglosse von eigener Hand in meiner Bibel, aus früheren Jahren: „Wo Gott geht, ist Platz für den Bösen.“ Das ist nicht genau genug gelesen! Der Geist Gottes weicht von Saul, aber nur, um seinerseits einem bösen Geist vom Herrn Platz zu machen. auch der kommt von Gott – gleich dreimal wird es im Text so gesagt.  Also muss man genauer formulieren: Auch wo der Geist Gott sich zurückzieht, ist kein Raum für einen selbständigen bösen Geist. Es ist die Zumutung Gottes an Saul, dass er ihn diesem bösen Geist ausliefert, aussetzt.

„Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.“ (Sǿren. Kierkegaard) Was wir als biblischen Text vor Augen haben, passt damit zusammen: Er gehört in dieses Rückwärts-Verstehe hinein. Er ist Deutung post festum, nach dem Geschehen. die Zeitgenossen Sauls sehen ihren König, belastet von schrecklichen Störungen. Anfällen von Depression, ungezügelter Wut. Sie sehen einen König, der jeden Augenblick die Beherrschung verlieren kann, nicht mehr er selbst ist. Ob sie das alles als „heilige Krankheit“,  mit ihrem letzten Grund in Gott gesehen haben, ist für mich offen. Es ist der Blick zurück, der auch darin Gott am Werk sieht. Es ist, so darf man wohl sagen, Deutung des Glaubens, die wir hier in der Erzählung vor uns haben

Es ist die Zumutung an uns, dass wir aus dieser Erzählung lernen: Gott ist auch der Ursprung hinter dem Bösen, das uns wiederfährt. Auch die bösen Geister, die uns plagen, sind doch Gottes Geister. Erschreckend aber womöglich auch befreiend: Auch darin sind wir in Gottes Hand Ob das trösten kann?

Mein Gott, manchmal ist es schon viel, tut es uns gut, dass wir Musik hören, Klänge wahrnehmen, die unserer Seele wohltun, uns aufatmen lassen, uns einen Ausweg eröffnen aus den Nöten, die uns gefangen haben.

Manchmal tauche ich ein in eine Klangwelt, die mich vergessen lässt, was mich   bedrängt. Manchmal kommt mir eine Liedzeile und ich bin ermutigt.

Meine Seele sehnt sich nach den Klängen, die mein Herz singen lassen, der Trübsal widerstehen, den Tränen erlauben zu fließen, die mir erlauben, über den Schmerz hinaus zu hören, zu sehen, zu singen. Amen