Gesalbt – einfach so

  1. Samuel 16, 1 – 13

1 Und der HERR sprach zu Samuel: Wie lange trägst du Leid um Saul, den ich verworfen habe, dass er nicht mehr König sei über Israel? Fülle dein Horn mit Öl und geh hin: Ich will dich senden zu dem Bethlehemiter Isai; denn unter seinen Söhnen hab ich mir einen zum König ersehen.

             „Ohne Pause geht die Erzählung nach Sauls Verwerfung weiter.“(R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, s. 173) Weil die Geschichte immer weiter geht. Allerdings zunächst nicht mit Saul. Sondern es ergeht ein neues Wort des HERRN an Samuel. Daran hängt alles. Es ist der HERR, der die Initiative ergreift. Es wird wohl Rama sein, wo dieses Wort an Samuel ergeht. Wie es ergeht, wie es zustande kommt – das interessiert nicht. Samuel wird aus der Trauer um Saul gerufen, fast so, als würde sie ihm untersagt. Hat diess Trauer ihren Grund im Mitgefühl für Saul? Oder liegt in dieser Trauer auch ein Vorbehalt gegen Gott, der Saul so verworfen hat, den Saul, den doch Samuel im Auftrag Gottes gesalbt hatte? Wie auch immer – der Herr will neues Handeln.  Er hat sich schon einen neuen, anderen König ersehen. „Es liegt dem Herrn daran, das Königtum nicht mit dem „verworfenen“ König fallenzulassen, sondern im Gegenteil für die Beibehaltung zu sorgen.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 108) Das Leben geht weiter.

 2 Samuel aber sprach: Wie kann ich hingehen? Saul wird’s erfahren und mich töten. Der HERR sprach: Nimm eine junge Kuh mit dir und sprich: Ich bin gekommen, dem HERRN zu opfern. 3 Und du sollst Isai zum Opfer laden. Da will ich dich wissen lassen, was du tun sollst, dass du mir den salbst, den ich dir nennen werde.

Überraschung? „Nun plötzlich zittert Samuel vor Saul.“(R. Kessler, aaO. S. 174) Noch ist Saul ja König und das Volk weiß nichts anderes. Darum wäre es gefährlich für Samuel, jetzt offen einen Gegenkönig zu installieren. Es wird wohl zutreffen: „So wie Saul sich vom Samuel zu Recht beobachtet fühlt, so auch Samuel von Saul.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 182) Solche wechselseitige Überwachung ist keine Erfindung der Neuzeit. Es ist also ein Anlass nötig, der keinen Verdacht auslösen wird. Was liegt näher als eine Opferhandlung?

Das hat gute Tradition in Israel, die wahren Absichten zu verbergen. Nicht nur hier gilt „Ein Vorwand ist nötig, um kein gefährliches Aufsehen zu erregen.“(J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 50) Eine Verschleierung der wirklichen Absichten – so wie damals bei Mose, dem Pharao gegenüber: „Danach gingen Mose und Aaron hin und sprachen zum Pharao: So spricht der HERR, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen, dass es mir ein Fest halte in der Wüste.“(2. Mose 5,1) Auch da ist es Gott, der die Täuschung anregt!

Hat es Gott nötig, dass er dafür entschuldigt wird? „Gott nimmt immer wieder Rücksicht auf den Kleinmut der Seinen. Wegen Samuels Angst befiehlt Gott ihm, Jahwe zu opfern. Das ist keine Notlüge, sondern ein Auftrag, wie Samuel auch sonst noch zu opfern hatte.“ (M. Holland, ebda.) Aber ein bisschen tricksen ist es schon.  

4 Samuel tat, wie ihm der HERR gesagt hatte, und kam nach Bethlehem. Da entsetzten sich die Ältesten der Stadt und gingen ihm entgegen und sprachen: Bedeutet dein Kommen Friede? 5 Er sprach: Ja, Friede! Ich bin gekommen, dem HERRN zu opfern; heiligt euch und kommt mit mir zum Opfer.

             Wenn Samuel kommt, bleibt das nicht verborgen. Auch nicht in Betlehem. Alle ahnen, die Ältesten der Stadt voran,  dass es nicht einfach so kommt. „Sein unerwartetes Kommen lässt ahnen, dass etwas Ungewöhnliches, vielleicht Bedrohliches bevorsteht.“ (J. Conrad, ebda.) Warum sie so beunruhigt sind, bleibt offen. Ob der Konflikt zwischen Saul und Samuel doch stärker wahrgenommen worden ist als es der Text sichtbar macht? Ob es die Angst gab, in diesen Konflikt tiefer hinein verwickelt zu werden? Auch wenn sich das nicht mit Sicherheit sagen lässt – „das ist begreiflicher als die Annahme, Samuels Kommen sei für die Bethlehemiten ähnlich besorgniserregend wie etwa für manche Gemeindeglieder der Krankenbesuch des Pfarrers.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 109)Wie auch immer, Samuel beruhigt und verweist auf das Opferfest. Lädt dazu ein und fordert sie auf, sich entsprechend vorzubereiten.

 Und er heiligte den Isai und seine Söhne und lud sie zum Opfer. 6 Als sie nun kamen, sah er den Eliab an und dachte: Fürwahr, da steht vor dem HERRN sein Gesalbter. 7 Aber der HERR sprach zu Samuel: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an. 8 Da rief Isai den Abinadab und ließ ihn an Samuel vorübergehen. Und er sprach: Auch diesen hat der HERR nicht erwählt. 9 Da ließ Isai vorübergehen Schamma. Er aber sprach: Auch diesen hat der HERR nicht erwählt. 10 So ließ Isai seine sieben Söhne an Samuel vorübergehen; aber Samuel sprach zu Isai: Der HERR hat keinen von ihnen erwählt.    

 Es findet nun also tatsächlich ein öffentliches Opferfest statt. Ausdrücklich eingeladen und geheiligt ist Isai mit seinen Söhnen. Sie kommen auch, alle und einer nach dem anderen der Söhne wird von Samuel „begutachtet“. Das Auswahlverfahren Gottes folgt nicht  den Gedanken des Samuel. Nicht den Regeln der Welt, Gott ist anders. Muss man sich Samuel frustriert vorstellen? Einer nach dem anderen – und keiner ist der, den Gott will. Ob Isai inzwischen ahnt, dass da etwas im Gang ist, das mehr bedeutet? Wie muss es auf ihn wirken, wenn Samuel sagt, bei allen sieben, einem nach dem anderen: Auch diesen hat der HERR nicht erwählt. Es geht ja schon lang nicht mehr nur darum, dass die Söhne Gäste am Opferaltar werden sollen.

Nur so nebenher: „Ich habe ihn verworfen.“ Das Verwerfen Gottes ist hier kein letztes Wort über die Ewigkeit – so hören wir es ja leicht. Es ist nur das Urteil: der ist es nicht. Der ist nicht der, den ich will. Es ist gut, solche großen Worte aus ihrem Zusammenhang heraus zu verstehen, damit sie nicht so belastet werden. Ein verworfener Mensch – das ist keine Charaktereigenschaft, kein Ewigkeits-Urteil. Es ist nur: Jetzt nicht. Jeder Fußball-Trainer, der eine Mannschaft aufstellt und dabei einige nicht berücksichtigt, übt dieses Verwerfen aus. Heute kann ich dich nicht  aufstellen. Heute nicht.

  11 Und Samuel sprach zu Isai: Sind das die Knaben alle? Er aber sprach: Es ist noch übrig der jüngste; und siehe, er hütet die Schafe. Da sprach Samuel zu Isai: Sende hin und lass ihn holen; denn wir werden uns nicht niedersetzen, bis er hierhergekommen ist. 12 Da sandte er hin und ließ ihn holen. Und er war bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt. Und der HERR sprach: Auf, salbe ihn, denn der ist’s.

             Es ist noch einer, der Achte übrig. „Das Wort übrig bedeutet auch „Rest“, der ist nichts wert.“ (M. Holland, aaO. S. 184)  Bei den Schafen. ein Hirtenjunge. Als er kommt, sieht Samuel: er war bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt. Aber das gute Aussehen, die angenehme Gestalt ist kein Kriterium, wie der Leser sich sehr wohl erinnert: : Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.

Wieder ist es Gott, der die Entscheidung trifft. Er hat Samuel zu Isai gesandt und er ist es auch, der jetzt das Geschehen der Salbung in Gang setzt: Auf, salbe ihn, denn der ist’s. Dieser Hirtenjunge ist der, den Gott will. Eine Begründung für diese Wahl Gottes – Fehlanzeige. Ein Nachfragen Samuels – Fehlanzeige. Gott will diesen, der gerade noch bei den Herden war, dessen Namen bis dahin noch keine Rolle spielt. Es ist allein dies ausschlaggebend: Gott will ihn.

Es ist wie eine Vorwegnahme der Jüngerberufungen, wie sie in den Evangelien erzählt werden wird. Und als er vorüberging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach. (Markus 2, 13-14) Keine Begründung – nur ein Ruf und Folgen. Und wenig später im gleichen Evangelium:  „Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm.“(Markus 3,13) Auch hier wieder: Nur der Wille des Rufenden zählt.

Es ist der Apostel Paulus, der diese seltsame Weise Gottes regelrecht zum Gesetz, zur Wesensart Gottes erklärt: „Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.“(1. Korinther 1, 27 – 29)

Da steht also dieser „Rest“ mitten unter seinen Brüdern, die ihn alle überragen. Und Samuel hört –  wie wird, wie immer nicht erklärt: Auf, salbe ihn, denn der ist’s. Gott hat sich entschieden, für diesen, dessen Namen bis hier noch nicht genannt worden ist.

13 Da nahm Samuel sein Ölhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des HERRN geriet über David von dem Tag an und weiterhin. Samuel aber machte sich auf und ging nach Rama.

Samuel gehorcht der Stimme, dem Wort Gottes. Er salbt diesen achten Sohn inmitten seiner Brüder.  Es ist wohl so, dass diese Salbung den Gesalbten „aus ihrer Mitte“ hervorhebt. So kann man beæreb sicherlich lesen. Aber das Geschehen findet dennoch in ihrer Mitte statt. Und es ist nicht geheim, auch wenn „es in sich selbst ein geheimnisvolles Geschehen“ (J. Conrad, aaO. S. 51)ist. Nur: es wird auch nicht gesagt, dass der so Gesalbte der zukünftige König Israels sein wird. Es wird – an dieser Stelle – kein Zweck, kein Auftrag mit der Salbung verbunden.

Mit der Salbung ist David zum Werkzeugt Gottes erkoren.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 110) Ohne spezifische Nennung einer Aufgabe. es ist, auch wenn es doch wieder ganz anders ist wie bei der Taufe. Auch da geschieht eine Erwählung. Gott legt seine Hand auf den Täufling. Aber damit ist noch nichts über den zukünftigen Weg des Täuflings gesagt.

Geistbegabt wird dieser Gesalbte – von diesem Tag an. Vom Geist durchdrungen. Das ist die Überschrift über den Weg, den David – erst jetzt wird sein Name genannt  – gehen wird. Geistbegabt – aber ohne die ekstatische Verzückung Sauls. Wie man sich das vorstellen muss, bleibt ein Geheimnis.

    

Was mich beschäftigt:

             „Beide Könige, die am Anfang der Geschichte Israels stehen, werden von Samuel gesalbt.“ (R. Kessler, aaO. S. 178) Man könnte also sagen: Samuel ist nicht nur Richter, nicht nur Prophet, er ist auch der Königsmacher Es gibt in der jüdischen Auslegungstradition eine Unterscheidung, die unsereiner leicht übergeht: Da ist die Salbung aus dem Krug wie bei Saul und auf der anderen Seite die Salbung aus dem Ölhorn wie bei David. „Bei Saul und Jehu, die mit einem Krug gesalbt wurden, dauert die Herrschaft nicht an. Bei David und Salomo, die mit einem Horn gesalbt wurden, dauert die Herrschaft an. Der Krug ist aus Ton gefertigt und zerbrechlich. Das Horn ist unzerbrechlich. Wer mit ihm gesalbt worden ist, begründet eine beständige Herrschaft.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S. 87) Weit hergeholt? Vielleicht. Vielleicht ist es auch nur der Versuch, die Texte auch in der Art, wie sie erzählen, ganz ernst zu nehmen.

            Wie anders ist Gottes Wählen als unser Wählen. Wir schauen auf Größe, Ausstrahlung, Durchsetzungsvermögen. Wir fragen Fähigkeiten ab und erstellen Potential-Analysen. Gott aber lässt alle durchfallen, die nach diesen Kriterien ganz oben auf der Kandidatenliste stehen müssten. Er wählt den, der bis dahin nur ein Hirtenjunge ist. Gewiss auch mit schönen Augen und von guter Gestalt, eine angenehme Erscheinung. Ein unbeschriebenes Blatt.

            Es ist das Herz. Wir hören leicht, dass Gott anderen Kriterien folgt. Eine frühe Auswahl unter dem Leitmotiv „emotionale Intelligenz“. Es könnte sein, sein Herz spricht für David. Es wird sich zeigen: Auch das ist es nicht. Auch in Davids Herz wird es zeitweise chaotisch zugehen. Gott wählt anders. Es gibt für die Wahl des jüngsten Isai-Sohnes keinen vernünftigen Grund. Nur diesen einen: Gott will ihn, mit seinem Herzen, das ist, wie es ist!  

 

 

Gerufen, erwählt aus der Mitte der Brüder. Getauft in der Mitte der Gemeinde. Mein Gott, Du hast Deine Hand auf uns gelegt. Du willst, dass wir Dein eigen sind, auch wenn noch gar nicht heraus ist, was aus uns wohl werden könnte.

Du gehst das Risiko ein, Dein Rufen und Erwählen könnte ins Leere gehen, kein Echo finden bei dem, den Du willst, könnte einen finden, der sich Deines Rufens nicht würdig erweist.

Du glaubst an uns, die Du rufst. Darüber lobe und preise ich Dich. Amen