Ein fremdes Wort – ein fremder Gott

  1. Samuel 15, 1 – 35

1 Samuel sprach zu Saul: Der HERR hat mich gesandt, dass ich dich zum König salben sollte über sein Volk Israel; so höre nun auf die Worte des HERRN! 2 So spricht der HERR Zebaoth: Ich habe bedacht, was Amalek Israel angetan und wie es ihm den Weg verlegt hat, als Israel aus Ägypten zog. 3 So zieh nun hin und schlag Amalek. Und vollstreckt den Bann an allem, was es hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel.

             Es ist, als wäre nichts geschehen. Kein Wort Samuels davon, dass Saul verworfen ist. Liegt das daran, so die normale historisch-kritische Erklärung, dass es sich um die Zusammenfügung verschiedener Erzähl-Stränge handelt? Es scheint jedenfalls so, dass dieses Kapitel einfach anknüpft an Kapitel 11 und die Berichte über den „Rücktritt“ Samuels und den Kampf mit den Philistern überspringt.

Samuel erinnert Saul an seine Salbung, geschehen im Auftrag Gottes. Und verbindet diese Erinnerung mit einem neuen Auftrag. Es ist eine klare Rangordnung, die hier exemplarisch deutlich wird: „Prophetische Orakel sind mehr als eine heutige politische Beratung durch Experten, denen der Entscheidungsträger folgen kann oder such nicht. Die Propheten erwarten, dass ihrer im Namen Gottes gegebenen Aufforderung gefolgt wird.“ (R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 152)

So ist es auch hier. Samuel will – als den Willen Gottes – Krieg gegen die Amalekiter. In Erinnerung daran, wie sie sich feindselig Israel entgegen gestellt haben. Das ist ein Rückgriff in „graue Vorzeit.“ Sozusagen die Aufforderung, eine alte Rechnung endlich zu begleichen. Umfassend, so dass von Amalek nichts bleibt.

Man muss das aus heutiger Sicht so hart sagen – was hier Bann genannt wird, ist die Aufforderung zum Genozid im Namen Gottes. Vernichtungsweihe. „Ein Brauch antiker Kriegsführung, bei dem darauf verzichtet wird, Beute zu machen – an Menschen, die versklavt werden, an Vieh und an Sachen – sondern stattdessen alles durch Tötung und Zerstörung der Gottheit übereignet wirf, der man den Sieg zuschreibt.“(R. Kessler, aaO. S. 158) Man muss wohl sagen: Wenn Samuel diesen Bann im Namen Gottes fordert, so unterscheidet sich das Bild seines Gottes nicht von den Götterbildern, die andere Völker um Israel herum haben!

Die alten Erzähler haben damit offenkundig nicht die gleichen Schwierigkeiten wie wir heute Lesenden. Wir schaudern vor einem Gott zurück, der die Ausrottung eines ganzen Volkes anordnen könnte. Wir wollen keine „heiligen Kriege“ und wir wollen nicht die Begründung von Gewalt mit den Worten: Gott will es. Dass Religionen eine Quelle von Gewalt sein könnten, spricht gegen sie. So sehen das jedenfalls fast alle Zeitgenossen. Wir sehnen uns nach gewaltfreier Religiosität und nach dem Glauben, und dem Gott, der der Gewalt in den Arm fällt.

Es tröstet auch nicht wirklich zu lesen: „Ob die Vernichtungsweihe in Israel jemals praktiziert wurde, ist unsicher. Sie hat aber als Idee in die Bibel Eingang gefunden und zwar durchaus als Forderung, die dem Willen Gottes entspricht.“(R. Kessler, ebda.)  Darum ist an dieser Stelle Klärungsbedarf für die heutigen Leser*innen. Das ist keine Handlungsanweisung für heute. Das ist nicht alles, was die Bibel zum Thema Krieg zu sagen hat. Es gibt auch die Hoffnung: „Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“(Jesaja 2,4) Gerade wer das biblische Wort ernst nimmt, muss lernen, an einzelnen Worten theologische Sachkritik zu üben und nicht einem gedankenlosen Kadavergehorsam das Wort zu reden.

4 Da bot Saul das Volk auf, und er musterte sie zu Telaim: zweihunderttausend Mann Fußvolk und zehntausend Mann aus Juda. 5 Und als Saul zu der Stadt der Amalekiter kam, legte er einen Hinterhalt im Bachtal. 6 Und Saul ließ den Kenitern sagen: Geht, weicht und zieht weg von den Amalekitern, dass ich euch nicht mit ihnen aufreibe; denn ihr tatet Barmherzigkeit an allen Israeliten, als sie aus Ägypten zogen. Da zogen die Keniter fort von den Amalekitern. 7 Da schlug Saul die Amalekiter von Hawila bis nach Schur, das vor Ägypten liegt, 8 und nahm Agag, den König von Amalek, lebendig gefangen, und an allem Volk vollstreckte er den Bann mit der Schärfe des Schwerts. 9 Aber Saul und das Volk verschonten Agag und die besten Schafe und Rinder und das Mastvieh und die Lämmer und alles, was von Wert war, und sie wollten den Bann daran nicht vollstrecken; was aber nichts taugte und gering war, daran vollstreckten sie den Bann.

             „Saul gehorcht bereitwillig und hält eine Musterung ab.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 99) Er erhebt keine Einwände gegen diesen Kampfauftrag. Immerhin zeigt er Menschlichkeit, in dem er die Keniter rechtzeitig warnt. Sie sollen sich absetzen von den Amalekitern, damit sie nicht mit ihnen vernichtet werden. Sie lassen sich warnen.

Der Kriegszug ist erfolgreich. Die Amalekiter werden geschlagen. Lapidar heißt es: und an allem Volk vollstreckte er den Bann mit der Schärfe des Schwerts. Saul vollzieht den angeordneten Völkermord. Nur den König, Agag lässt er leben. Und auch, was es an Qualitäts-Tieren gab – die besten Schafe und Rinder und das Mastvieh und die Lämmer – wird verschont. Weil so die eigene Zucht aufgebessert werden könnte?

 10 Da geschah des HERRN Wort zu Samuel: 11 Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe; denn er hat sich von mir abgewandt und meine Befehle nicht erfüllt. Darüber wurde Samuel zornig und schrie zu dem HERRN die ganze Nacht.

             Das ist unheimlich für Leser*innen heute: Gott ist zornig über Saul, über seine Inkonsequenz. Gott beschwert sich bei Samuel: er hat sich von mir abgewandt und meine Befehle nicht erfüllt. Die Grundbedingung für das Königtum – Gehorsam gegen die Befehle und Weisungen Gottes ist missachtet. Das führt dazu, dass Gott seine Wahl reut. Was dieses Reuen Gottes für Folgen haben wird, ist hier nicht ausdrücklich gesagt.

Nur die Reaktion Samuels wird in den Blick gerückt. Allerdings: „Es handelt sich bei dem Konflikt zwischen Samuel und Saul nicht um ein persönliches Zerwürfnis.“(R. Kessler, Samuel, aaO. S. 166) Sondern zornig ist Samuel und schreit zum Herrn – eine lange Nacht lang -, um Sauls Willen!  Dazu hatte er sich ja selbst verpflichtet: „Es sei aber auch ferne von mir, mich an dem HERRN dadurch zu versündigen, dass ich davon abließe, für euch zu beten.“(12,23) Es ist die vornehmste Aufgabe der Priester und der Propheten, in der Fürbitte für das Volk einzustehen. „Das nächtliche Schreien Samuels zum Herrn kann nur den Versuch bedeuten, ihn umzustimmen. Samuel legt Fürbitte für den Sünder ein wie Abraham für Sodom.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 100)

             Hier zeigt sich etwas vom Wandel des Denkens in den letzten Jahrzehnten, auch im Denken über Religion. Während im Text noch vollständig unbesehen die Verweigerung des völligen Genozids als Sünde angerechnet wird, ist für uns der Genozid, selbst wenn er unvollendet bleibt, die eigentliche Sünde. Und der „Bösewicht“, wenn  man so will, ist nicht der, der  den Befehl nur unvollständig ausführt. Der eigentliche Bösewicht ist der, der diesen Befehl gibt!

12 Und Samuel machte sich früh auf, um Saul am Morgen zu begegnen. Und ihm wurde angesagt, dass Saul nach Karmel gekommen wäre und sich ein Siegeszeichen aufgerichtet hätte und weitergezogen und nach Gilgal hinabgekommen wäre. 13 Als nun Samuel zu Saul kam, sprach Saul zu ihm: Gesegnet seist du vom HERRN! Ich habe des HERRN Wort erfüllt. 14 Samuel antwortete: Was ist denn das für ein Blöken von Schafen in meinen Ohren und ein Brüllen von Rindern, das ich höre? 15 Saul sprach: Von den Amalekitern hat man sie gebracht; denn das Volk verschonte die besten Schafe und Rinder, um sie zu opfern dem HERRN, deinem Gott; an dem andern haben wir den Bann vollstreckt.

             Samuel macht sich auf den Weg und trifft Saul in Gilgal. Zuvor hat der ein Siegeszeichen auf dem Karmel aufgerichtet. In Gilgal empfängt Saul Samuel – wohlgemut. Mit einem Segenswort. Und meldet: Befehl ausgeführt. Samuel mag zwar alt sein, aber er hört noch gut und verlangt Auskunft über das laut vernehmliche Blöken und Brüllen. Saul sagt: alles Opfertiere – für deinen Gott.

             Es ist wichtig, sich den Unterschied zwischen Bann und Opfer vor Augen zu halten: „Bannen ist völliges Vernichten, also Hingabe des Ganzen, während Opfern (zāba) für gewöhnlich ein Teilhaben des Menschen voraussetzt.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 101) Diesen Unterschied muss Saul doch kennen – deshalb wirken seine Worte auf Samuel wie eine faule Ausrede!

 16 Samuel aber antwortete Saul: Halt ein, ich will dir sagen, was der HERR mit mir diese Nacht geredet hat. Er sprach: Sag an! 17 Samuel sprach: Ist’s nicht so: Auch wenn du vor dir selbst gering warst, bist du doch das Haupt der Stämme Israels; denn der HERR hat dich zum König über Israel gesalbt. 18 Und der HERR sandte dich auf den Weg und sprach: Zieh hin und vollstrecke den Bann an den Sündern, den Amalekitern, und kämpfe mit ihnen, bis du sie vertilgt hast! 19 Warum hast du der Stimme des HERRN nicht gehorcht, sondern hast dich an die Beute gemacht und getan, was dem HERRN missfiel?

             So fällt Samuel ihm ins Wort. Er erinnert ihn: Du bist von dir aus gesehen ein Nichts. Du bist nur, wozu Gott dich gemacht hat. Und es ist der Wille dessen, der dich zum König gesalbt hat, dass du den Bann an den Sündern, den Amalekitern, vollstreckst und nicht eigenmächtig anderes beschließt. Du hast der Stimme des Herrn nicht gehorcht. Es ist wie ein letzter Brückenbau, dass er Saul fragt: Warum?

 20 Saul antwortete Samuel: Ich habe doch der Stimme des HERRN gehorcht und bin den Weg gezogen, den mich der HERR sandte, und habe Agag, den König von Amalek, hergebracht und an den Amalekitern den Bann vollstreckt. 21 Aber das Volk hat von der Beute genommen Schafe und Rinder, das Beste vom Gebannten, um es dem HERRN, deinem Gott, zu opfern in Gilgal.

 Es ist das uralte Spiel, weil Saul offenkundig ist, wie Menschen so sind. Er schiebt die Verantwortung ab: nicht ich – das Volk. Sie wollten ein Opferfest. Weil sie von einem Opferfest ja auch etwas haben – so müsste man ergänzen.

22 Samuel aber sprach: Meinst du, dass der HERR Gefallen habe am Brandopfer und Schlachtopfer gleichwie am Gehorsam gegen die Stimme des HERRN? Siehe, Gehorsam ist besser als Opfer und Aufmerken besser als das Fett von Widdern. 23 Denn Ungehorsam ist Sünde wie Zauberei, und Widerstreben ist wie Abgötterei und Götzendienst. Weil du des HERRN Wort verworfen hast, hat er dich auch verworfen, dass du nicht mehr König seist.

             Es kommt der Satz, der zum „Standard-Repertoire“ der Propheten werden soll. Jesaja, Hosea, Amos, Micha – sie alle greifen auf diesen Satz zurück: Opfer sind kein Ersatz für den Gehorsam. Gott lässt sich nicht durch Bratenfleisch abspeisen Er will den Gehorsam des Menschen, seine Hingabe, sein ungeteiltes Herz. Der Kult ist kein Ersatz für das gelebte Leben. Der Gottesdienst am Sonntag ist kein Ersatz für den vernünftigen Gottesdienst gelebter Nachfolge.

Wo dieser Gehorsam ausbleibt, unterlassen wird, da ist kein Raum mehr, sich mit Opfern ins rechte Licht zu rücken. „Das Scheitern Sauls wird darauf zurückgeführt, dass er glaubt, den verweigerten Gehorsam gegen den Befehl Gottes, der ihm von dem Propheten Samuel übermittelt wurde, durch Opfer wettmachen zu können.“ (R. Kessler, aaO. S. 168) Es ist schärfte Kritik: Ungehorsam ist Sünde wie Zauberei, und Widerstreben ist wie Abgötterei und Götzendienst. Wer einfach sein eigenes Ding macht und es durch den Gottesdienst nur verbrämt, der hat vor Gott kein Recht mehr.

Weil du des HERRN Wort verworfen hast, hat er dich auch verworfen, dass du nicht mehr König seist. Es ist die Tragik dieses Königs Saul, dass er kein böses Wort über Gott sagt, dass er nirgendwo Gleichgültigkeit für den Willen Gottes zeigt, dass er geradezu akribisch darauf bedacht ist, alles richtig zu machen, sich des Beistandes Gottes zu versichern, dass ihn dieser Anflug von Humanität so ins Unheil stürzt. „Verlangt war der klare, aktive Gehorsam, nicht das geheime Mitmachen. Das Werkzeug, das der Herr benutzt, muss sich völlig seine Hand einfügen, also zuverlässig sein.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 102) Aus der Perspektive Gottes ist diese Zuverlässigkeit nicht (mehr) gegeben.

 24 Da sprach Saul zu Samuel: Ich habe gesündigt, dass ich des HERRN Befehl und deine Worte übertreten habe; denn ich fürchtete das Volk und gehorchte ihrer Stimme. 25 Und nun, vergib mir doch meine Sünde und kehre mit mir um, dass ich den HERRN anbete. 26 Samuel sprach zu Saul: Ich will nicht mit dir umkehren; denn du hast des HERRN Wort verworfen, und der HERR hat dich auch verworfen, dass du nicht mehr König seist über Israel.

             Saul bereut, bekennt sich schuldig, wenn auch noch immer mit der Hintertür, dass es die Furcht vor seinen Leuten war, die ihn dazu gebracht hat. Für Samuel aber ist der Fall erledigt. Es gibt nichts mehr zu sagen. Das Urteil Gottes steht fest – es ist Echo auf das Tun Sauls. Die Verwerfung Gottes folgt nur der durch das Handeln Sauls vollzogenen Verwerfung.

 27 Und als sich Samuel umwandte, um wegzugehen, ergriff ihn Saul bei einem Zipfel seines Rocks; aber der riss ab. 28 Da sprach Samuel zu ihm: Der HERR hat das Königtum Israels heute von dir gerissen und einem andern gegeben, der besser ist als du. 29 Auch lügt der nicht, der Israels Ruhm ist, und es gereut ihn nicht; denn er ist nicht ein Mensch, dass ihn etwas gereuen könnte.

             Das ist symbolträchtig. Beim Versuch, Samuel zurück zu halten, behält Saul nur noch einen Zipfel, einen Stoff-Fetzen in der Hand.  Mehr wird ihm von Israel nicht bleiben – alles, was er an Herrschaft noch hat, ist ein Stoff-Rest. Weil Gott sich nicht umkehren lassen wird von seinem Beschluss. Weil er Gott ist und kein wankelmütiger Mensch. Damit ist für Samuel der Fall Saul endgültig geklärt „Wenn Samuel sich so entschieden von ihm abwendet, dann wird nur bekräftigt, dass es nicht um einen einzelnen Fehltritt geht, der vergeben werden könnte, sondern dass Saul es grundsätzlich nicht versteht, Gott gehorsam zu sein.“ (J. Conrad, aaO. s. 44)    

30 Saul aber sprach: Ich habe gesündigt; aber ehre mich doch jetzt vor den Ältesten meines Volks und vor Israel und kehre mit mir um, dass ich den HERRN, deinen Gott, anbete. 31 Da kehrte Samuel um und folgte Saul, und Saul betete den HERRN an.

             Es wirkt wie die Bitte um eine Galgenfrist. Veröffentliche noch nicht, was zwischen uns schon gesagt ist. Wahre den Anschein. Ehre mich doch jetzt vor den Ältesten meines Volks und vor Israel. Samuel soll darauf verzichten, den Bruch schon vor aller Augen zu vollziehen. Er kann das so tun, das er mit Saul zum Altar geht, mit ihm betet. Wieder die für mich seltsame Wendung: dass ich den HERRN, deinen Gott, anbete. Das klingt nach innerer Distanz. Ist, so frage ich, in Saul etwas zerbrochen in der Beziehung zu Gott? Ist ihm dieser so unerbittliche Gott fremd geworden? Das ist sicherlich nicht die Erzählabsicht des Textes. Aber es ist die Frage, die sich mir stellt. Samuel lässt sich auf Sauls Bitte ein. „Die Verwerfung ist demnach in Israel selbst zunächst ein Geheimnis, das erst später offenkundig wird.“ (J. Conrad, ebda.)   

32 Und Samuel sprach: Bringt Agag, den König von Amalek, zu mir! Und Agag ging hin zu ihm in Fesseln und sprach: Wahrlich, die Bitterkeit des Todes ist gewichen. 33 Samuel aber sprach: Wie dein Schwert Frauen ihrer Kinder beraubt hat, so soll auch deine Mutter der Kinder beraubt sein unter den Frauen. Und Samuel hieb den Agag in Stücke vor dem HERRN in Gilgal.

             Es ist eine grausige Konsequenz im Handeln dieses alten Mannes. Er vollzieht an Agag das Todesurteil, den Bann, den Saul schuldig geblieben war. Mit den Anschein des Rechtes. Weil Agag selbst Blut an den Händen hat. Es ist die grausige Umsetzung des uralten Wortes, das wohl in Israel schon immer tradiert worden ist: „Das Leben des Menschen will ich einfordern von einem jeden anderen Menschen. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll um des Menschen willen vergossen werden.“(1. Mose 9, 5-6)

 34 Und Samuel ging hin nach Rama; Saul aber zog hinauf in sein Haus zu Gibea Sauls. 35 Und Samuel sah Saul fortan nicht mehr bis an den Tag seines Todes. Aber doch trug Samuel Leid um Saul, weil es den HERRN gereut hatte, dass er Saul zum König über Israel gemacht hatte.

Die Wege trennen sich. Samuel wird Saul nicht mehr sehen. Aber er trauert um ihn. „Das hebräische Wort erinnert an die Totenklage.“(M. Holland, aaO. S. 176) Hat diese Totenklage ihren Grund darin, dass Samuel spürt, wie Gott seine Königswahl reut? Oder ist das eine der Schmerz um den Mann, der die Erwartungen nicht erfüllt hat, den der alte Richter doch auch irgendwie gemocht hat. „Die gemeinsame Geschichte von Samuel und Saul ist zu Ende.“ (R. Kessler, aaO. S 172)

Das andere, davon getrennt, ist die Feststellung, dass es Jahwe reute zw. gereut hatte.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Wie ist das mit dem Gehorsam als dem höchsten Wert? Es ist ja offenkundig: Saul scheitert daran, dass er statt 100% Gehorsam nur 95% Gehorsam leistet. Er erlaubt sich eigene Entscheidungen, die dem angesagten Willen Gottes nicht völlig entsprechen. Ist das also das Bild, das wir von Glauben haben sollen? 100%  Gehorsam?! „Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt.“(D. Bonhoeffer, Nachfolge, München 1976, S. 35)  Und im gleichen Buch: „Man kann Luther nicht verhängnisvoller missverstehen als mit der Meinung, Luther haben mit der Entdeckung des Evangeliums der reinen Gnade einen Dispens für den Gehorsam gegen das Gebot Jesu in der Welt proklamiert.“(D. Bonhoeffer, aaO. S. 19) Also: Saul scheitert am Gehorsam und verliert dadurch die Zukunft seiner Dynastie. Er ist unbrauchbar als Begründer eines Königshauses in der Zeit. Er ist verworfen – für Zeit. Auch für die Ewigkeit?

Mir setzt die Erzählung zu, weil ich weiß, wie es um meinen Gehorsam bestellt ist. Sie stellt mich in Frage. Es gibt so viele Entscheidungen in meinem Leben, auch wichtige, bei denen ich nicht einmal gefragt habe, was Gott will. Es gibt so viele Handlungen in meinem Leben, die nicht abgestimmt sind mit den Wegen Gottes. Es gibt so viele Gedanken, Sehnsüchte, die nie vor ihm Bestand haben könnten, auch wenn sie nur in meinem Kopf geblieben sind. Ich bin einfach oft meinen Weg gegangen. Wenn also nur der  vollkommen Gehorsam vor Gott zählt, habe ich schlechte Karten.

Was bleibt? Ich kann mich vor Gott nicht herausreden. Ich kann mir selbst nichts schön reden. Was bleibt ist allein das Vertrauen, dass Gott merkwürdiger Weise auch die liebt und nicht fallen lässt, die ihm alles schuldig geblieben sind, die auch, was den Gehorsam angeht, mit leeren Händen zu ihm kommen und vor ihm stehen.     

Gleich zweimal in diesem Kapitel ist davon die Rede, dass es Gott reute. Das beißt sich mit den philosophischen Bilder, dass Gott unwandelbar, unbeeinflussbar ist, sich ewig gleich. Da ist kein Raum für eine Reue Gottes. Dem gegenüber weist ausgerechnet diese Lehr-Erzählung darauf hin, dass Gott kein Gefangener seiner eigenen Beschlüsse und Taten ist. Er kann Beschlüsse ändern und Taten widerrufen – nicht nur bei der Sintflut. Gleichwohl gilt auch: Die Reue Gottes besagt nicht, dass man ihn „schon irgendwie rumkriegen kann“. Aber sie sagt, dass Gott frei bleibt, auch seinen eigenen  Worten gegenüber.

Mein Gott, manchmal macht mir Angst, was ich als Geschichte Deines Volkes lese, was ich als Deine Wegweisung höre, damals in den Zeiten Israels. Manchmal möchte ich es nicht wahrhaben, dass Du solche Befehle gegeben haben sollst zum Völkermord, zum Tod eines Königs.

Manchmal wünschte ich mir, dass wir diese Texte nicht mehr lesen müssten als Dein Wort. Dass ich einfach sagen könnte: Das ist nur Geschichtsschreibung Israels.

Aber ich lese sie trotzdem, weil ich spüre dass sie mir helfen, es mir nicht so leicht zu machen mit Dir, mein Gott. Aus Dir nicht einen Kuschel-Gott zu machen, der nichts dazu zu sagen hat, dass das Leben manchmal so hart ist, grausam, unmenschlich.

Ich brauche die so befremdenden Texte, damit ich Deine Fremdheit aushalten lerne und Du mir dennoch nicht fremd wirst. Amen