Tollkühn oder Gottvertrauen?

  1. Samuel 14, 1 – 15

 1 Es begab sich eines Tages, dass Jonatan, der Sohn Sauls, zu seinem Waffenträger sprach: Komm, lass uns hinübergehen zu der Wache der Philister, die da drüben ist. Aber seinem Vater sagte er nichts.

Auch wenn es nicht gesagt wird – es ist eine Zeit des gegenseitigen sich Belauerns, sich Beobachtens zwischen den Truppen Sauls und den Philistern. „Stellungskrieg“. Es scheint, Jonatan wird die Zeit zu lang. Er will einmal „nachschauen“ gehen, was es mit den Truppen der Philister, ihren Vorposten auf sich hat. Es hat den Anschein, „dass es sich bei Jonathan nicht um einen wohlüberlegten Plan, sondern um einen Einfall handele.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 88) Darum auch wird sein Kontrollgang nicht mit dem Vater abgesprochen.

2 Saul aber saß am Rande des Gebietes von Gibea unter dem Granatapfelbaum, der in Migron steht; und das Volk, das bei ihm war, zählte etwa sechshundert Mann. 3 Und Ahija, der Sohn Ahitubs, des Bruders Ikabods, des Sohnes des Pinhas, des Sohnes Elis, des Priesters des HERRN zu Silo, trug den Priesterschurz. Das Volk wusste aber nicht, dass Jonatan weggegangen war.

             Es ist ein Blick in das „Heerlager“ Sauls- dort geht es beschaulich zu. Saul unter einem Granatapfelbaum. Alles ist ruhig. Niemand achtet auf Jonatan, so dass auch nicht auffällt, dass er weg ist.

 4 Es waren aber an dem engen Wege, wo Jonatan hinüberzugehen suchte zu der Wache der Philister, zwei Felsklippen, die eine diesseits, die andere jenseits; die eine hieß Bozez, die andere Senne. 5 Die eine Felsklippe stand im Norden gegenüber Michmas und die andere im Süden gegenüber Geba.

             Das ist eine sorgfältige Wegbeschreibung, die Ortskenntnis erkennen lässt. Auch in der Zeit der Abfassung sind die markanten Wegpunkte noch namentlich bekannt – der Schlüpfrige und der Dornige. Bozez und Senne.

6 Und Jonatan sprach zu seinem Waffenträger: Komm, lass uns hinübergehen zu der Wache dieser Unbeschnittenen! Vielleicht wird der HERR etwas für uns tun, denn es ist dem HERRN nicht schwer, durch viel oder wenig zu helfen. 7 Da antwortete ihm sein Waffenträger: Tu alles, was in deinem Herzen ist; geh nur hin! Siehe, ich bin mit dir, wie dein Herz will. 8 Jonatan sprach: Wohlan, wir gehen zu den Männern hinüber und zeigen uns ihnen. 9 Werden sie dann zu uns sagen: Steht still, bis wir zu euch herankommen!, so wollen wir an unserm Ort stehen bleiben und nicht zu ihnen hinaufgehen. 10 Werden sie aber sagen: Kommt zu uns herauf!, so wollen wir zu ihnen hinaufsteigen; dann hat sie der HERR in unsere Hand gegeben. Das soll uns zum Zeichen sein.

             Es ist kein Plan, dem Jonatan folgt, den er seinem Waffenträger mitteilt. Es ist ein Irrsinn. „Das ganze Unternehmen ist, den Anweg und die Überfall betreffend, Wahnsinn oder Glaube; wer kann denn da hinüber? Und wer kann, wenn es gelänge, mit zwei Mann einen Angriff auf die zehn- oder hundertfach überlegenen Feinde durchführen?“(H. W. Hertzberg, ebda.) Die ganze Erzählung klingt mehr nach Winnetou von Karl May als nach historisch glaubhafter Erzählung.

Sollen die Leser*innen von Jonatan lernen? Sollen sie seinen Mut, seine Tollkühnheit bewundern? Oder sollen sie wahrnehmen, dass hinter diesem Mut Gottvertrauen steht: Vielleicht wird der HERR etwas für uns tun, denn es ist dem HERRN nicht schwer, durch viel oder wenig zu helfen. Dieser Satz signalisiert das Gottvertrauen, das dem Vater Saul zu fehlen scheint.

Es ist ein „Vielleicht-Gottvertrauen“. Eines, das sich nicht in Sicherheit wiegt, das sich nicht darüber hinweg täuscht: Gott muss sich nicht von uns in solch einer Mutprobe und Tollkühnheit nötigen lassen. Mir ist dieses „Vielleicht-Gottvertrauen“ sympathisch, weil es der falschen Sicherheit wehrt: Gott ist auf jeden Fall auf unserer Seite. Weil es die Freiheit Gottes in Rechnung stellt und Gott nicht  auf den Erfüllungsgehilfen unserer Pläne und wünsche reduziert.

Ist es ein ansteckendes Gottvertrauen? Der Waffenträger sagt den Satz, der wie ein Buchtitel unserer Zeit wirkt: Tu alles, was in deinem Herzen ist; geh nur hin! – „Geh, wohin dein Herz dich führt.“ Nur: ob hinter seiner Zustimmung zum Weg Jonatans eine geistliche Sicht steht oder doch „nur“ die Treue und eine große Portion Mut, das muss offenbleiben. Gesagt wird davon nichts.

Immerhin: Jonatan baut Sicherheiten ein. Je nachdem, wie die Philister reagieren, wenn sie sie sehen, werden sie sich verhalten. Kommen sie aggressiv auf sie zu, gilt es stehen zu bleiben. Werden sie sie aber selbstsicher auffordern, näher zu kommen, dann kann man sie überrumpeln.

 11 Als sie sich nun beide der Wache der Philister zeigten, sprachen die Philister: Siehe, die Hebräer sind aus den Löchern hervorgekommen, in die sie sich verkrochen hatten. 12 Und die Männer der Wache riefen Jonatan und seinem Waffenträger zu und sprachen: Kommt herauf zu uns, so wollen wir’s euch schon lehren!

             Es kommt, wie es kommen muss. Die Philister sehen zwei Hebräer und verspotten sie. sie verhöhnen sie – aus den Löchern kommen sie gekrochen. Und so versprechen sie ihnen eine Lektion in Sachen Kampf. Eine Lektion, die sie nicht überleben werden.

 Da sprach Jonatan zu seinem Waffenträger: Steig mir nach! Der HERR hat sie in die Hand Israels gegeben.

             Jonatan aber hört nicht diesen Hohn. Er hört nur, dass sich erfüllt, was er vorher gewissermaßen als Wegmarke von Gott festgelegt hatte. Sie werden hinauf gerufen. So zeigt sich: Der HERR hat sie in die Hand Israels gegeben. Es ist ein Gottesurteil, das sich vollziehen wird, .

 13 Und Jonatan kletterte mit Händen und Füßen hinauf und sein Waffenträger ihm nach. Da fielen sie vor Jonatan, und sein Waffenträger hinter ihm gab ihnen den Todesstoß. 14 So traf der erste Schlag, den Jonatan und sein Waffenträger taten, ungefähr zwanzig Mann etwa auf einer halben Hufe Acker, die ein Joch Rinder pflügt. 15 Und es entstand ein Schrecken im Lager und auf dem freien Felde und im ganzen Volk; die Wache und die streifenden Rotten erschraken auch; und die Erde erbebte. Und so geschah ein Gottesschrecken.

Der Handstreich gelingt. auf Händen und Füßen steigen die beiden Israeliten empor und die Feinde fallen regelrecht über sie her, wollen sich auf die beiden stürzen und stürzen dabei über sie. “Ob die Männer der Feldwache vor Schrecken oder verwundet zu Boden stürzen, ist nicht deutlich.“(H. W. Hertzberg aaO. S. 89) Im unwegsamen Gelände entpuppen sich die Vielen den Wenigen gegenüber als unterlegen.  zwanzig Mann fallen dem Angriff zum Opfer. Wichtiger noch als diese Zahl: Aus diesem Getümmel auf der kleinen Anhöhe wird ein Schrecken, der das ganze Lager, das ganze Heer der Philister erfasst. Ein Gottesschrecken. „Der Herr selbst greift so ein wie in der Deborahschlacht oder im Tal Aijalon und schon am Roten Meer.“ (H. W. Hertzberg, ebda.) Die Leser*innen sollen doch wohl wahrnehmen: Nicht der Mut des Jonatan, sondern die Rettungstat Gottes wird hier staunend erzählt.

Was mich beschäftigt:

Wenn im Krimi die Ermittler nicht warten, bis Unterstützung da ist, halte ich das für unangemessen, tollkühn, für eine törichte Selbstgefährdung. So geht es mir im Grunde auch mit dem Erkundungsgang Jonathans. Er nimmt unverantwortliches Risiko. Die Überschriften in den Bibelausgaben – unisono: „Jonathans Heldentat“ -sind unangemessen. Erst recht die Überschrift: „Wer wagt, gewinnt.“(Volxbibel) Weil sie wie eine Aufforderung klingt, sich Jonathans Wagemut zum Vorbild zu nehmen. Mein in sechs Jahren Krieg leid-erprobter Vater pflegt zu sagen: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Das ist Mahnung zur Vorsicht, nicht zur unbedachten Tapferkeit, aber auch nicht zur Feigheit.

Man darf sich vom glücklichen Ausgang des Unternehmens nicht blenden lassen. Was Jonathan hier getan hat, ist unverantwortbar. Es ist Gottes Freundlichkeit, dass er ihn in diesem Alleingang nicht scheitern lässt. Aber es ist gewiss keine Aufforderung, ihm solchen tollkühnen Alleingang nachzumachen. Man darf auch durch sein Gottvertrauen Gott nicht auf die Probe stellen. Mehr dazu in der Versuchungsgeschichte Jesu (Matthäus 4, 5-7). Es mag auch Ausdruck von Gottvertrauen sein, auf das tollkühne Wagnis zu verzichten. Gott ist auch dann da, wenn man auf ebener ahn geht und kein Risiko will. auch für die Langweiler im Lager Sauls wird Gott da sein.

Es ist ein schmaler Grat, mein Gott, zwischen Tollkühnheit und Gottvertrauen. Es ist ein schmaler Grat, zwischen eigenmächtigem Handeln und dem Erspüren, was Du willst, wozu Du uns ermutigen willst.

Wir wissen es so oft nicht in Voraus, ob unser Tun Dir entspricht, ob wir damit Deinen Willen tun. Und auch der Erfolg ist noch kein sicheres Zeichen, dass es jetzt Dein Wille ist, den wir getroffen haben.

Hilf Du, dass wir unsere Entscheidungen treffen, demütig  und in der Verantwortung vor Dir. Amen