Geduld ist rar

  1. Samuel 13, 1 – 23

 1 Saul war … Jahre alt, als er König wurde, und zwei Jahre regierte er über Israel.

             Das ist die Notiz des späten Endbearbeiters des Textes. In ihr fehlt die Altersangabe. Vielleicht, weil sie nicht sonderlich wichtig ist. Vielleicht auch, weil es unausgeglichene  Angaben gibt. Als Saul die Eselinnen des Vaters sucht, scheint er ein noch junger Mann sein. Aber im nächsten Vers ist von seinem Sohn Jonatan die Rede, der ein erwachsener Truppenführer ist. Das setzt doch ein deutlich höheres Alter voraus Auch die Angabe über die Regierungszeit Sauls ist problematisch – er war sicher länger als zwei Jahre König.

2 Saul erwählte sich dreitausend Mann aus Israel. Zweitausend waren mit Saul in Michmas und auf dem Gebirge von Bethel und eintausend mit Jonatan zu Gibea in Benjamin. Das übrige Volk aber entließ er, einen jeden zu seinen Zelten.

             Unvermittelt wird sichtbar: Saul ist ein Kriegsherr, sein Königtum ein Heerkönigtum.. „Die Hauptaufgabe Sauls als König bestand darin, Israel vor dem Feinden zu schützen.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 144) Darum sammelt er Truppen um sich, die er selbst und eben sein Sohn Jonatan befehligen. Zugleich sind diese 3000 Mann aber auch das Macht-Fundament nach innen. Das seine Stellung innerhalb der zwölf Stämme, des Volkes stabilisiert.

 3 Da erschlug Jonatan die Wache der Philister, die in Geba war; und die Philister hörten davon. Saul aber hatte die Posaune blasen lassen im ganzen Land und sagen: Die Hebräer sollen es hören. 4 Und ganz Israel hörte: Saul hat die Wache der Philister erschlagen, und Israel hat sich in Verruf gebracht bei den Philistern. Und das Volk wurde zusammengerufen, um Saul nach Gilgal zu folgen.

             Übergangslos wird es dramatisch: Jonatan erschlägt Philister. Es ist offensichtlich vorausgesetzt, dass alle Leser*innen sofort wissen, wer dieser Jonatan ist. Es gibt die Vermutung, dass die Zufügung sein Sohn  – benȏ – ausgefallen ist. Ob der Überfall einen ganzen Posten der Philister getroffen hat oder einen Einzelnen, den Vogt der Philister, ist nicht zu entscheiden. „Das hebräische Wort kann sowohl Besatzungs-Offizier als auch Besatzungs-Posten umschreiben.“ (M. Holland, aaO. s. 145)

Die Folge dieser Attacke ist die Alarmierung des Volkes: Die Posaune ist „das Schofar, das militärische Signalinstrument zur Warnung vor Gefahr.“(M. Holland, ebda.)  Es ist, als würde Saul Parolen der Philister zitieren: Die Hebräer sollen es hören.  Hebräer – so nennen die Feinde Israels die Israeliten und es schwingt darin Verachtung mit – Sklavenvolk. Auffällig: Die Tat Jonatans wird vom Volk  als Aktion Sauls betrachtet. Als wäre es ausgemacht, dass Jonatan hier einen Befehl des Königs ausgeführt hatte. Dann wäre es auch kein Wunder, dass die Philister dies nicht als die Aktion eines einzelnen ansehen, sondern dahinter den Anfang einer Rebellion gegen ihre Vormachtstellung sehen.

Insgesamt wird man sich klar machen müssen, dass die Philister bislang eher die Herren des Landes sind, Israel nicht auf Augenhöhe mit ihnen agieren kann, weder was die Macht angeht, noch die militärische Stärke noch die Wirtschaftskraft. Hier stehen sich Stadtkultur und gerade überwundenes Halbnomadentum gegenüber. Die Erzählungen der Landnahme aus dem Buch Josua sind, historisch betrachtet, mit Vorsicht zu genießen. Die Kräfteverhältnisse wanen über lange Zeit nicht so, dass Israel den Philistern gegenüber in einer Position der Stärke war.

  5 Da sammelten sich die Philister zum Kampf mit Israel, dreißigtausend Wagen, sechstausend Gespanne und Volk, so viel wie Sand am Ufer des Meeres, und zogen herauf und lagerten sich bei Michmas, östlich von Bet-Awen. 6 Als aber die Männer Israels sahen, dass sie in Nöten waren, weil das Volk bedrängt wurde, verkrochen sie sich in die Höhlen und Klüfte und Felsen und Gewölbe und Gruben.

             Die Philister bieten eine gewaltige Streitmacht auf. Männer wie Sand am Meer. Sie ziehen dorthin, wo Saul seine Leute gesammelt hat – Richtung Michmas. Das ist ein Ort nordöstlich von Jerusalem. Dieses Großaufgebot erfüllt schon kampflos einen Zweck: Die Männer Israels verkriechen sich, „wobei die zahllosen Möglichkeiten, die der wenig besiedelte Ostabfall des Gebirges bietet, aber auch die Nähe des Ostjordanlandes, genutzt wird.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, s. 82) Dieses Verhalten vermittelt nicht unbedingt das Bild einer kampfbereiten Bevölkerung. Auch nicht an die Philister.

 7 Es gingen aber auch Hebräer durch die Furten des Jordans ins Land Gad und Gilead. Saul aber war noch in Gilgal; und alles Volk, das ihm folgte, war voll Angst.

 Ein großer Teil der Israeliten, ob es gleich scharenweise sein muss, mag dahin stehen, sucht seine Zuflucht jenseits des Jordans. Sie sind halt Hebräer und keine Kämpfernaturen. Aber auch die, die bei Saul sind, in Gilgal, dem Ort der Thronerhebung, sind angstbesetzt.

 8 Da wartete er sieben Tage bis zu der Zeit, die von Samuel bestimmt war. Und als Samuel nicht nach Gilgal kam, zerstreute sich das Volk und verließ ihn. 9 Da sprach er: Bringt mir her das Brandopfer und die Dankopfer. Und er brachte das Brandopfer dar.  

Es ist die Aufgabe des Königs, seinen Leuten Mut zu machen. Darum greift Saul nach dem, was für Israel wichtig ist. Er bringt Brandopfer dar, doch wohl nur mit dem einen Ziel: die Gegenwart Gottes zu beschwören. Streng genommen: er tut, was in alter Zeit die Aufgabe der Sippenhäupter war: Altäre zu bauen und Opfer zu bringen. Noah, Abraham, auch Jakob sind Männer, die Altäre bauen und dort doch opfern, bevor es das Priestertum gibt.

Das alles, weil er unter Zeitdruck steht. Er wartet auf Samuel, aber der kommt nicht Der lässt auf sich warten und in dieser Wartezeit laufen Saul die Leute weg. „Saul hat getan, was er tun durfte, ja, was er als Verantwortlicher, zumal im Blick auf den Schwund in der eigenen Mannschaft, tun musste.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 83)   

10 Als er aber das Brandopfer vollendet hatte, siehe, da kam Samuel. Da ging Saul ihm entgegen, um ihm den Segensgruß zu entbieten. 11 Samuel aber sprach: Was hast du getan? Saul antwortete: Ich sah, dass sich das Volk zerstreute und mich verließ, und du kamst nicht zur bestimmten Zeit, während doch die Philister sich schon in Michmas versammelt hatten. 12 Da dachte ich: Nun werden die Philister zu mir herabkommen nach Gilgal, und ich habe das Angesicht des HERRN noch nicht besänftigt; da wagte ich’s und opferte das Brandopfer.

So liegt es auf der Hand, dass Saul, als Samuel doch endlich kommt, nicht mit schlechtem Gewissen dasteht, sondern sachlich erzählt und begründet, was geschehen ist. Er wollte nichts versäumen, erst recht nicht unterlassen, das Angesicht des HERRN zu besänftigen.. Damit spielt er doch auf die strenge Weisung Samuels im Rahmen der Thronfeierlichkeiten an: „fürchtet den HERRN und dient ihm treu von ganzem Herzen.“(12,24)  So sieht Saul sein Handeln, dass es zeigen soll: Sein Vertrauen ruht auf dem Herrn und nicht auf der Kampfkraft des Heeres. „Es ist Zeichen seiner Frömmigkeit, das er zuerst Jahwes Angesicht gnädig stimmen wollte.“ (M. Holland, aaO. S. 147) Zugleich aber wird man sagen müssen: Er lastet sein Verhalten auch dem Umstand an, dass Samuel sich Zeit gelassen hat mit seinem Kommen.

 13 Samuel aber sprach zu Saul: Du hast töricht gehandelt und nicht gehalten das Gebot des HERRN, deines Gottes, das er dir geboten hat. Er hätte dein Königtum bestätigt über Israel für und für. 14 Aber nun wird dein Königtum nicht bestehen. Der HERR hat sich einen Mann gesucht nach seinem Herzen, und der HERR hat ihn bestellt zum Fürsten über sein Volk; denn du hast das Gebot des HERRN nicht gehalten.

             Samuel aber sieht das alles anders. Man kann das Gefühl haben: Sein Widerwille gegen das neue Institut Königtum lässt ihn auch unfair Saul gegenüber sein. Es ist ein hartes Urteil: Töricht, gegen das Gebot Gottes. Der unbefangene Leser wird fragen: was hat Gott denn geboten, was Saul nicht gehalten hat? An der Oberfläche mag gelten: „Kein König durfte sich priesterliche Rechte anmaßen.“ (G. Hentschel, Saul, Leipzig 2003, S. 67) Also opfern. Über solche formale Sicht hinaus ist ein vorsichtiger Versuch, die Argumentation Samuels zu verstehen: „Sauls Vergehen könnte darin bestehen, dass er seine Gehorsam nicht nach dem Buchstaben ausrichtet, keine Geduld, d. h. keinen Gauben hat und die angsterregende Lage als wichtigsten Beweger seine Beschlüsse dienen lässt.“ (H. W. Hertzberg, ebda.) Dann wäre das der Vorwurf: Es fehlt Saul an Gottvertrauen, er setzt zu sehr auf die eigene Einsicht und das eigene Urteilsvermögen, zu sehen, was jetzt im Augenblick zu tun ist.

In einer Zeit, die darauf setzt, dass Entscheidungsträger entscheiden – und zwar möglichst heute noch, ist das ein Vorwurf, der sich seltsam liest. Saul hätte also sein Gottvertrauen darin gezeigt, dass er wartet, bis der alte Mann Samuel sich zu erscheinen bequemt?

Wie auch immer – das harsche Urteil wird noch verschärft: Gott wird einen anderen zum König erwählen. Härter noch: dieser Beschluss ist schon realisiert. Der HERR hat sich einen Mann gesucht nach seinem Herzen. Keine Chance auf eine zweite Chance. Saul ist gewissermaßen an der ersten Prüfung schon gescheitert. „Der Gesamtverfasser will hier zeigen, dass Sauls Königtum gleich von vornherein verkehrt  gelaufen ist; der erste König hat eine Bahn beschritten, mit der der Herr nicht zufrieden war.“(H. W. Hertzberg, ebda.) Dieses Urteil ist das Vorzeichen über alles, was von Saul und seinem Königtum noch zu erzählen sein wird. Salopp könnte man sagen: den Rest der Sauls-Geschichte kann man sich schenken – es wird nichts mehr werden mit ihm.

15 Und Samuel machte sich auf und ging von Gilgal hinauf und zog seines Weges. Die Übrigen vom Volk aber zogen hinter Saul her dem Kriegsvolk entgegen von Gilgal hinauf nach Gibea in Benjamin. Und Saul musterte das Volk, das bei ihm war, etwa sechshundert Mann. 16 Und Saul und sein Sohn Jonatan und das Volk, das bei ihnen war, blieben in Geba in Benjamin.

             Samuel geht seines Weges. Nichts ist zu hören von dem Versprechen, das er in Gilgal gegeben hatte: nicht abzulassen „vom Bitten für das Volk“(12,23) und doch wohl auch für den König!  Auch Saul, dieser so hart gescholtene Mann, geht, dem Feind entgegen. Er hat den harten Worten Samuels nichts entgegen zu setzen. „Saul steht nur schweigend da – vielleicht fassungslos, weil er nicht versteht, was Samuel meint.“ (M. Holland, aaO. S. 148) Aber er nimmt seine Verantwortung wahr, mit einer Truppe, die auf ein Bruchteil der Anfangszahl gesunken ist, aus 3000 Mann sind sechshundert übrig geblieben. Der Schauplatz des folgenden Geschehens ist immerhin vertrauter Boden – Gibea in Benjamin. Geba in Benjamin. Es kann sein – es ist der gleiche Ort gemeint.

 Die Philister aber hatten sich gelagert bei Michmas. 17 Da zogen aus dem Lager der Philister drei Heerhaufen, das Land zu verheeren. Einer wandte sich gen Ofra ins Land Schual; 18 der andere wandte sich gen Bet-Horon; der dritte wandte sich in Richtung des Gebietes, das nach dem Tal Zeboïm der Wüste zu gelegen ist.

             Die Philister werden aktiv. Sie senden Streiftrupps aus, doch wohl, um die Chance zu nutzen, die ohnehin schon verängstigen Hebräer weiter zu entmutigen.

 19 Es war aber kein Schmied im ganzen Lande Israel zu finden; denn die Philister dachten, die Hebräer könnten sich sonst Schwert und Spieß machen. 20 Und ganz Israel musste hinabziehen zu den Philistern, wenn jemand eine Pflugschar, Hacke, Beil oder Sense zu schärfen hatte. 21 Das Schärfen aber geschah für einen Zweidrittel-Schekel Silber bei Pflugscharen, Hacken, Gabeln, Beilen und um den Ochsenstachel zu richten.

             Es folgt ein Einschub, der Sachinformationen liefert. Die Philister hatten ihre Machtstellung auch dadurch gesichert, dass sie alle Metallverarbeitung im Land konsequent unterbunden haben. Selbst die Instandhaltung von landwirtschaftlichen Geräten  – Pflugschar, Hacke, Beil oder Sense – war verboten zw. konnte nur unter strengen Regeln und der Aufsicht der Philister erfolgen. Es ist eine Monopolstellung, die doppelt wirksam ist: sie sichert Gewinn und verhindert jede Bewaffnung des potentiellen Gegners.

22 Als nun der Tag des Kampfes kam, wurde kein Schwert noch Spieß gefunden in der Hand des ganzen Volks, das mit Saul und Jonatan war; nur Saul und sein Sohn Jonatan hatten Waffen. 23 Aber eine Wache der Philister zog heraus an den engen Weg von Michmas.

So kommt es, wie es kommen muss: Am Tag des Kampfes steht eine Minderheit, noch dazu miserabel ausgerüstet einen hochgerüsteten und an Zahl weit überlegenen Feind gegenüber. Nur Saul und sein Sohn Jonatan waren ordentlich bewaffnet, als ein Vorstoß der Philister mit einer Art Vorhut durch das Wadi es Suweinit erfolgt – zwischen Geba und Michmas.  

 

Mein Gott, wie oft fehlt es mir an Geduld, wie oft sind wir heute eilig unterwegs, als Einzelne und als Gesellschaft. Wir dulden keinen Aufschub. Alles muss gleich gehen und wer uns warten lässt, muss sich gefallen lassen, dass wir ohne ihn anfangen.

Wenn Du, Gott, nicht rechtzeitig da bist, Signale Deiner Gegenwart gibst, dann fangen wir auch ohne Dich an.

Lehre Du uns, dass das Warten auf Dich nie verlorene Zeit ist. Amen