Furcht und Gehorsam

  1. Samuel 12, 6 – 25

6 Und Samuel sprach zum Volk: Der HERR ist’s, der Mose und Aaron eingesetzt und eure Väter aus Ägyptenland geführt hat. 7 So tretet nun her, dass ich mit euch rechte vor dem HERRN wegen aller Wohltaten des HERRN, die er an euch und euren Vätern getan hat. 8 Als Jakob nach Ägypten gekommen war, schrien eure Väter zu dem HERRN, und der HERR sandte Mose und Aaron, dass sie eure Väter aus Ägypten führten und sie an diesem Ort wohnen ließen.

             Samuel ist entlastet – und wird, salopp formuliert, zum Ankläger des Volkes. Was folgen wird, hat die „Form einer Verhandlung vor Gericht, aber deutlicher als bisher geht es jetzt um Jahwe als Prozessgegner.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 77) Samuel ist nur der Sprecher.

Er beginnt mit den Wohltaten, wörtlich: „Gerechtigkeitserweisen“ Gottes. Es ist die Erinnerung an die Herausführung aus Ägypten, die er an den Anfang stellt. Das Schreien der Väter zum Herrn ist nicht ohne Antwort geblieben. Dass sie im Land sind, auch hier in Gilgal ist Erweis der Güte Gottes

  9 Aber als sie den HERRN, ihren Gott, vergaßen, verkaufte er sie in die Hand Siseras, des Feldhauptmanns von Hazor, und in die Hand der Philister und in die Hand des Königs von Moab; die kämpften gegen sie. 10 Und sie schrien zum HERRN und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir den HERRN verlassen und den Baalen und den Astarten gedient haben; nun aber errette uns aus der Hand unserer Feinde, so wollen wir dir dienen. 11 Da sandte der HERR Jerubbaal, Barak, Jeftah und Samuel und errettete euch aus der Hand eurer Feinde ringsum und ließ euch sicher wohnen.

             Es folgt das aber. Die Wohltaten Gottes haben sie vergessen. Mehr noch: den Herrn, Gott selbst haben sie vergessen. Das sind die Kennzeichen der Richterzeit: Die Gottvergessenheit des Volkes, die Angst und Bedrängnis unter der Herrschaft der fremden Völker, der Philister und des Königs von Moab, das erneute Schreien nach Hilfe, nach Befreiung. die Treueversprechen und die Antwort Gottes: Richter, Retter. Jerubbaal, Barak, Jeftah und Samuel. Die Namen dieser Richter – nur eine Auswahl. An ihrem Ende Samuel, weil er der letzte aus dieser Zeit ist. Jetzt ist ja eine neue Zeit. Königszeit.

„Die Gesamtperiode der Richter einschließlich Samuels soll hier begutachtet werden, und zwar nach diesen beiden Seiten der Barmherzigkeit Gottes , der die Retter „sendet“ und das Volk „sicher wohnen“ lässt und des immer neu aufbrechenden Willens des Volkes, sich von dem Herrn freizumachen und anderen Göttern nachzufolgen, also eigene Wege zu gehen.“ (H. W. Hertzberg, ebda.) So weit entfernt ist man Israel davon, aus der eigenen Geschichte eine Erfolgsgeschichte des Glaubens zu machen. Sie ist vielmehr eine Geschichte des immer neuen Versagens in der Treue des Volkes und des immer neuen Erbarmens Gottes. 

 12 Als ihr aber saht, dass Nahasch, der König der Ammoniter, gegen euch zog, spracht ihr zu mir: Nein, sondern ein König soll über uns herrschen!, obwohl doch der HERR, euer Gott, euer König ist. 13 Nun, da ist euer König, den ihr erwählt und erbeten habt; denn siehe, der HERR hat einen König über euch gesetzt.

             Einmal mehr ist die Kritik unüberhörbar: An die Stelle der Richter, die Gott erweckt hat als Nothelfer,  ist jetzt ein König gesetzt. Einer, den ihr erwählt und erbeten habt. Gott ist nur euren Wünschen gefolgt. Man muss es nicht ausdrücklich sagen: Ihr werdet also keinen Grund haben, euch zu erschweren, keinen Grund zu klagen. Es ist euer Wille, der hier zum Zug gekommen ist. Saul wird nicht mit Namen genannt. Wohl aber fällt wiederholt das Wort schāʼal, in dem auch schāʼȗl mitklingen kann – „der Erbetene“. Sie haben diesen Saul gewollt. Jetzt müssen sie mit ihm zurechtkommen.

14 Werdet ihr nun den HERRN fürchten und ihm dienen und seiner Stimme gehorchen und dem Munde des HERRN nicht ungehorsam sein, so werdet ihr und euer König, der über euch herrscht, dem HERRN, eurem Gott, folgen. 15 Werdet ihr aber der Stimme des HERRN nicht gehorchen, sondern seinem Munde ungehorsam sein, so wird die Hand des HERRN gegen euch sein wie gegen eure Väter.

Mag sein, die Zeiten haben sich geändert. Aber auch in dieser neuen Zeit bleibt die zentrale Forderung Treue und Gehorsam. „Die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang der Erkenntnis.“(Sprüche 1,7) wird es immer wieder heißen. Das Hören auf die Stimme Gottes lässt den richtigen Weg finden. Er muss aber auch im Gehorsam gegangen werden! Aus dem Wissen um Gott muss ein Gehen auf seinen Wegen werden.

Klingen diese Worte bedrohlich? „Gott warnt und erzieht auch mit Strafandrohung, selbst wenn wir das in unseren Tagen für unzeitgemäß, ja sogar falsch halten. Unsere neue, moderne Pädagogik hat ihre Bewährungsprobe noch nicht bestanden. Manches spricht schon jetzt dafür, dass eine Erziehung ohne Strafe viele Probleme mit sich bringt.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 137)

 Ich neige zum Widerspruch, weil ich weder die moderne Pädagogik noch den biblischen Text verstanden sehe. Auch in der modernen Pädagogik geht es um Grenzen, die durch Sanktionen geschützt werden. Aber es geht nicht mehr um Prügel, nicht mehr um körperliche Gewalt. Ob Liebesentzug, verweigerte Zuwendung nicht härter, auch seelisch schädlicher und erniedrigender ist als das alte Strafsystem, steht auf einem anderen Blatt.

Aber vor allem das biblische Reden von den Strafen für Ungehorsam ist vollständig missverstanden. Die Hand des Herrn, die sich gegen sie richtet, schlägt nicht zu. Sie gibt nur an das eigene Tun preis. Wer sich dem Schutz Gottes verweigert, weil er sagt: allein, der muss auch allein seinen Weg bestehen – als Einzelner, als Einzelne und auch als Volk.

16 So tretet nun herzu und seht, was der HERR Großes vor euren Augen tun wird. 17 Ist nicht jetzt die Weizenernte? Ich will aber den HERRN anrufen, dass er soll donnern und regnen lassen, damit ihr innewerdet und seht, dass ihr getan habt, was dem HERRN sehr missfiel, als ihr euch einen König erbeten habt. 18 Und als Samuel den HERRN anrief, ließ der HERR donnern und regnen an demselben Tage. Da fürchtete das ganze Volk den HERRN und Samuel gar sehr.

             Es folgt eine Demonstration. Nicht von Samuel herbei gerufen. Er ist kein früher Vorfahre des Elia. Aber Gott unterstreicht den Ernst der Worte seines Sprechers Samuel durch Donner und Regen. Zu einer Zeit im Frühjahr, zur Zeit der Weizenernte, in der es solches Wetter normalerweise nicht gibt. Verborgen in diese Ansage ist die Behauptung:  ihr habt getan, was dem HERRN sehr missfiel, als ihr euch einen König erbeten habt. Das ist die Position Samuels. Aber nicht unbedingt und ausschließlich die Stellungnahme Gottes! Es ist allemal ein bisschen misslich, wenn man die eigenen Gedanken als die Gedanken Gottes ausgibt.  

19 Und das ganze Volk sprach zu Samuel: Bitte für deine Knechte den HERRN, deinen Gott, dass wir nicht sterben; denn zu allen unsern Sünden haben wir noch das Unrecht getan, dass wir uns einen König erbeten haben.

             Das Volk aber erschrickt – über Blitz und Donner. Und es ist bußfertig, so wie es Samuel sich wünscht. Was für eine Vorstellung: zu allen Sünden der Väter haben wir jetzt noch diese Schuld hinzugefügt, dass wir uns einen König erbeten haben. Wenn das ihre wirkliche Einsicht ist, bleibt die Frage offen: „Warum folgt auf ihr Sündenbekenntnis nicht, dass das Königtum wieder abschaffen?“ (M. Holland, aaO.  S. 138)

Das aber wäre nach dem Groß-Text des Samuel-Buches doch gar keine reale Möglichkeit! Denn daran kann nach dem bisher Erzählten kein Zweifel sein: Samuel hat im Auftrag Gottes Saul zum König gesalbt. Gott hat diesen König durch das Los bestätigt. Hinter dem Königtum in Israel steht also nicht nur der Wille eines aufsässigen, treulosen Volkes, sondern auch der Wille Gottes. Deshalb stellt sich die Frage nach einer Revision dieser Königserhebung nicht.

20 Samuel aber sprach zum Volk: Fürchtet euch nicht! Ihr habt zwar all das Unrecht getan, doch weicht nicht vom HERRN ab, sondern dient dem HERRN von ganzem Herzen 21 und folgt nicht den nichtigen Götzen nach, die nichts nützen und nicht retten können, denn sie sind nichtig. 22 Der HERR verstößt sein Volk nicht um seines großen Namens willen; denn es hat dem HERRN gefallen, euch zu seinem Volk zu machen.

             Merkt Samuel, dass er zu weit gegangen ist? So möchte man denken. Er ruft ja eben nicht zur Abschaffung des Königtums auf, nicht zur Absetzung Sauls, sondern er schärft noch einmal ein, was die eigentliche Grundlage der Existenz Israels ist. Weicht nicht vom HERRN ab, sondern dient dem HERRN von ganzem Herzen. Darum allein geht es dem Text, dass Israel versteht, was ihm gut ist. Nicht, dass es sich Gedanken über Samuel und seine überzogene Kritik macht. Es soll wissen, was trägt, was gilt: Der HERR verstößt sein Volk nicht um seines großen Namens willen.

 Das erinnert an die Wüstenwanderung Israels, als seine Existenz  auf dem Spiel steht, weil es sich gegen Gott vergeht. Auch da ist die entscheidende Botschaft: Gott bleibt seinem Volk treu, weil er sich treu bleibt, seiner Erwählung.

 23 Es sei aber auch ferne von mir, mich an dem HERRN dadurch zu versündigen, dass ich davon abließe, für euch zu beten und euch zu lehren den guten und richtigen Weg! 24 Nur fürchtet den HERRN und dient ihm treu von ganzem Herzen; denn seht doch, wie große Dinge er an euch getan hat. 25 Werdet ihr aber Unrecht tun, so werdet ihr und euer König verloren sein.

             Das ist ein Versprechen Samuels: Er wird nicht aufhören, für das Volk zu bitten. So wie er es während der Schlacht bei Mizpa getan hatte. Er wird für das Volk bitten, dass es die Wege Gottes geht.  Und er wird sie lehren, diesen guten und richtigen Weg  auch wirklich zu gehen. Das klingt nicht nach Ruhestand. „Samuel wird dem Volk nach wie vor Bescheid geben, welcher Weg einzuschlagen ist; und hinter Samuel werden es andere tun, Propheten und Gesetzeslehrer.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 78) Weder die Geschichte Samuels noch die Geschichte des Volkes ist schon zu Ende erzählt.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Es ist eine große Rede, die Samuel hält. Man versteht sie nicht richtig, wenn man nur seine persönliche Enttäuschung hören würde. „Es geht um mehr als nur um persönliche Entlastung Samuels am Ende seiner Richterzeit. Es geht um das Gegenüber zweier Herrschaftsformen…. Wenn sie vor den Augen Gottes bestehen wollen, müssen die Könige wie Samuel regieren: nichts nehmen, niemand unterdrücken und misshandeln, nicht bestechlich sein.“(R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 134) Es sind Maßstäbe für Regierungshandeln, die bis heute nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt haben.

Seit Jahren kenne ich den Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“ (Th. W. Adorno) Die Rede Samuels sagt: doch, es gibt das richtige Leben, auch in einer Welt voll falscher Entscheidungen. Er hält den Weg mit dem König für falsch, gar für eine Entscheidung gegen Gott. Doch auch wenn das so ist – Samuel mahnt das Volk auch unter diesen Umständen zu einem Leben im Gehorsam gegen Gott. Zu Gottesfurcht und ordentlichen Umgang miteinander. Das ist auch unter einem König möglich – richtig zu handeln in der Spur des Willens Gottes.

 

Noch einen Schritt weiter. Gott selbst glaubt an das richtige Leben in einer falschen, einer ver-rückten Welt.  In einer Welt, die unter dem Urteil Gottes steht: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (1. Mose 8,21) erwählt er sich sein Volk. Nicht weil es ein Volk von einem anderen Stern wäre, tadellos und von anderer Qualität als alle Völker. Sondern er glaubt, dass sein Rufen und Erwählen dazu führt und hilft, dass  sein Volk seinen Willen und Weg sucht und geht.  

 

Das willst Du, Du heiliger Gott, dass wir Dich fürchten, dass wir Dir vertrauen, dass wir uns Deine Wege gefallen lassen. Das willst Du, dass wir uns mit ungeteilten Herzen an dich halten, weil wir glauben, dass Du uns gut ist, dass Du uns in vielen Nöten zur Seite gestanden hast, dass Du nicht müde wirst, uns zu schützen und zu tragen.

Gib Du mir, dass ich mich Deinem Leiten anvertrauen kann, ohne Furcht, geleitet durch die Erfahrung Deiner Treue, jeden Tag neu. Amen