Hochmut gegen Großmut

  1. Samuel 11, 1 – 15

1 Es zog aber herauf Nahasch, der Ammoniter, und belagerte Jabesch in Gilead. Und alle Männer von Jabesch sprachen zu Nahasch: Schließ einen Bund mit uns, so wollen wir dir dienen. 2 Aber Nahasch, der Ammoniter, antwortete ihnen: Das soll der Bund sein, den ich mit euch schließen will, dass ich euch allen das rechte Auge aussteche und bringe damit Schmach über ganz Israel. 3 Da sprachen zu ihm die Ältesten von Jabesch: Gib uns sieben Tage, dass wir Boten senden in das ganze Gebiet Israels; ist dann niemand da, der uns rette, so wollen wir zu dir hinausgehen.

             Schon zu Zeiten des Richters Jephta gab es feindselige Aktionen der Ammoniter, die von ihnen ausgehen. so auch hier. Dabei sind sie doch eine Art „Brudervolk“. „Sie stammen von Lots jüngstem Sohn ab, der ihm von seiner Tochter geboren wurde. Sie sollten Mitisrael wohlwollend umgehen.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 127) Steckt dieser Makel der Herkunft hinter ihrem Verhalten? Das wird nirgends gesagt. Auch warum Nahasch die Stadt Jabesch in Gilead, einen Ort im Ostjordanland,  belagert, bleibt ungeklärt. Es ist eine so große Heermacht, dass die Leute in Jabesch einen Bund anbieten, der wohl eine Art Dienstbarkeit mit einschließen würde, aber auch vor der Willkür des Stärkeren schützen würde.

Das findet bei Nahasch kein Gehör, sondern nur Hohn, wie die brutale Ankündigung zeigt. Nahasch will die Männer von Jabesch nicht nur verletzen, Er will sie, und mit ihnen die Israeliten demütigen, entehren. Es zeigt etwas von der völligen Siegesgewissheit der Ammoniter, dass er der Bitte der Ältesten um Zeit aus Jabesch nachkommt. Er räumt ihnen die erbetene Frist von sieben Tagen ein.

 4 Da kamen die Boten nach Gibea Sauls und sagten dies vor den Ohren des Volks. Da erhob das ganze Volk seine Stimme und weinte. 5 Und siehe, da kam Saul vom Felde hinter den Rindern her und fragte: Was ist mit dem Volk, dass es weint? Da berichteten sie ihm die Worte der Männer von Jabesch. 6 Da geriet der Geist Gottes über Saul, als er diese Worte hörte, und sein Zorn entbrannte sehr.

             Die Boten der bedrängten Stadt kommen nach Gibea, dem Wohnort Sauls. Dort richten sie zusammen mit ihren Hilferuf auch die Worte des Nahasch aus. „Die Drohung des Ammoniters löst bei allen tiefe ohnmächtige Depression aus.“(G. Hentschel, Saul, Leipzig 2003, S. 56) Nur Angst und Wehklage,  Ratlosigkeit wohl auch. In diese Klage und Angst-atmosphäre hinein, in diesen Tumult kommt Saul vom Acker. Von seiner Alltagsarbeit, wird man zu verstehen haben. Er fragt nach und hört, was los ist. ei ihm löst, was er hört, Zorn aus.

Davon deutlich unterschieden ist das andere:  Da geriet der Geist Gottes über Saul. Mit  Saul geschieht, was früher auch mit den Richtern Israels geschah: Der Geist Gottes erfasst sie, weckt sie auf. „Gott hat wieder, wie früher, in größter Not die Hilfe nahe bereit.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 72) Es gibt die neue Institution des Königtums, aber es ist der gleiche Gott, der in den Richtern und im König seinen Geist erweckt. So steckt hier verborgen eine zeitlose Botschaft: Es kommt nicht auf die Institutionen an, sondern auf den Geist, der in denen wirksam wird, die sie wahrnehmen.

7 Und er nahm ein Gespann Rinder und zerstückte sie und sandte die Stücke in das ganze Gebiet Israels durch Boten und ließ sagen: Wer nicht auszieht hinter Saul und Samuel, mit dessen Rindern soll man ebenso tun. Da fiel der Schrecken des HERRN auf das Volk, dass sie auszogen wie ein Mann.

             Eine Zeichenhandlung wie durch Propheten. die ihr Vorbild im Tun eines Leviten hat. Vielleicht darf man darübber nachsinnen, dass Saul diese alte Geschichte aus den Erzählungen seiner Sippe kennt: „Als er nun heimkam, nahm er ein Messer, fasste seine Nebenfrau und zerteilte sie Glied für Glied in zwölf Stücke und sandte sie in das ganze Gebiet Israels.“(Richter 19,29) War dieses Zeichen damals ein Aufruf an Israel zum Kampf gegen den Stamm Benjamin, so wird es hier zum Aufruf an Ganz Israel, der von einem Benjaminiter ausgeht. Diese Art der drohenden Mobilisierung macht die Dringlichkeit des Rufes zu den Waffen deutlich.  Der Schrecken des HERRN fiel auf das Volk. Wirklich alle wissen, was die Stunde geschlagen hat.

 8 Und er musterte sie zu Besek, und die Israeliten waren dreihunderttausend Mann und die Männer Judas dreißigtausend. 9 Und sie sagten den Boten, die gekommen waren: So sagt den Männern von Jabesch in Gilead: Morgen soll euch Hilfe werden, wenn die Sonne beginnt, heiß zu scheinen. Als die Boten heimkamen und das den Männern von Jabesch verkündeten, wurden diese froh. 10 Und die Männer von Jabesch sprachen: Morgen wollen wir zu euch hinausgehen, dass ihr mit uns alles tut, was euch gefällt.

             Bei Zahlen ist allemal Vorsicht geboten. Damals wie heute, wo so manche Demonstration von den Organisatoren zehnmal so groß geschätzt wird wie es die Polizei ermittelt. So darf man also fragen: „Sind die Zahlen um drei Nullen (300 Soldaten) zu kürzen?“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 128) Es sind aber auf alle Fälle viele aus Israel – Juda wird besonders genannt. Das fällt auf, weil die Reichsteilung im Israel und Juda doch noch in weitergeschichtlicher Ferne liegt. Vielleicht spielt die Abfassungszeit der Endredeaktion, in der diese Teilung vollzogen ist, hier hinein?

Boten gehen nach Jabesch, die die Ankunft der Hilfe melden. Und die eine Botschaft an Nahasch auslösen: Morgen wollen wir zu euch hinausgehen, dass ihr mit uns alles tut, was euch gefällt. Das klingt in den Ohren der Ammoniter doch wohl nach Kapitulation. mit einem Angriff der geängsteten Städter werden sie kaum rechnen.

11 Aber am andern Morgen teilte Saul das Volk in drei Heerhaufen, und sie kamen ins Lager um die Zeit der Morgenwache und schlugen die Ammoniter, bis der Tag heiß wurde; die aber übrig blieben, wurden so zerstreut, dass von ihnen nicht zwei beieinanderblieben. 12 Da sprach das Volk zu Samuel: Wer sind die, die gesagt haben: Sollte Saul über uns herrschen? Gebt sie her, die Männer, dass wir sie töten. 13 Saul aber sprach: Es soll an diesem Tage niemand sterben; denn der HERR hat heute Heil gegeben in Israel.

             Es ist Saul, der am andern Morgen das Volk in die Schlacht führt. Früh am Morgen beginnt der Kampf und es wird eine lange Schlacht bis in die Hitze des Tages. Am Ende sind die Ammoniter vernichtend in die Flucht geschlagen. Jeder sieht nur noch zu, wie er sich alleine retten kann – nicht zwei blieben  beieinander.

             Das löst im Heer Sauls Gespräche aus. „Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.“ (M. Holland, aaO. S. 129) Für die, die noch vor kurzer Zeit gesagt von Saul hatten: „Was soll der uns helfen?“(10,26) wird es lebensgefährlich. Weil man einmal am Töten ist, kann man doch weitermachen mit denen, die sich dem neuen König gegenüber verweigert hatten. Diese Absicht, kurzerhand Lynch-Justiz zu üben setzt seltsamerweise voraus, dass die Saul-Skeptiker doch bei diesem Feldzug mit dabei sind.

Mich lässt das vorsichtig fragen: kann es sein, dass hier so eine der holprigen Zusammenfügungen sichtbar wird, die entstehen, wenn unterschiedliche Erzähltraditionen miteinander verbunden werden? Denn diese angedachte Lynch-Justiz könnte doch genauso gut Abschluss der Erzählung von der Wahl Sauls durch das Los sein?

Hier, an dieser Stelle erzählt aber lässt sie das Licht des Siegers Saul umso heller strahlen. Er ist nicht nur ein erfolgreicher Krieger, ein kluger Stratege, er ist auch großmütig. Versöhnlich. Nicht nachtragend.. Und er will nicht, dass auf den Tag, an dem  der HERR Heil gegeben hat in Israel, der Schatten von Blutvergießen durch Israeliten an Israeliten fällt. „Sauls Großmut erscheint nun als ein besonders schöner Zug des Siegers.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 74) Vielleicht darf man gar sagen: erst dieser Verzicht auf kleinliches Ausnützen des eigenen Erfolges durch Saul macht den Tag des Sieges über die Ammoniter wirklich zu einem Tag der Rettung. Weil die Versuchung des Blutvergießens gestoppt worden ist, die Versuchung auch, sich missliebige Kritiker vom Lei schaffen zu lassen.

 14 Samuel sprach zum Volk: Kommt, lasst uns nach Gilgal gehen und dort das Königtum erneuern. 15 Da ging das ganze Volk nach Gilgal, und sie machten Saul daselbst zum König vor dem HERRN in Gilgal und opferten Dankopfer vor dem HERRN. Saul aber und alle Männer Israels freuten sich dort gar sehr.

Plötzlich ist auch Samuel wieder vor Ort. Und lädt ein nach Gilgal. Zu einer Dank – und Siegesfeier, die gleichwohl noch einen anderen Charakter gewinnt: sie wird zur Inthronisation Sauls durch das Volk. Ob das dem historischen Gang der Dinge entspricht, steht dahin. Vielleicht ist dieser Satz sie machten Saul daselbst zum König vor dem HERRN in Gilgal  auch einfach aus einer anderen Erzähltradition hier eingefügt Es ist, in der Gesamt-Erzählung des Buches der dritte Schritt, um das Königtum Sauls zu beschreiben. Erst die heimliche Salbung durch Samuel am ungenannten Ort, dann der Losentscheid zu Mizpa und jetzt die Einsetzung durch das Volk in Gilgal.

Es ist bemerkenswert: „Die Stimmung gegen Saul war umgeschlagen.“ (M. Holland, aaO. S. 130) So geht das, manchmal so rasch, wenn Siege erfochten werden. Damals wie heute. Samuel, den die Leser*innen bis hierher doch eher königskritisch kennengelernt haben, wird in einer Zufügung der Septuaginta  ausdrücklich genannt als einer, der sich mitfreute über den Sieg – und über den König Saul. Aus dem sich freuenden Saul wird in der Septuaginta Samuel: κα εφρνθη σαμουηλ. – und es freute sich Samuel. „Samuel steht nicht nur von Amts wegen, sondern auch in persönlicher Beteiligung bei den Anfängen Sauls.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 74)

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Liest man das Kapitel im Zusammenhang nach vorne, so ist auch dieser Sieg wieder eine Bestätigung für Saul und seine Wahl als König. Der Sieg ist wie ein weiteres Zeichen, das an die anderen Zeichen anschließt, die alle Saul ans den richtigen Mann am richtigen Platz erweisen. Saul hat sich als handlungsstarker König erwiesen, der vom Geist berührt und geleitet ist. Zugleich ist diese Passage ein Hinweis, auch die Beziehung zwischen Samuel und Saul nicht von Anfang an als belastet zu lesen. Es ist immer misslich, wenn man in eine Beziehung, die am Ende schwierig wird, die zerbricht, schon für den Anfang die Probleme behauptet, die sich erst auf dem Weg einstellen. Samuels Anfang mit Saul ist ein guter Anfang.

Du heiliger und barmherziger Gott, wie leicht geschieht es, dass wir den Rückenwind von Erfolgen ausnützen, dass wir andere mundtot machen, weil wir Recht behalten haben, dass wir andere in die Ecke drängen, weil wir gerade im Rampenlicht stehen. Wie leicht ist das, Zustimmungen auszunützen, um alte Rechnungen zu begleichen.

Lass uns lernen, großmütig zu sein, auch die eigenen Erfolge demütig anzunehmen. Lass uns lernen, dass es uns wohl ansteht, wenn wir nicht im Erfolg über Leichen gehen, sondern die schützen, die uns gegenüber voller Skepsis waren. Amen