Nur durchs Los?

  1. Samuel 10, 17 – 27

17 Samuel aber rief das Volk zusammen zum HERRN nach Mizpa 18 und sprach zu den Israeliten:

             Die Geschichte geht weiter. Jetzt wird es öffentlich,  amtlich. Samuel beruft eine Volksversammlung ein. Nach Mizpa. Dort gibt es wohl ein Heiligtum, wenigstens eine Opferstätte. Zum HERRN ruft er sie – das klingt nach Gottesdienst. Damit alles, was folgen wird coram deo -im Angesicht Gottes – geschieht.

 So sagt der HERR, der Gott Israels: Ich habe Israel aus Ägypten geführt und euch aus der Hand der Ägypter errettet und aus der Hand aller Königreiche, die euch bedrängten. 19 Ihr aber habt heute euren Gott verworfen, der euch aus aller eurer Not und Bedrängnis geholfen hat, und habt gesprochen: Nein, setze vielmehr einen König über uns! Wohlan, so tretet nun vor den HERRN nach euren Stämmen und Tausendschaften!

             Die Worte des Samuel sind Erinnerung. Gott hat sie geführt, gerettet, nicht nur am Anfang, wieder und wieder. Dafür hat Gott Richter, Retter erweckt, durch die er ihnen aus aller eurer Not und Bedrängnis geholfen hat. Sie sind aber mehr noch, Anklage. Vorwurf der Undankbarkeit. Es ist die Kritik am Königtum, die sich immer wieder meldet. Stattvder Richter einen König. Nicht mehr abhängig sein.

Es fällt auf: nur hier wird wie in dem früheren Kapitel 8 die Kritik an der Forderung nach einem König laut. Es ist eine überaus scharfe Kritik; die Forderung nach einem König ist ein Verwerfen Gottes! Eine Undankbarkeit dem Führen Gottes gegenüber. Samuel kann nicht so denken: „Was zwischen den Menschen nur als Widerspruch bestehen bleiben kann, wird in Gott zusammen gesehen.“(R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 92) Auch das wird man sagen dürfen. Der Widerspruch Samuels wirkt, als seien viel spätere Gedanken, die nur in diese Anfangs-Situation eingewoben werden. „Buber nennt V. 18 einen Einschub predigerischer Art.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 68) Jedenfalls passen diese Sätze durchaus besser in die späte Kritik an den Königen Israels.

Diese Sätze wirken, als könne Samuel sich immer noch nicht von seinen Vorbehalten gegen einen König lösen. als würde er immer noch festhängen in seiner Kritik: Dass er dann doch sagt: Wohlan, ist keine Zustimmung von Herzen. Es klingt mehr nach: „Lasst es uns hinter uns bringen“, als füge sich Samuel einigermaßen widerwillig dem Willen des Volkes. Er ordnet die Versammlung.

20 Als nun Samuel alle Stämme Israels herantreten ließ, fiel das Los auf den Stamm Benjamin. 21 Und als er den Stamm Benjamin herantreten ließ mit seinen Geschlechtern, fiel das Los auf das Geschlecht Matri, und als er das Geschlecht Matri herantreten ließ, Mann für Mann, fiel das Los auf Saul, den Sohn des Kisch. Und sie suchten ihn, aber sie fanden ihn nicht.

             Dann kommt es zum Losentscheid. „Das Los war ein in Israel häufig gebrauchtes Mittel, um Gottes Willen zu erfahren. so soll auch hier nach Gottes Willen und nicht nach menschlichen Ermessen entschieden werden, wem das Königtum in Israel zukommt.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 30) Das Los findet den Wegerst zum Stamm Benjamin, dann zum Geschlecht Matri, dann zu Saul. Menschlich hätte nichts für diesen Weg gesprochen – so hat es doch Saul selbst gewusst und gesagt: „Bin ich nicht ein Benjaminiter und aus einem der kleinsten Stämme Israels, und ist nicht mein Geschlecht das geringste unter allen Geschlechtern des Stammes Benjamin?“(9,21)

 Aber Gott „tickt“ nicht, wie die Welt tickt, so weiß es der viel spätere Völkerapostel: „Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist.“(1. Korinther 1,28) Es ist Gottes Art, dass er unbegreiflich erhöht, nicht nur im Fall Saul.

Es scheint, als hätte Saul so etwas kommen gesehen und sich vorsorglich versteckt. Vielleicht hat er Angst hat vor der Verantwortung, die diese Aufgabe mit sich bringen wird. .? Er mag ahnen, wie schwer es sein wird, diesen bis dahin losen 12-Stämme-Bund zu einer Einheit unter einem König zusammen zu führen. Weil er sich scheut? Weil er nicht mehr der Saul ist, der groß und schön sein will, sondern ein anderer geworden ist? Ist es ein schöner Zug von Bescheidenheit? Es steht nicht da – so ist unserem Fragen freier Lauf gelassen.

Es könnte sein, auch für Saul trifft zu: „Doch warum scheuen Frauen und oft auch Männer davor zurück, in Übereinstimmung mit den eigenen Gaben und Talenten zu leben? eine Rolle spielt die Angst, andere zu überragen, denn die Spitzenposition auf dem Siegertreppchen hebt nicht nur aus der Menge heraus; sie sondert zugleich auch von anderen ab. Wer andere überragt, ist eben auch einsame Spitze.“(M. Wolfers in: Andere Zeiten, 3/2018, S. 16) Es ist für die eigene Seele nicht so leicht, aus der Menge herauszufallen und nicht auf einer Linie mit allen anderen zu bleiben.

 22 Da befragten sie abermals den HERRN: Ist der Mann hierhergekommen? Der HERR antwortete: Siehe, er hat sich bei dem Tross versteckt. 23 Da liefen sie hin und holten ihn von dort. Und als er unter das Volk trat, war er um eine Haupteslänge größer als alles Volk.

             Wieder muss der HERR befragt werden. Kein neues Suchspiel, wohl aber eine neue Befragung Gottes. Wenn sie zur richtigen Stelle führt, so ist das doch ein doppeltes Zeichen: dieser Mann ist Gottes Wahl! Sie finden ihn, beim Tross,  kēlȋm, ein Wort, das auch darauf hinweisen kann, dass man ihn bei den Waffen findet. Der so Gefundene ist ein Krieger. Er wird regelrecht in die Mitte des Volkes gebracht. Fast möchte man sagen: geführt, um zu vermeiden geschleppt zu sagen. Dort zeigt es sich: ein großer Mann, weit größer als alle anderen.

24 Und Samuel sprach zu allem Volk: Da seht ihr, wen der HERR erwählt hat; denn ihm ist keiner gleich im ganzen Volk. Da jauchzte das ganze Volk und sprach: Es lebe der König!

       Man sieht, wie Samuel auf ihn zeigt: da seht ihr – einer, dem keiner gleicht. Und das Volk jubelt. Jauchzt dem neuen König zu. Dem neuen Amt. Für mich klingt es wie ein unpassendes Nachtreten: „Die Einrichtung des Königtums ist an sich ein Misstrauensvotum gegen den Herrn und seine ständig unter Beweis gestellte Fähigkeit, in Notlagen immer den rechten Mann zur rechten Zeit zu senden.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 69) So richtig das grundsätzlich ist – in der Art des Berichtes hier ist von diesem Vorbehalt nichts zu spüren. Da ist nur zu lesen, dass Gott selbst dafür sorgt, dass der richtige Mann König ist und dass das Volk darüber jubelt.

Es ist nicht so selten, dass theologisch durchaus richtige Sätze zur falschen Zeit gesagt werden und dadurch auch nicht mehr richtig sind. Sie treffen nicht mehr die Wirklichkeit. die Wirklichkeit von Mizpa ist Freude über eine gelungene Königs-Installation. Es ist eine Gefahr, die nicht nur für Theologen zu beachten ist: Auch richtige Sätze werden, zur falschen Zeit gesprochen, irgendwie unzulänglich.

Es ist ein merkwürdiges Ding um diesen Losentscheid. Für unser neuzeitliches Denken verbindet sich Los mit Zufall. Hier ist es anders. Das Los ist eine Weise, wie Gott seinen Willen zeigt. In Israel oft geübt. Auch das wird man sagen müssen: dieser Losentscheid fügt sich gewissermaßen nahtlos zusammen mit dem, was vorher erzählt worden ist   mit den Ansagen Samuels an Saul, die sich alle auf seinen Weg erfüllt haben. die Männer an der Eiche, die Propheten, unter die Saul gerät. Von diesen Ansagen heißt es: „alle diese Zeichen trafen ein an demselben Tag.“(10,9) Der Losentscheid ist ein Zeichen mehr – dieser Saul ist Gottes Erwählter.

 25 Samuel aber tat dem Volk das Recht des Königtums kund und schrieb’s in ein Buch und legte es vor dem HERRN nieder. Und Samuel entließ das ganze Volk, einen jeden in sein Haus.

         Samuel hat getan, was er sollte. Was ihm bleibt, ist eine Niederschrift des Königsrechts. Ein Muster dieses Königsrechtes: „Du sollst den zum König über dich setzen, den der HERR, dein Gott, erwählen wird. Du sollst aber einen aus deinen Brüdern zum König über dich setzen. Du darfst nicht irgendeinen Ausländer, der nicht dein Bruder ist, über dich setzen. Nur dass er nicht viele Rosse halte und führe das Volk nicht wieder nach Ägypten, um die Zahl seiner Rosse zu mehren, weil der HERR euch gesagt hat, dass ihr hinfort nicht wieder diesen Weg gehen sollt. Er soll auch nicht viele Frauen nehmen, dass sein Herz nicht abgewandt werde, und soll auch nicht viel Silber und Gold sammeln. Und wenn er nun sitzen wird auf dem Thron seines Königreichs, soll er eine Abschrift dieses Gesetzes, wie es den levitischen Priestern vorliegt, in ein Buch schreiben lassen. Das soll bei ihm sein, und er soll darin lesen sein Leben lang, damit er den HERRN, seinen Gott, fürchten lernt, dass er halte alle Worte dieses Gesetzes und diese Rechte und danach tue. Sein Herz soll sich nicht erheben über seine Brüder und soll nicht weichen von dem Gebot weder zur Rechten noch zur Linken, auf dass er verlängere die Tage seiner Herrschaft, er und seine Söhne, in Israel.“(5. Mose 17, 15 – 20)  Das ist ein nüchterner Text, der schon ein gutes Stück entfernt ist von Samuels kritischer Darstellung des absoluten Herrschers. Es ist ein Text, der nichts ahnen lässt von den späteren Entgleisung der Könige in Israel. Alle können zufrieden sein – und heimgehen. Es ist ja jetzt alles wohl geordnet.

 26 Auch Saul ging heim nach Gibea, und mit ihm gingen die vom Heer, denen Gott das Herz gerührt hatte. 27 Aber einige ruchlose Leute sprachen: Was soll der uns helfen? Und sie verachteten ihn und brachten ihm kein Geschenk. Aber er tat, als hörte er’s nicht.

             Saul kehrt gleichfalls nach Hause, nach Gibea zurück. Es schließen sich Männer an ihn an, Krieger vom Heer, die für ihn eingenommen worden sind Vielleicht darf man hier hören, dass Saul einer war, der Herzen gewinnen konnte. Es sind Männer, „die bereit sind, seine Sache zu der ihren zu machen.“ (H. W. Hertzberg, aaO. s. 70)

 Es gibt jedoch auch die anderen, die die Achsel zucken, die diesen Benjaminiter verachten. Ruchlose Leute, übles Gesindel nennt sie der Schreiber. Sie erwarten nichts von Saul. Sie erwarten sich nichts von ihm. Deshalb bleiben sie ihm auch Geschenke, Steuern schuldig. Saul tut so, als ginge es ihn nichts an. Er lässt ihr Verweigern von sich abprallen. Ob das souverän ist oder der Unsicherheit des frisch Gewählten entspringt, wird offen bleiben müssen.

Was mich beschäftigt:

Es wirkt auf mich wie ein später Nachklang auf dieses Tun des Samuel: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ Präambel des Grundgesetzes der BRD 23. 5. 1949) Es ist wichtig für den Weg eines Volkes, dass es seine Wege im Bewusstsein der Gegenwart Gottes klärt. Nicht nur ein frommes Anhängsel, sondern die Grundlage, die wir nicht selbst legen können.

Es ist eine Assoziation, kein Kommentar zu dieser Wahlgeschichte: Hominum confusione et Dei providentia confoederatio Helvetica regitur. So steht es im Wappen der Schweiz – Durch menschliche Konfusionen und Gottes Vorhersehen wird die Schweiz regiert.

Wir haben die Dinge lieber selbst im Griff. Mein Gott. Wir haben unsere Vorstellungen, wie es sein soll. Wir wählen lieber als dass wir jemand vorgesetzt bekommen.

Uns fällt es schwer, so zu denken: Es ist alles geordnet, wie es Gott gewollt hat. Ein König, von Gottes Gnaden, eine Obrigkeit, die er erwählt hat. Es ist ein Zusammenspiel von göttlicher Fügung, menschlichem Willen, von Zufall und Losglück.

Vielleicht kann uns das davon befreien zu glauben, dass wir doch besser wüssten, wie die Welt zu ordnen ist. Besser als Du, mein Gott. Amen

Ein Gedanke zu „Nur durchs Los?“

  1. Dass Sie, verehrter, lieber Pfarrer Lenz kein Monarchist sind dachte ich mir, dass Sie Ihrer Zeit ein bisschen vroraus sind, denke ich, aber froh bin ich, dass Sie vorerst weiter die interessanten Geschichten aus dem Samuel Buch erläutern! Herzlichst Ihr Hermann Enders

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