Gottes Wegweiser

  1. Samuel 9, 1 – 14

1 Es war ein Mann von Benjamin, mit Namen Kisch, ein Sohn Abiëls, des Sohnes Zerors, des Sohnes Bechorats, des Sohnes Afiachs, des Sohnes eines Benjaminiters, ein tüchtiger Mann. 2 Der hatte einen Sohn mit Namen Saul; der war ein junger, schöner Mann, und es war niemand unter den Israeliten so schön wie er, um eine Haupteslänge größer als alles Volk.

             Es ist wie so oft: die biblischen Autoren legen Wert auf die Klärung, woher einer kommt, aus welcher Sippe er stammt. So auch hier. Die Herkunft des Kisch aus dem Stamm Benjamin wird sorgfältig vorgeführt. Er kommt aus einer geachteten Familie und ist selbst ein tüchtiger Mann.  Andere Übersetzungen lesen: wohlhabend, angesehen. Aber es geht nicht um Kisch, sondern um seinen jungen Sohn Saul. Unvergleichlich schön und  groß. Im wahrsten Sinn des Wortes eine heraustragende, augenfällige Erscheinung. Man spürt den wenigen Worten die Sympathie für Saul ab.

 3 Es hatte aber Kisch, der Vater Sauls, seine Eselinnen verloren. Und Kisch sprach zu seinem Sohn Saul: Nimm einen der Knechte mit dir, mach dich auf, geh hin und suche die Eselinnen. 4 Und sie gingen durch das Gebirge Ephraim und durch das Gebiet von Schalischa und fanden sie nicht; sie gingen durch das Gebiet von Schaalim, aber da waren sie nicht; sie gingen durchs Gebiet von Benjamin und fanden sie nicht.

             Eselinnen sind verloren gegangen. Vermutlich kein Alltagsereignis, vermutlich auch nicht ohne Ärger zur Kenntnis genommen. Der Vater Kisch sendet den Sohn Saul auf die Suche nach den entlaufenen Tieren. Es wird eine lange Suchaktion, die Saul mit seinem Begleiter, einem Jung-Knecht (darauf deutet die griechische Übersetzung παιδριον hin) durch die verschiedenen Gebiete führt. Dieses von hier nach dort gibt dem Suchen etwas Zufälliges. Zielgerichtet ist anders. Aber die Eselinnen sind wie vom Erdboden verschluckt und trotz allen Suchens nicht zu finden.

 5 Als sie aber ins Gebiet von Zuf kamen, sprach Saul zu dem Knecht, der bei ihm war: Komm, lass uns wieder heimgehen; mein Vater könnte sich sonst statt um die Eselinnen um uns sorgen.

             Weil sich die Suche so lange hinzieht, berät Saul mit dem Knecht über einen Abbruch. Begründet mit dem Hinweis, dass ihr langes Ausbleiben den Vater mehr sorgen könnte als der Verlust der Eselinnen. Saul weiß, dass er dem Vater mehr wert ist als die Tiere. Der Verweis auf den Vater gilt als „feiner Zug im Charakter Sauls“. (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 111)Mir scheint wesentlicher daran der Hinweis auf eine vertrauensvolle Vater-Sohn-Beziehung. Auch das fällt auf – der Sohn sucht die Zustimmung des Knechtes zum Abbruch der Such-Aktion.

 6 Der aber sprach zu ihm: Siehe, es ist ein berühmter Mann Gottes in dieser Stadt; alles, was er sagt, das trifft ein. Nun lass uns dahin gehen; vielleicht sagt er uns unsern Weg, den wir gehen müssen. 7 Saul aber sprach zu seinem Knecht: Wenn wir schon hingehen, was bringen wir dem Mann? Denn das Brot in unserm Sack ist verzehrt, und wir haben keine Gabe, die wir dem Mann Gottes bringen könnten. Was haben wir sonst? 8 Der Knecht antwortete Saul abermals und sprach: Siehe, ich hab einen Viertel-Silberschekel bei mir; den will ich dem Mann Gottes geben, dass er uns unsern Weg sage.

  Die Suche hat etwas von einer Irrfahrt Die beiden Sucher kommen „durch Gegenden, die sonst unbekannt sind.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 28) Sie landen vor einer Stadt, deren Namen ungenannt bleibt. Immerhin weiß der Knecht: Es sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. In dieser Stadt  wohnt ein berühmter Mann Gottes. Einer, der vorausschauen kann. Einer, der göttliche Bescheide geben kann  und was er sagt, trifft ein. Ein Name des Mannes Gottes wird nicht genannt. Das legt nahe: So richtig vertraut sind sie mit dem, an den sie sich wenden könnten, nicht. Da ist keine eigene Erfahrung. Sie haben von ihm erzählen gehört. Mehr aber auch nicht.

Es klingt wie der Griff nach dem Strohhalm, nicht besonders zuversichtlich: vielleicht sagt er uns unsern Weg, den wir gehen müssen. Man kann es ja versuchen. Wenn es nichts bringt, haben wir es wenigstens auch mit dem Mann Gottes versucht. Mit leeren Händen aber wollen sie nicht bei ihm antreten. So wird geklärt, was sie ihm denn zu bieten haben, wenn Naturalien ausfallen, weil sie sie selbst aufgebraucht haben. Der Knecht(!) hilft aus der Verlegenheit: einen Viertel-Silberschekel. Wie viel das in heutigen Geldwert ist, lässt sich schwer sagen –  „für den Viertelschekel konnte ca 1kg Gerste gekauft werden.“ (M. Holland, ebda.) Es kommt wohl auf das Auge des Lesers an, ob er das für einen üppigen Lohn für eine vielleicht hilfreiche Auskunft hält.

9 Vorzeiten sagte man in Israel, wenn man ging, Gott zu befragen: Kommt, lasst uns zu dem Seher gehen! Denn die man jetzt Propheten nennt, die nannte man vorzeiten Seher. –

         Ein Einschub. Der historisch klärt. Für Leser*innen, die sich nicht mehr so auskennen mit der Frömmigkeitsgeschichte Israels? Für Leute, die fragen: Was ist das für ein Mann Gottes, um den es jetzt gehen wird?  Es ist eine Unterscheidung, an der dem Schreiber liegt – Seher (chosæh) – Propheten. „Seher waren die, die, wie ihr Name sagt, etwas „sehen“, was andere nicht wahrnehmen konnten, wie etwa verlorene Eselinnen, aber auch Ereignisse in der Zukunft.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, s. 63) Sie erhalten für ihre „Arbeit“ auch Lohn.  Ihnen stehen die Propheten gegenüber – eine andere Gruppe. „Propheten (hebr. nābȋ) sind von Gott mit Beschlag belegte, davon völlig hingenommene Männer.“ (H. W. Hertzberg, ebda.) Es gibt allerdings, in der Erklärung des Exegeten vergessen, auch Prophetinnen wie Deborah und Jesajas Frau!

10 Saul sprach zu seinem Knecht: Du hast recht geredet; komm, lass uns gehen! Und als sie hingingen zu der Stadt, wo der Mann Gottes war, 11 und den Aufgang zur Stadt hinaufstiegen, trafen sie Mädchen, die herausgingen, um Wasser zu schöpfen. Zu ihnen sprachen sie: Ist der Seher hier?

             Saul nimmt den Vorschlag des Knechtes auf und die beiden machen sich auf den Weg in die Stadt. Hinauf, demnach liegt sie auf einem Berg. Auf dem Weg stoßen sie auf Mädchen, die Wasser schöpfen – wohl im Auftrag der Familie. Bei ihnen erkundigen sie sich: Ist der Seher hier?  Dahinter mag stehen, dass solche Leute ja auch anderweitig unterwegs sein können, zumal, wenn sie berühmt, also gefragte Ratgeber sind. Immer noch wird kein Name erwähnt, weil sie nur die Funktion, nicht den Menschen dahinter aufsuchen wollen?

 – 12 Sie antworteten ihnen: Ja, siehe, da ist er; eile, denn er ist heute in die Stadt gekommen, weil das Volk heute ein Opferfest hat auf der Höhe. 13 Wenn ihr in die Stadt kommt, so werdet ihr ihn finden, bevor er hinaufgeht auf die Höhe, um zu essen. Denn das Volk wird nicht essen, ehe er kommt; er segnet erst das Opfer, danach essen die, die geladen sind. Darum geht hinauf, denn jetzt werdet ihr ihn treffen. 14 Und als sie hinauf zur Stadt kamen und in die Stadt eintraten, siehe, da kam Samuel heraus ihnen entgegen und wollte auf die Höhe gehen.

Sie haben Glück. Die Mädchen wissen den berühmten Mann in der Stadt, auf dem Weg zur Höhe, weil ein Opferfest ansteht. In diesen Worten ist nichts zu  spüren von der späteren, prophetischen Kritik an den Höhen und den Opfern, die dort gebracht werden, ein Zeichen für das hohe Alter der Erzählung. Die Mädchen zeigen den beiden Suchern, wo sie hinmüssen. Als diese ihrer Wegweisung folgen, kommt ihnen Samuel entgegen. Aber, so der erste Anschein, nicht, weil er gezielt auf sie zugehen will. Er will auf die Höhe gehen – zum Opferplatz.

Was mich beschäftigt:

Saul ist dem Aufgeben nahe. Er erwartet sich nichts mehr von der Suche, vom ziellosen Weitermachen. Das berührt mich, weil ich es oft sehe, auch bei mir selbst beobachte. Es gibt ein Ermüden beim Suchen nach dem Weg. Es gibt ein Ermüden auf dem Weg. Es ist gut, wenn es dann einen gibt, der sagt: Es ist noch nicht vorbei. Da ist noch ein „Vielleicht“. Mag sein, es ist nur ein Strohhalm. Lass uns dennoch danach greifen.

 

Mein Gott und Herr, wie oft warte ich auf eine Wegweisung durch Dich, durch Dein Wort. Und höre nicht wirklich zu, wenn andere mir etwas vorschlagen, mich zu neuen Schritten anregen wollen.

Kann es sein, dass Du Dich für Dein Wegweisen manchmal „verkleidest“, versteckst in den Vorschlag eines Knechtes, in die freundlichen Worte unbedarfter Mädchen, in den Kindermund? Und ich höre nicht hin, weil ich nur auf die Himmelsbotschaften aus bin?

Öffne Du mir die Ohren, auch dann genau hinzuhören, wenn ich im Grund nicht damit rechne, dass jetzt ein Bote von Dir das Wort nimmt. Amen