Sein wie alle anderen?

  1. Samuel 8, 1 – 22

1 Als aber Samuel alt geworden war, setzte er seine Söhne als Richter über Israel ein. 2 Sein erstgeborener Sohn hieß Joel und der andere Abija; sie waren Richter zu Beerscheba. 3 Aber seine Söhne wandelten nicht in seinen Wegen, sondern suchten ihren Vorteil und nahmen Geschenke und beugten das Recht.

       Geschichte wiederholt sich. Es geht mit den Söhnen des alt gewordenen Samuel, ,Joel  und Abija,  wie es schon mit den Söhnen des alt gewordenen Eli ging: sie missbrauchen ihr Amt. Sie sind korrupt, auf den eigenen Vorteil aus. Sie brechen das Recht, so wie es ihnen passt.

4 Da versammelten sich alle Ältesten Israels und kamen nach Rama zu Samuel 5 und sprachen zu ihm: Siehe, du bist alt geworden, und deine Söhne wandeln nicht in deinen Wegen. So setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Völker haben.

         „Mit Samuels Alter stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll.(R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 87) Sie wird zusätzlich dringlicher durch das Verhalten der Söhne. Es  ist für alle Ältesten Israels Grund genug, einem Aufkommen dieser Richter-Dynastie zu widerstehen. Einmal missratene Söhne reichen. Das braucht niemand in Serie. So viel Einigkeit ist selten in Israel. Es ist ein nüchternen Satz, der den Ausweg markiert: So setze nun einen König über uns. Diese Bitte markiert den Abschied vom Richtertum, das als charismatisches Amt ungebunden geübt wird. Ein König – das verspricht eine verlässliche Ordnung. Anders als die Söhne des Samuel. Die Ältesten hoffen auf einen rechten, unbestechlichen Richter, wenn sie einen König erbitten.

Wir sind gewöhnt, die Wendung über den König, der uns richte, wie ihn alle Völker haben negativ zu verstehen. Damit machen sie sich allen Völkern gleich. Damit verleugnen sie die besondere Stellung Israels als Gottesvolk. „Israel begibt sich mit seinem Anliegen aus seiner Sonderstellung auf die Ebene der Anderen.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 55) Es wird „gewöhnlich“, wie die gȏjīm. So zu lesen hat die Königskritik für sich, wie sie in der Geschichte des Niedergangs bis zum Untergang 586 sichtbar wird. Aber es ist ein Lesen vom unglücklichen Ausgang des Königtums her. Eine Wertung, die Jahrhunderte überspringt.

Mir ist es zu eilig: „Alle haben  einen König. Israel will mit der Mode gehen und auch einen König haben.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 97) Das klingt nach alberner Anpassung, nach fehlender Ernsthaftigkeit. So, als hätte einer im Deutschland der Nachkriegsjahre gesagt: `Alle haben Demokratie – die wollen wir jetzt auch. Das ist gerade modern.´ Und wenn jetzt – 2019 –  Populismus und die Sehnsucht nach dem starken Mann/der starke Frau angesagt ist, schaffen wir sie halt wieder ab. So simpel ist es wohl nicht in Israel.

Es könnte doch sein: Hinter der Bitte steht die Suche nach der verlässlichen Ordnung.  Nach dem unabhängigen Amt. Nach der auch „bei allen anderen Völkern gebräuchlichen und bewährten Herrschaftsform.“(J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 21) Sie wollen kein Experiment mehr mit unreifen und herrschsüchtigen Priester- und Richtersöhnen. Ist das so falsch, gar gottlos und ein Angriff auf Gott als die letzte Instanz in Israel?    

6 Das missfiel Samuel, dass sie sagten: Gib uns einen König, der uns richte. Und Samuel betete zum HERRN.

Samuel ist nicht einverstanden. Er ist dagegen. Trifft diese Bitte doch auch ihn, der ja schon selbst aktiv geworden war: er hatte ja auch nicht auf Gottes Eingreifen gewartet, „der bisher immer zur rechten Zeit Richter berief und einsetzte. Das hatte Samuel schon selbst in die Hand genommen und seine Söhne eingesetzt.“ (M. Holland, ebda.) So wird Samuel mit seinem Widerspruch vor Gott vorstellig. Es ist ein Denken, das durch die Richter-Zeit tief in Israel verwurzelt sein wird: „Gott als König und ein irdischer König schließen einander aus.“ (R. Kessler, aaO. S. 91) Auch darum und nicht nur aus persönlichen Gründen Samuels Widerstand gegen solches Ansinnen.

 7 Der HERR aber sprach zu Samuel: Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir sagen; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sein soll. 8 So wie sie immer getan haben von dem Tage an, da ich sie aus Ägypten führte, bis auf diesen Tag, dass sie mich verlassen und andern Göttern gedient haben, so tun sie nun auch dir. 9 So gehorche nun ihrer Stimme. Doch warne sie und verkünde ihnen das Recht des Königs, der über sie herrschen wird.

Zunächst einmal – Überraschung. Gleich zweimal heißt es von Gott her: Gehorche der Stimme des Volks. Samuel wird an den Volkswillen gebunden dennoch ist das keine frühe Legitimation von Demokratie, dafür, dass alle Macht vom Volke ausgeht. Die Antwort Gottes geht in zwei Richtungen.

Erstens: nicht Samuel ist der Hauptbetroffene. Nicht er wird abgelehnt, sondern die Herrschaft, das Königtum Gottes wird verworfen. Samuel hat keinen Grund beleidigt zu sein. Es geht ja gar nicht gegen ihn. Er ist nicht gemeint. So wichtig ist er auch wieder nicht.

Zweitens ist es schon steil: Das liegt in der Tradition dieses Volkes. So sind sie schon immer drauf, von Anfang an, seit Ägypten. Diese Worte stützen die Lesart, die in den Worten wie alle Völker ihn haben nur die Absage an die Rolle als Gottesvolk hört. Es ist eine Leseweise, wie sie in prophetischen Schriften öfters begegnet. Der aktuelle Ungehorsam des Volkes wird damit begründet, dass sie nur sind, wie die Väter schon waren. So ist Jakob schon, so sind auch seine Nachfahren – Betrüger, Täuscher, Trickser. So argumentiert Hosea, aber nicht nur er.

Hinter diesen Worten steht tiefere Wahrheit. Es gibt das Königtum in Israel nur, weil Gott es will. Hinter diesen Sätzen „steht das Wissen – das später klar bezeugt wird- dass der König nicht einfach Exponent eines böswilligen Volkes sondern Gerufener Gottes ist.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 55) Freilich ist das zugleich damit verbunden, dass der König eine Art „Ersatz-Gott“ werden kann, ein Gottes-Ersatz. Diese Gefahr droht. Nicht nur in Israel. Es ist schnell passiert, dass aus großen Leuten eine Art Gottes-Ersatz wird.

10 Und Samuel sagte alle Worte des HERRN dem Volk, das von ihm einen König forderte, 11 und sprach: Das wird des Königs Recht sein, der über euch herrschen wird: Eure Söhne wird er nehmen für seinen Wagen und seine Gespanne, und dass sie vor seinem Wagen herlaufen, 12 und zu Hauptleuten über Tausend und über Fünfzig, und dass sie ihm seinen Acker bearbeiten und seine Ernte einsammeln und dass sie seine Kriegswaffen machen und was zu seinen Wagen gehört. 13 Eure Töchter aber wird er nehmen, dass sie Salben bereiten, kochen und backen. 14 Eure besten Äcker und Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Großen geben. 15 Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben. 16 Und eure Knechte und Mägde und eure besten Rinder und eure Esel wird er nehmen und in seinen Dienst stellen. 17 Von euren Herden wird er den Zehnten nehmen, und ihr müsst seine Knechte sein. 18 Wenn ihr dann schreien werdet zu der Zeit über euren König, den ihr euch erwählt habt, so wird euch der HERR zu derselben Zeit nicht erhören.  

Samuel gehorcht. Zähneknirschend? Er verkündigt ihnen, bezeugt – ʽȋd – ihnen, noch einmal warnend, wie er beauftragt ist, das Recht des Königs. Es ist das Recht, das alle orientalischen Herrscher für sich in Anspruch nehmen. „Was als Rechtsanspruch des Königsgenannt wird, entwirft das Bild einer Sultansherrschaft, wie sie dem Orient geläufig ist.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 56) Man wird schon sagen dürfen: In der Art, wie Saul, David und Salomo, aber nicht nur sie geherrscht haben, zeigt sich etwas von der Wirklichkeit, die Samuel hier beschrieben hat.

Schaut man sich die Inhalte an, so wird sichtbar: dieses Recht wird vor alle die freien Bauern treffen. „Die Hauptleidenden der Einführung der Monarchie sind diejenigen, die Felder, Weinberge und Olivenhaine besitzen, die selbst Sklavinnen und Sklaven ihr Eigentum nennen und die so viele Produkte von Feldern und Herden erzeugen, dass sie davon einen Zehnten abführen können.“ (R. Kessler, aaO. S. 96) Sie wird es treffen  – Dienstpflicht, Steuern, Abstellung von Personal.

Was am schlimmsten ist: Wenn sie sich in Israel dann über den König beschweren werden, wird Gott sich taub stellen. Übertragen heißt das: Es wird keine Instanz geben, die Klagen gegen den König annimmt. Dieser Klageweg existiert in der orientalischen Monarchie nicht.

Es wird wohl zutreffen: „In den „Rechten“ des Königs haben sich Erfahrungen niedergeschlagen, die auf längere Frist mit dieser Institution gemacht werden mussten.“ (J. Conrad, aaO. S. 23) Darauf zielt die Warnung des Samuel: Wenn Israel einen König bekommt, wird nichts mehr so sein, wie es war.Die bisherige Lebens- und Wirtschaftsordnung wird zulasten des Volkes umgebaut, zugunsten des Königs, der sich seine eigene Machtbasis sichern wird.

 19 Aber das Volk weigerte sich, auf die Stimme Samuels zu hören, und sie sprachen: Nein, sondern ein König soll über uns sein, 20 dass wir auch seien wie alle Völker, dass uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe!

Das Volk hört und hört doch nicht. Es lässt sich nicht warnen. Es besteht auf seinen Wunsch und begründet ihn noch einmal mit dem Bedürfnis nach Sicherheit-.damals schon wie heute ein starkes Argument. Die Handlungsfähigkeit im Konfliktfall nach außen – „gelernter Soldat statt charismatischer Gelegenheitsführer“(H. W. Hertzberg, ebda.) – schlägt alle „innenpolitischen“ und gesellschaftlichen Bedenken.

 21 Und als Samuel alle Worte des Volks gehört hatte, sagte er sie vor den Ohren des HERRN. 22 Der HERR aber sprach zu Samuel: Höre auf ihre Stimme und mache ihnen einen König. Und Samuel sprach zu den Männern Israels: Geht hin, ein jeder in seine Stadt.

Samuel gibt Weiter, was er gehört hat. In der Hoffnung, dass Gott sich doch noch umstimmen lässt? Dass er dem Wunsch des Volkes widerspricht und widersteht?  Aber Gott fordert von Samuel Gehorsam, das Hören auf ihre Stimme. Er soll ihnen einen König machen. Das klingt in meinen Ohren fast verächtlich. Er überlässt das Volk seinem Willen und den Folgen daraus. Ob man so weit gehen darf zu sagen, dass „er das Volk nun seinerseits verwirft“(J. Conrad, ebda.) glaube ich nicht. Es gibt über die Jahrhunderte hinweg kein Verwerfen Israels. Gott leibt treu. Aber er lässt das Volk in der Folgezeit die Suppe auslöffeln, die es sich eingebrockt hat.

Samuel entlässt das Volk, die Männer Israels. Jeden in seine Stadt. Fast könnte man denken: Samuel spielt auf Zeit.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Was ist, wenn man nicht gegen die Maßnahmen des Königs klagen kann? Wenn Gott nicht die Instanz sein will, die gegen ihn einschreitet? Das zu lesen, heißt nah der eigenen Zeit zu fragen. Dann stößt man wie von selbst auf das Institut der Gewalten-Teilung. Unsere Demokratie lebt von der Trennung der drei Gewalten: Legislative, Exekutive und Judikative. Man kann gegen Maßnahmen der Regierung klagen, auch gegen Gesetze. In Bezug auf die weltliche Seite ist das ein gutes Signal, dass es im Rechtsstaat immer die Möglichkeit gibt, Maßnahmen der Exekutive du der Legislative überprüfen zu lassen. auch wenn das zermürbend lange dauern kann.

In Bezug auf Gott gibt es nur den einen Weg – sich an die anderen Worte Gottes zu halten. „Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.(Jesaja 65, 24) Und an das Wort Jesu: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“(Matthäus 7,7-8)  Mit Gott gegen Gott vertrauen: er wird dennoch hören.

 

Mein Gott, das kenne ich,  das kennen wir in unseren Kirchen: Einmal sein wie alle andern. Einmal nicht aus der Reihe tanzen, einmal nicht die Quertreiber sein, nicht die Mahner, nicht die Spaßbremsen, nicht die Verweigerer allen Fortschritts.      

Du weißt wie sehr wir angewiesen sind, auf Zustimmung, wie schwer es uns fällt, anders zu sein, wie sehr wir uns danach sehnen, dass andere uns anerkennen – ein ganz normaler Mensch.

Du hast Dich uns zugewandt, damit wir in Dir Genüge haben, einen Halt, unsere Zuflucht. Gib uns, gib mir, dass wir uns genügen lassen an Dir. Amen

2 Gedanken zu „Sein wie alle anderen?“

  1. Es erstaunt mich, dass Samuel seine Söhne als Richter einsetzt. Kennt er sie nicht? Weiß er nicht, wie sie ticken? Warum kann Samuel nicht abwarten, bis Gott einen Richter beruft? Der wunderbare Samuel menschelt hier sehr
    . Nachdem Samuel dem Volk die Auswirkungen einer Königsherrschaft vor Augen führt, lassen sie sich doch nicht umstimmen. Wie muss die Richterherrschaft der Söhne Samuels gewesen sein, wenn selbst diese harten Konsequenzen , die Samuel ihnen aufzeigt, sie nicht davon abhält einen Kölnig zu fordern? Der Wunsch ” zu sein wie alle ” erscheint mir hier nicht allein zu greifen.
    Danke Uli !

    1. Wir wollen es nicht wahrhaben. Aber das Denken in “Dynastien” ist tief in uns verwurzelt. Auch wenn und weil wir glauben, unsere Kinder zu kennen, versuchen wir doch gerne, ihren Weg nach unserem Wünschen zu beeinflussen. Das war früher leichter als es heute ist. Aber den Versuch gibt es auch heute noch. Immer wieder. Nicht nur bei Eislauf-Muttis und Fußball-Vätern.

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