Zuflucht im Gebet

  1. Samuel 7, 2 – 17

2 Aber von dem Tage an, da die Lade des HERRN zu Kirjat-Jearim blieb, verging eine lange Zeit; es wurden zwanzig Jahre. Dann wandte sich das ganze Haus Israel zum HERRN.

             Die Lade ist nach Israel zurück geholt. Aber irgendwie steht sie auch jetzt im Land lange Zeit -zwanzig Jahre –nur herum. Sie ist da. Mehr aber auch nicht. „Offensichtlich wurde die Lade abgestellt, ohne dass sie eine wesentliche Bedeutung für Israels Glauben hatte.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 87) Kommentarlos wird diese Zeit festgestellt. Erst dann kommt es zu einer Hinkehr zum HERRN.

In dieser Hinwendung kann Klage mitschwingen. So übersetzt die Elberfelder Bibel: Und das ganze Haus Israel wehklagte hinter dem HERRN her.“ Ähnlich auch die Einheitsübersetzung, Schlachter, Menge. Was hinter dieser Klage steht – ob die harte Bedrängung durch die Philister oder ein neues Bewusstsein dafür, dass sie Gott aus den Augen verloren haben, muss offen bleiben.

 3 Samuel aber sprach zum ganzen Hause Israel: Wenn ihr euch von ganzem Herzen zu dem HERRN bekehren wollt, so tut von euch die fremden Götter und die Astarten und richtet euer Herz zu dem HERRN und dient ihm allein, so wird er euch erretten aus der Hand der Philister. 4 Da taten die Israeliten von sich die Baale und Astarten und dienten dem HERRN allein.

  Jetzt erst ist, nach dem langen Zwischenstück Kap. 5- 6 – wieder von Samuel die Rede. Er antwortet, so scheint es, auf die  Klage des Volkes, auf die Hinwendung zu Gott. Seine Worte sind eine Aufforderung zur Umkehr. Aufforderung, ernst zu manchen mit der Hinwendung zu Gott. „Samuel hat erkannt, dass es mit einer gefühlsmäßigen Trauer nicht getan ist.“ (M. Holland, ebda.) Er fordert konkrete Schritte – tut von euch die fremden Götter und die Astarten. Das ist wohl ganz handgreiflich ein Entfernen von Götterbildern und-Statuen.

In diesen weniges Sätzen wird sichtbar: Israel ist zu keiner Zeit eine reine monotheistische Gemeinschaft. Das Bild, das viele von Glauben Israels haben: Am Anfang steht die reine Hingabe an Gott und erst in späteren Zeiten kommt es zum Einbruch fremder Götter und zum Einfluss anderen Glaubens, lässt sich nicht halten.  Sondern es zieht sich durch die ganze Geschichte des Volkes, dass es eben andere Götter gibt, denen Teile des Volkes nachlaufen. Darunter sind die Astarten, weibliche Göttergestalten, „deren große Verbreitung die Ausgrabungen immer wieder unter Beweis gestellt haben und nachher auch die Baale, die Landesgottheiten.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 50)  

Immerhin – es kommt zum Hören auf Samuels Worte und damit zur Trennung von den Baalen und Astarten. Ganz wichtig: sie dienten dem HERRN allein. Das ist die Parole, unter der später ein Elia in Israel wirken wird: Jahwe allein.

 5 Samuel aber sprach: Versammelt ganz Israel in Mizpa, dass ich für euch bete zum HERRN. 6 Und sie kamen zusammen in Mizpa und schöpften Wasser und gossen es aus vor dem HERRN und fasteten an demselben Tage und sprachen dort: Wir haben an dem HERRN gesündigt. So richtete Samuel die Israeliten zu Mizpa.

             Samuel lädt das Volk – ganz Israel – nach Mizpa. einem Ort im benjaminitischen Teil der palästinensischen Mittelgebirge, für uns nicht mehr sicher zu lokalisieren. Dort kommt es zum Gottesdienst – geprägt durch Fürbitte, Schuldbekenntnis, Fasten. Wie dieser Wasser-Ritus im Einzelnen zu denken ist, wissen wir nicht. Nur so viel wird man sicher sagen dürfen: mit solchen Wasser-Riten ist immer die Vorstellung von Waschen, von Reinigung verbunden. Die Verbindung von Wasser und Sühne ist wohl uralt.

Es kommt dabei auch zum Schuldbekenntnis: Wir haben an dem HERRN gesündigt. Worauf sich dieses Bekenntnis konkret bezieht, muss offen bleiben. Gemeint ist: Wir haben das Ziel verfehlt, das Gott setzt. Das mag sich auf die Alltagsgestalt des Lebens beziehen, auf das soziale Miteinander, aber genauso gut kann auch frühere Abhängigkeit von den Götterstatuen im Blick sein.

Darin richtet Samuel die Israeliten. Das er sie zu solcher Einsicht führt. Dass er ihnen die Wirklichkeit des Lebens vor Augen hält, auch die verfehlte Wirklichkeit. Richten in diesem Sinn ist mehr als Recht sprechen und Urteile finden. Es ist Wegweisung für das Volk, es ausrichten auf die Wege Gottes.

 7 Da aber die Philister hörten, dass die Israeliten zusammengekommen waren in Mizpa, zogen die Fürsten der Philister hinauf gegen Israel. Und die Israeliten hörten es und fürchteten sich vor den Philistern. 8 Und die Israeliten sprachen zu Samuel: Lass nicht ab, für uns zu schreien zu dem HERRN, unserm Gott, dass er uns helfe aus der Hand der Philister. 9 Samuel nahm ein Milchlamm und opferte dem HERRN ein Brandopfer – als Ganzopfer – und schrie zum HERRN für Israel, und der HERR erhörte ihn. 10 Und während Samuel das Brandopfer opferte, kamen die Philister heran zum Kampf gegen Israel. Aber der HERR ließ donnern mit großem Schall über die Philister am selben Tage und schreckte sie, dass sie vor Israel geschlagen wurden. 11 Da zogen die Männer Israels aus von Mizpa und jagten den Philistern nach und schlugen sie bis unterhalb von Bet-Kar.

Die Versammlung im Mizpa bleibt nicht unbemerkt. Sie ruft die Fürsten der Philister samt Heer auf den Plan, die sich auf den Weg machen, ein mögliches Erstarken Israels gar nicht erst zuzulassen. „Sie betrachten das Zusammenkommen Israels als unmittelbar gegen sie gerichtet.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 51) Die Reaktion der Israeliten ist Furcht. Sie kennen die Kampfkraft der Philister nur zu gut.

Was dem Volk bleibt ist der Schrei nach Rettung. Das Schreien nach Gott. dieses Schreien soll Samuel übernehmen und ja nicht darin nachlassen. So, „als Beter soll Samuel zum „Retter“ werden; es wird da das gleiche Wort gebraucht, das für die Rettertätigkeit der „großen“ Richter Verwendung findet, jāschaʽ.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 52) So tritt er in eine Reihe mit Otniel (Richter 3,9), Gideon (Richter 6,14); Jeftah(Richter 11, 1), Simson (Richter 13,5)  

             Samuel tut, was zu tun ist. Er opfert – Brandopfer – ʽolah – als Ganzopfer – kalil. Nichts von diesem Opfer fällt an die Opfernden. Alles wird gänzlich verbrannt. Und Samuel schreit zu Gott. Eine andere Waffe gegen die Philister haben sie in Israel nicht.

Die Entscheidung fällt nicht auf dem Schlachtfeld. Der HERR erhörte ihn. Das Rufen Samuels, sein Opfer hat den Herrn erreicht. Und der lässt nun die Schlacht ihre Wende nehmen im Gottesschrecken. Es ist sein Donner, der die Philister in die Flucht schlägt. „Die Siege Israels werden so erfochten, wie es hier beschrieben wird; es sind nicht Israels, sondern Jahwes Siege.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 52)So war es am Schilfmeer, so ist es auch hier. Es ist die bleibende Herausforderung an den Glauben Israels, sich darauf zu verlassen: „Der HERR wird für euch streiten, verhaltet ihr euch nur ruhig!« (2. Mose 14,14) Es wird ein großer Sieg.

 12 Da nahm Samuel einen Stein und stellte ihn auf zwischen Mizpa und Schen und nannte ihn »Eben-Eser« und sprach: Bis hierher hat uns der HERR geholfen. 13 So wurden die Philister gedemütigt und kamen nicht mehr in das Gebiet Israels. Und die Hand des HERRN lag schwer auf den Philistern, solange Samuel lebte. 14 Also fielen die Städte an Israel zurück, die die Philister ihnen genommen hatten, von Ekron bis Gat, und Israel riss ihr Gebiet aus der Hand der Philister. Und Israel hatte Frieden mit den Amoritern.

             Das ist die Wende. Israel hat nicht nur eine Schlacht bestanden. Die Übermacht der Philister ist gebrochen. Sie sind an ihre Grenze gestoßen. Daran erinnert der Stein zwischen Mizpa und Schen – der Stein der Hilfeʼæben hāʽēzer. Bis hierher und nicht weiter. Was für eine Wende: der gleiche Name Eben-Ezer steht auch für die Niederlagen Israels, die in 4,1 und 5,1 erzählt sind. Jetzt ist das Maß voll und von Gott gewendet.

So fallen auch die Städte von Ekron bis Gat, die die Philister einmal eingenommen hatten, an Israel zurück. Wie weit diese Sätze historisch belastbar sind, ist schwer zu beurteilen. Nur so viel sagt der Satz: Zur Zeit des Samuel ist der Einfluss der Philister auf Israel zurück gedrängt. Der große Mann steht ihnen im Weg.

Ist er auch dafür verantwortlich, ohne dass einzelne Taten erzählt werden mussten, dass es Frieden zu den Amoritern hin gibt, den ursprünglichen Bewohnern des Hügellandes beidseitig des Jordans? Man kann es nur vermuten. Jetzt „kann das Volk in jeder Hinsicht unbehelligt leben.“(J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 20) Es steht gut um Israel.

 15 Samuel aber richtete Israel sein Leben lang 16 und zog Jahr für Jahr umher und kam nach Bethel und Gilgal und Mizpa. Und wenn er Israel an allen diesen Orten gerichtet hatte, 17 kam er wieder nach Rama – denn da war sein Haus –, und dort richtete er Israel. Auch baute er dort dem HERRN einen Altar.

Diese Sätze lesen sich wie ein Summarium, fast wie ein Abschluss-Bericht über das Wirken des Samuel. Keine Einzelheiten, keine Besonderheiten – nur das stetige Handeln als Richter Israels. Es ist eine „Reisetätigkeit“, keine ortsfeste Anstellung. Schwerpunkte: Bethel – Gilgal – Mizpa. Alles Orte, an denen es auch Heiligtümer gegeben hat. Sein Leben lang ist Samuel so unterwegs. Sein Rückzugsort ist Rama. Auch dort richtet er Israel, ordnet er seine Wege. Dort gibt es einen Altar, „der von den Nachfahren als Samuels Altar gezeigt worden ist.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 53)

Samuel – der letzte Richter Israels. „Mit seinem Wirken in der Vollmacht des Propheten und Richters ist die Gewähr gegeben, dass Israel wieder in völliger Eintracht mit seinem Gott leben kann und von ihm geschützt und geführt wird.“(J. Conrad, ebda.) Es scheint: Alles ist gut.

Was mich beschäftigt:

Das Richten Samuels wird hier insgesamt eher summarisch berichtet. Er wird auch Recht gesprochen haben, Streit geschlichtet. Herausgehoben ist das andere – sein Schreien zu Gott um Hilfe für das Volk. Ob das nicht das eigentliche Richten ist? Einstehen, Gott um Hilfe anrufen, sein Erbarmen herbeirufen.  Dann wäre in die Fußstapfen dieses Richters zu treten vor allem das eine: nicht nachlassen in auswegloser Lage, gegen alle Angst Gott in die Ängste hineinzurufen, in dem Glauben: er wird da sein, für uns da sein.

 

Es ist uns fremd, nach Dir, Gott zu schreien, Deine Hilfe zu erbitten gegen Feinde von außen. Fremd, weil wir das nicht mehr kennen, drohende Gefahr durch mächtige Angriffe. Fremd auch, weil wir gewohnt sind uns selbst zu schützen durch Waffen und Sicherheitskräfte.

Durch Hoffen und Stillesein werdet ihr stark sein. Das passt sonntags auf die Kanzel, aber nicht in den Werktag, nicht in die Sicherheitspolitik. Sind wir wirklich weitergekommen seit damals, weiter als Israel in Mizpa?

Hilf Du uns, mir, Zuflucht immer neu bei Dir zu suchen. Amen