Zu viel Nähe Gottes?

  1. Samuel 6, 1 – 7,1

 1 So war die Lade des HERRN sieben Monate im Lande der Philister. 2 Und die Philister riefen ihre Priester und Wahrsager und sprachen: Was sollen wir mit der Lade des HERRN machen? Lasst uns wissen, wie wir sie an ihren Ort senden sollen!

             Die Leute von Ekron wollten die Lade nicht. Zu Recht, weil sie eine Plage nach der anderen mit sich brachte. Es hat den Anschein: jetzt steht sie irgendwie irgendwo im Land herum. Keiner will sie. Darum die Versammlung, in der die Fachleute um Rat gefragt werden – Priester und Wahrsager. „Die ḳȏsemȋm sind Leute, die sich auf die hintersinnlichen Dinge verstehen.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 43) Nur noch darum geht es, diesen unheimlichen Kasten loszuwerden.

3 Sie sprachen: Wollt ihr die Lade des Gottes Israels zurücksenden, so sendet sie nicht ohne eine Gabe, sondern gebt ihm eine Sühnegabe; so werdet ihr gesund werden, und es wird euch kundwerden, warum seine Hand nicht von euch ablässt. 4 Sie aber sprachen: Was ist die Sühnegabe, die wir ihm geben sollen? Sie antworteten: Fünf goldene Beulen und fünf goldene Mäuse nach der Zahl der Fürsten der Philister, denn es ist ein und dieselbe Plage gewesen über euch alle und über eure Fürsten. 5 So macht nun Abbilder eurer Beulen und eurer Mäuse, die euer Land zugrunde gerichtet haben, dass ihr dem Gott Israels die Ehre gebt. Vielleicht wird seine Hand leichter werden über euch und über euren Gott und über euer Land.

             Im Vordergrund der Beratung steht eine Art Schuld-Anerkenntnis: Eine Sühnegabe soll mit der Lade erfolgen. Das ist der Vorschlag der fachkundigen Leute. Wenn man so will: die Philister sollen anerkennen, dass ihr Sieg im Kampf überschattet ist vom Unrecht, dass sie sich die Lade gewissermaßen widerrechtlich angeeignet haben und damit Gottes Ehre verletzt haben. „Die Sühnegabe (ʼaschām) umschreibt (1) ein Schuldopfer, (2) ein Ersatzopfer für die Gott geraubte Ehre.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S, 79) Zugleich ist dieser Vorschlag ein Anerkennen der Macht des Gottes Israels durch die siegreichen Philister.

Die Sühnegabe ist auf den ersten Blick nicht verständlich: goldene Beulen, goldene Mäuse. Es wird wohl so sein: die Plage, die auf dem Land liegt, ist doppelt – eine Art Beulenpest und eine Mäuseplage. Und ähnlich wie in der Erzählung von der ehernen Schlange wird abgebildet, was das Leben gefährdet – und darin gebannt. Aber, wieder ist der Text präzise: Es wird nicht auf eine irgendwie magische Kraft dieser Abbilder gesetzt – das Entscheidende wird sein, dass der Gott Israels sich bewegen lässt, seine Hand leichter werden zu lassen. 

6 Warum verstockt ihr euer Herz, wie die Ägypter und der Pharao ihr Herz verstockten? Ist’s nicht so: Als der Herr seine Macht an ihnen bewies, ließen sie sie ziehen, dass sie gehen konnten?  

             Ob es Widerspruch gegen diesen Rat gegeben hat? Darauf könnte die Erwähnung der Ägypter hinweisen. Auch sie mussten erst Plagen erfahren, die Macht des Herrn spüren, bevor sie zur Einsicht kamen. Die Sätze appellieren an die Einsicht der Versammlung, an ihre Klugheit. Man muss wissen, wann das Spiel aus und verloren ist.

 7 So macht nun einen neuen Wagen und nehmt zwei säugende Kühe, auf die noch kein Joch gekommen ist; spannt sie an den Wagen und lasst ihre Kälber daheimbleiben. 8 Aber die Lade des HERRN nehmt und stellt sie auf den Wagen, und die Dinge aus Gold, die ihr ihm zur Sühnegabe gebt, tut in ein Kästlein daneben. So sendet sie hin und lasst sie gehen. 9 Und seht zu: Geht sie den Weg hinauf in ihr Land auf Bet-Schemesch zu, so hat er uns dies große Übel angetan; wenn nicht, so wissen wir, dass nicht seine Hand uns getroffen hat, sondern es ist uns zufällig widerfahren.

         Das ist jetzt die technische Abwicklung der Rückführung der Lade. Es ist eine Art „Gottes-Urteil“ oder Wahrheit-Test, der hier inszeniert wird. Säugende Kühe werden allemal zu ihren Kälber gehen. Es sei denn, sie leitet eine andere, stärkere Kraft. der Weg der Kühe wird zeigen, was „Sache“ ist. Gehen sie hinauf nach Beth-Schemesch, so hat Gott sich als der erweisen, der hinter all dem Übel steht. Gehen sie sie aber zu ihren Kälbern, dann ist die Plage Naturereignis ohne tieferen Hintergrund. Zufall.

10 Die Leute taten so und nahmen zwei säugende Kühe und spannten sie an einen Wagen und behielten ihre Kälber daheim 11 und stellten die Lade des HERRN auf den Wagen, dazu das Kästlein mit den goldenen Mäusen und mit den Abbildern ihrer Beulen. 12 Und die Kühe gingen geradewegs auf Bet-Schemesch zu, auf ein und derselben Straße, und brüllten immerfort und wichen weder zur Rechten noch zur Linken; und die Fürsten der Philister gingen ihnen nach bis an die Grenze von Bet-Schemesch.

Der Rat wird befolgt und die Lade setzt sich in Bewegung – geradewegs auf Bet-Schemesch zu. Wie von einer unsichtbaren Wegweisung geleitet. Unter ständigem Brüllen der Kühe. Brüllen sie, weil sie weggeführt werden von ihren Kälbern? Gezwungen und aus Unlust? Oder ist ihr Brüllen auch Warnung, diesem Transport nicht zu nahe zu kommen?    

13 Die Leute von Bet-Schemesch aber schnitten eben den Weizen im Talgrund, und als sie ihre Augen aufhoben, sahen sie die Lade und freuten sich, sie zu sehen. 14 Der Wagen aber kam auf den Acker Joschuas von Bet-Schemesch und stand dort still. Und dort lag ein großer Stein. Da spalteten sie das Holz des Wagens und opferten die Kühe dem HERRN zum Brandopfer. 15 Die Leviten aber hoben die Lade des HERRN herab und das Kästlein, das daneben stand, darin die Dinge aus Gold waren, und stellten sie auf den großen Stein. Und die Leute von Bet-Schemesch opferten dem HERRN am selben Tage Brandopfer und Schlachtopfer.

            Auf einem Acker eines Josua  bei Beth-Schemesch kommt der Transport zum Stehen. Merkwürdig: Es sind sofort Leviten zur Stelle, als ob sie auf die Lade gewartet hätten. Die Kühe werden geopfert, die Lade wird auf den großen Stein positioniert, die Sühnegabe wird akzeptiert.

 16 Da aber die fünf Fürsten der Philister das gesehen hatten, kehrten sie am selben Tage nach Ekron zurück. 17 Dies sind die goldenen Beulen, die die Philister dem HERRN als Sühnegabe erstatteten: für Aschdod eine, für Gaza eine, für Aschkelon eine, für Gat eine und für Ekron eine; 18 und goldene Mäuse nach der Zahl aller Städte der Philister unter den fünf Fürsten, der festen Städte und der Dörfer. Und Zeuge ist der große Stein, auf den sie die Lade des HERRN gestellt hatten. Er liegt bis auf diesen Tag auf dem Acker Joschuas von Bet-Schemesch.

             Die Philister können beruhigt nach Hause zurück kehren. Sie haben gesehen, dass die Rücksendung geglückt ist. Es ist wie die Bestätigung eines Rechtsabkommens, dass noch einmal aufgezählt wird: Beulen und Mäuse, der Ort der Übergabe und der große Stein als Zeuge. Es scheint, in der Nähe von Bet-Schemesch muss es so einen Stein gegeben haben, an den diese Geschichte als Orts-Legende angebunden ist.

 19 Und der HERR schlug etliche von Bet-Schemesch, denn sie hatten die Lade des HERRN gesehen; und er schlug im Volk siebzig Mann. Da trug das Volk Leid, dass der HERR einen so großen Schlag gegen das Volk getan hatte. 20 Und die Leute von Bet-Schemesch sprachen: Wer kann bestehen vor dem HERRN, diesem heiligen Gott?Und zu wem soll er von uns wegziehen?

Auf den ersten Blick versteht man nicht: Ist es verboten, die Lade des HERRN anzusehen? Hat es den Sehenden am Respekt gefehlt, an der Freude über die Rückkehr der Lade? Sind sie nur unbeteiligte Zuschauer, Gaffer gewesen? Die griechische Übersetzung des AT, Septuaginta, hat einen Zusatz, der ergänzt und erklärt: „Aber die Söhne des Jechonja unter den Leuten von Beth-Schemesch freuten sich nicht, als sie Lade Jahwes sahen. Darum erschlug er von ihnen siebzig Mann.“ (zit nach (M. Holland, aaO. S. 77) So auch noch in der Luther-Übersetzung 1956/64. Eine Erklärung, die nur neue Fragen aufwirft: Ist es die Art Gottes, verweigerte Freude so zu bestrafen? Passt das zu dem Gott, der die Freude will? Mir scheint es gut, dass der hebräische Text hier nichts erklärt und nichts über die Motive Gottes zu wissen vorgibt. Es ist ehrlich, sich einzugestehen: wir verstehen oftmals die Wege Gottes nicht.

 Es ist ein großes Erschrecken. Über diesem rätselhaften, unberechenbaren Gott. Was die Leute sehen: er ist heilig. „Es ist lebensgefährlich, sich mit ihm einzulassen.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 46)  Gott ist alles, aber jedenfalls nicht harmlos. Kein zahnloser Papiertiger.

Wir lesen hier mit das älteste Wort im Gesamttext des AT über die Heiligkeit Gottes. Älter als die entsprechenden Wendungen bei Jesaja, der ja Gott oft den Heiligen Israels nennt und seine Anbetung durch die Seraphen überliefert: „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“ (Jesaja 6,3) Es ist einer der theologischen Leitgedanken, wie er sich in Israel unter den Erfahrungen Gottes entwickelt: Gott ist der Heilige, gerade auch in seiner Andersartigkeit, seiner Unfassbarkeit. „Die Leute von Beth-Schemesch erkennen Jahwe als den Heiligen, weil sie ihn als den Schrecklichen, Unberechenbaren fürchten.“ (L. Köhler, Theologie des Alten Testaments, Tübingen 1947, s. 34) Das also gibt es – bis heute –  ein Erkennen Gottes, das mit Fürchten verbunden ist. Das wehrt allem allzu unbedacht harmlosen Reden von dem lieben, guten Gott.  

 Nach dieser Erfahrung ist es kein Wunder: auch in Bet-Schemesch wollen sie die Lade möglichst rasch wieder loswerden. Lieber Abstand, nicht zu nahe. Es ist kein Privileg der Heiden, dass sie Distanz von Gott suchen. Auch dem Volk Gottes kann zu viel Gottesnähe unheimlich sein.

Weit hergeholt? Mir scheint, dass  die Leute von Bet-Schemesch kein Einzelfall sind, auch nicht in den biblischen Texten. Es ist, als hätte einer diese Geschichte gelesen und dann sein Gebet formuliert:

HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                                 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                               du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                           Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.                            Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                              das du, HERR, nicht alles wüsstest.                                                                                      Von allen Seiten umgibst du mich …                                                                                   Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,                                                                            und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?                                                             Führe ich gen Himmel, so bist du da;                                                                                  bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.                                          Spräche ich: Finsternis möge mich decken                                                                         und Nacht statt Licht um mich sein –,                                                                                    so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,                                                                  und die Nacht leuchtete wie der Tag.                                                                             Finsternis ist wie das Licht.              Psalm 139, 1 – 5a. 7 – 8. 11-12

Flucht ist vergeblich. Es gibt kein Entkommen vor Gott. Weltweit. So viel Gottesgegenwart kann auch bedrängend sein! Darum klagt auch einer wie Hiob: „Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst? Jeden Morgen suchst du ihn heim und prüfst ihn alle Stunden. Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe? Hab ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, dass ich mir selbst eine Last bin?“ (Hiob 7, 17 – 20) Erschütternd: da möchte einer wenigstens für einen Augenblick einmal von Gott unbeobachtet sein, Das Weite suchen können. Weil Gott ihm zu eng auf der Pelle sitzt.

21 Und sie sandten Boten zu den Bürgern von Kirjat-Jearim und ließen ihnen sagen: Die Philister haben die Lade des HERRN zurückgebracht; kommt herab und holt sie zu euch hinauf. 7, 1 Da kamen die Leute von Kirjat-Jearim und holten die Lade des HERRN herauf und brachten sie ins Haus Abinadabs auf dem Hügel, und seinen Sohn Eleasar weihten sie, dass er die Lade des HERRN bewache.

             Es werden Abnehmer gesucht und überraschend, auch gefunden. Die Leute von  Kirjat-Jearim finden sich bereit, die Lade zu holen. Auf dem Hügel, im Haus Abinadabs finden sie einen vorläufigen Ort. Kein besonderes Heiligtum. Warum, so wird man fragen dürfen, gelangt die Lade nur bis Kirjat-Jearim, das doch immer noch nur Grenzland ist, unter der wachsamen Beobachtung durch die Philister. Wollen diese die Lade zwar los sein, sie aber doch im Auge behalten können? Das kann sein, kann aber auch ebenso gut schlichte Spekulation sein. Die Texte geben nichts dazu her.

Vielleicht ist dieses Haus des Abinadab ein ehemaliger Tempel? Mag sein, wir wissen es nicht. Dort wird sie aufbewahrt und in Eleasar wird einer dazu ausgesondert, geweiht,  dass er auf sie achthat. Wer diese Weihe vornimmt, erschließt sich aus dem Wortlaut nicht. Auch das ist eine unbeantwortete Frage: Ist Eleasar einer aus einem der Priestergeschlechter?

Zum Schluss der Erzählung häufen sich die offenen Fragen. Das müssen Leser*innen aushalten lernen. Ist es doch oft auch im Leben so – die Fragen werden immer zahlreicher, die Antworten immer zögerlicher.

Was mich beschäftigt:

Die Freude an der Lade ist überschattet. Verbindet sich doch mit der Lade auch die Erfahrung einer geradezu lebensbedrohlichen Nähe. Es ist die Heiligkeit Gottes, sie löst auch Furcht aus. Nicht zuletzt solche Texte haben wohl dazu geführt, dass Luther seine Erklärungen der Gebote stereotyp beginnt: Wir sollen Gott fürchten und lieben. … Die Furcht Gottes ist nichts, was im reifen Glauben überwunden sein müsste. Sie ist integraler Bestandteil des Glaubens.

 

Wie viel Nähe zu Dir, Gott, halten wir aus? Ich wünsche mir Deine Nähe, wenn mir das Leben Angst macht, wenn Sorgen nach mir greifen, wenn mich Einsamkeit überfällt. Ich wünsche mir Deine Nähe, wenn mich Fragen quälen, nach der Zukunft,. nach dem richtigen Weg, nach dem festen Grund.

Aber ich kenne das auch, dass ich Abstand suche – auch von Dir, wenn Du mir zu mächtig bist, wenn mir Deine Nähe die Luft zum Atmen zu nehmen scheint. Wenn das Leben mich bedrängt und verzagen lässt.

Ich kenne das, dass mir Deine Gegenwart manchmal zu schaffen macht, so dass ich sage: Wohin kann ich fliehen vor Deinem Angesicht? Wo bin ich endlich einmal nur bei mir, eingehüllt in ein gnädiges Dunkel?

Heiliger Gott, Du bist uns nahe gekommen als Kind in der Krippe, damit wir die Angst vor Dir verlieren, vor Deiner Größe, Deiner Macht und Herrlichkeit. Damit wir uns Deine Nähe gefallen lassen können. Amen