Gottesverlust

  1. Samuel 4, 12 – 22

12 Da lief einer von Benjamin aus dem Heer und kam am selben Tage nach Silo und hatte seine Kleider zerrissen und Erde auf sein Haupt gestreut. 13 Und siehe, als er hinkam, saß Eli auf dem Stuhl am Wege und gab acht; denn sein Herz bangte um die Lade Gottes.

 Einer aus dem Stamm Benjamin bringt die Schreckenskunde auf dem langen Weg von Afek  nach Silo. Eine biblische Parallele zum Siegesboten aus Marathon – nur: hier geht es um eine furchtbare Niederlage. Der Bote bleibt anonym. Müßig zu überlegen: „Ist es ein Namenloser oder wusste damals jeder, wer es war? Man könnte an Saul, dem Benjaminiter denken“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 66) Einen Anhaltspunkt für diese Überlegung finde ich nicht.

Es fällt auf: Die ganze Sorge Elis gilt der Lade! Es scheint, er sitzt irgendwo bangend am Wegrand, auf seinem Stuhl am Tempeleingang. Ein alter, erblindeter Mann. Wartend. Hoffend. „Das Verb āphā kann im Sinn des Lauerns, Wartens, Verwendung finden. Der Blinde, der noch gut hören kann, harrt ahnungsvoll dem Kommenden entgegen.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 36)

 Und als der Mann kam, berichtete er’s in der Stadt, und die ganze Stadt schrie auf. 14 Und da Eli das laute Schreien hörte, fragte er: Was ist das für ein großer Lärm? Da kam der Mann eilends und sagte es Eli an. 15 Eli aber war achtundneunzig Jahre alt, und seine Augen waren so schwach, dass er nicht mehr sehen konnte. 16 Der Mann aber sprach zu Eli: Ich komme vom Heer und bin heute aus der Schlacht geflohen. Er aber sprach: Wie ist’s gegangen, mein Sohn? 17 Da antwortete der Bote und sprach: Israel ist geflohen vor den Philistern, und das Volk hat eine große Schlacht verloren; auch deine beiden Söhne, Hofni und Pinhas, sind tot; dazu ist die Lade Gottes genommen.

 Der Bote schreit seine Botschaft heraus und die Stadt schreit auf. Eli hört das Schreien und jetzt kommt der Unheilsbote, von ihm gerufen zu dem uralten, immerhin achtundneunzig Jahre alten Mann. Der fragt und erhält Antwort. Einen gedrängten Bericht. Ehrlich. Hart in seiner Kürze und Ehrlichkeit. Es ist eine Steigerung der Schrecken – die Schlacht verloren, die Söhne tot, die Lade weggenommen.

 18 Als er aber die Lade Gottes nannte, fiel Eli rücklings vom Stuhl am Tor und brach sich den Hals und starb, denn er war alt und ein schwerer Mann. Er richtete aber Israel vierzig Jahre.

             Das ist Elis Ende. „Diese Nachricht, dass die Lade verloren gegangen sein, nicht der Tod der Söhne, ist die unmittelbare Ursache für den Tod des alten Mannes.“(H. W. Hertzberg, ebda.) Er stirbt in Wahrheit an gebrochenem Herzen, auch wenn er sich den Hals bricht. Es ist ein letztes Resümee: Er richtete aber Israel vierzig Jahre. Damit ist alles gesagt. Kein Wort des Lobes, aber auch kein Wort der Kritik.

 19 Seine Schwiegertochter aber, des Pinhas Frau, war schwanger und sollte bald gebären. Da sie davon hörte, dass die Lade Gottes genommen war und ihr Schwiegervater und ihr Mann tot waren, krümmte sie sich und gebar; denn ihre Wehen überfielen sie. 20 Und als sie im Sterben lag, sprachen die Frauen, die um sie standen: Fürchte dich nicht, du hast einen Sohn geboren! Aber sie antwortete nicht und nahm’s auch nicht mehr zu Herzen. 21 Und sie nannte den Knaben Ikabod und sprach: »Die Herrlichkeit ist hinweg aus Israel!« – weil die Lade Gottes genommen war, und wegen ihres Schwiegervaters und ihres Mannes. 22 Darum sprach sie: Die Herrlichkeit ist hinweg aus Israel; denn die Lade Gottes ist weggenommen.

 Die Szene wird erweitert, noch bunter, – noch grauer. Die Botschaft erreicht auch die schwangere Frau des Pinhas, Schwiegertochter des Eli, von der erst hier die Rede ist. Die Katastrophenmeldungen lösen bei ihr eine vorzeitige Geburt aus. Es zerreißt sie regelrecht – darauf deutet das Wort hāphak , „um- und umkehren“ hin. Auch hier fällt die Reihenfolge der Aufzählung auf – Verlust der Lade, Tod Elis, Tod des eigenen Mannes – ist das eine Steigerung der Schrecken? Oder ist es so, dass der Verlust der Lade, zuerst genannt, auch der tiefste schrecken ist?

Es kommt zur Geburt. Das Kind überlebt, sie stirbt. Es mag uns fremd sein – die Frauen um die Sterbende suchen sie zu trösten Dass sie ein Kind geboren hat, berührt sie gar nicht mehr, erreicht ihr Herz nicht mehr. Sie stirbt mit Worten, die die Tiefe ihres Schmerzes zeigt: »Die Herrlichkeit ist hinweg aus Israel!« Wieder die Aufzählung und wieder die Lade zuerst.  Die Herrlichkeit – kābȏd, Der Name des Sohnes: ʼȋkābȏd – „die Vorsilbe ʼȋ ist als Negation gedacht.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 37)

Die Lade ist genommen. – fünfmal in den Versen des Kapitels. Hieß es zuvor noch, ein wenig tröstend:  “Die Lampe Gottes war noch nicht verloschen” (3,3), so ist jetzt  der absolute Tiefpunkt für Israel erreicht. Die Herrlichkeit Gottes ist ausgewandert. Israel hat seine Mitte verloren. Es ist, eingekleidet in einen nüchternen Schlachtenbericht, eine große Klage. Wobei – es heißt nur die Herrlichkeit, nicht die Herrlichkeit Gottes. „Von der persönlichen Nähe Gottes zu seinem Volk spricht keiner der Israeliten.“ (M. Holland, aaO. S. 67) Wohl auch deshalb nicht, weil das zu sehr in den heutigen Frömmigkeits-Kategorien gedacht ist – da muss alles persönlich und individuell sein. so denken die Texte aus Israel nicht.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Das lässt mich fragen: wie gehen wir heute mit dem Gottesverlust bei uns um? Ist die Herrlichkeit Gottes nicht längst aus der Mitte des Volkes ausgewandert? Sie wird nicht mehr gesucht, nicht mehr geachtet, nicht einmal mehr vermisst. Die Mehrzahl der Deutschen braucht keinen Gott, keine kirchliche Bindung, schon gar keine, wenn auch nur gefühlte, Bevormundung durch den Glauben. Leuchtet die Herrlichkeit Gottes denn noch wenigstens ein wenig in der Mitte der Kirchen? Volkskirchen nennen wir uns, aber das Volk lebt längst ohne Kirche. Ohne Gott. Es schafft sich seine eigenen Götter und betet sie an. Stars, Werte, Erfolgsgeschichten, die Nation. Es wäre, so denke ich an der Zeit, sich ehrlich zu machen: »Die Herrlichkeit ist hinweg aus Israel!«

 Irgendwie haben wir uns abgefunden mit den Zahlen, die alljährlich neu den Schwund melden. Das ist der demoskopische Wandel, da kann man nichts machen. und es klingt hochmütig, wenn gesagt wird: der geistliche Grundwasserspiegel sinkt. Vom Schmerz eines Elis ist da keine Spur. Wir singen nicht mehr: „Wach auf, wach auf, du deutsches Land, du hast genug geschlafen.“ Eli fällt vom Stuhl und stirbt, an gebrochenem Herzen. Seine Schwiegertochter bei der Geburt, weil die Lade, doch nur Zeichen der Gegenwart Gottes, weg ist. Wir machen einfach weiter.

 

Es gibt Worte, die mich kalt lassen. Es gibt aber auch die Worte, die mich berühren, aufrütteln. »Die Herrlichkeit ist hinweg aus Israel!« ist so ein Wort, das mir unter die Haut geht.

Merken wir es gar nicht, dass wir Deine Herrlichkeit verloren haben? Merken wir es gar nicht, dass wir unter einem verschlossenen Himmel leben, weil wir nicht nach Dir fragen, nicht Dein Wort suchen, nicht unser Herz Deinem Geist öffnen? Merken wir es gar nicht, wie arm wir geworden sind?

Heiliger Gott, öffne uns die Augen, die Ohren, die Herzen, damit wir unsere Armut nicht länger schönreden, damit wir uns ausstrecken nach Dir, uns nicht damit abfinden, dass wir unter uns sind, allein gelassen, vaterlos geworden, mutterlos geworden, damit uns unser Gottesverlust schmerzt.

Öffne Du uns, damit wir uns neu ausstrecken, damit uns neue Sehnsucht nach Dir erfüllt. Amen