Von wegen: Gott mit uns

  1. Samuel 4, 1 – 11

1 Und Samuels Wort erging an ganz Israel.

  Ein Satz in der Abfolge der Geschichten, der zeigt, wie wenig Interesse der Text insgesamt daran hat, eine Biographie des Samuel zu entwerfen. Es ist ein großer Zeitsprung – vom Knaben hin zu dem, der ganz Israel Weisungen gibt. Nicht nur einzelnen Stämmen, sondern dem ganzen Gottesvolk. „Seine Worte sind solche, die der Herr zu Samuel kommen lässt, und die er, der Herr, durch ihre Erfüllung beglaubigt.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 31) Diese Feststellung der Wirkungsweites des Samuel steht gewissermaßen als Überschrift über den nachfolgenden Geschehen.

 Und es begab sich zu der Zeit, dass die Philister sich sammelten zum Kampf gegen Israel. Israel aber zog aus, den Philistern entgegen, in den Kampf und lagerte sich bei Eben-Eser. Die Philister aber hatten sich gelagert bei Afek. 2 Und die Philister stellten sich Israel gegenüber auf. Und der Kampf breitete sich aus, und Israel wurde vor den Philistern geschlagen. Sie erschlugen in der Feldschlacht um die viertausend Mann.

             Es sind keine friedlichen Zeiten. Im Gegenteil. Die Philister sind der Gegenpart Israels. Mehr noch, seit den Richterzeiten: „Sie gelten als die eigentlichen Herren des Landes. Gegenaktionen von israelitischer Seite, wie die Taten Simsons, beschränken sich auf Einzelheiten, die am Gesamtzustand nichts ändern.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 35) So ist es auch hier: ein Feldzug der Philister im Gebiet der Städte Gaza, Askelon, Asdod, Ekron, Gsth, also der Küstenregion, die heute den Gaza-Streifen einschließt, endet mit einer blutigen Niederlage Israels.

3 Und als das Volk ins Lager kam, sprachen die Ältesten Israels: Warum hat uns der HERR heute vor den Philistern geschlagen? Lasst uns die Lade des Bundes des HERRN zu uns holen von Silo, dass er in unsre Mitte komme und uns errette aus der Hand unserer Feinde. 4 Da sandte das Volk nach Silo und ließ von dort holen die Lade des Bundes des HERRN Zebaoth, der über den Cherubim thront. Und es waren dort die beiden Söhne Elis bei der Lade des Bundes Gottes, Hofni und Pinhas. 5 Und da die Lade des Bundes des HERRN in das Lager kam, jauchzte ganz Israel mit gewaltigem Jauchzen, dass die Erde erdröhnte.

             Die Niederlage löst Ratlosigkeit aus. Ein Suchen nach den Ursachen. Die Ältesten haben das Wort. Sie sind wohl weniger militärische Führer als geistliche Wegweiser. Darauf deutet auch ihr Fragen hin: Warum hat uns der HERR heute vor den Philistern geschlagen? Irgendwie scheint es auf der Hand zu liegen: hinter dieser Niederlage steckt Gott. Er hat sie geschlagen. Weil man versäumt hatte, sich seines Beistandes zu versichern? Mir ist es ein bisschen arg glatt: „Jedenfalls fragt keiner Gott. Vielmehr geben sie sich selbst die Antwort: Lasst uns die Lade des Bundes Jahwes zu uns holen.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 65) Das ist wohl die Hoffnung hinter den Worten: mit der Lade kommt Gott selbst und mit ihm an unserer Seite werden wir den Philistern gewachsen sein. 

Die Lade wird gebracht. Der Weg von Silo zu den Heertruppen ist an einem Tag zu bewältigen. Die beiden Söhne Elis, Hofni und Pinhas sind für Transport und Umgang mit der Lade zuständig. Als die Lade da ist, bricht Jubel aus. „Welch festliche Begrüßung mit Freudenruf, das die Erde dröhnte. Das hebr. Wort wird sonst für den würdigen Empfang Jahwes als König gebraucht.“(M. Holland, aaO. S. 66) Ein Jubelruf,  der alles in einem ist: Kampfgeschrei, Hoffnungsschrei, Ruf zur Sammlung aller Kräfte. Jetzt sind sie sicher: Gott ist auf unserer Seite. In der Lade ist er da.

             Es ist wie eine Vorlage für den Song von Bob Dylan

 Oh, my name, it ain’t nothin’, my age, it means less
The country I come from is called the Midwest
I’s taught and brought up there, the laws to abide
And that the land that I live in has God on its side

Oh, the history books tell it, they tell it so well
The cavalries charged, the Indians died
Oh, the country was young
With God on its side.”                                                                                                                             B. Dylan, Album: The Times They Are a-Changin’ 1964

             Es ist die Hoffnung, die wieder und wieder beschworen worden ist; Gott möge sich auf unsere Seite schlagen. Deus vult – Gott will es – so hörten es christliche Kreuzfahrer von christlichen Predigern, auch von Bernhard von Clairvaux. Auf Koppelschlössern war es eingeprägt: Gott mit uns. Kriegs-Predigten haben die Parteinahme Gottes für die eigene Sache und Nation beschworen. Oftmals auf allen Seiten. Es ist gut, dass uns dieses Denken in den letzten Jahrzehnten zerbrochen ist.

 6 Als aber die Philister das Jauchzen hörten, sprachen sie: Was ist das für ein gewaltiges Jauchzen im Lager der Hebräer? Und als sie erfuhren, dass die Lade des HERRN ins Lager gekommen wäre, 7 fürchteten sich die Philister und sprachen: Gott ist ins Lager gekommen, und riefen: Wehe uns, denn solches ist bisher noch nicht geschehen! 8 Wehe uns! Wer will uns erretten aus der Hand dieser mächtigen Götter? Das sind die Götter, die Ägypten schlugen mit allerlei Plage in der Wüste. 9 So seid nun stark und seid Männer, ihr Philister, dass ihr nicht dienen müsst den Hebräern, wie sie euch gedient haben! Seid Männer und kämpft!

     Die Philister hören den Jubelschrei und erschrecken. Aber ihr Erschrecken wird nicht zur Lähmung. „Die Reaktion der Philister ist allerdings nicht Angst oder gar Flucht, sondern der Entschluss, nun gerade alle Kraft zu entfalten, um nicht ihrerseits „Knechte“ zu werden.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 36) Wenn man so will: eine Trotz-Reaktion.

Es ist eine merkwürdige Gegenüberstellung: hier das Volk Gottes, das jubelt, weil es Gott an seiner Seite glaubt. Da die Philister, die bangen, weil sie Gott auf der Seite der Israeliten glauben: Wer will uns erretten aus der Hand dieser mächtigen Götter? Ein bisschen überzogen wirkt es schon auf mich: „Die Heiden sprechen von Gottes Nähe…. Das Tagesthema ist bei den Heiden Gott, der Retter. Und wovon redet Israel? Von der handgemachten Lade.“(M. Holland, aaO.  S. 66) Mir scheint, hier denkt der Exeget zu sehr vom Ende her und sucht nach Gründen für die Niederlage in der Schlacht und findet sie im falschen Gottvertrauen. Das ist mir zu einfach gedacht und geglaubt. So viel allerdings ist sicher richtig: die Philister nehmen den Gott Israels als Faktor auch im Kampf durchaus ernst. Aber sie werden sich nicht kampflos unterwerfen.

 10 Da kämpften die Philister, und Israel wurde geschlagen, und ein jeder floh zu seinen Zelten. Und die Niederlage war sehr groß, und es fielen von Israel dreißigtausend Mann Fußvolk. 11 Und die Lade Gottes wurde genommen, und die beiden Söhne Elis, Hofni und Pinhas, kamen um.

Es kommt wieder zum Kampf – und wieder siegen die Philister. Die Zahl der Opfer auf Seiten Israels steigt grauenhaft. Nicht mehr viertausend, sondern dreißigtausend. Unter ihnen die Söhne Elis. Es erfüllt sich an ihnen, was angesagt war: „an einem Tag werden sie beide sterben.“(2,34) Als ob das noch nicht genug wäre: die Lade Gottes fällt in die Hände der Philister.

Es fällt auf: In diesen letzten Sätzen  fehlt jedes Gefühls-Signal. Es ist die nüchterne Sprache der Kriegsberichts-Erstattung. Ausgang der Schlacht, die Zahl der Gefallenen, das strategisch bedeutsame Ergebnis, das vermutlich Langzeitfolgen haben wird. Das Schlimmste aber ist zweifellos der Verlust der Lade. Überspitzt gefragt: ist mit der Lade Gott selbst in die Hände der Philister gefallen?

Was noch zu sagen bleibt, über den engeren Zusammenhang hinaus: „Von jetzt ab hören wir nichts mehr über Silo. Es ist wohl damals endgültig zerstört worden.“(M. Holland, ebda).

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Diese Passage liest sich wie eine – frühe? – erzählerische Korrektur  einer Zions-Theologie, die geeignet ist, sich in falschen Sicherheiten zu wiegen. Gott ist bei uns, für uns, mit und – das ist Zusicherung gegen alles Unheil und Unglück. So denkt Israel. Und das Holen der Lade soll so eben die Gegenwart des siegreichen Gottes sicherstellen. Es ist ein langer und schmerzhafter Lernprozess: Auch die Gegenwart Gottes schützt nicht vor allem Unglück. Dass wir uns bergen können in Gott garantiert nicht dass wir in allen Stürmen der Welt unangreifbar sind. Wenn Paulus schreibt: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein“ (Römer 8, 31) so ist das keine Formel für sieghaftes Leben ohne Gegenwind. Paulus hat ja auch eine Menge Gegenwind erlitten. Es ist vielmehr der Satz, der allen Niederlagen und allem Zerbrechen  die Gewissheit entgegen stellt: Gott ist dennoch für uns.

Es gibt keine Veranlassung, ein wenig hochmütig auf Israels Irrtum herab zu blicken. Weil es für mich schon am Tage ist, dass wir oft dem gleichen Irrtum unterliegen. Die Praxis der Kindertaufe hat weithin etwas von einer Versicherung gegen Unfall und Unheil. Und die Frage: Wie kann Gott das nur zulassen? macht ihn haftbar für Erfolge und Sicherheit. Wir sind nicht wirklich sicher vor diesem Irrtum Israels, wie er sich im Holen der Lade zeigt. Noch einmal: Es ist ein schmerzhafter Lernprozess, den wir immer wieder vor uns haben und nie erledigt: Gott lässt sich nicht durch irgendwelche Kult und Kultgegenstände herbeizitieren. Er ist frei.

 

Heiliger Gott, wie oft haben wir Christen Dich missbraucht, Deinen Namen missbraucht, wenn wir Dich zum Parteigänger unserer Interessen gemacht haben, wenn wir von Dir Siege erbetet haben, den Erfolg im Kampf gegen die Feinde, den Schlachtengewinn.

Du lässt Dich nicht vereinnahmen. Du lässt Dich nicht zum Kriegsgott machen, der uns den Sieg sichert. Du bist frei.

Lehre Du uns andere Wege. Lehre Du uns das Vertrauen auf Dich, das mitten in einer Welt, die so in den Kategorien von Sieg und Niederlage unterwegs ist, nicht an Siegen hängt und nicht in Niederlagen zerbricht. Das Vertrauen, das Dich sucht, auch in den tiefsten Tiefen. Amen