Es geht nicht weiter

  1. Samuel 2, 27 – 36

27 Es kam aber ein Mann Gottes zu Eli und sprach zu ihm: So spricht der HERR:

          Vielen Auslegern gilt dieser ganze Abschnitt als eine spätere Zufügung. In erzählter Form  „stellen sie eine theologische Deutung zu den beschriebenen Vorgängen dar.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 26) Es ist hilfreich, sich die Freiheit der biblischen Autoren im Umgang mit ihrem „Text-Material“ vor Augen zu halten. Alles hat der Botschaft zu dienen, auch die erzählte Geschichte.

Ein Mann Gottes kommt zu Eli. Sein Name tut nichts zur Sache. Das ist nicht nur hier so. Was für allein zählt, ist die Botschaft, die er auszurichten hat. es ist nicht seine eigene Botschaft – das manchen schon die ersten Worte klar: So spricht der HERR. So fangen Prophetenworte an.

Ich habe mich offenbart dem Hause deines Vaters, als sie noch in Ägypten dem Hause des Pharao gehörten, 28 und hab’s mir erwählt aus allen Stämmen Israels zum Priestertum, dass sie auf meinem Altar opfern und Räucherwerk verbrennen und den Priesterschurz vor mir tragen, und ich habe dem Hause deines Vaters alle Feueropfer Israels gegeben.

Es beginnt mit einer Erinnerung: Es war Gott, der HERR, der das Haus Elis zum Priesterdienst erwählt und berufen hast. Aus allen Stämmen dieses eine Haus – was für eine Vorrang-Stellung! Das Haus des Eli blickt auf eine lange Geschichte des Priesterdienstes zurück, verweist doch dieses Wort ganz an den Anfang. Wer ist der Vater, der als Erster berufen wurde? „Ist es Levi? Er lebte in Ägypten und war der Stammvater der Priester, dem die Lose Urim und Tummim anvertraut werden, ebenso das Wort Gottes, das Lehren des Rechts und der Gesetze, auch die Bewahrung des Bundes.“(M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 51)Das alles ist doch hohe, höchste Verpflichtung.

29 Warum tretet ihr denn mit Füßen meine Schlachtopfer und Speisopfer, die ich für meine Wohnung geboten habe? Und du ehrst deine Söhne mehr als mich, dass ihr euch mästet von dem Besten aller Opfer meines Volkes Israel.

             Umso härter die Anklage: Was euch anvertraut ist, tretet ihr mit Füßen. Ihr missbraucht nicht nur mein Haus, ihr missachtet mich.es ist hart: Eli wird mit dem Tun seiner söhne identifiziert. Er hat nicht mitgemacht. Aber er hat ihr tun auch nicht unterbunden. Er hat es  kraft- und saftlos – gerügt. Mehr nicht. Es ist wie eine Vorwegnahme der prophetischen Kritik an den Hirten, die nur sich selbst kennen: „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.“(Hesekiel 34, 2 – 4)

Die Worte dieses Gottesmannes zeigen: das sind nicht nur Spätschäden in Israel, aus der Königszeit, aus einer Zeit des Wohlstandes, der Gottvergessen macht  – es sind Schäden, die schon der Zeit der Richter angefangen haben. Man macht es sich zu einfach, wenn man Entgleisungen auch in der Priesterschaft nur auf das Wohlergehen, auf den Wohlstand zurückführt. „Es geht ihnen zu gut.“ Aber solche Entgleisungen geschehen auch da, wo es noch nicht so wohlständig zugeht. Die Versuchung der Macht und des Machtmissbrauchs ist nicht an einen gehobenen Lebens-Standard gebunden.

Es ist ein harter Vorwurf: du ehrst deine Söhne mehr als mich. Wo Eli im Namen Gottes hätte widersprechen müssen, eingreifen müssen, da hat er geschwiegen. aus Liebe zu den Söhnen? Aus Schwäche? Diesen Satz lesen heißt sich selbst in Frage gestellt sehen: Wie ist das mit meiner Liebe zu Gott und meiner Liebe zu denen, die zu mir gehören, Kindern, Enkeln, der Frau, dem Mann? Kann man sich herausreden: In der Liebe gibt es kein Ranking. Die Liebe ist immer ganz, total – Gott und den Menschen gegenüber.

Schwierig, nicht zuletzt weil es das Wort Jesu gibt, das an diese Kritik anzuknüpfen scheint: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“(Matthäus 10,37) Darüber hinaus ist bedrängend: Diese Straf-Predigt des Mannes Gottes sagt Wahrheit, aber da ist keine Chance mehr zur Umkehr. Nicht für Eli. Er kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, seinen Söhnen in den Arm fallen und sie auf einen anderen Weg führen. Es gibt – für Eli, für uns? – kein Leben, keinen Neu-Start, in dem alle Fehler der Vergangenheit ausgelöscht wären. Auch Vergebung ändert und bereinigt ja nicht die Vergangenheit. Sie macht nur neue Zukunft möglich.

30 Darum spricht der HERR, der Gott Israels: Ich hatte gesagt, dein Haus und deines Vaters Haus sollten immerdar vor mir einhergehen. Aber nun spricht der HERR: Das sei ferne von mir! Sondern wer mich ehrt, den will ich auch ehren; wer aber mich verachtet, der soll wieder verachtet werden. 31 Siehe, es wird die Zeit kommen, dass ich deinen Arm und den Arm des Hauses deines Vaters abhauen will, dass es keinen Alten geben wird in deinem Hause 32 und dass du voll Neid sehen wirst auf all das Gute, das Israel geschehen wird, und es wird niemand alt werden in deinem Hause immerdar.

             Noch einmal und damit doppelt gewichtig: Spruch Gottes – neʼum: Weil es so ist mit dem Haus des Eli, man wird vielleicht gar erweitern müssen: mit dem Stamm der Leviten, widerruft Gott seine Berufung. Diese Berufung war keine Unbedingte – sie hatte einen Inhalt: dass sie vor Gott einhergehen, für ihn einstehen, ihn ehren. Weil all das ausgeblieben ist, ins Gegenteil verkehrt ist, nimmt Gott seine Berufung weg.

Das geschieht, indem es dem Haus an Alten mangeln wird. „die männlichen Glieder dieser Familie sollen im besten Alter sterben. Die angekündigte Schande sieht hiernach so aus, dass die Persönlichkeiten, die von Natur aus der allgemeinen Ehrerbietung teilhaftig sind, nicht mehr vorhanden sein sollen.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, s. 27) Da ist keiner mehr, zu dem man ehrfürchtig aufschauen könnte. Übrig bleiben Priesterfiguren, die ein “Witz“ sind, nur noch Spott hervorrufen, über die man sich nur noch wundern kann.

33 Doch nicht einen jeden will ich dir von meinem Altar ausrotten, dass nicht deine Augen verschmachten und deine Seele sich gräme. Aber der größte Teil deines Hauses soll sterben, wenn sie Männer geworden sind. 34 Und das soll dir ein Zeichen sein, das über deine beiden Söhne, Hofni und Pinhas, kommen wird; an einem Tag werden sie beide sterben.  

      Das ist Gericht und doch: auch im Gericht bleibt Gott sich treu. Nicht alle, nicht jeden, nicht für immer. Hier finden Ausleger eine späte Anmerkung auf Elis Enkel Abjatar. Er entgeht als einziger dem Blutbad, das Saul unter den Priestern in Nod angerichtet hat (1. Samuel 22,2 2 -22) Aber die Söhne Elis,  jetzt erst werden die Namen genannt: Hofni und Pinhas werden sterben. Gleichzeitig. An einem Tag.  Das reicht als Gericht.   

 35 Ich aber will mir einen treuen Priester erwecken, der wird tun, wie es meinem Herzen und meiner Seele gefällt. Dem will ich ein beständiges Haus bauen, dass er vor meinem Gesalbten wandle immerdar.

 Es ist der gleiche Gott, der Gericht ankündigt und einen Neuanfang. “Wenn Elis Familie von Gott verworfen wird, dann muss er konsequenterweise für Ersatz sorgen, weil sonst der Tempel unversorgt bliebe.”(R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 58) Mit einem Priester erwecken, der wird tun, wie es meinem Herzen und meiner Seele gefällt. Meinen diese Worte Samuel? Aber Samuel wird nicht zum Anfang einer Priesterdynastie werden. Er bleibt eine Einzelfigur. Es könnte auch sein, die Wendung verweist auf Zadok, der als Oberpriester zunächst neben Abjatar und dann allein dieses Amt versah.(2. Samuel 20,25)

Es gibt Verstehens-Versuche des Textes, die so aussehen: Hinter diesen Worten steht die historische Ablösung der Vormachtstellung der Priester aus dem Haus eli durch die Priesterschaft, die auf Zadok zurück geführt wird. Das ist ein Modell, ein Versuch. Wie weit er tragfähig ist, scheint mir fraglich. Manchmal ist es gut, nicht mehr wissen zu wollen, als die Texte hergeben.

Auch wenn es schwer fällt: „Wir müssen diese Verheißung offen lassen und kommen nicht um die Tatsache herum, dass Gott immer wieder Propheten schickte, die auf den „verlässlichen Priester“ und den „Gesalbten“ hinweisen.“(M. Holland, aaO. s. 53) Es steht nicht da – aber Christ*innen hören hier vielleicht auch Verweise auf Jesus, den verlässlichen Hohenpriester (Hebräerbrief) und den Gesalbten – Messias/Christus. Das schließt nicht aus, dass andere, Juden zumal, anderes hören und ihr Hören muss deshalb nicht gleich „falsch“ sein.

 36 Und wer übrig ist von deinem Hause, der wird kommen und vor jenem niederfallen um ein Silberstück oder um ein Brot und wird sagen: Lass mich doch Anteil haben am Priesteramt, dass ich einen Bissen Brot zu essen habe.

    Es bleibt die Ankündigung einer Notzeit für Priester. Solche ein Zeit ist für Landpriester durch die Tempelreform des Josia nachvollziehbar. Sie verlieren mit dem Schleifen der Altäre auf den Höhen ihre Einkünfte. Sie sind angewiesen darauf. Fürsorge am einzig verbliebenen Tempel im Jerusalem zu erfahren. Ob das hier gemeint ist und ob diese Verstehensmöglichkeit ein Beleg dafür ist, dass wir hier eine späte Zufügung aus der Spätzeit des Königtums vor uns haben, ist für mich offen. Ich kann das nicht entscheiden. was ich lese ist die Ankündigung von Notzeiten und dass die, deren Macht hier als missbraucht angegriffen wird, dann aufs Betteln angewiesen sein werden. Auf die Gnade, die die Protagonisten zur Zeit des Eli, Hofni und Pinhas gering geachtet haben.

Was mich beschäftigt:

Wer sich ein wenig in der Literatur-Geschichte auskennt, wird konstatieren: Die Gestalt des ehrwürdigen Priesters, des geistlich-weisen Pfarrers gehört längst der Vergangenheit an. In der zeitgenössischen Literatur sind Priester/Pfarrer eher komisch, scheinheilig, oft genug lasterhaft. Lächerliche Figuren. Nicht besser und schlechter wie andere.  Für viele Zeitgenossen sind sie nur noch ein Ärgernis. Aber jedenfalls nicht mehr Orientierungspunkte in orientierungsloser Zeit.

 

Heiliger Gott,Du erwählst Dir Menschen zum Dienst, so wie Du es willst. Ob einer aus frommer Familie stammt, ob er der Erste aus einer Tradition ist, die nicht sonderlich fromm geprägt ist, darauf kommt es nicht an.

Was bei Dir zählt ist allein, dass wir uns Deinen Ruf stellen, dass wir bereit werden, Deinen Weg zu gehen, dass wir es lernen, nicht unsere Interessen zum Leitmotiv zu machen sondern Deiner Wegweisung zu folgen.

Gib Du uns, dass wir hörende Menschen werden und bleiben, auch wenn wir schon lange auf dem Weg des Glaubens sind. Wir sind jeden Tag neu angewiesen, Dein Wort zu hören, Dir zu folgen. Dazu hilf Du uns. Amen