Ein Rüpel aus dem Rüpel-Lehrbuch

  1. Samuel 25, 1 – 17

 1 Und Samuel starb, und ganz Israel versammelte sich und hielt ihm die Totenklage. Und sie begruben ihn in seinem Hause zu Rama. David aber machte sich auf und zog hinab in die Wüste Paran.

             Es ist Chronisten-Pflicht: Samuel starb. Der alte, unheimliche Mann wird von ganz Israel in Rama  mit der Totenklage geehrt. Es ist ein auffällig dürrer Satz, dem geschuldet, das Samuel schon längst keine Rolle mehr für den Weg des Königtums, für den Weg Israels spielt. Aber immerhin: Zu seiner Totenklage sammelt sich noch einmal ganz Israels, das in Wahrheit doch so zerrissen ist, hin und her zwischen dem amtierenden König Saul und dem gesuchten Terroristen David, von dem manche ahnen: der ist der kommende Mann.   

             David wird wohl kaum in Rama sein, obwohl Samuels Tod  für ihn ein großer Verlust sein muss: „In jedem Fall ist damit eine Wurzel ausgerissen, die David im Erdreich Israels hatte.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965,, S. 161) Einer, der nicht auf Seiten Sauls stand und deshalb Vermittler hätte sein können.

Nicht Rama – die Wüste Paran, tief im Süden des Landes. „Grenzgebiet zwischen dem Kulturland und der Wüste im Süden Palästinas, ein Gebiet, in dem noch Weidewirtschaft mit Schaf- und Ziegenherden betrieben werden kann, das aber im Ganzen sehr unwirtlich und menschenarm und daher auch schwer zu kontrollieren ist. Deshalb hielten sich hier seit jeher Personen auf, die verschuldet waren, Straftaten begangen oder sich sonstwie irgendwie missliebig gemacht  hatten, um sich einer Strafverfolgung oder Nachstellungen und Anschlägen zu entziehen.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 71) In diese Landschaft passen David und seine Männer! „Ein Rüpel aus dem Rüpel-Lehrbuch“ weiterlesen

Modellfall Feindes-Liebe

  1. Samuel 24, 1 – 23

 1 Und David zog von dort hinauf und blieb in den Bergfesten bei En-Gedi. 2 Als nun Saul zurückkam von der Verfolgung der Philister, wurde ihm gesagt: Siehe, David ist in der Wüste En-Gedi. 3 Und Saul nahm dreitausend auserlesene Männer aus ganz Israel und zog hin, David samt seinen Männern zu suchen bei den Steinbockfelsen.

             David bleibt in der Gegend, die „ihm als Hirte im weiteren Umfeld von Bethlehem (bis En-Gedi ca 22 km Luftlinie!)vertraut ist.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 252) Vielleicht bleibt er auch, weil er hier genügend Möglichkeiten hat, sich in Höhlen und Seitentälern zu verbergen. Das Gelände um die Oase in der Mitte des Ostabhangs zum Toten Meer ist eine Bergwüste, unzugängliches, unübersichtliches Gebiet.  Ideal, um sich zu Verstecken.

Es wird nicht erzählt, aber Saul hat wohl die Philister zurückgeschlagen. Und so seine Autorität gestärkt. Jetzt hat er die Kraft, neu Männer zu sammeln und ruft dreitausend auserlesene Männer aus ganz Israel, um die Jagd auf David zu Ende zu ringen. Sie suchen ihn bei den Steinbockfelsen, in der Nähe der Oase En-Gedi.

 4 Und als er kam zu den Schafhürden am Wege, war dort eine Höhle, und Saul ging hinein, um seine Füße zu decken. David aber und seine Männer saßen hinten in der Höhle.

             „An Höhlen ist in der Wüste Juda kein Mangel; darunter sind solche, die gleichsam in Abschnitten verlaufen, wobei an den Eingangsrum sich weitere Höhlen, oft durch halbverschüttete Gänge verbunden, anschließen“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 158) So eine Höhle, die in der Nähe von Schafherden liegt, sucht Saul auf – um sich zu erleichtern, seine Notdurft zu verrichten – seine Füße zu decken. Das ist eine Situation, in der auch starke Männer eher hilflos sind – mit heruntergelassener Hose ist man ziemlich ausgeliefert. „Modellfall Feindes-Liebe“ weiterlesen

Gott befragen – Gott zusagen

  1. Samuel 23, 1 – 18

1 Und es wurde David angesagt: Siehe, die Philister kämpfen gegen Keïla und berauben die Tennen. 2 Da befragte David den HERRN und sprach: Soll ich hinziehen und diese Philister schlagen? Und der HERR sprach zu David: Zieh hin, schlage die Philister und errette Keïla! 3 Aber die Männer Davids sprachen zu ihm: Siehe, wir fürchten uns schon hier in Juda und wollen nun hinziehen nach Keïla gegen die Schlachtreihen der Philister? 4 Da befragte David wieder den HERRN, und der HERR antwortete ihm und sprach: Auf, zieh hinab nach Keïla, denn ich will die Philister in deine Hand geben!

             Wo erreichen David diese Nachrichten? Ist er immer noch in Jaar-Heret. vielleicht ist die Frage auch überflüssig. Wichtig ist nur: wo immer David auch sein mag, es erreicht ihn die Not seines Volkes. Hier die Not der Einwohner von  Keïla, hebräisch eʽȋ„Kegila ist dem Druck der Philister ausgesetzt, der eigentlichen Herren im Hügelland.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 153) In der Schefola.

Es klingt gar nicht so sehr nach einem Hilferuf der Bedrängten, sondern eher nach einer Information durch Beobachter, vielleicht Nachbarn aus dem Hügelland. Wenn die Tennen geplündert werden, droht Hunger, weil die Vorräte verloren gehen und die Aussaat für das nächste Jahr bedroht ist David weiß sich, so informiert, in Anspruch genommen. Auch wenn er keine Königskrone trägt, ist bereit, die Aufgabe des König in Israel wahrzunehmen, so zu handeln als o er dazu beauftragt wäre.

Um diese Beauftragung geht es folgerichtig auch, wenn David Gott befragt. „Wahrscheinlich befragt David Gott durch einen Propheten.““ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 244) Vielleicht aber auch durch den Priester Abjatar, von dem die Leser*innen ja wissen, dass er bei David seine Zuflucht gefunden hat.(22,23) Dieses Befragen ist die Suche nach einem Orakelspruch. Einer Wegweisung.

 Der  Orakelspruch des HERRN(!) gibt grünes Licht für die Hilfsaktion, nur die Männer Davids zögern. sie fühlen sich nicht stark genug, sind sie doch in Juda schon nur ein kleiner Haufen. wie viel weniger werden sie den Philistern gewachsen sein. Es ist eine realistische Sicht der Dinge. So wird die Befragung wiederholt und erneut ist es der HERR, der zum Kampf ermutigt. Es ist wie eine Bestätigung an David – weit über die aktuelle Frage hinaus. Er soll königlich über das Volk wachen, es schützen. Gott wird es gelingen lassen. „Gott befragen – Gott zusagen“ weiterlesen

Immer noch vom Geschenk der Freundschaft

  1. Samuel 20, 24 – 21,1

24 David verbarg sich auf dem Felde. Und als der Neumond kam, setzte sich der König zu Tisch, um zu essen. 25 Und der König saß an seinem Platz, wie er gewohnt war, an der Wand, aber Jonatan stand auf; und Abner setzte sich an die Seite Sauls. Davids Platz aber war leer.

26 Und Saul sagte an diesem Tage nichts; denn er dachte: Es ist ihm etwas widerfahren, dass er nicht rein ist; ja, er ist nicht rein. 27 Des andern Tags aber nach dem Neumond, als Davids Platz leer blieb, sprach Saul zu seinem Sohn Jonatan: Warum ist der Sohn Isais nicht zu Tisch gekommen, weder gestern noch heute? 28 Jonatan antwortete Saul: Er bat mich sehr, dass er nach Bethlehem gehen dürfe, 29 und sprach: Lass mich hingehen, denn unser Geschlecht hat zu opfern in der Stadt, und mein Bruder hat mir’s selbst geboten. Hab ich nun Gnade vor deinen Augen gefunden, so will ich hinweg und meine Brüder sehen. Darum ist er nicht zum Tisch des Königs gekommen.

            Es ist, als würde die Zeit stehen bleiben. David ist in seinem Versteck. Jonathan bei dem Vater in Gibea. Am Königshof. Beim Essen am Neumond. Was unsereiner als bloße Zeitangabe liest, beinhaltet mehr. „Das Neumondfest war ein Feiertag, an dem man ein kultisches Mahl abhielt, dessen Teilnehmer auch kultisch rein sein mussten. Verunreinigend, und zwar für einen Tag, war beispielsweise sexueller Verkehr.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 67) So erklärt sich Saul das Fehlen Davids an der Tafel. Als er auch den nachfolgenden Tag fehlt, verlangt er Erklärungen von Jonathan, dessen Verbindung zu David er ja kennt. Und erhält eine, die auf den ersten Blick einleuchten könnte – ein Opfer im Kreis der Familie in Bethlehem.

 30 Da entbrannte der Zorn Sauls über Jonatan, und er sprach zu ihm: Du Sohn einer ehrlosen Mutter! Ich weiß sehr wohl, dass du den Sohn Isais erkoren hast, dir und der Blöße deiner Mutter zur Schande! 31 Denn solange der Sohn Isais lebt auf Erden, wirst du und auch dein Königtum nicht bestehen. So sende nun hin und lass ihn herholen zu mir, denn er ist ein Kind des Todes.

 Durchschaut Saul die Ausrede? Ahnt er, dass er hinters Licht geführt werden soll? Jedenfalls folgt einer seiner – inzwischen – berüchtigten Zornesausbrüche, diesmal gegen Jonathan gerichtet. „In einem unflätigen Zornesausbruch verflucht er den Sohn und dessen Mutter.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 141) Der ist von Anfang an, das steckt in diesem Ausbruch – „entartet“. Aus der Art geschlagen. Wie könnte er sonst sein Königtum so wegwerfen. Es folgt der strenge Befehl, David herbeizuschaffen – er ist ein Kind des Todes. Jetzt will Saul die Causa David endgültig zu Ende bringen. Das Spiel ist aus. „Immer noch vom Geschenk der Freundschaft“ weiterlesen

Du – zwischen uns

  1. Samuel 20, 1 – 23

 1 David aber floh von Najot in Rama und kam und redete vor Jonatan:

             David muss fliehen. Die Flucht geht weiter, weg von Najot in Rama – wohin wird nicht klar. Saul wird ja nicht immer erstarrt unter den Propheten, in diesem „Kloster“ liegen bleiben. Aber irgendwo trifft David auf Jonathan und kann sein Herz vor ihm ausschütten.

Was hab ich getan? Was ist meine Schuld? Was hab ich gesündigt vor deinem Vater, dass er mir nach dem Leben trachtet? 2 Er aber sprach zu ihm: Das sei ferne; du sollst nicht sterben. Siehe, mein Vater tut nichts, weder Großes noch Kleines, ohne es mir kundzutun. Warum sollte denn mein Vater dies vor mir verbergen? Es ist nicht so. 3 Da schwor David sogar und sprach: Dein Vater weiß sehr wohl, dass ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe; darum dachte er: Jonatan soll das nicht wissen, es könnte ihn bekümmern. Wahrlich, so wahr der HERR lebt und so wahr du lebst: Es ist nur ein Schritt zwischen mir und dem Tod!

 Es ehrt David: Er fragt nach seinem Anteil an dieser bedrohlichen Situation. Liegt es an mir? So kann nur einer fragen, der irgendwie nicht versteht, was da vor sich geht. Schuld ʽawon – und Sündechataʼ – Beides ist möglich. Beides schließt David in seinem Fragen offensichtlich nicht aus! Könnte es sein, so klingt es mit an, dass Saul ein Recht hat, ihm nach dem Leben zu trachten? In diesem Fragen wird deutlich: David kommt in keiner Weise auf die Idee, seine Salbung durch Samuel hier mit ins Spiel zu bringen. Er sieht sich nicht als den Konkurrenten Sauls um den Königsthron.

Und Jonathan? „Jonatan träumt. In seiner Unschuld kann er sich gar nicht vorstellen, dass sein Vater einen Mord begehen könnte.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 223)Ist er also nur naiv? David hingegen ahnt: Weil Saul weiß, wie nahe David seinem Sohn steht, weiht er diesen nicht ein in seine Pläne, die so düster sind. Auch weil er, Saul ihn, Jonatan, schonen will. David unterstellt dem, der ihn so jagt, gleichwohl Feingefühl dem Sohn gegenüber! Der Gejagte macht sich nichts vor: Ich bin wirklich in Lebensgefahr. „Du – zwischen uns“ weiterlesen

Verwirrt und verirrt

  1. Samuel 18, 1 – 16

 1 Als David aufgehört hatte, mit Saul zu reden, verband sich das Herz Jonatans mit dem Herzen Davids, und Jonatan gewann ihn lieb wie sein eigenes Leben. 2 Und Saul nahm ihn an diesem Tage zu sich und ließ ihn nicht wieder in seines Vaters Haus zurückkehren.

             Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Fast zu kitschig, um wahr zu sein; der Königs-Sohn und der Hirtenjunge. Es wird heutzutage gerne gerätselt, was das für eine Sorte Freundschaft war. Inklusive dem Verweis auf homoerotische Komponenten. Mir scheinen solche Gedanken eher interessengeleitet für die Rechtfertigung der Gegenwart: schon damals, schon bei diesen heiligen Leuten…. Nichts davon steht da und ist zu belegen. Alles ist nur Spekulation

Das ist aber auch der Beginn einer zwiespältigen Gegenwart am Hof des Königs. David wird zum festen Bestandteil der Mannschaft um Saul. Er wechselt aus des Vaters Haus in das Haus des Königs.

3 Und Jonatan schloss mit David einen Bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes Leben. 4 Und Jonatan zog seinen Rock aus, den er anhatte, und gab ihn David, dazu seine Kleider und sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel. 5 Und David zog aus, und wohin Saul ihn sandte, hatte er Erfolg. Und Saul setzte ihn über die Kriegsleute, und er gefiel allem Volk gut und auch den Knechten Sauls.

             Noch einmal, als könnte es nicht genug betont werden,  wird die Beziehung Jonathan – David in den Blick gerückt. Sie gewinnt eine äußere, institutionelle Seite durch den Bund, berȋt, den Jonatan mit David schließt. Das ist Zeichen für eine rechtliche Verbindung, nicht nur für gefühlsmäßige Nähe, „besiegelt durch die Übergabe von Kleidung und Waffen.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 59) Vielleicht muss man sogar so weit gehen: in dieser Übereignung von Rock und Rüstung deutet sich an, dass Jonathan in David den Thronfolger seines Vaters sieht, der er selbst nicht sein kann – und womöglich auch nicht sein will. Der Gedanken erscheint nicht ganz abwegig, das hier eine Art unbewusster „prophetischen Zeichenhandlung“ zu sehen ist.

Hinter diesem Bund steht als Innenseite: er hatte ihn lieb wie sein eigenes Leben. Gleich zweimal: kenaphschȏ – „wie sein Selbst“. Es ist nicht so weit weg, hier den Anklang an das Gebot zu hören: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“(3. Mose 19,8) Jonathan hat in David seinen Nächsten gefunden.

David ist ein Glücksfall und einer, dem der Erfolg nachläuft, zuläuft. Und mit dem Erfolg laufen ihm auch die Menschen zu. Es scheint, Saul hat mit diesem jungen Mann eine gute Wahl getroffen. „Saul konnte David überall hinschicken. Er war so erfolgreich, dass ihn Saul an die Spitze aller seiner Krieger stellte.“(G. Hentschel, Saul, Leipzig 2003. S. 111) Er hat sich als einer gezeigt, der junge Talente entdeckt und fördert. Das ist bei heute keine Selbstverständlichkeit. So manche*r scheut vor den jungen Leuten zurück, weil sie irgendwann an die eigene Stelle rücken könnten. Das gilt nicht nur für die Politik, es gilt für alle Orte, wo Einfluss und Macht winken. „Verwirrt und verirrt“ weiterlesen

David gegen Goliath

  1. Samuel 17, 31- 58

 31 Und als sie die Worte hörten, die David sagte, brachten sie es vor Saul, und er ließ ihn holen. 32 Und David sprach zu Saul: Keiner lasse seinetwegen den Mut sinken; dein Knecht wird hingehen und mit diesem Philister kämpfen. 33 Saul aber sprach zu David: Du kannst nicht hingehen zu diesem Philister, mit ihm zu kämpfen; denn du bist ein Knabe, dieser aber ist ein Kriegsmann von Jugend auf.

             Es ist eine seltsame Situation: der Knabe spricht dem König Mut zu. Saul ist der Bedenkenträger, der Realist. Seine Erfahrung lehrt ihn: Es ist Wahnsinn, einen Knaben gegen diesen Krieger zu schicken. David dagegen ist der, der anders auf die Lage schaut. Alle sehen nur den großen Kerl, gegen den keiner eine Chance haben wird. David auch. Aber er sieht anders hin.  „Auch eines Goliat wegen darf das Herz eines Menschen nicht den Mut verlieren und in Angst fallen.“(M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 198)

34 David aber sprach zu Saul: Dein Knecht hütete die Schafe seines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, 35 so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot. 36 So hat dein Knecht den Löwen wie den Bären erschlagen, und diesem unbeschnittenen Philister soll es ergehen wie einem von ihnen; denn er hat die Schlachtreihen des lebendigen Gottes verhöhnt. 37 Und David sprach: Der HERR, der mich von dem Löwen und Bären errettet hat, der wird mich auch erretten von diesem Philister.

           Es ist eine doppelte Antwort, die David den Einwänden Sauls entgegenstellt. Das eine ist seine eigene Hirtenerfahrung. „Die Tapferkeit palästinensischer Hirten ist ein Stück ihrer Berufsehre; hat aber auch andere Gründe: der Hirte ist für jedes Tier seiner Herde dem Herrn gegenüber verantwortlich.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 121)  So hat David mit Bären und Löwen gekämpft und gesiegt. Wer aber solche Tiere besiegt, fürchtet sich nicht vor einem Goliath, Der ist doch auch nur groß. Sonst nichts. Und obendrein: er hat die Schlachtreihen, des lebendigen Gottes verhöhnt. Er ist hochmütig, er spottet nicht nur Israel, er verspottet in Israel den lebendigen Gott selbst. „Goliath ist der Vertreter der gottfeindlichen Macht.“(H. W. Hertzberg, ebda.)

Das andere Argument liegt für heutige Leser*innen nicht so auf der Hand, ist aber das, was vom Erzähler her das gewichtigere ist: Der HERR, der mich von dem Löwen und Bären errettet hat, der wird mich auch erretten von diesem Philister. Zum Selbstvertrauen als Kämpfer kommt das Gottvertrauen. Dass man mit der Hilfe Gottes rechnen darf, das scheint heutzutage doch vielen eher eine Frömmigkeit-Übung als eine vernünftiger Umgang mit den Problemen der Welt. „David gegen Goliath“ weiterlesen

Durchblick erforderlich

  1. Samuel 17, 1 – 30

 1 Die Philister sammelten ihre Heere zum Kampf und kamen zusammen bei Socho in Juda und lagerten sich zwischen Socho und Aseka bei Efes-Dammim. 2 Aber Saul und die Männer Israels kamen zusammen und lagerten sich im Eichgrund und rüsteten sich zum Kampf gegen die Philister. 3 Und die Philister standen auf einem Berge jenseits und die Israeliten auf einem Berge diesseits, sodass das Tal zwischen ihnen war.

             Die Konfliktgeschichte zwischen Philistern und Israeliten geht weiter. Sie ist nicht mit dem einen Sieg in einer Schlacht zugunsten Israels erledigt. In einem Gebiet, auf das beide Wert legen, sammeln sich die Truppen. So ist die Deutung wohl möglich: „Die Philister wollen für ihren Warenverkehr freie Straßen und Ruhe. Darum planen sie eine Strafexpedition gegen die Israeliten.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 194) Richtig daran ist vor allem, dass die Philister sich nach wie vor als die Herren im Land betrachten und die Israeliten als lästige Störenfriede. Der Krieg erstarrt zum Stellungskrieg – beide Seiten liegen sich nur gegenüber.

 4 Da trat aus den Lagern der Philister ein Riese mit Namen Goliat aus Gat, sechs Ellen und eine Handbreit groß. 5 Der hatte einen ehernen Helm auf seinem Haupt und einen Schuppenpanzer an, und das Gewicht seines Panzers war fünftausend Schekel Erz, 6 und hatte eherne Schienen an seinen Beinen und ein ehernes Sichelschwert auf seinen Schultern. 7 Und der Schaft seines Spießes war wie ein Weberbaum, und die eiserne Spitze seines Spießes wog sechshundert Schekel, und sein Schildträger ging vor ihm her.

     An einem der Tage kommt Bewegung in Spiel Einer, ein Riese mit Namen Goliat aus Gat, tritt aus dem Lager der Philister. „Der Mittelsmann.“(M. Holland, aaO S.189) Wörtlich:  ʼisch-habbēnajim – Mann zwischen die Reihen. Dieser Mann wird ausführlich beschrieben als eine Riese mit einer entsprechend riesenhaften Bewaffnung. Eine imponierende, einschüchternde Erscheinung. Alles spricht dafür: Hier tritt einer auf,  der ist unbesiegbar. Eben ein Goliath.

  8 Und er stellte sich hin und rief den Schlachtreihen Israels zu: Was seid ihr ausgezogen, euch zum Kampf zu rüsten? Bin ich nicht ein Philister und ihr Sauls Knechte? Erwählt einen unter euch, der zu mir herabkomme. 9 Vermag er gegen mich zu kämpfen und erschlägt er mich, so wollen wir eure Knechte sein; vermag ich aber über ihn zu siegen und erschlage ich ihn, so sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen.

             Das ist seine Funktion als Mittelsmann. Er bietet statt einer Schlacht den Zweikampf an und wer diesen Zweikampf gewinnt, hat die Schlacht stellevertretend für sein Heer entschieden. Wenn man so will – eine Lösung, die viel Blutvergießen erspart.

 10 Und der Philister sprach: Ich habe heute den Schlachtreihen Israels Hohn gesprochen. Gebt mir einen Mann und lasst uns miteinander kämpfen. 11 Da Saul und ganz Israel diese Rede des Philisters hörten, entsetzten sie sich und fürchteten sich sehr.

     Das Angebot zum Zweikampf ist ernst gemeint und zugleich voller Hohn. „Die Verhöhnung liegt darin, dass er ernsthaft eben nicht mit der Existenz eines Israeliten rechnet, der es wagen würde, mit ihm anzubinden.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 119) Sich dem Kampf zu stellen mit diesem im wahrsten Sinn des Wortes riesenhaften Gegner. Es ist ein Vorschlag, der auf Einschüchterung aus ist. Wer sollte sich so einem von vornherein ungleichen Kampf auch stellen wollen? Der Auftritt Goliaths erfüllt seinen Zweck. Saul und ganz Israel mit ihm geraten in Furcht und Schrecken.  Sie sind geradezu vor Angst wie gelähmt. „Durchblick erforderlich“ weiterlesen

Musik-Therapie – gute Gabe Gottes

  1. Samuel 16, 14 – 23

14 Der Geist des HERRN aber wich von Saul, und ein böser Geist vom HERRN verstörte ihn. 15 Da sprachen die Knechte Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott verstört dich. 16 Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, er mit seiner Hand darauf spiele, und es besser mit dir werde.

             Szenenwechsel. An den Königshof. Das ist vielleicht schon zu hoch gegriffen – in das Haus Sauls. Nach Gibea? Und dort fällt das Licht auf einen verstörten Saul. Er ist vom guten Geist Gottes verlassen und ein böser Geist greift nach ihm. Bewegend geschildert: „Dieser riesige Mann, der in der Schlacht stand wie ein Turm, verkroch sich in die Ecke seines Zeltes, stammelte vor Angst und biss sich in die Knöchel, oder brütete vor sich hin, stundenlang, lauschte Stimmen, die nur er hören konnte, oder zitterte und raste mit Schaum vor dem Mund.“( St. Heym, Der König-David-Bericht, Frankfurt 1974, S. 29)

Es ist kein satanischer Angriff! Dieser böse Geist ist vom HERRN! So „wird zum Ausdruck gebracht, dass schließlich Alles seine Ursache bei dem Einen hat.(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 111) In den biblischen Texten ist kein Raum für einen selbstständig, auf eigene Rechnung agierenden Satan!

Gibt es eine Ursache, einen Auslöser für den Ausbruch dieser Krankheit? Ich bin ein wenig zurückhaltend gegenüber der Diagnose aus der Ferne: „Gemeint ist wohl ein manisch-depressives Leiden, also eine psychische Erkrankung, denn solche Krankheiten wurden damals allgemein auf dämonische Mächte zurückgeführt.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 52)

Mir liegt – menschlich – die nachfolgende Deutung näher, die eine Antwort auf den Ausbruch der Krankheit versucht: „Ich glaube, das war nach dem Sieg über Amalek. … Mein Vater schlug alles Volk mit der Schärfe des Schwerts; das Vieh aber schonte er. Er war ein Bauer und das sinnlose Abschlachten von Vieh widerstrebte ihm; außerdem verlangten seine Männer ihre Beute und er war ihr König…. Samuel aber sprach: Bring mir Agag, den König der Amalekiter. Agag trat vor meinen Vater – ich sah es mit diesen Augen – er trat getrost vor ihn und sagte: Also ist die Bitterkeit des Todes vorüber. Mein Vater König Saul aber stand da und sah zu, wie Samuel, der Prophet, den Agag in Stücke zerhieb vor dem Herrn in Gilgal. Frage: Und danach begann der böse Geist ihn zu beunruhigen? Antwort: Ja.( St. Heym, aaO. S. 30)

Das ist nicht strenge Wissenschaft, auch nicht Theologie, auch schweigt der Text darüber – aber es ist eine Deutung, die für sich hat, dass sie das seelische Leid unzähliger Männer in Rechnung stellt, die gesehen haben, was sie nie hätten sehen dürfen, die beteiligt waren an Taten, die sie nie hätten mittun dürfen, die bis ans Ende ihrer Tage von diesem Sehen und ihrer Mittäterschaft schwer verstört worden sind. Sie alle haben in Saul einen Schmerzensbruder.

Seine Männer mögen Saul. Sie sind nicht nur Knechte, Befehlsempfänger. Sie möchten ihm helfen, indem sie seine Verstörung ernst nehmen, sie nicht einfach als gegeben hinnehmen. Sie ahnen hinter der Krankheit Gott. Das aber macht sie nicht passiv, nicht schicksalsergeben. Sie suchen nach Abhilfe. Modern gesprochen: Ihnen fällt die heilende Kraft der Musik ein. „Musik-Therapie – gute Gabe Gottes“ weiterlesen

Gesalbt – einfach so

  1. Samuel 16, 1 – 13

1 Und der HERR sprach zu Samuel: Wie lange trägst du Leid um Saul, den ich verworfen habe, dass er nicht mehr König sei über Israel? Fülle dein Horn mit Öl und geh hin: Ich will dich senden zu dem Bethlehemiter Isai; denn unter seinen Söhnen hab ich mir einen zum König ersehen.

             „Ohne Pause geht die Erzählung nach Sauls Verwerfung weiter.“(R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, s. 173) Weil die Geschichte immer weiter geht. Allerdings zunächst nicht mit Saul. Sondern es ergeht ein neues Wort des HERRN an Samuel. Daran hängt alles. Es ist der HERR, der die Initiative ergreift. Es wird wohl Rama sein, wo dieses Wort an Samuel ergeht. Wie es ergeht, wie es zustande kommt – das interessiert nicht. Samuel wird aus der Trauer um Saul gerufen, fast so, als würde sie ihm untersagt. Hat diess Trauer ihren Grund im Mitgefühl für Saul? Oder liegt in dieser Trauer auch ein Vorbehalt gegen Gott, der Saul so verworfen hat, den Saul, den doch Samuel im Auftrag Gottes gesalbt hatte? Wie auch immer – der Herr will neues Handeln.  Er hat sich schon einen neuen, anderen König ersehen. „Es liegt dem Herrn daran, das Königtum nicht mit dem „verworfenen“ König fallenzulassen, sondern im Gegenteil für die Beibehaltung zu sorgen.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 108) Das Leben geht weiter.

 2 Samuel aber sprach: Wie kann ich hingehen? Saul wird’s erfahren und mich töten. Der HERR sprach: Nimm eine junge Kuh mit dir und sprich: Ich bin gekommen, dem HERRN zu opfern. 3 Und du sollst Isai zum Opfer laden. Da will ich dich wissen lassen, was du tun sollst, dass du mir den salbst, den ich dir nennen werde.

Überraschung? „Nun plötzlich zittert Samuel vor Saul.“(R. Kessler, aaO. S. 174) Noch ist Saul ja König und das Volk weiß nichts anderes. Darum wäre es gefährlich für Samuel, jetzt offen einen Gegenkönig zu installieren. Es wird wohl zutreffen: „So wie Saul sich vom Samuel zu Recht beobachtet fühlt, so auch Samuel von Saul.“ (M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 182) Solche wechselseitige Überwachung ist keine Erfindung der Neuzeit. Es ist also ein Anlass nötig, der keinen Verdacht auslösen wird. Was liegt näher als eine Opferhandlung?

Das hat gute Tradition in Israel, die wahren Absichten zu verbergen. Nicht nur hier gilt „Ein Vorwand ist nötig, um kein gefährliches Aufsehen zu erregen.“(J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 50) Eine Verschleierung der wirklichen Absichten – so wie damals bei Mose, dem Pharao gegenüber: „Danach gingen Mose und Aaron hin und sprachen zum Pharao: So spricht der HERR, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen, dass es mir ein Fest halte in der Wüste.“(2. Mose 5,1) Auch da ist es Gott, der die Täuschung anregt!

Hat es Gott nötig, dass er dafür entschuldigt wird? „Gott nimmt immer wieder Rücksicht auf den Kleinmut der Seinen. Wegen Samuels Angst befiehlt Gott ihm, Jahwe zu opfern. Das ist keine Notlüge, sondern ein Auftrag, wie Samuel auch sonst noch zu opfern hatte.“ (M. Holland, ebda.) Aber ein bisschen tricksen ist es schon.   „Gesalbt – einfach so“ weiterlesen