Der Psalm der Hanna

1. Samuel 2, 1 – 11

1 Und Hanna betete und sprach:

             Für das Verständnis der nachfolgenden Worte ist es wichtig, sich zu erinnern, wer hier das Wort nimmt. Hanna war eine hoffnungslose Frau. Sie war noch lebendig und kam sich doch schon tot vor. Denn ihre Existenz war vom Leben abgeschnitten, weil sie kein Kind bekommen konnte. Kein Kind haben zu können, war für die Frauen Israels wie lebendig begraben zu sein. Ihre Anerkennung als Mensch, ihr Glück als Frau ‑ das alles hing an dem Kind. Wir, die in einer Gesellschaft leben, in der Kind oft mehr als Last denn als Segen, mehr als Verlust von Möglichkeiten denn als Gnadengabe Gottes betrachtet wird, vermögen das kaum noch recht zu verstehen.

Hanna jedenfalls war lebendig tot. Dieser Frau hatte Gott nun doch einen Sohn geschenkt. Sie hatte Leben empfangen und ein Kind gebären dürfen. Wo nichts mehr zu erwarten war, wo Leben in den Tod verschlossen schien, da hatte Gott Leben geschenkt. „Hanna hatte schon einmal gebetet, in Verzweiflung, ohne Stimme, nur die Lippen bewegend.“(R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 46) Jetzt, Jahre danach, öffnet das Geschehene ihr den Mund zu ihrem Lobgesang.„watitpalél  – sie betete ist das wichtigste Leitwort des Abschnitts.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S. 85) Das ist ihre Antwort auf ihre Erfahrung. Hanna betete. Sie war den Weg durch den sozialen Tod gegangen und durfte nun neu leben. Gott hatte sie getötet in ihrer Hoffnungslosigkeit und ihr nun neues Leben geschenkt. Darum singt sie ihr Lied.

 Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,                                                                               mein Horn ist erhöht in dem HERRN.                                                                                   Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,                                            denn ich freue mich deines Heils.                                                                                          2 Es ist niemand heilig wie der HERR,                                                                                   außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. 

Man wird es sich eingestehen müssen: dieser Psalm der Hanna „steht inhaltlich nur in einem losen Zusammenhang mit der Geschichte der Hanna.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 20) Es ist ein Psalm, der die Sprache des Hymnus aufnimmt, der davon singt, wie ein Mensch – hier Hanna – in dem HERRN aufgehoben ist. „Der Mensch in Gott ist geradezu unangreifbar, da er im Bereich des starken Gottes ist.“(H. W. Hertzberg, ebda.) Aber gerade in dieser eher allgemeinen Sprache, die den direkten, biographischen Bezug vermissen lässt, lädt er ein zum Einstimmen, zum Nachsingen. Dennoch ist der Psalm geboren aus der eigenen, persönlichen Erfahrung.

Gleich zu Anfang wird der starke Punkt gesetzt: Keiner ist heilig wie der HERR. Das ist nicht die Botschaft eines theoretischen Monotheismus. Im Umfeld Israels gab es immer viele Götter. Und in Israel selbst ist die Losung „Jahwe allein“ das Ergebnis eines langen Prozesses. „Das AT rechnet damit, dass es noch andere Götter gibt.“(M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 37)Aber sie haben keine Relevanz für das Leben. Sie sind „Nichtse“ gegenüber dem Gott Israels. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest, damit man erfahre vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang, dass keiner ist außer mir. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut.“   (Jesaja 47, 5 – 7) Wer sich an sie halten würde, der greift ins trügerisch Leere.

3 Lasst euer großes Rühmen und Trotzen,                                                                      freches Reden gehe nicht aus eurem Munde;                                                                denn der HERR ist ein Gott, der es merkt,                                                                           und von ihm werden Taten gewogen.                                                                              4 Der Bogen der Starken ist zerbrochen,                                                                             und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.                                                                  5 Die da satt waren, müssen um Brot dienen,                                                                und die Hunger litten, hungert nicht mehr.                                                                     Die Unfruchtbare hat sieben geboren,                                                                                und die viele Kinder hatte, welkt dahin.

Nichts ist so beständig wie der Wandel. Nichts ist so unsicher wie die vermeintlichen Sicherheiten der Macht. Es ist das Wesen Gottes, dass er den Hochmut scheitern lässt, dass er es den Hochmütigen nicht durchgehen lässt, wenn sie das große Wort führen, sich auf ihre Machtmittel verlassen. Hannas „Hymnus hat im Grunde ein einziges Thema: die Umkehrung dessen, was man für „normal“ oder erwartbar hält.“(R. Kessler, aaO. S. 47) Daran lässt Hanna keinen Zweifel: hier spielt nicht das Schicksal ein seltsames Spiel. Nicht menschlicher Umsturz, nicht revolutionäre Gesinnung, nicht Gerechtigkeitsempfinden behalten das Feld. „Es ist Gott, der hinter dieser Umkehr scheinbar unabänderlicher Gegebenheit steht.“(R. Kessler, aaO. S. 48)

Die Worte des Psalms haben ihre Fortsetzung im christlichen Kirchenlied gefunden:

„Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seist
und dass ihm der im Schoße sitze, der sich mit stetem Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel.“                                                                           G. Neumark 1657, EG 369

             Geschrieben gerade einmal neun Jahre nach dem großen Sterben des 30-jährigen Krieges, das in Deutschland alles durcheinander geworfen hat. Es gehört zu dem Weg, den Gott mit uns in der Welt geht, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, dass Stärke nur auf Zeit geliehen ist. Es gehört zum Weg Gottes mit der Welt, dass der Hunger nicht nur steter Gast bei den Armen ist, sondern manchmal unversehens auch die üblicherweise reich gedeckten Tische leer stehen.

Das Lied der Hanna lädt ein zum Nachsingen. Nicht nur damals. Auch uns Heutige. Ganz normale Leute, die mit ihren Lasten zusammenkommen, die zu tragen haben an mancher Traurigkeit, die von Sorgen oftmals bedrängt sind und die es schwer haben, ihren Blick nicht fest auf den Boden zu richten, sondern frei nach oben zu schauen. Uns ‑ die es manchmal auch nicht schaffen, solche Worte recht zu verstehen. Sie sind zu groß für unser Denken, sie beschränken sich nicht auf unseren kleinen Horizont, Aber sie dringen wie ein Hoffnungsstrahl hinein in unser enges, kleines Leben und unser armes Herz.

6 Der HERR tötet und macht lebendig,                                                                                führt ins Totenreich und wieder herauf.                                                                               7 Der HERR macht arm und macht reich;                                                                               er erniedrigt und erhöht.                                                                                                             8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub                                                                    und erhöht den Armen aus der Asche,                                                                                 dass er ihn setze unter die Fürsten                                                                                      und den Thron der Ehre erben lasse.

Was für eine Botschaft: „Gott macht das Unwahrscheinliche wahrscheinlich, mehr noch: das Unmögliche möglich.“ (R. Gradwohl, aaO.  S. 90) Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Exegeten sind sich einig, dass die Auferstehungshoffnung nicht zum Grundbestand der alten Hoffnungen Israels gehört. Sie ist ein spätes Gut. Aber hier klingt diese Hoffnung schon an – vorweggenommen im Danklied einer Frau.

Es ist diesem Dank abzuspüren: er wird gegen die Todesmächte formuliert. „Tod und Grab sind bildlich gebraucht für die Tiefe des Unglücks und der Gefahr, Leben und Wiedergeburt für Befreiung und Wohlstand.“ (R. Gradwohl, ebda.)  Der Dank bestreitet den Waffen ihre Macht, der Krankheit ihren Sieg. Er wendet sich gegen den festgefressenen Hass in Menschenherzen und kann nicht schweigen angesichts des Todes. Kein Lied in einer heilen Welt, wahrlich nicht: Aber  ein Lied vom Sieg dessen, der alle Welt heil machen will.

Später wird dieses Lied aufgenommen im Jubel der Gemeinde. Das Loblied der Hanna ist, was für eine glückliche Entscheidung der Perikopen-Kommission, Predigtwort für den Ostertag. Es wird so zur Anleitung für den Osterjubel. Der wird ja nicht von Menschen ohne Fragen gesungen, aber er singt von dem Sieg dessen, der alle Fragen einmal stillen wird und der alle unsere Fragen und Klagen getragen hat.

 Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN,                                                                     und er hat die Erde darauf gesetzt.                                                                                          9 Er wird behüten die Füße seiner Heiligen,                                                                     aber die Frevler sollen zunichtewerden in Finsternis;                                                 denn viel Macht hilft doch niemand.  

Alles hängt an Gott, seiner Macht, seinem Willen. Seinem Handeln. Leben und Tod, Heil und Wohl, Gerechtigkeit und Bewahrung. „Er ist als Schöpfer der Welt der Allmächtige; sollte seine Kraft an dem, was unter der Erde ist, seine Grenze haben?(H. W. Hertzberg, aaO. S. 21) Aus diesem Vertrauen auf die Macht, die auch dem Tod noch Paroli bieten wird, erwächst das Vertrauen darauf, dass die gegenwärtigen Wege unter seiner Obhut gegangen werden. Wenn man so will: das Vertrauen auf eine gute Zukunft löst das Vertrauen auf eine behütete Gegenwart aus. Gott lässt seine Leute nicht. Das sagt nicht nur Hanna, sondern auch andere Psalmen sagen so ähnlich: „Der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht.“(Psalm 1,6) Auch hier wieder die schroffe Gegenüberstellung chasidim -.reschaʽim Heilige – Frevler. Das Lob- und Danklied der Hanna ist nicht einfach freie, spontane Dichtung. Es bedient sich reichlich erlernter und geübter Formeln.

 10 Die mit dem HERRN hadern, müssen zugrunde gehen.                                          Über ihnen wird er donnern im Himmel.                                                                            Der HERR wird richten der Welt Enden.                                                                              Er wird Macht geben seinem Könige                                                                                    und erhöhen das Horn seines Gesalbten.

            „Hanna wird zur Prophetin – als solche wird sie übrigens in der jüdischen Tradition auch angesehen.“ (R. Kessler, aaO. S. 49) Ob das mit zum Wesen der Prophetie gehört, dass aus einer persönlichen Erfahrung heraus der Blick geweitet wird hin auf die Art, wie Gott handelt und handeln wird? Noch einmal: In der Mitte dieses Liedes geht es um Gott. Er ist das Thema, seine Größe, seine Macht, seine Güte. Und eben auch: sein Richten. Es ist eine Überzeugung, die die Texte Israels prägt: Gott wird kommen, das Erdreich zu richten. Der Welt Enden. „Jahwe, aller Welt Schöpfer ist auch aller Welt Richter und zugleich der Heilschaffende; wobei es offen bleibt, ob am Schluss der mit messianischen Farben gemalte irdische König oder der Heilskönig der letzten Zukunft gemeint ist; vermutlich sind die Grenzen da fließend.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 21)

 An Hanna und ihrem Lobgesang können wir es sehen: Gott hat Leben geschenkt, und Hannah hat geantwortet: „Dieses geschenkte Leben gehört Dir!” Sie hat ihren Sohn Gott zurückgebracht, ihr Lebensglück diesem Gott anvertraut. Vielleicht ist das unser größtes Problem, das wir mit Ostern haben gar nicht, dass wir Ostern nicht denken könnten ‑ wer träumt nicht von der Auferstehung und einem Leben ohne Leid und Schmerz und Geschrei ‑ aber dass wir es feiern wollen ohne die letzte Konsequenz: und die letzte Konsequenz heißt: mein Leben gehört diesem auferstandenen Herren. Er schenkt mir neues Leben in seiner Auferstehung, er zieht mich hinein in seinen Sieg über den Tod ‑ und damit ist mir die Richtung gezeigt: hinter ihm her.

Es ist mehr als nur eine Nebensächlichkeit: “Hannas Psalm findet ein spätes Echo im Neuen Testament .“(R. Kessler, aaO. S. 50)Es ist mit Händen zu greifen, wie das Magnificat der Maria an diese Worte anknüpft. Nicht nur in einzelnen Formulierungen, sondern vor allem darin, wie die Art des Handelns Gottes beschrieben ist.

„Er übt Gewalt mit seinem Arm                                                                                             und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.                                                      Er stößt die Gewaltigen vom Thron                                                                                   und erhebt die Niedrigen.                                                                                                             Die Hungrigen füllt er mit Gütern                                                                                              und lässt die Reichen leer ausgehen.“           Lukas 1, 51 – 53

11 Und Elkana ging heim nach Rama in sein Haus; der Knabe aber war des HERRN Diener vor dem Priester Eli.

Wie nüchtern hört der Text hier auf: Elkana kehrt nach Rama zurück. Samuel bleibt bei Eli. Wo bleibt Hanna? „Nicht ausgeschlossen, dass es eine Spielart der Überlieferung gab, wonach die Mutter noch eine Zeitlang bei dem so kleinen Knaben verblieb und vielleicht eine Dienstverpflichtung vorübergehend übernahm.“ (H. W. Hertzberg, ebda.) Wir wissen es nicht. Die griechische Übersetzung des AT, die Septuaginta, dagegen weiß: Beide Eltern kehren nach Rama zurück.

Das Interesse der Erzählung wendet sich von den Eltern weg – dem Weg des Knaben zu. Er wird Diener des HERRN im zarten Kinderalter – „das hebräische Wort naʽar umschreibt den drei Monate alten Säugling, das auf den Schutz der Mutter angewiesene Kleinkind und den Jugendlichen, der noch im Elternhaus lebt.“(M. Holland, aaO. S. 44)  Er soll wohl Priester werden. Um ihn wird es weiterhin gehen.

 

Heiliger Gott, meine Lieder fallen nicht so kraftvoll aus. Mein Beten ist oftmals verzagt, ängstlich, in sich selbst gefangen.

Hilf Du mir, weniger auf mich zu schauen, auf die Welt um mich herum, auf die Fülle an Problemen, die sich stellen.

Hilf mir, mehr auf Dich zu schauen, die Augen auf Deinen Weg zu richten, Deine Treue im Leben der Welt zu sehen und auch auf den Wegen meines Lebens. Du bist ja der Anfang und das Ende. Du bist gegenwärtig. In Dich will ich mich bergen. Amen