Das erbettelte Kind loslassen

  1. Samuel 1, 21 – 28

21 Und als der Mann Elkana hinaufzog mit seinem ganzen Hause, um dem HERRN das jährliche Opfer zu opfern und was er gelobt hatte, 22 zog Hanna nicht mit hinauf, sondern sprach zu ihrem Mann: Wenn der Knabe entwöhnt ist, will ich ihn bringen, dass er vor dem HERRN erscheine und bleibe dort für immer.

          Es ist einiges an Zeit vergangen. Der Knabe Samuel ist geboren. Wieder steht die Wallfahrt nach Silo an. Hanna aber will nicht mitziehen. Weil es zu anstrengend ist für das neue Kind? Weil sie auf Zeit spielen will? „Solange das Kind gestillt wird, bleibt das Gelübde ausgesetzt.“  (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 19) Gemeint ist das Gelübde der Mutter. Dass Elkana auch ein Gelübde abgelegt hat, erfährt man erst hier. Seinen Inhalte aber erfährt man nicht.

Es mag sein, im Hintergrund schwingen Bestimmungen aus dem Gesetz mit: „Wenn jemand dem HERRN ein Gelübde tut oder einen Eid schwört, sich von etwas zu enthalten, so soll er sein Wort nicht brechen, sondern alles tun, wie es über seine Lippen gegangen ist…. Wenn eine Frau im Hause ihres Mannes etwas gelobt oder sich mit einem Eid eine Enthaltung auferlegt und ihr Mann hört es und schweigt dazu und verwehrt es ihr nicht, so gelten alle ihre Gelübde und alles, was sie sich auferlegt hat. … Jedes Gelübde und jeden Eid, durch den sie sich Enthaltung auferlegt hat, kann ihr Mann bekräftigen oder aufheben.“(4. Mose 30, 2, 11-12-14)So gesehen trägt Elkana das Versprechen der Hanna mit.

23 Elkana, ihr Mann, sprach zu ihr: So tu, wie dir’s gefällt! Bleib, bis du ihn entwöhnt hast; der HERR bestätige aber, was er geredet hat. So blieb die Frau und stillte ihren Sohn, bis sie ihn entwöhnt hatte.

Es ist ein großzügiger Umgang, den Elkana mit seiner Hanna pflegt. Auf Augenhöhe, möchte man sagen. Fast partnerschaftlich, wenn das in der patriarchalen Ordnung der alten Zeiten überhaupt denkbar ist. Er gesteht ihr die Zeit mit ihrem Kind Samuel zu. Wie lange die Zeit ist, bis der Knabe entwöhnt ist, abgestillt, bleibt offen.

Bei dem Bübchen (naʼar)handelt es sich um ein neugebornes Kind, das unter Umständen bis zu  drei Jahren gestillt wird.“(M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 33)Darf man darüber nachdenken, dass heutzutage die Schon- und Schutzzeit einer Mutter für ihr Kind oftmals, in der Regel, knapper bemessen ist, bis sie zurückkehren soll in den Beruf und das Kind abgeben soll in die Krippe?

 24 Nachdem sie ihn entwöhnt hatte, nahm sie ihn mit sich hinauf, dazu einen dreijährigen Stier, einen Scheffel Mehl und einen Krug Wein, und brachte ihn in das Haus des HERRN nach Silo. Der Knabe war aber noch jung.

             Aber das Einhalten des Gelübdes lässt sich nicht endlos herauszögen. Später wird es in der Weisheit Israels so heißen: „Wenn du Gott ein Gelübde tust, so zögere nicht, es zu halten; denn er hat kein Gefallen an den Toren; was du gelobst, das halte. Es ist besser, du gelobst nichts, als dass du nicht hältst, was du gelobst.“(Prediger 5, 3-4) Hanna (und Elkana) erfüllen ihr Gelöbnis. Als Samuel entwöhnt ist, ist es so weit. Es ist die Mutter, Hanna, sie bringt ihn in das Haus des HERRN nach Silo. Es ist karg, keusch, wie hier erzählt wird. „Alle Texte schweigen über die Gefühle der Beteiligten…Der Gehorsam geht über die Gefühle.“(M. Holland, ebda.)Man kann die Härte dieses Weges aus heutiger Sicht wohl nur ahnen. Hanna übt loslassen.  

 25 Und sie schlachteten den Stier und brachten den Knaben zu Eli.

             Ein Opfer wird gebracht. Großzügig, so wie auch die mitgebrachten Gaben großzügig bemessen sind. Elkana kann kein armer Mann gewesen sein. Jetzt heißt es plötzlich sie schlachteten, sie brachten. Ich lese darin ein Signal dafür, dass Hanna mit diesem Weg zu Eli keinen Alleingang bewältigen muss.

26 Und sie sprach: Ach, mein Herr, so wahr du lebst, mein Herr: Ich bin die Frau, die hier bei dir stand, um zum HERRN zu beten. 27 Um diesen Knaben bat ich. Nun hat der HERR mir gegeben, was ich von ihm erbeten habe. 28 Darum gebe ich ihn dem HERRN wieder sein Leben lang, weil er vom HERRN erbeten ist.

Aber es ist Hanna, die das das Wort nimmt – vor Eli. Es ist eine Erinnerung an die Begegnung Jahre zuvor. Ob der Priester sie ohne diese Worte wieder erkannt hätte als die Frau, der er Trunkenheit unterstellt hat? Hanna erinnert: Diesen Knaben habe ich erbeten, mehr noch: erbettelt – so schwingt es im hebräischen schaʽul  mit. Jetzt bringt sie ihn, den sie erbettelt hat, weil sie ihn dem Herrn ja versprochen hat. Nicht nur für Zeit, sondern sein Leben lang. Es ist so: Hanna hatte ihr Kind nur auf Zeit- Gott wird ihn für alle Zeit haben.

Man mag sich als Leser*in heute daran erinnern lassen: „Letzten Endes sind alle Kinder nur eine Leihgabe Gottes, der das Leben schafft.“ ( M. Holland, ebda.) Es gehört zur Wahrhaftigkeit: Solche Sätze schreiben sich leichter als sie sich leben. Das Loslassen der Kinder ist eine lebenslange Herausforderung an Eltern, die ihn Vertrauen abverlangt – in die Kinder und in Gottes Wege. Wie so oft, gilt hier: „Die persönlichen Dinge, die sich aus dem Abschied von Mutter und Kind ergeben könnten, bleiben, wie meist in der Bibel, unerwähnt.“  (H. W. Hertzberg, ebda.)

 Und sie beteten dort den HERRN an.

Das ist der Schritt des Loslassens. Der erste. Es geht hier um mehr als um einen rituellen liturgischen Akt. In der Anbetung Gottes ordnet sich ihr Leben. Die Texte schwangen zwischen Singular „sie betete“ und Plural „sie beteten“. Ist es nur Hanna, die betet – und ihr Gebet wird im Folgenden überliefert? Oder sind es die Eltern zusammen? Ist womöglich auch der Priester Eli ein Mitbeter? Was mir eher unwahrscheinlich erscheint: dass der Knabe Samuel schon mitbetet, weil er „den von den Eltern vorgezeichneten Weg bejaht.“ (M. Holland, ebda.) Ich weiß von viel echter und uns Ältere beschämender Frömmigkeit von Kindern. Aber hier scheint mir das zu weit hergeholt.

 

Loslassen, mein Gott. Loslassen, was uns lieb ist. Loslassen, was Du uns anvertraut hast. Es ist ein lebenslanger Weg zu üben, zu lernen, loszulassen, Dir anzuvertrauen, Dir zu vertrauen.

Aber Du bist diesen Weg vor uns gegangen. Du hast uns die Welt gelassen. Du hast uns Menschen anvertraut. Du hast Deinen Sohn losgelassen in die Welt.

In alledem hältst Du an uns fest. Dein Vertrauen zu uns hast Du nie losgelassen. Darüber lobe und preise ich Dich. Amen