Der verschlossene Leib

  1. Samuel 1, 1 – 20

1 Es war ein Mann von Ramatajim-Zofim, vom Gebirge Ephraim, der hieß Elkana, ein Sohn Jerohams, des Sohnes Elihus, des Sohnes Tohus, des Sohnes Zufs, ein Ephraimiter. 2 Und er hatte zwei Frauen; die eine hieß Hanna, die andere Peninna. Peninna aber hatte Kinder und Hanna hatte keine Kinder.

  Die Erzählung beginnt mit einer Einordnung. Elkana, einer aus dem Stamm Ephraim ist einer aus einer langen Reihe. Die lange Geschlechterreihe setzt ein Signal: Es geht um die Treue Gottes, die sich in seiner Treue zu der Geschlechter-Folge zeigt. Auch das man mitklingen: Wenn man verstehen will, wer einer ist, muss man den Zusammenhang kennen, aus dem er kommt.

Ganz unbefangen wird es erzählt: Elkana hatte zwei Frauen. Die Schriften Israels haben damit nicht die Probleme, wie wir sie durch unsere abendländische Geschichte haben. „Undiskutiert ist die Mehrehe in Geltung.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, s. 15) Ein Mann mit mehreren Frauen – das ist nicht ungewöhnlich in Israel, auch wenn es vielleicht nicht immer Usus ist. Man muss sich die Mehrzahl der Frauen auch leisten können, materiell und psychisch. Die Schriften verschweigen aber auch nicht, dass sich  in solchen Konstellationen Schwierigkeiten ergeben. Hier wird eine zunächst benannt: Hanna hatte keine Kinder. Im Gegensatz zu Peninna.

3 Dieser Mann ging jährlich hinauf von seiner Stadt, um anzubeten und dem HERRN Zebaoth zu opfern in Silo. Dort aber waren Hofni und Pinhas, die beiden Söhne Elis, Priester des HERRN. 4 Wenn nun der Tag kam, dass Elkana opferte, gab er seiner Frau Peninna und allen ihren Söhnen und Töchtern ihre Anteile. 5 Aber Hanna gab er nur einen Anteil, obgleich er Hanna lieb hatte; der HERR aber hatte ihren Leib verschlossen. 6 Und ihre Widersacherin kränkte und reizte sie sehr, weil der HERR ihren Leib verschlossen hatte.

             Es gibt die jährliche Wallfahrt zum damaligen Zentralheiligtum nach Silo. Silo war, so vermuten die Historiker, an die Stelle Bethels getreten. Von Jerusalem und dem Tempel war noch nichts in Sicht. Diese Wallfahrt ist für Hanna kein einfacher Weg. In der Verteilung der Opfer wird das Alleinsein, das kinderlos sein der Hanna überdeutlich. Bei Peninna und ihren Kindern häuft es sich. Hanna: nur ein Anteil. Zum eigenen Schmerz kommt das andere hinzu. Über all das hinaus ist es offensichtlich so, dass Peninna sie spüren lässt: nur eine Frau zweiter Klasse zu sein. Unfähig zur Geburt. Ungesegnet. Die Bosheit der anderen Frau macht sie zur Widersacherin. Ob sie es Hanna gesagt hat: Dein Leib  ist von Gott verschlossen?

  7 So ging es alle Jahre; wenn sie hinaufzog zum Haus des HERRN, kränkte jene sie. Dann weinte Hanna und aß nichts. 8 Elkana aber, ihr Mann, sprach zu ihr: Hanna, warum weinst du und warum isst du nichts? Und warum ist dein Herz so traurig? Bin ich dir nicht mehr wert als zehn Söhne?

       „Pʼnina fällt mit Härte über Hanna her wie sie erkennt, dass des Gatten Liebe Hanna gilt.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S. 83) Das alles ist nicht nur einmal, es gibt ein jährliches Wiederholungsspiel. Same procedure every year. Das alles verschließt Hanna den Magen. Was ihr bleibt, sind Tränen. Die Liebe des Mannes ist kein Ersatz. In seiner Frage meldet sich beides -Mitgefühl und Unverständnis.

 9 Da stand Hanna auf, nachdem sie in Silo gegessen und getrunken hatten. Eli aber, der Priester, saß auf einem Stuhl am Türpfosten des Tempels des HERRN. 10 Und sie war von Herzen betrübt und betete zum HERRN und weinte sehr 11 und gelobte ein Gelübde und sprach: HERR Zebaoth, wirst du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken und deiner Magd nicht vergessen und wirst du deiner Magd einen Sohn geben, so will ich ihn dem HERRN geben sein Leben lang, und kein Schermesser soll auf sein Haupt kommen.

             Hanna sucht Zuflucht in ihrem Schmerz. Im Tempel. Dort kommt es zum Gelübde der Hanna. Sie verspricht dem Herrn das Kind, das er ihr bis hierher verweigert hat. „Das Versprechen, den zu erwartenden Knaben dem Heiligtum zu weihen, soll den Herrn zur Erfüllung ihrer Bitte willig machen.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 16) Gleichwohl: Sie will ihren Sohn nicht für sich, nicht als Abrundung ihres Lebenskonzeptes: jetzt auch noch ein Sohn – sie will ihn loslassen,  ihn Gott lassen. Vielleicht, so mein Gedanke, ist dieses Loslassen der Weg, den bis dahin verschlossenen Leib zum Empfangen zu bereiten. In ihrem Beten ist sie nicht allein – der Priester in Silo, Eli, saß auf einem Stuhl am Türpfosten des Tempels.

 12 Und da sie lange betete vor dem HERRN, achtete Eli auf ihren Mund; 13 denn Hanna redete in ihrem Herzen, nur ihre Lippen bewegten sich, ihre Stimme aber hörte man nicht. Da meinte Eli, sie wäre betrunken. 14 Und Eli sprach zu ihr: Wie lange willst du betrunken sein? Gib den Wein von dir, den du getrunken hast!

             Priester sind nicht immer sonderlich einfühlsam. Sie sehen und sehen doch nicht. Sie glauben zu erkennen und verstehen nichts. Was für ein Missverständnis: die Frau brabbelt betrunken vor sich hin. Es ist schon eine ziemlich schräge Intervention: Eli fordert Hanna auf, sich zu übergeben, damit sie aus ihrer Weinseligkeit frei wird.

Dieses Missverständnis macht mich betroffen. Es lässt mich fragen: Wie oft habe ich Verhalten missdeutet, nicht wirklich verstanden, gar nicht erst den Schmerz wahrgenommen? wie oft habe ich nur gesehen, was ich glaubte zu sehen und nicht dahinter geschaut? Wie oft war mein Herz in seinen Vorurteilen gefangen und ich bin Menschen Hilfe schuldig geblieben und habe sie regelrecht abgespeist und darin verletzt? Ich weiß es nicht – aber ich ahne, dass in mir mehr von der Blindheit des Eli steckt als mir lieb ist.

15 Hanna aber antwortete und sprach: Nein, mein Herr! Ich bin eine betrübte Frau; Wein und starkes Getränk hab ich nicht getrunken, sondern habe mein Herz vor dem HERRN ausgeschüttet. 16 Du wollest deine Magd nicht für eine zuchtlose Frau halten, denn ich hab aus meinem großen Kummer und aus Traurigkeit so lange geredet.

             Es kommt zur Klarstellung. Es muss zur Klarstellung kommen. Darin erweist sich  Hanna als starke Frau. Sie, die so weinen kann, kann doch ihre Ehre wahren. Ich bin eine betrübte Frau. Keine zuchtlose Frau. Eine Frau, deren Geist – hier steht im Hebräischen ach – bedrückt ist. Seelentraurig.  

  17 Eli antwortete und sprach: Gehe hin mit Frieden; der Gott Israels wird dir geben, was du von ihm erbeten hast. 18 Sie sprach: Lass deine Magd Gnade finden vor deinen Augen. Da ging die Frau ihres Weges und aß und sah nicht mehr so traurig drein.

             Eli findet keine Worte der Entschuldigung für seine priesterliche Rohheit. Stattdessen spricht er ihr ein Segenswort, eine Verheißung zu.  Oder ist das doch nur schlicht eine Entlastung des Priesters für sich selbst und sein Missverstehen? Wie auch immer, jedenfalls ist Hanna ein wenig aufgerichtet. Und es wird sich zeigen: Eli hat nicht nur eine glücklichen Abschluss einer missglückten Intervention gefunden.

 19 Und am andern Morgen machten sie sich früh auf. Und als sie angebetet hatten vor dem HERRN, kehrten sie wieder um und kamen heim nach Rama. Und Elkana erkannte Hanna, seine Frau, und der HERR gedachte an sie. 20 Und als die Tage um waren, ward Hanna schwanger, und sie gebar einen Sohn und nannte ihn Samuel; denn, so sprach sie, ich hab ihn von dem HERRN erbeten.

             Die Sippe bricht auf. Unter Gebet. Das ist nicht nur Ritus, wie er in alten Zeiten üblich war. Das ist Zeichen des Gottvertrauens. Wir vertrauen unsere Wege, die vor uns sind und die wir, auch wenn wir sie schon zu kennen meinen, doch noch nicht überblicken, der Obhut Gottes an.

Elkana schläft mir seiner Frau. „Wie zart und tiefsinnig wird hier von dem ehelichen Einswerden gesprochen. Wie technisch kalt ist die Welt geworden, die das „Erkennen“„ Geschlechtsverkehr“ nennt.“(M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 30)Der Schlüssel: der HERR gedachte an sie.  Kinder sind eine Gabe Gottes.

Samuel ist ein erbetenes Kind. So klingt es in den Worten der Hanna an, die wie ein Echo auf die Zusage des Eli wirken: der Gott Israels wird dir geben, was du von ihm erbeten hast. Beide Male wird der Wortstamm schāʼal gebraucht. „Ein solcher Sohn ist ein besonderes Gnadengeschenk Gottes und lässt erwarten, dass Gott auch künftig mit ihm Besonderes vorhat.“(J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 12) Auffällig und ungewöhnlich: es ist Hanna, die dem Sohn den Namen gibt. Samuel. „Das Wort schemûēl ist offensichtlich aus schēm(Name) und ʼēl(Gott) zusammen gesetzt – der über dem der Name Gottes genannt ist.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 17) Es wird kaum ein Zweifel möglich sein: Diese Sätze sind Programm für den Weg, der sich öffnet, für die Gotteserfahrungen, die auf diesem Weg mit Samuel verbunden sein werden.

Was mich beschäftigt:

 Über den Textzusammenhang hinaus: erbetenes Leben, erbetetes Leben. „Der Herr wird dir deine Bitte erfüllen.“ Was für ein Wort in ein Leben hinein, das von Schmerz und Trauer durchdrungen ist, hart vom Verzagen bedrängt.

„Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen: es muss erbeten sein.“                                                                          P. Gerhardt  1653, EG 361

 Wie oft habe ich das selbst gesungen, wie oft habe ich es singen lassen, Es ist die Wahrheit, die in dieser Erzählung liegt. Manchmal gibt es eine Wende im Leben, weil wir unseren Schmerz nicht mehr für uns behalten, sondern ihn Gott anvertrauen. Es ist die Einladung der Hanna über die Zeiten hinweg bis zu uns – Gott den Schmerz des eigenen Lebens anzuvertrauen.

 

Mein Gott und Herr, wie schmerzlich wird das Warten auf ein Kind auch heute.Wie wenig verstehen wir die Kinderlosen, die mit Schmerzen warten. Wie rasch sind unterstellte Motive zur Hand: Selbstsucht, der bedingungslose Vorrang der Karriere, Verantwortungslosigkeit für die nachkommende Zeit.

Der verschlossene Leib verunsichert auch heute, ein Makel, selbst, wenn das nicht mehr so gesagt wird. Lehre Du uns die Demut, die weiß, dass Kinder erbeten sein wollen, immer Geschenk aus Deiner Lust am Leben. Mache uns zu einem  kinderfreundlichen Volk, dankbar für das Geschenk neuen Lebens. Amen

3 Gedanken zu „Der verschlossene Leib“

  1. Bin froh, dass Sie wieder im AT weitermachen können. Herzlichen Dank für Ihre umfangreichen Erläuterungen der Römerbrief Passagen. Fürchtete schon letzte Woche, es würde etwas mit dem Blogg nicht klappen, oder dass Sie vielleicht sogar erkrankt wären. Eine gesegnete Zeit bei schönem Frühlingswetter.

  2. Erlauben Sie mir bitte eine Frage: In manchen Übersetzungen steht, dass Elkana seiner Frau im Vers 5 ein Doppelstück oder 2 Teile Fleisch gab, während bei Luther nur von einem Teil berichtet ist???

    1. Im Text ist das “ein Anteil” besonders hervorgehoben. Mein Kommentar lehrt mich: Ältere Exegese dachte an ein Stück für zwei Personen.” (H. W. Hertzberg) Gemeint ist jedenfalls eine besondere Zuneigung Elkanas. Die macht sich nicht an der Größe der Essensportionen fest. Heute schon gar nicht.

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