Am Ende bleibt nur Anbetung

Römer 11, 25 – 36

25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26 und so wird ganz Israel gerettet werden,

            Jetzt noch einmal im Klartext. Das Geheimnis, τ μυστριον. „Es ist der Hauptbegriff, der die Art der neuen Erkenntnis umschreibt.“ (O. Michel, aaO. S. 249) Gottes Geheimnis, das alle Klugheit relativiert. Kann Paulus nach Korinth schreiben, dass das Wort vom Kreuz den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit ist, so macht er hier mit diesem Geheimnis alle vermeintliche Klugheit der Christen aus den Völkern zunichte. Sie sind nicht der endgültige Ersatz Gottes für Israel, sondern nur die Vorhut Israels. Wenn sie in der Fülle zum Heil gelangt sind, dann wird Gott auch an Israel neu handeln, es retten. Retten, weil ja doch der Retter da, vor Gott, ist und für alle, die Gott liebt eintritt.

„Ganz Israel“. Das ist eine Wendung, die aus dem Alten Testament stammt. Sie meint fast immer das Volk im Gegenüber zu Gott. „Die ganze Gemeinde Israel“ kann es auch heißen. In dieser Wendung sind die einzelnen Israeliten aufgehoben. Ganz Israel meint sie alle als Einzelne. Darauf läuft es hinaus: „Der Vollzahl der Heiden entspricht apokalyptisch die Vollzahl Israels.“(O. Michel, aaO. S. 250) Was Paulus hier anklingen lässt ist: Israel wird dann endlich werden, wozu es immer schon bestimmt ist, durch die Wahl Gottes: Sein Volk. Das ist gerettet werden, dass sie sein Volk werden.

Ob es Paulus bewusst ist oder ob es ihn nicht interessiert: Er macht damit die Tore weit auf – ausgerechnet für die, die doch den Herrn Jesus als Messias Israels abgelehnt haben.  Für die, die er um des Evangeliums willen Feinde nennt. Allerdings bleibt er damit seiner Linie, seinem Evangelium treu: Gott wendet sich gerade denen zu, die gott-los sind, die sich seinen Wegen bislang verweigert haben. Gott wird es nicht dabei bewenden lassen.

wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«               

               Einmal mehr folgt ein Schriftbeweis, diesmal aus Schlüsselstellen der Propheten. Jesaja hat den Erlöser aus Zion angekündigt. Jeremia den neuen Bund Gottes mit seinem Volk. Im Zentrum dieses Bundes steht das Wegnehmen der Sünden. Der Leser, die Leserin des Römerbriefes wird hier sofort Jesus Christus vor Augen haben, der „die Sünden der Welt trägt.“(Johannes 1,29) Er ist ja der, an dem die zentralen Sätze des Paulus festgemacht sind: Alle, Juden wie Heiden, „werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (3, 24)

Paulus sieht am Ende der Zeit von Gott her keine andere Wirklichkeit, als er sie jetzt schon sieht. Er sieht nur Israel anders auf dem Weg. Es ist auch für Israel keine Rettung an dem Retter Jesus vorbei, sondern durch ihn. Durch sein Vergeben, durch seine Hingabe am Kreuz. „Der Messias wird Israel mit Gott versöhnen und die Heiligkeit Israels wiederherstellen.“ (O. Michel, aaO. S. 251) Dieser Kommende, dieser Messias ist für Paulus ohne jeden Zweifel Jesus. Paulus landet, so sehe ich das, nicht in zwei Heilswegen, sondern bei dem einen Heiland Gottes.   

28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.

Noch einmal: aktuell mag Israel sich dem Evangelium verweigern, den Heiden gegenüber feindselig auftreten. Aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Die Wahrheit ist und bleibt: im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. An dieser Wahl Gottes von Abraham, Isaak und Jakob, den Vätern her hat sich nichts geändert.

29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

Das ist die Zusammenfassung der Argumentation des Paulus. Ein theologischer Lehrsatz, mitten in den Fluss der Gedanken gestellt. Es liegt am Wesen Gottes, an seiner Beständigkeit und Zuverlässigkeit, dass er treu ist, dass er sich von seiner Wahl und Berufung nicht abbringen lässt, dass er die Untreue der Menschen nicht durch Abwendung beantwortet. Er hält fest an seinen Berufungen, gegen allen Widerstand.

30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Das ist in der Argumentationskette das Schlussglied. Eine Variation zu den vielen Worten zuvor. Gottes Weg schließt die Widerständigkeit mit ein, hält sie aus und überwindet sie durch Erbarmen. So wie Gottes Weg auch die Fremdheit eingeschlossen und überwunden hat. Wie er auch den verweigerten Glauben, den Ungehorsam mit eingeschlossen und überwunden hat.

Die Gleichheit aller Menschen, wie sie vor Gott besteht, ist keine Gleichheit der Rechte und der Pflichten. Es ist vielmehr eine Gleichheit im Ungehorsam der Menschen und im Erbarmen Gottes.

Was mich beschäftigt:

Ich habe zu diesem Satz Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen eine sehr persönliche Beziehung, weil es Konfirmationsspruch und Beerdigungswort eines „meiner“ Jugendlichen war – und ich weiß, wie es mich herausgefordert hat, an diesem Satz festzuhalten, gegen allen Schmerz. Wann immer ich ihn lese, sehe ich den Jungen vor mir, die Schmerzen der Eltern und der drei Brüder.  So unter Schmerzen durchbuchstabiert ist es ein Hauptsatz meines Glaubens geworden.

Ich werde es wohl nicht mehr verstehen, wie wir, christliche Theologie, die Sätze des Paulus über die schließliche Rettung ganz Israels durch Jahrhunderte hin überlesen konnten. Hatten wir Angst davor? Passte es irgendwie nicht in das Denken, dass die Juden, die hier in der Zeit den glauben verweigern, am Ende doch on Gott geborgen sein sollen? Wenn alle Juden, die den Herrn Jesus als Messias Israels ablehnen, am Ende doch gerettet werden – was ist dann mit den anderen? Mit denen, die ihn nicht kennen. Mit denen, die gleichgültig abwinken? Mit denen, die ihm nicht nachfolgen? Gibt es am Ende auch für sie gar keine ewige Verlorenheit? Und wenn ja – für wen wäre das schlimm?

 

Mein Gott und Herr, hilf uns warten auf den Erlöser, der uns zurechtbringen wird, der uns zusammenbringen wird, über alle Trennungen hinweg. Hilf uns warten auf Deinen Christus. Bewahre Du unsere Herzen, dass wir Gehorsam lernen, Geduld üben, uns nicht mehr übereinander erheben. Wir leben ja alle von Deinem Erbarmen, Tag um Tag.  Lass uns darin unseren festen Grund finden. Amen

 

33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!

            Das macht mir Paulus regelrecht sympathisch. Er gerät über diesem langen Gedankenweg, den er mit seinen Leserinnen und Lesern zurückgelegt hat, regelrecht ins Schleudern. In ein Schleudern, das zum Staunen wird und zum Lobpreis. In ein Staunen, das um die Begrenztheit der eigenen Einsichten und Weisheiten weiß. Es ist ja doch so, dass Paulus nur allenfalls an der Oberfläche gekratzt hat. Er weiß, „dass sein Denken die göttliche Weisheit nicht ausschöpft“(O. Michel, aaO. S. 254)  dass er auch mit all diesen Worten und Gedanken nicht zum Geheimrat Gottes aufgestiegen ist.

Es ist schon wichtig: Paulus staunt nicht über die eigene Weisheit und Erkenntnis. Sondern über die Weisheit und Erkenntnis Gottes! Über sein Wählen und Berufen, sein Erbarmen und Lieben. Also über die Weisheit, in der Gott handelt, über sein Erkennen, das treu ist und beständig.

Dieses Staunen des Paulus hat einen langen Vorlauf in der Frömmigkeit im Volk Israel.

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,                                                                              und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.                                                                   Ein Tag sagt’s dem andern,                                                                                                    und eine Nacht tut’s kund der andern,                                                                           ohne Sprache und ohne Worte;                                                                                     unhörbar ist ihre Stimme.                  Psalm 19, 2 – 4

             Und, gleichfalls Worte eines Psalmbeters:

 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!                                               Wie ist ihre Summe so groß!                                                                                              Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:                                                 Am Ende bin ich noch immer bei dir.            Psalm 139, 17 – 18

             Oder, aus dem Mund des Propheten: „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die übrig geblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig!“(Micha 7,18) 

Oder, aus dem Mund eines großen Königs: „HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen;“(1. Könige 8,22)

Dieses Staunen findet seine Fortsetzung in Liedern der Christenheit.

„Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still,
er betet an, und er ermisst, dass Gottes Lieb unendlich ist.“
                                                           Chr. F. Gellert 1757    EG 42

      Ich denke, dass Staunen so etwas wie die Grundhaltung des Glaubens ist. So wie ein Kind darüber staunt, sich freut, dass es geliebt wird, dass es da ist, so staunt und freut sich der Glauben über die Güte und Gnade, die er bei seinem Gott und in seinen Gaben sieht. Alles, was wir über Gott erkennen, was wir von ihm erfahren, kann nur dies eine bewirken, das Staunen, das sagt: Am Ende bin ich noch immer bei Dir. Das ist die Fülle der Gotteserfahrung: Bei ihm sein. Das ist zugleich auch die Erfüllung des Lebens. Und der Grund aller Freude.

 34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) 35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste«? (Hiob 41,3)

Wenn Paulus, wie früher gesagt, das Geheimnis Gottes (11,25) enthüllt, den verborgenen Plan entschlüsselt, dann ist das keine Anmaßung. Auch kein unzulässiger Geheimnis-Verrat. Und schon gar nicht ist es so, dass Paulus mit seinen Worten den Weg Gottes vor- oder festschreiben würde. „Gott bedarf keines Ratgebers.“(O. Michel, ebda.) Aber Paulus glaubt, dass er mit seinen Worten den Weg Gottes nach-gedacht hat, weil er sich ja vom Geist Gottes geleitet weiß. Schon einmal hatte er in einem anderen Brief Jesaja zitiert – auch da voller demütigem Selbstbewusstsein: „Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.“ (1. Korinther 2,16)

36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

             Was bleibt, ist Anbetung. Doxologie. Leben, das Gott lobt. Worte, die Gott die Ehre geben. Worte, Lobgesänge, die vorweg nehmen, was einmal im Himmel sein wird. Das ist ja das Wesen des Lobgesanges. Er stimmt hier schon einmal ein in das Leben, das jetzt schon im Himmel verankert ist und in die Lieder, die im Himmel jetzt schon gesungen werden und die nur noch auf unsere Stimmen warten. „Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.“ (Offenbarung 4,11) Jetzt ist die Zeit, diese himmlischen Lobgesänge, irdisch noch, schon einzuüben, auch unter Bedrängnis und Leid.

 „In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.“                  C. Schneegaß 1598    EG 398

Was mich beschäftigt:

 Vor Jahren – ich weiß nicht mehr wann und wo – bin ich auf den Gedanken gestoßen: Der Sündenfall der Theologie sei, dass sie aus einer knienden zu einer sitzenden Angelegenheit geworden sei. Es gibt wohl Kirchenväter, die haben ihre Theologie nicht nur betend entwickelt, sondern als Gebet formuliert. So verstehe ich auch Paulus, wenn er plötzlich in Anbetung übergeht – damit kommt seine theologische Denkarbeit an ihr Ziel. Theologie will und soll der Anbetung Gottes dienen und soll und will in sich selbst Anbetung sein.

 Mein Jesus, Gott und Herr, Heland und Retter, ich will Dich anbeten, will mich vor Dir beugen, will Dich rühmen in Deiner Größe und Güte. Ich will es tun mit meinen Worten, die doch nie ausreichen, mit meinem Empfinden, das Dich doch niemals fassen kann, mit meiner Liebe, die sich an Dir entzündet.

Lass es Dir gefallen, dass ich Dich lobe und preise, anbete und rühme, aus den Tiefen meines Lebens, aus der Tiefe der Welt. Amen