Nicht du trägst die Wurzel

Römer 11, 11 – 24

11 So frage ich nun: Sind sie gestrauchelt, damit sie fallen? Das sei ferne!

            Verblendet mag Israel sein. Wohl auch ins Straucheln gekommen. Aber nicht für immer gefallen. Nicht verstoßen. Was mit Israel im Augenblick geschieht, ist kein Entscheid für immer.  Denn das würde ja bedeuten, dass Gott seine Wahl widerruft, seinen Bund kündigt. Hier ist vom Weg Israels in der Zeit die Rede, aber nicht von seinem Weg in Ewigkeit. Von Entscheidungen in der Zeit, aber nicht von Entscheidungen für die Ewigkeit.

Sondern durch ihren Fall ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen nacheifern sollte. 12 Wenn aber schon ihr Fall Reichtum für die Welt ist und ihr Schade Reichtum für die Heiden, wie viel mehr wird es Reichtum sein, wenn ihre Zahl voll wird.

            Das ist, in den Augen des Paulus, der „Plan“, die Absicht Gottes: Als erstes hat der verweigerte Glauben Israels den Weg zu den Heiden frei gemacht. Weil die Jünger nicht schweigen konnten von dem, was sie in Jesus und mit Jesus erfahren haben, was sie „gesehen und gehört haben“(Apostelgeschichte 4,20), hat sie ihr Weg in die Völkerwelt zu den Heiden geführt. In der Darstellung der Apostelgeschichte spiegelt sich diese Sicht des Paulus: Es ist die Verfolgung der ersten Gemeinde in Jerusalem, die dazu führt, dass die Jünger die Stadt verlassen und sich ins Umland wenden, auf die Straßen Samarias, nach Damaskus, Cäsarea und Antiochia (vgl Apostelgeschichte 9 – 14). So bedient sich Gott der Verfolgung, um das Evangelium über die Grenzen Israels hinaus zu bringen.

Daneben tritt das andere Motiv: Wenn  Israel sieht, dass den Heiden das Heil widerfährt, werden sie dann nicht selbst neu danach fragen und auch den Weg der Heiden zum Heil, den Glauben, neu suchen? „Haben wir nicht doch etwas verpasst? Haben die Heiden empfangen, was eigentlich uns Juden zusteht?“ (W. Klaiber, aaO. S. 189) Solche Fragen, die aus der Eifersucht entstehen, will Gott bei den Heiden auslösen. Sagt Paulus und sieht damit Eifersucht als eine positive Reaktion. Sie führt zu einem Nacheifern, das den Weg des Heils annimmt, wie ihn Gott geht.

            Es ist um Ecken gedacht, aber nicht unlogisch, sondern hat die Logik, die im Denken Israels oft zu beobachten ist, vom Leichteren zum Schwereren. Wenn aus der Verweigerung, dem Fall Israels, schon Gutes entsteht für die Heiden, wie viel mehr wird Gutes werden, wenn Israel sich nicht mehr vom Heil entfremdet, wenn es nicht nur ein kleiner Rest ist, der glaubt, sondern alle Israeliten. Ganz konsequent hält Paulus hier in seinen Formulierungen durch: Es ist das Handeln Gottes, das Israel jetzt auf Distanz hält und das einmal umgekehrt die Zahl voll werden lassen wird. Wie sollte er auch, der im Blick auf das Heil alles vom Tun Gottes abhängig sieht, hier anders reden können. 

Wenn es dazu kommt, so wird die Welt voller Glück und Heil und Frieden sein. „An Gottes Weg mit Israel hängt die Erlösung der ganzen Welt.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 152) Das ist ein so steiler und zugleich missbrauchbarer Satz, wenn er politisch gewendet zur Zustimmungspflicht zu allem wird, was der Staat Israel bewerkstelligt. Wir haben es als Christen wohl noch zu lernen, wie wir mit dieser Hoffnung des Paulus umgehen, theologisch, geistlich und in den praktischen Alltagsbezügen.

13 Euch Heiden aber sage ich: Weil ich Apostel der Heiden bin, preise ich mein Amt, 14 ob ich vielleicht meine Stammverwandten zum Nacheifern reizen und einige von ihnen retten könnte.

Jetzt wiederholt Paulus seinen Gedanken, aber diesmal in direkter Anrede. Euch Heiden sagt  er – euch aus den Völkern kann und sollte man heute wohl, ganz nahe am griechischen Wortlaut μν τος θνεσιν übersetzen, weil dem Wort „Heiden“ ein negativer Klang anhaftet, der bei Paulus nicht gemeint ist. Wir Christen heute sind ja solche Leute aus den Völkern, selbst wenn „das Christentum“ schon seit Jahrhundert bei uns heimisch ist, so sehr, dass manche Leute es für die einheimische Religion halten und vergessen, dass es durch Missionare zu uns gekommen ist.

Das ist sein Auftrag, sein Amt: Apostel der Heiden. Dieses Amt erfüllt ihn mit Freude, lässt es ihn preisen, rühmen. Nicht nur, aber auch deshalb, weil er damit die Hoffnung verbindet, dass die Botschaft von der freien Gnade Gottes auch seine Stammverwandten erreichen und verwandeln könnte, sie auf den Weg der Heiden locken, die sich die Gnade gefallen lassen. Wieder gebraucht er das Wort nacheifern, in dem er die Eifersucht zur positiven Antriebskraft aufwertet.

„So will ich auch werden.“ sagt der, der ein Vorbild gefunden hat und eifert ihm nach. Nicht um es zu kopieren, wohl aber, um an ihm den eigenen Weg zu lernen und zu finden. Wenn es zu solchem Nacheifern wirklich kommt, so sind das Schritte zum gerettet Werden. Für jüdische Ohren ist, was Paulus hier sagt, eine ungeheure Zumutung: Die Heiden zum Vorbild zu nehmen für den Weg zu Gott. Das erwählte Volk Gottes soll von den Heiden lernen?

Es gibt, einmal mehr, in Evangelien zumindest Nähen zu den Gedanken des Paulus:  „Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!“ (Matthäus 8, 10) Der Glaube, das Vertrauen eines römischen Hauptmanns übertrifft alles, was Jesus in Israel an Vertrauen gefunden hat. Und ist so eine Herausforderung an die jüdischen Hörer und Leser zu dem größeren Glauben, dem tieferen Vertrauen.

An dieser Stelle wechselt Paulus aus den Passiv-Formulierungen ins Aktiv: ob ich einige retten könnte. Das betont seinen Part bei diesem Retten, seine Mitarbeit im Werk Gottes. Seine Verkündigen, Reden, Bezeugen ist sein Beitrag. „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“(1. Korinther 3,6) Paulus weiß auch sonst um seine Beteiligung, um die Würde seiner Mitarbeit.

15 Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten! 16 Ist die Erstlingsgabe vom Teig heilig, so ist auch der ganze Teig heilig; und wenn die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig.

            Es ist, zwischen den Zeilen gelesen, ein regelrechter Jubelruf. Versöhnung der Welt! Leben aus den Toten! Das alles steckt hinter dem Weg Gottes. Das bringt dieser Weg Gottes zustande. Paulus verliert über all seinen Schwierigkeiten, seinen manchmal aufgeregten und umständlichen theologischen Erörterungen diese große Perspektive nie aus den Augen. Das ist Gottes Weg, von Anfang an.

Einmal mehr argumentiert der „Jude“ Paulus: Der ausgesonderte Teil, die Erstlingsgabe, steht für das Ganze. Das Opfer für das Größere. Die Wurzel für alles,  was aus ihr wächst. „Der Tatbestand, der den Vorblick in die Zukunft bestimmt, ist, dass Israel Gottes Werk und sein Eigentum ist.“ (A. Schlatter, aaO. S. 324) Das findet Paulus bestätigt in der Erstlingsgabe und der Wurzel. Diesen Anfang wird Gott nicht fahren lassen.

17 Wenn aber nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du, der du ein wilder Ölzweig warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, 18 so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen.

Das ist jetzt direkte Anrede an die aus den Völkern(11,13). So wenig Israeliten einen Anlass haben, sich als Besitzer des Gesetzes zu rühmen, an dem sie doch scheitern, so wenig haben sie aus den Völkern einen Anlass, sich zu rühmen, dass sie in den Ölbaum eingeproft worden sind. „Wenn sich der Heidenchrist diesen seinen eigenen Weg vorhält, dann erkennt er, dass er nicht das Recht hat, sich gegenüber den ausgebrochenen Zweigen zu rühmen.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 245)Man kann und darf aus der empfangenen Gnade nie ein Verdienst machen. Nie auch ein Argument gegen die anderen, in diesem Fall gegen Israeliten und Israel.

Die Bildsprache ist eindeutig, biblisch gefärbt. Israel als der Ölbaum. „Der HERR nannte dich einen grünen, schönen, fruchtbaren Ölbaum.“ (Jeremia 11,16) Bei Jeremia ist deutlich, dass Gott an diesem Ölbaum auch richtend handeln kann. Aber er bleibt auch in allen Gerichten der Ölbaum Gottes.

Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich. 19 Nun sprichst du: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde. 20 Ganz recht! Sie wurden ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst fest durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich! 21 Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er dich doch wohl auch nicht verschonen.

            Sind es nur gedachte Sätze, mit denen Paulus sich auseinandersetzt? Oder sind es Sätze, die er auch schon gehört hat, die ihm entgegen gehalten worden sind, der so an Israels Erwählung festhält? Es kann sein, Paulus setzt sich mit Haltungen bei Heidenchristen auseinander, die sich „sowohl über die gläubig gewordenen als auch über die ungläubigen Juden stellen.“(O. Michel, aaO. S. 245)Er wehrt schon den bloßen Anschein eines „christlichen Antisemitismus“ ab, weil er alles gefährdet, obendrein noch die Gefahr des Hochmutes in sich trägt: Gott hat für uns Platz geschaffen. Gottes Wahl ist weiter gegangen, von Israel zu uns in den Völkern.

So mögen manche gedacht und gesagt haben. Nicht zuletzt ermutigt durch Gleichnisse, die man sich in der Gemeinde erzählt hat, die man auf Jesus zurück führt und von denen eines, das von den bösen Weingärtnern, so endet: „Und sie nahmen ihn und stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun? Sie antworteten ihm: Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.“(Matthäus 21, 39-41)

Statt sich hier in seinen Vorurteilen gegen Israel,  die Juden “biblisch“ legitimiert zu fühlen, gilt es, sich von Paulus korrigieren zu lassen. es wirkloch is in die Tiefe des eigenen Gemütes zu lernen. Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Das ist der bleibende Vorsprung Israels vor aller Christenheit aus den Heiden!  „Glaube ist kein Besitz, den man stolz gegen „Un-Gläubigen“ heraus streichen kann und schon gar nicht gegen Israel. Glaube ist Geschenk und aus dem Glauben zu leben bedeutet, sich immer bewusst zu machen, dass wir von  Gottes Güte leben.“(W. Klaiber, aaO. S. 192) 

22 Darum sieh die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst gegenüber denen, die gefallen sind, die Güte Gottes aber dir gegenüber, sofern du bei seiner Güte bleibst; sonst wirst du auch abgehauen werden.

            Es ist eine ernste Mahnung, die ihren berechtigten Platz hat. Paulus will aller Selbst-Sicherheit, aller Selbstgerechtigkeit der Erwählten wehren, ob sie nun aus den Völkern oder aus dem Volk stammen. Das Geschick Israels, dass ihnen der Zugang zum Glauben jetzt versperrt ist, muss denen aus den Völkern zur Warnung dienen und sie zur tiefen Dankbarkeit führen. Wenn sie aus der Gnade ihr Besitztum machen wollten, hätten sie das Geschenk schon verspielt.

Ich kann nur tief beunruhigt fragen, ob wir Christen nicht viel zu häufig als solche Leute aufgetreten sind, die den Glauben wie einen Besitz vor sich her getragen haben, den sie sich erworben, womöglich sogar verdient haben. Vielleicht sind die Erschütterungen, durch die unsere Kirchen heute in Deutschland gehen, in ihrem Ansehen, aber auch in ihrer geistlichen Ausrichtung ein notwendiger Weckruf, falsche Sicherheiten aufzugeben – finanziell, strukturell, organisatorisch und auch in der theologischen Lehre.

23 Jene aber, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott kann sie wieder einpfropfen. 24 Denn wenn du aus dem Ölbaum, der von Natur wild war, abgehauen und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden in ihren eigenen Ölbaum.

Es bleibt bei dem zähen Festhalten an Israel: Wenn fremde Zweige eingepropft werden können, dann doch erst recht die Zweige, die ursprünglich zum Ölbaum gehören. Was Gott an den Heiden tun kann, kann er doch allemal auch Israeliten tun, an denen, die seine erste Liebe sind. Wobei deutlich ist: Diese Hoffnung ist nicht sozusagen naturgegeben. Sie macht sich an der Art Gottes fest, der Erbarmen ist und Treue über alle Untreue hinaus.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Enterbung Israels, weil es seine Berufung verfehlt hat. Das ist lange auch in der christlichen Theologie eine feste Grundfigur gewesen. So warnt Luther: „Brauche Gottes Wort und Gnade, weil es da ist. Es ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte es nach Griechenland, aber hin ist hin, nun haben sie den Türken. Rom und Italien haben es auch gehabt; hin ist hin, sie haben nun den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, dass ihr es ewig haben werdet, denn der Undank und die Verachtung wird es nicht ewig lassen bleiben.“ (M. Luther,  Fastenpostille 1525, WA 17/II, S. 179)

An der Warnung Luthers an seine lieben Deutschen ist nichts zu tadeln, ganz im Gegenteil. Ich wünschte von Herzen, sie würde helfen, aus falschen Sicherheiten aufzuwachen Aber an seiner Voraussetzung: „die Juden haben nun nichts“ – ist alles zu tadeln. Hätte er doch ernst genommen, was Paulus geschrieben hat: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Es ist ein Grundschaden der Christenheit, dass sie das vergessen hat.

Dieser Grundschaden macht sich bis heute bemerkbar: Vor gerade einmal 80 Jahren in dem rüden Angriff auf dieses Buch mit „seiner jüdischen Lehrmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten“ (Dr. R. Krause 13. Nov. 1933, Sportpalast Berlin). Aber auch in erschreckenden Urteilen über „den Gott des Alten Testamentes“, und in der leicht irritierten Frage von durchaus christlich gesinnten Menschen, wofür wir als Christen das Alte Testament überhaupt noch brauchen. So hart wie die ausgewiesenen Antisemiten der 30-er Jahren formuliert heute keiner mehr, aber der Geist ist noch in der Welt, der da gespuckt hat.

 

Mein Gott und Herr, bewahre uns davor, den Glauben für unseren Besitz zu halten. Bewahre uns davor, anderen so zu begegnen, als wäre unser Glauben unser Verdienst, als hätten wir ihn uns selbst gegeben und erworben. Bewahre uns vor dem Stolz auf unser Christsein, vor dem vermeintlichen Besser-sein, vor dem Gefühl der moralischen Überlegenheit.

Senke es uns tief ins Herz hinein: Alles, was wir sind, sind wir durch Deine Gnade, Deine Güte, Deine Liebe und Dein Erbarmen . Lehre uns die Bescheidenheit, die sich freut an Deiner Gnade und Deinen Geschenken, mit denen Du unsere leeren Hände füllst, unser armes Herz fest machst in Dir. Amen