Predigen. Weitersagen

Römer 10, 14 – 21

14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? 15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« 16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?«

Paulus bildet gerne Kettenschlüsse. Wir haben fünf Glieder in vier Fragesätzen vor uns; in diesen fünf Gliedern spiegelt sich der Prozess der Verkündigung.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 230) Sie – das sind jetzt offensichtlich nicht nur die Juden. Es stimmt schon: Sie rufen den Namen Jesu nicht an, weil sie in ihm nicht den Messias sehen können. Aber es stimmt ja in gleicher Weise auch für die Völker, wenn es nicht die Boten gibt, die sich zu ihnen senden lassen Die ganze folgende Gedankenkette könnte wie eine Entschuldigung wirken: Es fehlt am Glauben, weil es an denen fehlt, die weitersagen, die zum Glauben rufen. Am Ende dieser Kette stünde dann Gott, der keine Boten gesandt hat, stünde die unterlassene Bitte: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“(Matthäus 9,38) Läuft es also auf eine Entschuldigung Israels hinaus?

Aber: Da sind ja Freudenboten, die gelaufen sind. Gerufen haben, eingeladen haben. Nur: Sie haben nicht überall Glauben gefunden. Nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Aus dem Hören ist nicht überall ein Gehorchen geworden. „Nur der Gehorsame glaubt, und nur der Glaubende gehorcht.“(D. Bonhoeffer, Nachfolge, München 1976, S. 35) Ein wirkliches Hören ist nur da, wo es zu Lebensschritten kommt, die dem Gehörten Rechnung tragen.

Das aber, dass es nicht zum hörenden Glauben und glaubenden Hören gekommen ist, ist nicht nur die Erfahrung der christlichen Boten. Das hat schon Jesaja, der Prophet, erfahren.

 17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

   Daran hält Paulus fest: Es braucht das Zeugnis, das Predigen. Es braucht die zu hörende Botschaft. So besser κοῇ. Es ist gut, bei dem Wortpredigen nicht in Gedanken sofort bei unserer sonntäglichen Predigt landen. Es gibt keine Kanzeln, keine Kirchen, keine festen Gottesdienstzeiten zu der Zeit, in der Paulus seinen Brief schreibt. Alles ist viel mehr im Fluss, als es uns mit unserer Jahrtausend-Tradition bewusst ist. Es gibt wohl nur kleine Gruppen auf Augenhöhe, in denen ein Bote von Jesus erzählt, auch lehrhafte Sätze weitergibt. Aber wie das im Einzelnen ausgesehen hat, können wir doch nur sehr begrenzt aus den neutestamentlichen Schriften rekonstruieren.

Daran allerdings lässt Paulus nicht rütteln. Es braucht die Botschaft, die aus den Worten Jesu schöpft. Predigt ist nie allgemeine religiöse Rede, sondern sie ist gebunden an das Wort Christi, an die Überlieferung von ihm. Wie wir sie in den Evangelien, die nach Paulus entstanden sind, finden. Es sind, das wird durch die griechische Wortwahl ῥήματος Χριστο deutlich, nicht zeitlose Worte Jesu gemeint, sondern sein Wort in die Zeit.

Das ist die Überzeugung, die bei Paulus hier spürbar ist: In den Worten der Boten nimmt der Herr selbst das Wort. Eine Sicht, die der Evangelist Lukas mit ihm teilt, wenn er dieses Wort Jesu überliefert: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat. “(Lukas 10,16) In den Boten ist der Herr selbst am Werk. Nur so kann ja auch ihr Wort Glauben wecken. Als ihr eigenes Wort bleibt es Menschenwort.

18 Ich frage aber: Haben sie es nicht gehört? Doch, es ist ja »in alle Lande ausgegangen ihr Schall und ihr Wort bis an die Enden der Welt« (Psalm 19,5). 19 Ich frage aber: Hat es Israel nicht verstanden? Als Erster spricht Mose (5. Mose 32,21): »Ich will euch eifersüchtig machen auf ein Nicht-Volk; und über ein unverständiges Volk will ich euch zornig machen.« 20 Jesaja aber wagt zu sagen (Jesaja 65,1): »Ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten, und erschien denen, die nicht nach mir fragten.« 21 Zu Israel aber spricht er (Jesaja 65,2): »Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach dem Volk, das sich nichts sagen lässt und widerspricht.«

Es folgt einmal mehr eine Kette von Schriftworten. Auch diesmal nur mit dem einen Ziel, die Argumentation des Paulus „biblisch“ zu stützen. Gott hat sein Wort gesandt – damit fällt diese Entschuldigung Israels flach.

Aber, und jetzt kommt ein neuer Gedanke ins Spiel: Gott geht einen Umweg. Weil Israel nicht versteht, wendet er sich denen zu, die in den Augen Israel Nichts sind, jedenfalls nicht Gottes  Volk, nicht verständig, nicht gelehrt. Leute ohne Gesetz und Verstand. Aber genau denen wendet Gott sich zu. Von ihnen lässt er sich finden, obwohl sie gar nicht auf der Suche nach ihm waren. Was im Zusammenhang des Jesaja-Buches ein Trostwort für den Rest Israels ist, wird hier zur Anklage. Aber auch zum Trost: „Der biblische Gott ist nicht der Gott der Gottsucher, sondern der Gott, der sich selbst aufmacht, um die Menschen zu suchen und so von ihnen gefunden wird.“(W. Klaiber, aaO. S.185) 

Es ist, so sagt Paulus, nicht ein für alle Mal ausgemacht, wer Gott findet. Dass es die Gottsucher sind, deren Suche von Erfolg gekrönt wird. Sondern es geschieht, dass die auf Gott stoßen, die ihn nie gesucht haben, dass sie sich plötzlich an Gott stoßen. Die nie zum Volk Gottes gehört haben und gehören wollten, sind plötzlich mit ihm konfrontiert und kommen nicht mehr los. Persönlich gesprochen: Ich habe erst an dem Tag angefangen, nach Gott zu fragen und suchen, als er mich gefunden hat. Vorher war da nichts.

Auf den Punkt gebracht: „Gott, bin ich dir fern, du suchst mich gern, verlier ich mich, so findst du mich.“ Meister Eckhart, Granum sinapis)  Und daneben  die Erzählung „Das Versteckspiel“:

 „Rabbi Barruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suchte. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck, aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte.                                                                                                                         Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: „So spricht Gott auch: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.“M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, © by Manesse-Verlag, Zürich)

Zugleich aber ist da auch die Warnung: Es kann nicht sein, dass Gott immerzu vergeblich ruft. Und es ist die Frage an die, die nicht hören: Wollt ihr das wirklich, dass Gott so klagend von sich selbst reden muss? Als einer, der vergeblich ruft und hofft, vergeblich die Hände ausstreckt: Komm in meine Arme! Einmal mehr spüre ich hinter den so scheinbar kühlen, bedachten Zitaten des Paulus eine große emotionale Beteiligung.

Die Herausforderungen an unser Denken und Glauben:

Für mich halte ich fest: Was Paulus hier sagt, ist kein Automatismus. Das wird schon durch seine so kunstvoll gegliederte Argumentation deutlich, auch durch den ausdrücklichen Rückbezug auf die Psalmen. Das weiß und kennt auch Paulus. Es ist die Anfechtung wohl fast jeden Predigers, dass er nicht sehen kann, wie aus seinem Predigen Glauben kommt. Dass die Antworten ihm verborgen bleiben und er nicht weiß, was seine Worte bewirken an Glauben, Hoffnung, Liebe, ob sie Hände und Füße in Bewegung bringen, ob sie trösten und ermut

Müssen wir vorsichtiger werden? Predigen, damit wir überhaupt (wieder) anfangen, nach Gott zu fragen. Damit wir uns den offenen Stellen im Leben stellen lernen und nicht selbstzufrieden sagen: alles gut. Damit es sich herum spricht: Gott ist im besten Sinn des Wortes frag-würdig. Es lohnt, nach ihm zu fragen. Es lohnt, das Leben offen zu halten und es nicht hermetisch abriegeln zu wollen gegen alle Transzendenz. Gegen Gott.

Vielleicht kann man sich selbst beruhigen: Du sollst nur säen, ernten wird ein anderer. Oder sich sagen: es geht dich nichts an, was Gott aus dem ausgerufenen Wort macht. Oder sich ermahnen: Du siehst ja nur nicht, was wird. Das Wort wirkt im Verborgenen.

Aber es bleibt der Eindruck, vielfach analysiert: In unserem Land wird landauf, landab gepredigt, aber die Resonanz ist gering. Das Volk geht seines Weges. Es braucht anscheinend nicht, was da auf unseren Kanzeln stattfindet. Nicht zum Leben und auch nicht zum Sterben. Ist bei uns der Satz des Paulus damit durch die Fakten widerlegt? Sollten wir also aufhören zu predigen? Lieber nur noch sozial-diakonisch aktiv sein, Nächstenliebe üben, ohne diesen lehrhaften Überbau?

Ich halte allen solchen Überlegungen zum Trotz fest an dem, was Paulus sagt: Der Glauben kommt aus dem Weitersagen, aus der Treue zur Botschaft, aus dem Rufen, das in die Freude ruft, die Christus schenkt. Dazu braucht es Menschen, die den Mund aufmachen, an ihrem Lebensplatz und nicht nur auf der Kanzel.

 

Heiliger barmherziger Gott, manchmal verzage ich, weil ich nicht sehe, wie Dein Wort Antwort findet – bei mir und anderen , weil ich nicht erfahre, dass da Hunger nach Deinem Wort ist.

Manchmal verzage ich, weil ich nicht die richtigen Worte finde, keinen Zugang zu den Herzen, keine Klarheit in der Wegweisung

Herr Gott, lass mich treu bleiben, an Deinem Wort bleiben. Lass mich beständig bleiben im Glauben, dass Du Deinem Wort Frucht schaffst, auch wenn ich nichts davon sehe. Amen