Das Wort in Herz und Mund

Römer 10, 5 – 13

5 Mose nämlich schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt (3. Mose 18,5): »Der Mensch, der das tut, wird dadurch leben.«

Auf das Tun kommt es an. Das ist das Credo unserer Zeit. Wobei wir uns nicht an das Gesetz gebunden fühlen, von dem Mose seinen Satz sagt – denn er redet von den Gesetzen Gottes, wie wir sie im Dekalog und den Weisungen der Tora finden. Mose stellt Seine Hörer*innen und Leser*innen vor die Forderung des Gesetzes. Oder anders: Vor das Gesetz als Forderung, die bis aufs kleinste Jota  – „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“(Matthäus 5,20) – zu erfüllen ist. Das ist der „alte Weg“, den Paulus her unkommentiert und unbewertet zeigt. Aber in Wahrheit doch bewertet durch seine nun folgende Gegenüberstellung.

 6 Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so (5. Mose 30,11-14): »Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?« – nämlich um Christus herabzuholen -, 7 oder: »Wer will hinab in die Tiefe fahren?« – nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen -, 8 sondern was sagt sie? »Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.« Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.

Es ist ein bewusst gewählter Kontrast: „Mose „schreibt“ und die Gerechtigkeit aus Glauben „sagt“. Dem „Schreiben“ des Mose entspricht das Gesetz wie dem „Reden“ der Gerechtigkeit aus Glaube das Wort des Evangeliums.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 225) In einem anderen Brief taucht ein verwandter Gedankengang auf: „Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“(2. Korinther 3,6)

Zugespitzt: Wir müssen nichts mehr tun für die Gerechtigkeit aus dem Glauben. Nicht mehr in den Himmel steigen, nicht mehr in die Hölle hinabfahren – wir müssen nicht mehr Christus zu uns bringen. Weil er ja gekommen ist. Christus ist da. Sein Wort ist nah. Paulus geht in einer großen Freiheit mit den Worten seiner Bibel um. Er liest ihre Worte auf Jesus Christus hin, ohne sich großartig darum zu kümmern, ob sie von Anfang an so gemeint waren. Und er lässt weg, was ihm nicht in seine Argumentation passt: Denn im 5. Buch Mose geht der Satz weiter: „Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass Du es tust.“(5. Mose 30,14) Freilich täte man Paulus, diesem Missionsaktivisten bitter Unrecht, wenn man sagte: Mit dem Tun hat er es nicht so. Doch, aber nicht mehr als Weg zum Heil.

So stützt sein Lesen seinen Glauben: Wir müssen die Gerechtigkeit Gottes nicht erwerben, den Messias nicht herbei zwingen. Er ist gekommen in Jesus, dem Christus. Bestätigt durch die Auferstehung. Darum kann sich Paulus allen Versuchen verweigern, durch den Gehorsam gegen das Gesetz das Kommen des Messias zu erzwingen, so wie es manche Rabbinen erhoffen: „Wenn Israel nur einen Sabbat richtig einhalten würde, dann würde der Sohn Davids kommen.“ (zit. nach W. Klaiber, aaO. S. 180) 

            Man kann danach fragen, ob dieses Reden vom Wort im Mund und im Herzen nicht ein indirektes Reden vom Geist ist. Der macht uns ja das Wort gegenwärtig, macht uns Christus gegenwärtig. Wo der Geist ist, ist der Herr.

9 Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. 10 Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.

            Paulus bleibt bei Mund und Herz. „Aus dem Wort entsteht das Bekenntnis, dass Jesus der Herr sei; und durch das Herz geschieht das Glauben, das ihn den von Gott Auferweckten heißt.“ (A. Schlatter, aaO. S. 314)  Es mag sein, wie viele Exegeten vermuten, dass hier auf die Tauf-Liturgie der ersten Christen Bezug genommen wird – da wird ja der Glaube des Herzens mit dem Mund bekannt – aber unabhängig davon geht es um das Zusammenspiel von Herz und Mund. Der Glauben bleibt keine reine Herzensangelegenheit. Er wird, paradox genug, zum Mundwerk. Er will gesagt werden, auch weiter gesagt werden.

Man könnte diese Sätze wie Bedingungen lesen – für gerecht werden und gerettet werden. Dann erzeugen sie einen Druck ohne Ende mit einem Gewicht, das nicht zu tragen ist. Dann ist auf einmal doch wieder der Mensch seines ewigen Heils Schmied.

So lese ich diese Sätze nicht – nicht als Zulassungsbedingungen zum Heil. Sie rufen aber die Elementarformeln des Glaubens ins Gedächtnis. Das sind die Sätze, mit denen Christen ihren Glauben aussagen: „Jesus ist der Herr!“(2. Korinther 4,5) Und: „Gott hat Christus von den Toten auferweckt.“(Galater 1,1) Das wird nicht einfach so dahin gesagt – es wird zum Glauben und zum Bekennen. Für Paulus ist Glauben und Bekennen zwar zu unterscheiden, aber nie zu trennen. Glauben führt zum Bekennen und Bekennen stärkt den Glauben.      

Elementarformeln – wo wir dogmatische Formeln hören, geht es Paulus gleichwohl in Wahrheit um mehr. Es geht um die Hoffnung, die mit gott auch dann noch rechnet, wenn nichts mehr zu hoffen ist .- so hat er es ja an Abraham und Sarah durchbuchstabiert. Es geht um die Freiheit, die darin ihren Grund hat, dass allein Jesus der Herr ist und alle anderen Herren keine Ansprüche mehr an das Leben aufrichten können, denen sich die Christ*innen u unterwerfen haben. Es geht nicht um korrekte Satzwahrheiten, sondern seine Sätze sind Einladung in die Freiheit, in den Christus-Raum. Glauben besteht nicht in der Übernahme von Satzwahrheiten, sondern in der Hingabe an Christus. Die gelingt nicht immer in gleicher Weise, manchmal scheitert sie sogar, weil die Angst um das eigene Ich stärker ist. Und doch gilt die Aufforderung, sich die Wahrheit, für die diese Sätze stehen, anzueignen, sich in sie zu bergen. Sich an den Herrn Jesus zu halten und die Hoffnung auf ihn zu setzen.

Wobei es im Blick auf das Wort „bekennen“ hilfreich ist, einmal mehr im Griechischen genauer nachzuschauen. μολογεν kann heißen: „übereinstimmen, dasselbe sagen, beistimmen, anerkennen, preisen.“ (Gemoll, aaO. S. 542) Bekennen ist also nicht automatisch der einsame Akt des „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Es ist vielmehr auch und oft zuerst die Zustimmung zu Sätzen, die andere mit mir sprechen, mir vielleicht sogar zunächst vorsprechen. Darum auch sprechen wir Sonntag für Sonntag das Glaubensbekenntnis, um einstimmen zu lernen und daraus dann auch das Sagen, wenn ich gefragt werde.

            „Nicht in der Einsamkeit kann der Mensch ein Glaubender werden; er wird es nur durch die Gemeinschaft mit denen, die ihm das Wort des Glaubens sagen.“ (A. Schlatter, aaO. S. 315) Selbst wenn ich es nicht so absolut und ausschließlich sagen würde, stimme ich in der Tendenz zu. Der Schritt zum Glauben und das Bekennen braucht die Anderen, die mit mir auf dem Weg sind. Manchmal mich mitnehmen, manchmal auf mich warten, manchmal für mich einspringen, wenn es mit meinem Bekennen und Glauben nicht so weit her ist.

           Bekennen ist auch nicht ein bloßes Hersagen von Fakten, sondern in der Grundbewegung Loben und Preisen.

Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke.                                       Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke                                               Wie du warst vor aller Zeit so bleibtst du in Ewigkeit.        I. Franz 1768  EG 331

            Das ist Bekennen in Reinkultur. Zustimmen, einstimmen, sich in eine Gemeinschaft stellen, die sich so Gott zuwendet. Hingerissen sein und erfüllt. So betrachtet ist der Lobpreis-Gottesdienst immer ein Bekenntnis-Gottesdienst.

 11 Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« 12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. 13 Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5).

Das ist Zusage der Schrift, die Paulus gern weiter gibt. Weil sie zeigt, dass seine Worte ihren Grund nicht in irgendwelchen abwegigen Gedankengängen haben. Sie fußen auf dem Glauben der Väter. Sie haben das Wort für sich. Dieses Wort gilt allen gleich – Juden und Griechen, weil es ja der eine Herr ist, zu dem alle rufen.

Jetzt ist Paulus wieder ganz bei seinem Evangelium und zitiert deshalb den Propheten Joel. Freilich mit einer bedeutsamen Verschiebung. Für Joel ist der Name des Herrn JHWE, der HERR. Für Paulus der Name des Herrn Jesus Christus. Diese Verschiebung ist nicht nebensächlich. Für das Gespräch mit Juden ist sie die große Belastung.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Paulus könnte auch, statt des Propheten den urchristlichen Hymnus zitieren:  „In dem Namen Jesu sollen sich beugen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Philipper 2, 10-11) Ich überlege: Vielleicht hat Lukas wie Paulus auf den Hymnus zurück gegriffen, oder doch diese Worte des Römerbriefes gekannt, wenn er schreibt: „Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.“ (Apostelgeschichte 4,12)

Erschreckend, was ich erzählt bekomme von einer guten Bekannten, die von einer frommen Frau bedrängt wird, dass ihr Beten und ihr Glauben erst dann richtig sei, wenn es den Namen Jesu anruft und nicht sich zufrieden damit gibt, Gott, den Vater anzusprechen. Es fehlt im Glauben nichts, wenn wir zu Gott rufen, wenn wir Gottvertrauen haben. Und es nimmt dem Vater nichts von seiner Ehre, wenn Christen den Namen Jesu anrufen, weil sie in ihm sich gerettet wissen. Ist er doch der Welt durch den Vater zur Rettung gesandt. So wie wir es an Weihnachten singen:

            “Christ, der Retter ist da”           J. Mohr 1838, EG 46

 

Gott, Worte können wie Brot sein, die Seele nähren, das Herz sättigen, die Sehnsucht stillen. Worte können wie Brücken sein, Fremde zueinander führen, Abgründe überspannen, Trennung überwinden. Worte können wie ein Haus sein, bergen, wärmen, ausruhen lassen. Worte können wie ein Gesicht sein, strahlen, lächeln, ermutigen

Gott, Dein Wort ist mir Brot, Brücke, Haus, Gesicht geworden. Amen