Wie weit würden wir gehen?

Römer 9, 1 – 5

1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe.

       Unmittelbar zuvor hat Paulus eindrücklich seine Hoffnung beschrieben, wenn man so will, sein persönliches Bekenntnis formuliert. An dieses persönliche Bekennen schließen sich diese Worte „einer feierlichen Beteuerung(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 192)  jetzt an. Sie  reden von dem Schmerz und der Traurigkeit, die Paulus empfindet, die ihm zu schaffen machen. Wobei die Versicherung Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, ein Hinweis darauf ist, dass es nicht um Nebensächlichkeiten geht. „Der Apostel fühlt sich von außen angegriffen und von innen angefochten.“ (W. Klaiber, aaO. S. 165) Vielleicht hat er Sätze im Ohr, die ihm Verrat an Israel vorwerfen, ihn für abgefallenen vom Glauben der Väter erklären.

               So geht es im Folgenden nicht um etwas, das man auch einmal diskutieren kann, auch nicht nur um Lehrsätze. Es geht um Sachverhalte, die Paulus im Innersten schmerzen, die ihm schwer zu setzen, weil damit seine eigene Existenz als Jude mit auf dem Spiel steht. „Die Synagoge sieht ihn als “Abtrünnigen“ und als „Verführer“ an.“ (O. Michel, ebda.) Wir dürfen das nicht vergessen: Die Worte, die Paulus schreiben wird, sind die Worte eines „Juden“, der in Jesus Christus seine Gerechtigkeit erfahren hat. Es sind nicht die Worte eines Griechen, der zum Glauben  an den Christus gekommen ist.

„Der Schmerz, der ihn Israels wegen peinigt, setzt nie aus.“(A. Schlatter, aaO. S. 293) Dass es in diesem Schmerz um Israel geht, erfahren wir erst in den nachfolgenden Worten. Dann aber ist es der Größe des Schmerzes geschuldet, dass es Paulus einen langen Atem, viele Worte kostet, um seinen Schmerz und den Weg zu einer Lösung zu beschreiben.

 3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch,

            Ein Satz zum Erschrecken. Wenn er die Wahl hätte, würde Paulus das eigene Heil preisgeben, wenn er dadurch seinen Brüdern und Schwestern den Weg zu Christus öffnen könnte. So weit würde Paulus in seiner Liebe zu seinen Schwestern und Brüdern gehen, dass er seine Verbundenheit mit Christus zumindest zeitweise auflösen würde, wenn dadurch der Weg für Israel zu Christus frei würde. Ob in diesen Worten mitschwingt, dass er die ewige Seligkeit drangeben würde, ob er eine ewige Gottesferne auf sich nehmen würde, die Vollendung im Reich Gottes, wenn dadurch Israel Gott in Christus neu nahe käme,  wage ich nicht zu beurteilen. Das allerdings sehe ich: Nie ist Paulus näher an Christus und seiner Liebe, als in diesen Worten. Christus hat sein Leben auch nicht geschont, für sich selbst behalten. Er hat es hingegeben für das Leben der Welt.

Das jedenfalls will Paulus nicht: Auf Kosten der Juden gerettet sein. Sondern das wünscht er, dass seine eigene Hingabe ein Weg zum Heil Israels sein könnte.  Diese „Opferbereitschaft bekennt ausdrücklich, dass eine Bruderschaft menschlich-irdischer Art zwischen Paulus und seinem Volk weiter besteht, auch nachdem die Gemeinde Jesu Christi gegründet ist.“ (O. Michel, aaO. S. 196)Paulus vergisst nie, dass er Jude ist und will es auch bleiben. Er lässt sich nicht von seinem Volk trennen.

Sein ich wünschte allerdings ist ein Wunsch, von dem Paulus weiß, dass er unerfüllbar ist. „Ηὐχόμην drückt eine unerfüllte, unerfüllbare Bitte aus.“ (U. Wilckens, aaO. S. 187) Er, Paulus, kann nicht die Stelle Christi einnehmen. Er kann nicht den Weg zum Heil für Israel öffnen. Dieser Weg ist schon offen durch das Kreuz, allein durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus.

Diese Haltung des Paulus lässt mich fragen: Wie steht es bei uns, bei mir, mit dem Schmerz darüber, dass es viel Gleichgültigkeit dem Glauben gegenüber gibt, abgebrochene Glaubenswege, ins Leere gelaufenes Rufen zum Glauben? Kenne ich diesen Schmerz wie Paulus? Oder beantworten wir, ich, Gleichgültigkeit dem Glauben gegenüber durch Gleichgültigkeit denen gegenüber, die nicht glauben? Fragen über Fragen. Und ich spüre Unbehagen, spüre die offene Wunde, die dieses Fragen hinterlässt. Bei mir und wohl nicht nur bei mir.

4 die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

Es fällt auf – Paulus redet von seinen Stammverwandten nach dem Fleisch, die Israeliten sind. κατ σρκα. Es ist eine unverlierbare Würde, die sie haben, denn sie teilen die Herkunft mit Christus. auch er ist  κατ σρκα, nach dem Fleisch Jude. Mir scheint, dass Paulus hier bewusst zweimal die gleiche Wendung nimmt, um zu betonen: Man kann nicht Christus von Israel trennen, nicht die Israeliten von Christus.  Wer den jüdischen Christus verloren hat, behält nichts übrig, auch keinen christlichen Christus.

Diese Stammverwandten nach dem Fleisch sind, so kann ich verstehen, „nur“ der eine Teil seiner Brüder. Denn Paulus hat ja auch noch die Brüder, die nicht aus Israel kommen, die aus den Heiden stammen. Brüder κατ πνεμα, nach dem Geist. Er nennt diese Stammverwandten, mit denen ihn die gemeinsame Herkunft verbindet, Israeliten, nicht Juden. Das ist die Erinnerung an den alten Würdenamen Israel, den Gotteskämpfer. Das Wort Juden vermeidet er in dem gesamten Abschnitt 9 – 11. Vielleicht, weil es im Umfeld Roms einen negativen Klang hat?

Aber vermutlich genau darum zählt Paulus auf, was die Würde Israels ausmacht: die Kindschaft, die Herrlichkeit, die Bundesschlüsse, das Gesetz, der Gottesdienst, die Verheißungen, die Väter. Nicht als Vergangenheit, sondern als Gegenwart. Das sind ihre Gaben bis heute. Es gilt, weil es von Gott her unverbrüchlich zugesagt und zugeeignet ist: Kindschaft, υοθεσα und Herrlichkeit δξα. Das sind nicht Eigenschaften Israels, wohl aber bleibende Gaben Gottes an Israel. So hält Paulus daran fest, dass Israel bleibend anders ist, ausgezeichnet durch die Wahl Gottes. Und schließlich und endlich: Aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Es macht die unverlierbare Würde Israels aus, dass Jesus Jude ist, dass der Christus aus Israel kommt. „Das Heil kommt von den Juden.“ (Johannes 4,22) ist eine diesen Sätzen verwandte Aussage.

Der Satz über die Gaben Israels schließt mit: der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. Eine Doxologie, ein Lobpreis Gottes. Eine Danksagung für die zuvor aufgezählten Heilsangaben an Israel. Das gibt es bei Paulus öfters, dass er in seinen Gedankengang so einen Lobruf einstreut. Diese Lobrufe sind immer auf Gott bezogen.

Der Lobruf führt in eine brisante Frage: Was passiert hier? Nennt Paulus den Christus nach dem Fleisch Gott? So kann man ja die Luther-Übersetzung verstehen. Der Relativ-Satz der da ist Gott über alles bezieht sich auf Christus. Das würde allerdings völlig herausfallen aus dem, wie Paulus sonst redet. Darum ist die Mehrzahl der Exegeten für eine andere Leseweise. Sie lesen die Doxologie als eigenständigen Satz, der Gott lobt: „Gott, der über allem ist, sei gepriesen in Ewigkeit“(U. Wilckens, aaO. S. 186) Ähnlich Stuhlmacher; Klaiber, u.a.

            Anders ist es bei den Bibelübersetzungen! Sie folgen, mit Ausnahme der Gute-Nachricht-Bibel, der Lutherübersetzung, nach der Christus als der Gott über alles gelobt ist. So redet Paulus sonst nicht von Gott, auch nicht von Christus, dass er sagt: Christus sei über allen Gott. Nur hier? Warum? „Der, an dem Gott geschaut wird, wird für die, denen sich Gott in ihm offenbart, zum Gott.“ (A. Schlatter, aaO. S. 295) Mir leuchtet das ein.

Was mich beschäftigt:

Es gibt eine seltsame Gedächtnislücke in der Christenheit: der Anfang der Nachfolge-Gemeinschaft ist durch und durch jüdische geprägt. Die ersten Christus-Gläubigen sind Juden, die in ihm den Messias Israels erkannt haben – nach seiner Auferstehung. Wir haben diese jüdischen Glaubensbrüder und -schwestern weithin vergessen. Mit einem einigermaßen schlechten Gewissen – wegen der shoa – versuchen christliche Kirchen, inzwischen mit Israel umzugehen und die jüdischen Wurzeln neu zu finden. Sie überspringen dabei, dass es auch heute Israeliten nach dem Fleisch gibt, die an Jesus als den Messias glauben. wir müssen wohl neu lernen, den Juden Paulus, der an Jesus als seinen Christus glaubt, ernst zu nehmen. In seinem Jude-bleiben und seinem Christsein.

Ich kann diesen Abschnitt nicht lesen, ohne große Scham zu empfinden. Über lange Jahrhunderte hinweg waren diese Worte des Paulus nur ein „Einschub“, fast so etwas wie ein gedanklicher Irrläufer für christliche Theologen. Der Emotion des Paulus geschuldet. Ausdruck einer persönlichen Schwäche. Weil wir als Christenheit an die Stelle Israels getreten waren, es ersetzt hatten, zählte nicht, was Paulus hier geschrieben hat. Für Paulus aber steht mit Gottes Treue zu Israel das Evangelium auf dem Spiel Die Heilsgaben Gottes an Israel können nicht veralten und verfallen. Weil sonst über dem Evangelium ja auch ein unsichtbares Verfallsdatum stehen könnte.

 

Manchmal, mein Gott, frage ich mich: Wie weit würdest Du gehen für andere? Wie viel darf es kosten, dass es ihnen gut geht, dass sie den Weg des Lebens finden? Wie viel ist mir ihre Seligkeit wert?

Solange das mit Geld abzugelten ist, mit dem Einsatz von Kraft und Zeit, mag es ja noch hingehen.  Was aber, wenn es das Leben kosten könnte?

Ich weiß es nicht, mein Gott, wie weit ich gehen würde. Ich bin froh, dass Du über allen Grenzen hinaus gegangen bist in Deiner Liebe , um uns zu gewinnen, für immer. Amen