Wir habn einen Dolmetscher

Römer 8, 26 – 30

26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf.

            Das ist Trostwort an die, die es schwer haben mit dem Harren. Denen manchmal die Kraft zu warten ausgeht. Die nicht mehr wissen, ob sie ihren Glauben durchhalten, ob sie sich selbst ihren Glauben noch glauben können. So wie der Geist Hoffnung entzündet, so hält er sie im Brennen. Großartig: Der Geist passt sein Wirken denen an, in denen er wirkt.  Was hier gesagt ist, ist eine Entlastung: wir müssen als Christ*innen nicht immerzu stark im Glauben sein, kraftstrotzend. Wir können es uns – Gott gegenüber – erlauben, uns schwach zu zeigen, unsere Schwäche – σθενεα –  einzugestehen. Ob das bei den Brüdern und Schwestern immer gut ankommt, mag auf einem anderen Blatt stehen. Vor Gott müssen wir nicht die Starken mimen, wenn es uns schlecht geht.

Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.

            Auch darin zeigt sich unsere Schwachheit: wir wissen nicht, was wir beten sollen. Wie oft fehlen die Worte. Wie oft fehlt die Kraft, wie oft auch der Mut. „Auch der Christ steht vor dr Frage, o er in seinem Beten dem Willen Gottes gerecht wird.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 178) Manchmal auch wissen wir gar nicht, was wir denn erbitten sollen – Heilung, Genesung oder einen sanften Tod? Es ist nicht damit getan, sich seine Wünsche klar zu machen, um dann kräftig beten zu können. Manchmal verschließt es einem einfach den Mund.

Dann aber hört unser Beten nicht auf vor Gott. Der Geist selbst vertritt uns – über alle Worte hinaus. Es ist ein „rätselhafter Ausdruck στεναγμος λαλτοις.“ (O. Michel, ebda.) unaussprechliches Seufzen. Das Wort für unaussprechlich könnte auch übersetzt werden mit unausgesprochen. Dann würde der Geist sich unseren stummen Schrei zu eigen machen. Auch unser Schweigen, weil uns die Worte ausgegangen sind. Seufzer, die nicht in Worte zu fassen sind. Oder weil wir spüren, dass alle Worte nicht hinreichen zu sagen, was wir ersehnen. Das vertretende Wirken des Geistes ist eine Vorstellung, die mir sehr hilft. Weil sie mir frei sein hilft von der Vorstellung, irgendein Gebets-Programm oder irgendein Gebets-Formular ausfüllen zu müssen.  Keine Liste ist abzuarbeiten, keine heiligen Worte sind nötig, auch kein Herzens-Gebet. Ich habe Anteil am Atem Gottes, am Hauch seines Geistes und er weiß schon, was mein Seufzen ist. 

Es ist für eine Zeit, in der die Angst vor dem ausgeforscht Werden umgeht, eine Botschaft, die schwer zu hören ist und doch zugleich gut zu hören:  Der aber die Herzen erforscht, der weiß,… So sieht Paulus mit der Schrift Gott. Er ist der, der die Herzen kennt. Der unser Denken kennt.

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                   du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                                  Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                         und siehst alle meine Wege.                                                                                   Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                    das du, HERR, nicht schon wüsstest.            Psalm 139, 2 – 4

             Aber nun eben kein Späh-Programm, um Belastungsmaterial zu sammeln und zu sichten. Sondern ein Sehen, das zur Fürsprache werden will. Ein Erforschen, das zur Stellvertretung werden will. Ein Suchen, das nach dem guten Wort Ausschau hält.  Alles, um sagen zu können: Was immer auch gegen ihn, gegen sie sprechen mag – ich vertrete ihn, sie. Ich stehe für ihn, für sie  ein. Es ist schon so: „Der Gott, dessen Geist für die eintritt, die nicht wissen, was sie beten sollen, ist der Gott, der die Gottlosen rechtfertigt und die Toten auferweckt.“(W. Klaiber, aaO. S. 154) 

 28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.

    Wenn Paulus hier sagt: Wir wissen, dann schließt er sich zum wiederholten Mal mit seinen Leserinnen und Lesern zusammen. „Paulus setzt mit einem überlieferten Lehrsatz ein.“ (O. Michel, aaO. S. 180)Er sucht wieder ihr Einverständnis. Er will sie ja auch ernst nehmen in dem, dass sie schon Christ*innen sind und nicht ahnungslos, nicht unmündig. Dass sie eigene Erfahrungen und ein eigenes Wissen des Glaubens haben. Aber auch das ist wichtig, dass dieses Wissen ist Wissen von anderer Art ist als unser Wissen um die Tatbestände des Alltags.

Es ist eine Gewissheit, die sich aus der Liebe zu Gott nährt, die im Vertrauen auf ihn ihren Grund hat. „Gott kann es nicht böse mit uns meinen.“ Sagt diese Gewissheit. „Gottes Wege sind immer gut.“ Singt sie. Es ist eine Gewissheit, die den Mund voll nimmt, vielleicht sogar zu voll, weil sie vertraut. Es ist nicht das Anliegen des Paulus, einen allgemeingültigen, theoretischen, philosophischen Satz von sich zu geben. Wo man das aus diesem Satz macht, wird er falsch und unter Umständen bösartig.

Manchmal ist es gut, im griechischen Text nachzuschauen. Da steht viel vorsichtiger als es unsere Luther-Übersetzung behauptet: ες γαθν, zum Guten. Vom Besten ist keine Rede, auch, weil Paulus wohl nicht so versessen ist auf Superlative. „Das Gute ist hier jüdische Umschreibung für das Heilsame.“(O. Michel, aaO. s. 181) Es geht als in keiner Weise darum, dass alles glatt läuft, alles sich nach unseren Wünschen entwickelt, und die Lebensqualität ins Unermessliche gesteigert ist.

„Illusionen sind in diesen Satz nicht hineingemengt; denn er hebt den Gegensatz zwischen der Lust und dem Schmerz, den Gütern und den Übeln, dem Glück und dem Unglück nicht auf und heißt nicht alles unterschiedslos ein Gut.“(A. Schlatter, aaO. S. 281) Eben nicht: Alles wird gut und schon gar nicht: Alles ist gut. So redet Paulus nicht zu uns. Wohl aber so, dass er uns in unserem Vertrauen herausfordert auf Gott in Christus. Dass er uns Gott vor Augen stellt, seine Güte, seine Treue, seine Liebe. Und unsere Liebe zu diesem Gott. In dieser Liebe geschieht es, dass wir ihn mit allem, was uns bewegt, suchen, dem Schmerz und der Freude, dem Stöhnen und dem Staunen, dem Klagen und dem Aufatmen. Und erfahren: Ich bin in ihm, bei ihm gut aufgehoben.

So nur so kann ich nachsprechen, was Paulus mir vorgesagt hat. Mir diesen Satz zu eigen machen für mein Leben. Und manchmal vielleicht sogar vorsichtig mit einem anderen auf die Suche danach gehen, dass er oder sie auch einstimmen kann. Oft genug erst nach langer Zeit und im Nachhinein. Aber nicht mittendrin im Schmerz.

 29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Das ist das, was Paulus meint mit zum Besten dienen. Gott hält seine Berufung durch. Gott lässt die nicht fallen, auf die er sein Auge geworfen hat. Was auch immer geschieht – Gott nimmt es hinein in seinen Weg und bringt es an sein Ziel. Es ist der Vorsprung des Handelns Gottes, um den es Paulus hier geht. Das Leben des Christen beruht darauf, dass Gott ausersehen hat, vorherbestimmt hat, berufen hat, gerecht gemacht hat, verherrlicht hat. „Von Gott her und nach seinem Willen ist bereits vollendet, was sich heilsgeschichtlich erst auf Zukunft hin entfalten und vollenden kann.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 125) Noch einmal: Es liegt alles am Handeln Gottes. Nicht am Tun des Menschen.

Das mag man auch Prädestination nennen. Mir gefällt besser: Es ist eine triumphierende Antizipation.“ eine Vorwegnahme, die allem Dinkel der eigenen Existenz wiederstreitet. Es sichert den Vorsprung, die unumkehrbare Reihenfolge: All unser mehr oder weniger frommes Tun und Leben ruht darauf auf, dass Gott sich für uns entscheiden hat. Wo? Im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.

Frühere Generationen haben das, was hier aufleuchtet „Heilsgewissheit“ genannt. Das ist inzwischen ein theologisches Fremdwort, auch, weil es eine Verwechselung mit Heils-Sicherheit gen kann. Auf Latein: certitudo – Gewissheit – securitas – Sicherheit. Es gibt im Glauben keine Sicherheiten, keine Garantien, nichts, was ablösbar wäre von der Beziehung zu Christus als dem Heil Gottes. Das allerdings gibt es im Glauben: Die Gewissheit – Er wird mich nicht fallen lassen. Er hat sich festgelegt für mich, sich festnageln lassen auf mein Heil.

Das hebt die Möglichkeiten nicht auf, die jeder Christ und jede Christin kennt: Anfechtungen, Zweifel. Verzagen, das einem die Kehle zuschnürt. Das Erlahmen der Kraft zum Warten und hoffen. Das alles kann lang werden und wird manchmal so schwer, dass es scheint, es kommt kein neuer Tag mehr. Die Gewissheit des Heils beruht nicht darauf, dass das alles nicht mehr ist – sie beruht allein darauf, dass Gott mit seiner Berufung an mich an sein Ziel kommen wird. Heilsgewissheit ist keine psychologische Kategorie – sie ist Gabe Gottes.

Was mich beschäftigt:

In diese Heilsgewissheit eingebettet sind auch die Phasen, in denen wir nicht wissen, was wir beten sollen, wie wir beten sollen. ein Ausflug in die eigene Frömmigkeits-Geschichte: Aus meiner Sicht von heute sind die Gebetslisten früherer Tage auch ein ausweichen vor dem Nicht-Wissen, was jetzt als Gebet „dran“ ist. Ausweichen in Wörter vor der Sprachlosigkeit, die nur noch plappert. Heute geht es mir oft so, dass mein Beten nur noch ein stummes Hinhalten des ganzen Lebenswirrwarrs ist, den ich um mich sehe und an dem ich meinen Anteil habe. Ich halte meine Ratlosigkeiten Gott hin – ohne Lösungsvorschläge. Es is nicht mehr mein Ding, Lösungen zu finden Ich habe zu lernen, dass die Lösungen Gottes eine andere Tragweite haben als alles, was mir vorschwebt.

Die Worte des Paulus in diesem 8. Kapitel des Briefes nach Rom wollen mir fast zu groß werden. Ich weiß schon, dass der Glaube manchmal üer ie Faktizität des Gegenwärtigen hinausschauen muss, dass er unter den Verheißung Gottes auch groß denken darf. Ich sage es auch manchmal: Der Glaube darf den Mund auch einmal voll nehmen. Und doch wollen mir diese Worte fast den Atem nehmen. Es ist gut, dass ich sie mir gesagt sein lassen darf. Sie kommen mir entgegen und ich spreche sie nach – wie kümmerlich es auch im Augenblick um meinen eigenen Glauben bestellt sein mag. Ich krieche in diese Worte hinein, in der Erwartung, dass Gott selbst sie in mein Leben hinein bewahrheiten wird.

 

Gott, es redet sich leicht über das Wetter, den Urlaub, über Hin und Kunz und Belanglosigkeiten. Was uns aber belangt, angeht, berührt, darüber redet es sich schwer.

Wenn einer klagt, fragt, seinen Schmerz herausschreit. Wenn wir selbst fragen, klagen, nicht weiter wissen, wenn wir übervoll sind vor Glück, vor Lust, vor Dankbarkeit – finden wir dann Worte?

Verstummen wir, weil uns die Worte fehlen und wir uns Worte anderer nicht zu leihen trauen?

Du fragst nicht danach – ob wir wortlos oder wortreich, beredt oder unbeholfen zu Dir beten – Du siehst unsere Liebe und übersetzt Schweigen und Gestammel in die Sprache der Liebe. Sieh Du  die Liebe des Sohnes, wo unsere Liebe und unsere Worte sich erschöpfen –  sie spricht für uns. Amen