Das Ziel vor uns

Römer 8, 18 – 25

18 Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

            Paulus bleibt bei dem Thema der kommenden Herrlichkeit. Die offenbar werden soll, demnach noch nicht offenbar ist. Paulus neigt nicht dazu, die Schmerzen und Ängste der Gegenwart zu überspringen.  Sie sind ja sichtbar vor aller Augen, die Leiden, παθματα, die tief ins Leben reichen und es oft bitter machen: Ausgegrenzt sein, misstrauisch beobachtet werden, unter Verdacht stehen. Oder auch einfach nicht ganz ernst genommen werden. Das alles sind „Passionen um Christi willen“, nicht die kreatürlichen Leiden, die alle, ob gläubig oder ungläubig ertragen müssen.

Paulus kann von sich selbst sagen: „Ich bin oft in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern;“(2. Korinther 11, 23 – 26) Und sagt dann: Das fällt alles nicht ins Gewicht gegenüber dem lohnenden Ziel, gegenüber der Ewigkeit Gottes, gegenüber dem „ihn sehen, wie er ist.“ (1. Johannes 3,2)

Es ist eine seltsame, für uns ungewohnte Weise des Vergleichens. Und doch kennen wir so etwas auch: Der Sportler nimmt um seiner Ziele willen Verzicht auf sich. Er/sie kann nicht feiern gehen wie die Alterskohorte. Er/sie muss sich immer wieder selbst disziplinieren, damit er das Ziel erreicht. Das Ziel lohnt alle Verzichte. Für Politiker gilt ähnliches, für große Künstler wohl auch. Immer ist es das größere Ziel, das alle Anstrengung relativiert, erträglich erscheinen lässt. So auch hier: „Das Maß des Leidens, das Gott zuteilt, und dass Maß der verheißenen Herrlichkeit haben ein ganz verschiedenes Gewicht.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 172) Vom Ende, dem Ziel her denken – das kann man bei Paulus lernen. Auch heute.   

19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. 20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; 21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. 22 Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.

            Es gibt, so fährt Paulus fort, eine große Wartegemeinschaft, eine Gemeinschaft im Harren, im Ausschau-halten. Danach, dass die Kinder Gottes offenbar werden. „Dass Gottes Söhne und Töchter voll und ganz zu ihrer Bestimmung finden und dies für alle erfahrbar wird, das ist auch Hoffnung für die Schöpfung.“(W. Klaiber, aaO. S. 148) Dann wäre also das ängstliche Harren ein Fragen: Wann endlich werden die Kinder Gottes, was sie sein sollten – barmherzig, geduldig, achtsam, eine Wohltat für die Schöpfung? Wann hören sie auf, sich als die Herren der Welt aufzuspielen?

Was aber meint „die Schöpfung“? Κτσις – mein Wörterbuch belehrt mich: „Gründung, Erschaffung, Ordnung, Schöpfung, Geschöpf.(Gemoll, aaO. S. 456) Genau hier beginnt der Streit.

Die einen sagen, dass hier die Tierwelt, die Pflanzenwelt, unsere Mutter Erde als Ganzes, als Lebensraum gemeint sei. Dann wartet also  der ganze Erdball, ja das ganze All darauf, dass die Christ*innen endlich werden, was sie von Anbeginn an sein sollen. Die andere sagen: Es geht um die Menschheit – sie wird mit dem Wort Schöpfung bezeichnet. Die Folgerung daraus: „Paulus spricht von der doppelten Offenbarung des Lebens, von einer ersten, die den Kindern Gottes zuteil werden und ihnen die herrliche Freiheit bringen wird, und einer darauf folgenden, die den Tod von der Menschheit wegnehmen wird.“ (A. Schlatter, aaO. S. 273) Schließlich gibt es noch die Stimmen, die beides miteinander verbinden: Schöpfung ist alles – Tiere, Pflanzen, Menschheit.

Der Einwand, der erhoben wird, heißt: Warten, Harren, sich Sehnen – das ist doch allzu menschlich von Tieren und Pflanzen, von der Erde geredet. Harren, sich Sehnen, das setzt doch Bewusstsein voraus. So eng freilich denkt und redet die Bibel nie – sie weiß vom „Reden“ der Himmel und der Erde.

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,                                                                                     und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.                                                                        Ein Tag sagt’s dem andern,                                                                                                         und eine Nacht tut’s kund der andern,                                                                                     ohne Sprache und ohne Worte;                                                                                           unhörbar ist ihre Stimme.                             Psalm 19, 2-3

Sie weiß, dass sogar Esel ihre Stimme erheben können, wenn sie sich zu Unrecht behandelt fühlen. (4. Mose 22,28ff) Von daher ist das Harren der Kreatur nicht so einfach einzugrenzen auf die Menschheit.

Ich glaube, dass wir in unserer Zeit hellhöriger geworden sind, als es manche Zeit zuvor war. Hellhöriger für das Schreien der Kreatur, für das Leiden unserer Mitgeschöpfe. Man muss nicht alle ökologischen Übertreibungen mitmachen, um zu dem Schluss zu kommen: Wir müssen einen neuen Umgang mit den Tieren, den Pflanzen, der uns anvertrauten Erde lernen. Wir können nicht weitermachen mit den Wunden, die wir schlagen. Nicht nur, weil wir uns den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Sondern weil in der Art unseres Umgangs mit der Welt etwas aufleuchten soll von der Güte Gottes, die uns bestimmt, von seinem Erbarmen, von seiner Treue – und darin eben sichtbar wird, dass wir als Kinder Gottes leben. In seiner Spur und seinem Geist.

Woran Paulus vor allem liegt, ist die Hoffnung. Sie liegt über der ganzen Welt. Sie lässt alle Ausschau halten nach der Revision des Falls, nach der Überwindung des Risses, der durch die Schöpfung geht, nach dem frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit. „Die Sklaverei unter … dem Kreislauf von Stirb und Werde, bei dem der Tod das letzte Wort zu haben scheint, wird auch für die Schöpfung dadurch beendet werden, dass Gott sie in die Freiheit führt.“ (W. Klaiber, aaO. S.149) Es ist der Tod, die Vernichtung des Lebens, der knechtet. Das Ende dieser Knechtschaft ist die Sehnsucht, die alle und alles beseelt.

23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. 24 Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung.

            Auch die Christen sind noch nicht am Ziel. Auch für sie ist das Warten noch nicht vorbei. Es ist vielleicht sogar umgekehrt: Gerade wer schon den Geist als Erstlingsgabe empfangen hat, kennt die Sehnsucht, das Warten, das Seufzen, die Hoffnung über den Tag und die Zeit hinaus. Das Leben in der Gemeinde, unter dem Einfluss des Geistes „bindet erst recht an die Zukunft und gibt den Ruf nach Erlösung eine eigene Gestalt.“ (O. Michel, aaO. S. 175) Wenn es eine erwartungslose Christenheit gibt, die nicht mehr auf Erlösung hofft, so verleugnet sie in dieser Haltung auch den Geist. Denn der macht zu wartenden, hoffenden Leuten. Sie würde auch mit der ersehnten Kindschaft, wieder steht hier υοθεσα – die gegenwärtige Annahme an Sohnes statt verleugnen.

Wer die Hoffnung preisgibt, verliert damit auch die Gegenwart. Die Hoffnung auf Erlösung geht aufs Ganze: Auf die Erlösung des Leibes, auf die Erlösung der Schöpfung, auf die neue Erde und den neuen Himmel, auf die ewige Stadt, in der kein Dunkel mehr ist, weil Gott ihr Licht ist.

      Gerettet – ja. Aber noch nicht am Ziel. „Dass wir die Sohnschaft empfangen und doch noch erhoffen ist ein logischer Widerspruch.“ (O. Michel, aaO. S. 176) Es ist die Spannung, die auf die knappe Formel gebracht werden kann: schon jetzt – noch nicht. Das Ziel vor Augen ist mann doch noch nicht am Ziel. Aber gewiss, dass es schon erreicht ist, auch wenn die letzten Schritte noch zu tun sind. Wir sind da – sagt einer und weiß: gleich. Das Wort „Erlösung“πολτρωσις ist für Paulus kein Wort, das lediglich den gegenwärtigen Stand der Christen beschreibt, sondern ein Zukunftswort.  Darauf leben wir zu.  Darauf hoffen wir. Auf dieses herausgelöst Werden aus der Knechtschaft, in der die ganze Welt gefangen ist.        

Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? 25 Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.

Vor Augen ist das alles noch nicht. Sonst wäre es ja auch keine Hoffnung mehr. Es ist ein überaus harter Satz: „Aller Glaube trägt den Verzicht auf die Welt des Sichtbaren in sich.“ (O. Michel, aaO. S. 177) Erst recht hart, wenn man daneben stellt: „Die Unsichtbarkeit macht uns kaputt.“(D. Bonhoeffer, Tagebuch 1931) Die Unsichtbarkeit Gottes. Diese Härte mutet Paulus sich und uns zu. Aus dem, was er sieht, als Wirklichkeit der Welt wahrnimmt, kann er keine Hoffnung schöpfen. Viel härter kann man die Realität nicht charakterisieren. Sie erlaubt Hochrechnungen, Prognosen, das Erkennen von Trends. So etwas wie Zukunftsforschung. Aber das, was Paulus Hoffnung, λπς, nennt, braucht einen anderen Nährboden als die Ableitung aus der Gegenwart. Es ist hoffen auf das, was wir nicht sehen. Sich festmachen an der Wirklichkeit, die im Himmel schon da ist, aber unseren Augen verhüllt, entzogen.

Diese Hoffnung wird bewahrt in Geduld. Hier gebraucht Paulus das Wortπομονή, das vom Durchhalten unter schwierigen Umständen redet. Von der Standhaftigkeit. Das nicht aufgeben lässt, sondern langen Atem behält. Die Christen haben diesen langen Atem durch Jahrhunderte hindurch bewahrt in ihrem Bekenntnis: „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt“ (Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, Chalcedon 451)

Was mich beschäftigt:

 Ich habe im Lauf meines Lebens gelernt, dass jeder Satz seine Zeit hat. Und ich habe auch gelernt, dass ich nicht jeden Satz zu anderen sagen darf. Die Wahrheit von Sätzen, ihre Tragfähigkeit, hängt auch daran, dass sie stimmig sind, übereinstimmen mit der Lebenswirklichkeit dessen, der sie sagt. Die Leiden der Zeit zu relativieren mit dem Blick auf die schöne Ewigkeit – das kann und darf ein Paulus, der durch unsagbaren Tiefen gegangen ist, im Gefängnis gelandet ist, in Stürmen vom Tod bedroht, gejagt, bespuckt, geschlagen. Ob der Satz auch stimmt vom sicheren Schreibtisch aus, mit einem ordentlichen Ruhestandsgehalt und einem unbedrängten Leben?

In Todesanzeigen steht manchmal: „Als Gott sah, daß der Weg zu lang, der Hügel zu steil, das Atmen zu schwer wurde, legte er seinen Arm um dich und sprach: “Komm heim.” Das ist wohl eine moderne Weise, den Satz des Paulus auszulegen: Es gibt ein Ziel jenseits der Leiden des Weges, jenseits der Welt. Wer sich für diesen Satz über einer Todesanzeige entscheidet, der sagt ihn sich selbst.  So hat er auch sein Recht. Zugleich fordert der Satz dazu heraus, über die eigenen Wege und das Ziel des eigenen Lebens nachzudenken. Ohne diese „Heimkehr-Option“ wird alles Leiden nur noch schrecklich.

 

Herr Jesus Christus, unter uns sind viele, die sich mit dem Leben schwer tun und leiden, weil sie nicht fertig werden mit Not und Krankheit. Sie haben Schmerz und Tod vor den Augen. Trage sie mit ihren Lasten und in ihrem Leid.

Unter uns sind viele, die sich wund scheuern an Fragen, auf die sie keine Antwort finden: Fragen nach dem Sinn von Unrecht und Streit, von Krankheit.

Unter uns sind viele, die den Weg ihres Lebens gehen wie mit einer Decke vor den Augen. Sie können keine Zukunft sehen, weil ihre Wege so verschlungen sind.nSei Du ihnen Weggefährte und Weg

Unter uns sind viele, die gerne glauben möchten und doch immer wieder in Zweifel geraten, die beten möchten und denen doch die Worte ausgehen, die neue Schritte voller Zuversicht gehen möchten und doch schwer an alten Lasten schleppen. Stärke den schwachen Glauben, lass das Feuer nicht erlöschen, das Du einmal in Herzen angezündet hast durch Deinen Geist

Herr, um uns herum ist viel zu tun. Gib uns Mut uns einzumischen, Mut zu kleinen Schritten und offene Hände, die zupacken. Stärke uns den Willen, für die Menschen um uns herum da zu sein, so gut wir es vermögen. Amen