Aufatmen

Römer 8, 1 – 17

 1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.

Weil das alles so ist, ist eine neue Wirklichkeit in Kraft. Für die, die in Christus Jesus sind. Und zwar jetzt und in Zukunft. ρα νν, so nun wirkt auf den ersten Augenblick wie bloß rhetorischer Anschluss: daraus folgt. Aber es ist mehr. „νν ist zunächst zeitlich, dann logisch gemeint.“(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 160) Es ist die Konsequenz aus allem, was Paulus bisher über die Gerechtigkeit Gottes, über sein Rechtfertigen der Gottlosen gesagt hat. Weil das alles gilt – keine Angst mehr vor Verdammnis. κατκριμα. Nicht vor der gegenwärtigen und nicht vor der zukünftigen. Ihr seid als Christen im Schutzraum Christi. In diesem Schutzraum, der ein Raum des Lebens ist, sind die Christen seit ihrer Taufe und durch ihre Taufe, durch die sie „in einem neuen Leben wandeln.“(6,4)

2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

            Dieser Schutzraum ist gekennzeichnet durch das Gesetz des Geistes, der lebendig macht. Man kann auch, näher am griechischen Text übersetzen: Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus. Das macht die Gegenüberstellung deutlicher: Hier das Gesetz des Lebens – da das Gesetz der Sünde und des Todes.  Das ist Zuspruch und Zusage an die Christen – es fällt auf, dass Paulus hier auf einmal in der Anrede formuliert: Du bist frei gemacht. Du kannst anders leben – in diesem Bereich der Freiheit, die der Geist des Lebens eröffnet. „Der Geist macht den Menschen zum Wollenden; ein Anspruch wird an ihn gerichtet, ein Ziel ihm gezeigt, eine Norm in ihm befestigt.“ (A. Schlatter, aaO. S. 254) Das also gilt es: sich vom Geist leiten zu lassen, ihm zu folgen. Das Gesetz ist dem gegenüber, so könnte man sagen, nur noch ein Relikt aus deiner alten Welt.

3 Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, 4 damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist.

            Das Gesetz konnte seine Aufgabe, zum Leben zu leiten, nicht erfüllen. Es ist den Menschen zum Fallstrick geworden, weil sie selbst es geschwächt, ich würde sagen: missbraucht und missverstanden haben. Missbraucht in der Übertretung, missverstanden in der Weise, dass sie es als  eine Leiter zum Himmel begriffen haben, die sie emporsteigen müssen und nicht als einen Schutzraum zum Leben auf der Erde. Die Missachtung im Brechen der Gebote und die Missdeutung als Aufstiegshilfe haben beide dem Gesetz seine Kraft genommen.

             Deshalb – das macht schon deutlich: Es ist ein neuer Weg, der jetzt benannt wird, – hat Gott gehandelt. Er sandte seinen Sohn. Das ist Bekenntnis der Christen, wie es sich öfters findet: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.“(Galater 4,4) „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“(1. Johannes 4,9) Das ist die Antwort Gottes auf die Verlorenheit unter dem Gesetz, auf die ausweglose Gefangenschaft. Er gibt den Sohn in die wirkliche Welt – so verstehe ich: in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen. Jesus Christus kommt in eine schuld-beladene und schuld-verfallene Welt. So wie wir das Weihnachten singen, ohne uns wirklich klar zu machen, was wir da singen:

 Welt ging verloren. Christ ist geboren.                                                                        Freue, freue dich, o Christenheit!                    J. D. Falk 1819  EG 44 

             Paulus in Kurzfassung. „Anstatt die sündigen Menschen zu verdammen, hat Gott die Sünde (als über-persönliche Macht vorgestellt) verdammt.“ (K. Haacker; aaO. S. 152) Man könnte auch sagen: Die Sünde hat ihre Zugriffsmöglichkeiten auf die Christen verloren. Die stehen jetzt unter neuem Kommando: Unter der ihnen geschenkten Gerechtigkeit im Geist. Dieser Gerechtigkeit folgen sie nun in einem erneuerten Gehorsam. „Dieser neue Gehorsam vollzieht sich im Glaubenden so, dass er den Maßstab des Fleisches verwirft und dem Maßstab des Geistes gehorcht.“ (O. Michel, aaO. S. 161)

5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. 6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. 7 Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag’s auch nicht. 8 Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen.

Ich glaube, dass diese Sätze alle kontaminiert sind – belastet durch eine Leseweise, die fleischlich gesinnt sein automatisch verbindet mit purer, ungezügelter Sexualität, Sinnenlust, Sündiger Meile und Rotlicht-Milieu. mit alle, was Film-Serien wie Berlin Babylon zu bieten haben. Nichts davon ist bei Paulus gemeint. Ihm geht es um eine andere Art Fleischlichkeit. Um die Fleischlichkeit hinter des Sätzen: Du bist nur, was du aus dir machst. Du verdankst alle Erfolge deines Lebens nur dir selbst und deiner harten Arbeit. Das wachsende Gewerbe der Coaches, Berater, Influencer bedient diese Erwartung nach Hilfe, das eigene Potential freizusetzen – und verdient dabei. Das alles hat mit unmoralischer Sinnlichkeit nicht allzu viel zu tun. Aber vieli zu tun hat es mit dem Versuch der Selbstoptimierung. Mit der Unterwerfung unter ein Gesetz, das nur eine Autorität kennt und anerkennt: Ich. Ich, Ich.

Der neue Gehorsam, die neue Existenz ist nichts nur Äußerliches, nicht nur ein Habitus. Es geht um eine Wesenswandlung. Wenn man so will: um Transformation. „Jedes Sein hat ein „Gesinntsein“, ein „Trachten“ bei sich.“(O. Michel, aaO. S. 162) φρνημα – Gesinnung.  Aus fleischlichen Leuten werden geistliche Leute. Verkürzt gesagt: Fleischlich ist „die Beschränkung auf die eigenen Möglichkeiten und Gefährdungen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 137) Der fleischliche Mensch ist zurück geworfen allein auf sich selbst. Das kann, heroisch, tapfer, dann so klingen:

Es rettet uns kein höh’res Wesen,                                                                                         kein Gott, kein Kaiser noch Tribun                                                                                          Uns aus dem Elend zu erlösen                                                                                              können wir nur selber tun!            Eugène Pottiers  1871, Die Internationale

            Die dem gegenüber ihr Leben aus den Geist führen, die geistlich gesinnt sind, schöpfen aus der Kraft Gottes, leben aus dem Geschenk seiner Gerechtigkeit, bergen sich in seinen Frieden. Sie müssen sich auch nicht mehr fürchten vor Gott und können damit alle innere Feindschaft gegen Gott lassen.

9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. 10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.

Jetzt wird Paulus zum Prediger, zu einem, der den Christen in Rom, die er doch gar nicht wirklich kennt, das Heil zuspricht. Ihr aber seid geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Das denn, επερ markiert keinen Vorbehalt den Leserinnen und Lesern gegenüber, wohl aber eine Voraussetzung, ohne die die Zusage hinfällig wäre. Es könnte aber auch eine Verstärkung sein: „wenn ja wirklich, so gewiss“ (Gemoll, aaO. S.246) Das ist die feste Glaubensgewissheit des Paulus – als Erfahrung und als theologische Lehre: Es ist der Geist Gottes, der aus fleischlichen Leuten geistliche macht.

Gleichzeitig legt hier ein Satz den anderen aus: Wenn denn Gottes Geist in euch wohnt wird einige Worte später so ausgesagt: Wenn aber Christus in euch ist. Im Geist wohnt Christus in den Menschen. Für Paulus ist es nicht möglich, den Geist von Christus abzulösen, auch nicht Christus vom Geist. „Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ (1. Korinther 12,3) Umso wichtiger ist Paulus, dass er das seinen Leuten in Rom zusagen kann, Sie, die Christen, „sind nicht nur von seiner Kraft berührt, nicht nur von seinem Wirken erfasst, sondern ihr personhaftes Wesen wird der Ort seiner Gegenwart.“ (A. Schlatter, aaO. S.261)

Aber umgekehrt gilt auch: Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Das ist eine harte, aber zugleich klärende Aussage. „Sollte jemand nicht vom Geist Christ erfüllt sein, würde er nicht zu Christus gehören. Man kann nicht nur dem Namen nach Christ sein. Wer wirklich zu Christus gehört, dessen Leben wird auch von seinem Geist bestimmt und geleitet.“ (W. Klaiber, aaO.S.139f. ) 

11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

            Jetzt wird der Gedankengang gewissermaßen trinitarisch erweitert: Die Rede ist jetzt vom Vater, von Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Das hatte Paulus ja schon zuvor, in seiner Auslegung Abrahams gesagt:  „Was Gott verheißt, das kann er auch tun…. Wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten.“ (4, 21.24) Es ist sein Geist, der in euch wohnt. Der Geist des drei-einigen Gottes.

            Weil dieser Geist aber leben-schaffend ist, gar nicht anders kann, als Leben wirken, auch da, wo der Tod am Werk ist, darum werden auch die sterblichen Leiber der Christen lebendig gemacht werden. Deshalb nennt sie Paulus auch geistlich. Die gegenwärtige geistliche Existenz ist, so gesehen, die Vorwegnahme der kommenden Existenz, der kommenden Herrlichkeit, des Lebens jenseits allen Todes. „Der Geist ist Unterpfand, Bürgschaft für das zukünftige Geschehen. Einmal wird der Zwiespalt zwischen göttlichem Wort und menschlicher Existenz aufgehoben werden.“ (O. Michel, aaO. S. 164)Diese Aufhebung ist im Geist schon im Anbruch. Und darum eben nicht nur Zukunftsmusik.

12 So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben.

            Wir können anders leben. Alternativ. Das heißt ja: Von neuem, von oben geboren. Aus einer anderen, neuen Wirklichkeit. Einmal mehr sehe ich eine große Nähe von Paulus-Formulierung zu Worten, die Johannes in seinem Evangelium gebrauchen wird. „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.“(Johannes 3,6) Für Christen ist das Leben in seinen Möglichkeiten geöffnet hin zur Wirklichkeit, die Gott uns eröffnet. Nicht mehr alternativ-los κατ σρκα, nach dem Fleisch.  

 13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben.

Es ist eine schroffe Gegenüberstellung: Nach dem Fleisch – durch den Geist. Schroff auch darin, dass es nur ein Entweder-oder gibt. Keinen dritten Weg. So wenig, wie frau ein bisschen schwanger sein kann oder auch nicht, so wenig kann man leben im „sowohl-als auch“ – ein bisschen nach dem Fleisch und ein bisschen durch den Geist. Da herrscht nach Paulus Unverträglichkeit. Sondern, was Paulus erwartet, ist radikal: „Der Christ tötet die „Handlungen des Leibes“, indem er in den Stunden der Anfechtungen ein klares und entschlossenes Nein zu ihnen sagt.“ (O. Michel, aaO. S. 166) So ist das neue Leben im Geist also auch eine Willenssache, die sich in konkreten Entscheidungen manifestiert! Es ist nicht nur Gefühl.

Der Weg zu diesem Leben und in ihm ist ein Kampfgeschehen. Der Kampf besteht im Töten der Taten des Fleisches. Es gilt, sich von den πρξεις το σματος, den Taten, Handlungen, der Praxis des Fleisches – meint: der  alten xistwenz azuwenden, sich ihnen zu verweigern.  So erklärt Luther im Zusammenhang seiner Taufunterweisungen: „Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ (M. Luther, Kleiner Katechismus, 4. Hauptstück, 1529) Diese Worte machen es deutlich, dass das eine bleibende Aufgabe ist, kein Prozess, der irgendwann abgeschlossen ist, perfekt. Den „perfekten“ Christen, der alle Kämpfe durchgestanden, hinter sich hat, abgeschlossen hat, gibt es nicht.

 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

            Wohl aber gibt es die, die der Geist Gottes treibt. Die der Geist unruhig macht, auch umtriebig. Die er nicht in Ruhe lässt.γειν heißt „treiben, führen, leiten“ (Gemoll, aaO. S.8) Das kennzeichnet die Christen, dass sie vom Geist geleitet werden, dass sie sich nicht selbst leiten, dass sie Leute sind, die auf das Hören ausgerichtet sind, auf die Weisungen Gottes. Weil sie wissen: Wir sind seine Kinder – er ist unser Vater.

Es ist ein kühner Schritt, den Paulus hier geht. Von Leuten, die er zuvor als Gottlose gekennzeichnet hat, als die, die keine eigene Gerechtigkeit zustande bringen und vorweisen können, von diesen Leuten zu sagen: Sie sind Gottes Kinder. υο θεο könnte man auch übersetzen: Söhne Gottes. Und weil stimmt, dass die maskuline Form die feminine einschließen kann, auch: Töchter Gottes.

Ob nun Kinder Gottes oder Söhne und Töchter Gottes, jedenfalls gilt: „Der Christi wird nicht zur Marionette Gottes, der mit dieser macht, was er will. Er ist gefragt, sich für das Wirken des Geistes offen zu halten.“(W. Klaiber, aaO. S. 143) Der Geist schafft ein Vertrauensverhältnis, eine Beziehung, in der man sich dem Leiten des Geistes anvertrauen kann.

15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!

            Wunderbar finde ich das hier Angedeutete ausgesagt in den Worten Jesu: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“(Lukas 15, 31) Das ist der Geist, den Gott uns schenken will, der aus dem Vertrauen auf den Vater umgehen kann mit den Gaben der Welt. Das meint Abba, lieber Vater! Ich darf diese Welt nehmen aus den Händen des Vaters. In der Verantwortung vor ihm und in der Freiheit, die er mir zutraut. Wer Gott gegenüber nie aus der Gesinnung eines Knechtes, aus dem Geist der Pflichterfüllung heraus findet, der lebt unter den Möglichkeiten, die Gott ihm zutraut. Unter dem Stand, in den er uns versetzt hat.

Wir sind nicht mehr Knechte, sondern Söhne und Töchter Gottes. Beschenkt mit dem Geist der Kindschaft, so wörtlich im Griechischen. Eine Wendung, die auf die Adoption anspielt, nicht so sehr auf das ebenfalls denkbare Bild der Neugeburt. Also Söhne und Töchter, und wie der eine, eingeborene Sohn immer im Gespräch mit dem Vater: „Dein Wille geschehe.“(Matthäus 6,10) Und: „doch nicht, was ich will, sondern was du willst!.“(Markus 14,36) 

Ich denke, dass Paulus hier sehr bewusst das Wort υἱοὶ θεοῦ wählt. Er hat keine Scheu davor, dass dadurch eine zu große Nähe zu dem einen, dem eingeborenen Sohn Gottes entsteht. Sondern er will diese Nähe bewusst, weil gerade so deutlich wird, was geschehen ist: Wir werden mit Jesus Christus durch die gemeinsame Sohnschaft, υοθεσα, Kindschaft untrennbar verbunden. Der Unterschied zwischen uns und Christus wird nicht aufgehoben, aber betont wird die Zugehörigkeit, die uns Anteil gibt an seinem Sohn-Sein. Den gleichen Sachverhalt kann Paulus auch so ausdrücken: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“(Galater 2,20)

16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.

            Woran aber erkennen wir, dass wir Gottes Kinder sind? Wie wird aus dem Satz, der in unsren Ohren erst einmal nur eine Behauptung ist, ein Satz, der unsere Erfahrung durchdringt?

Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seyst
Und dass Gott der im Schoße sitze, der sich mit stetem Glükke speist.
Die Folgezeit verändert viel und setzet Jeglichem sein Ziel.                                                                                 G. Neumark 1641, EG 369

            Es sind nicht die Attribute eines erfolgreichen, von Gelingen geprägten Lebens, die uns gewiss machen in der Gotteskindschaft. Das ist die Erfahrung des Lieder-Dichters, dass wir das  gerne hätte, uns festmachen zu können im Gelingen unsere Pläne und Wege, auch unserer Frömmigkeit, dass Gott uns als seine geliebten Kinder sieht.

Paulus sagt: Es ist der Geist, der uns Zeugnis gibt. Es ist der Geist, der uns rufen lässt:  Abba, lieber Vater! „Mit unserem Gebetsruf zugleich erfolgt die Bestätigung des Geistes, dass wir Gottes Kinder sind.“(O. Michel, aaO, S. 169) Wir sind es, weil und indem wir Gott Vater nennen, ihn so anrufen. Man könnte zuspitzen: Sage mir, wie du von Gott redest, wie du mit Gott redest und ich sage dir, wie Du dich ihm gegenüber siehst – ob nah, ob fern, ob als Kind Gottes, Sohn oder Tochter, oder als eind*r, der Gott gegenüber auf Distanz hält.

 Für mich ist gut vorstellbar, dass es hier auch um Erfahrungen im Gottesdienst geht. Dass es eine Gewissheit des Glaubens ist, die durch den gemeinsamem Gebetsruf gestützt, stabilisiert wird. „Paulus stellt hier neben den Glaubensakt den inspirativen Vorgang. Er weist ihm die zweite Stelle zu; die erste hat der durch die Botschaft Jesu begründete Glaube.“(A. Schlatter, aaO. S. 266) Das Wort von außen und das innere Zeugnis wirken so zusammen. Gehört und geglaubt. Später wird Paulus sagen, dass das Glauben aus dem Hören kommt. (10,14.17)

17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

            Der Blick öffnet sich. Der Horizont wird weit. Was Paulus bis hierher gesagt hat, gilt jetzt. Aber es eröffnet zugleich Zukunft, über den morgigen Tag hinaus. Zukunft in der Herrlichkeit Gottes. Gottes Erben und Miterben Christi – so sieht Paulus die Christen. Christsein erschöpft sich nicht im Mitleiden. Sondern es hat seine Perspektive im mit erhoben werden. Diese Perspektive gilt allen, denen in Bedrängnis damals und denen in Bedrängnis heute. So sieht Paulus die Gemeinden. Das kleine Häuflein in Rom. Die Hauskirchen in Korinth und Philippi, die Gemeinde in Jerusalem. Die Kirche aller Zeiten. Das ist das Versprechen: Der Geist ist die Verheißung, der Vorgeschmack der größeren Zukunft.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Den „perfekten“ Christen, der alle Kämpfe durchgestanden hat, hinter sich hat, abgeschlossen hat, gibt es nicht. Nicht im Denken Luthers, auch nicht im Denken des Paulus. So schreit er ja auch: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“(Philipper 3,12)  Dieses „noch nicht“ hindert Paulus nun freilich nicht, den Römern ihre neue Existenz zuzusprechen. Nicht als Beschreibung, wohl aber als eine Verheißung, die schon Gegenwart gestaltet und Gegenwart ist. Es geht ihm um die Vergewisserung ihres Standes, dass sie untrennbar, als Erben, als Kinder Gottes, – Söhne und Töchter – mit ihm verbunden sind. Das macht ethische Mahnungen, wie sie ab Kapitel 12 folgen werden, nicht überflüssig. Das Leben in Christus will auch eingeübt werden.

 

Mein Gott, manchmal treiben mich andere Geister. Widerspruchsgeister, der Geist der Anpassung, Ängste, Sorgengeister. Es fällt mir schwer, diese Geister abzuschütteln, sie los zu werden, sie in ihre Schranken zu verweisen.

Darum brauche ich das Treiben Deines Geistes, das die Schatten vertreibt, die Luft reinigt, mir die Furcht nimmt, mich füllt mit der Zuversicht, die mich rufen lässt: Abba, lieber Vater. Amen