Das bin gar nicht ich

Römer 7, 14 – 25

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.

Einmal mehr sucht Paulus das Einverständnis, die gemeinsame Basis: wir wissen  – οδαμεν. Weil Paulus das Gesetz auf der Seite Gottes sieht, es als geistlich, πνευματικς sieht, von Gottes Geist gewirkt und geleitet, deshalb liegt das Problem ganz auf der Seite des Menschen. Ich aber bin fleischlich. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Von Trieben gesteuert, nicht so frei, wie ich es gerne wäre. „Der Abstand zwischen dem Lehrsatz „Wir wissen…“ und dem persönlichen Bekenntnis. „Ich aber bin…“ darf nicht übersehen werden. MLuther sah in dem Nebeneinander dieser beiden Aussagen einen Beweis dafür, dass so nur ein „geistlicher und weiser Mensch“ reden könne.“(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 150)

Ich denke nicht, dass Paulus unsere modernen Vorstellungen von Triebstruktur kennt Aber sie sagen genau das, was Paulus meint:  dass wir nicht so Herr im eigenen Haus der Gefühle und Empfindungen, des Denkens und Willens sind, wie wir es gerne wären.  Da wird uns mancher Streich gespielt von dem, was in den tiefen Schichten des Unbewussten und Unterbewussten bei uns aktiv ist. Paulus nennt das: Wir sind unter die Sünde verkauft. 

 15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. 16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. 17 So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

Das „spielt“ Paulus gedanklich weiter durch – für sich selbst, deshalb sagt er „ich“. Aber auch für uns alle – dieses Ich hat eine Öffnung zur kollektiven Seite der Menschheit hin.  So sind wir. Wir verfangen uns mit dem besten Willen und Wollen so oft in Widersprüchen. Und aus dem, was wir gut wollten, bleibt ein hilfloses: „Ich habe es doch nur gut gemeint“ und eine erschrockene Einsicht: „Was habe ich da angerichtet!“ übrig, Manchmal wissen wir nicht, was wir tun. Manchmal aber auch entdecken wir uns bei einem Tun, von dem wir wissen: Das geht gar nicht!

Dieses innere Wissen aber, sagt, Paulus, überführt uns. Es klagt uns an, wobei völlig klar ist: Die Anklagen bestehen zu Recht. Steuerbetrug ist Betrug. Ehebruch ist Vertrauensbruch. Lüge ist Lüge, auch wenn sie Vorteile bringt. Ausbeutung bleibt Ausbeutung, auch wenn sie den Schein der Legalität hat. Und Gewalt bleibt Gewalt, auch wenn sie bemäntelt wird: nur strukturelle Gewalt, nur Liebesentzug, nur eine präventive Maßnahme, kein entwürdigendes Schlagen. Die Gewalt der Worte und der Meinungsmache ist nicht weniger entwürdigende Gewalt wie der mittelalterliche Pranger. „Das alles will ich doch gar nicht“, sagen wir und sind doch beteiligt – und das Gewissen klagt uns an. 

Ist das eine wohlfeile Ausrede: „Das bin ja gar nicht ich. Das geschieht so. Das geht wie von selbst. Ich bin nur hinein verstrickt.“? Es ist die Sünde, die in mir wohnt. Mit diesen Worten wird „die Entfremdung des Menschen nicht nur von Gott, sondern auch von sich selbst eindrücklich beschrieben.“(W. Klaiber, aaO. S. 126) Aber: daraus leitet Paulus keine Entschuldigung ab.

Diese innere Zerrissenheit geht ganz zu Lasten des Menschen. Es gibt diesen Zwiespalt in uns – und wir haben ihn uns zuzuschreiben. Es ist die Wirkung des Gesetzes, das es  diesen  Zwiespalt aufdeckt. „In diesem objektiven Zwiespalt zwischen Wollen und Vollringen liegt das Eingeständnis, dass das Gesetz gut ist.“ (O. Michel, aaO. S. 151) Daran lässt Paulus nie auch nur den Hauch eines Zweifels zu – ei sich selbst und bei seinen Leser*innen – bis heute.

18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

            Der Gedanke wird noch einmal variierend wiederholt und dadurch umso mehr eingeschärft. Mir ist dabei wichtig: ich weiß, dass in mir, fängt Paulus an. Er redet also nicht nur von den anderen, sondern auch von sich selbst. Es geht hier nicht um eine allgemeine Lehre über das Wesen des Menschen. Es geht um Selbsterkenntnis, um Einsicht in sich selbst. Es sage mir keiner, dass ein Paulus so einen Satz einfach so dahin schreiben kann: Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Das ist eine Wirklichkeit, an der er leidet. So redet nur einer, der alle Illusionen über sich selbst verloren hat  und der weiß: Ich bin tief in Unrecht verstrickt, nicht unwissend, sondern willentlich. Auch wenn ich geglaubt habe, das Richtige zu tun – es war Unrecht.

Wie oft hat er wohl andere gekränkt, verletzt, falsch beurteilt. Als er die Ehre Gottes verteidigen wollte, hat er Menschen gejagt.  Als er den Glauben der Väter retten wollte, hat er das Erbarmen Gottes verfehlt. Sein Gutes ist ihm zum Bösen geraten. So hat er sich im Unrecht verfangen – und diesem Mitbewohner der eigenen Seele und des eigenen Willens, der Sünde, das Heft des Handelns überlassen müssen. Paulus erlebt sich „fremdbewohnt“. Da hat eine Macht in ihm Wohnrecht übernommen, der er selbst nicht gewachsen ist.

Es ist mehr als ein Spiel mit Worten, wenn Paulus hier vom Wohnen, οκεν redet. Unser „Oikos“, gleich das Haus, die Ökologie steckt in diesem Wort. Das Gute ist nicht der Dauergast, der im Leben wohnt. Das schließt nicht aus, dass dem Menschen ab und zu Gutes gelingt. Aber der Dauergast, der Mitbewohner, der aus einem harmlosen Untermieter zum alles bestimmenden Haustyrannen mutiert, der wohnt und lässt sich nicht einfach so mal kurz raus schmeißen.

21 So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. 22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. 23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.

            Es ist die Existenz eines hin und her gerissenen Menschen, die Paulus hier beschreibt. Das Gesetz macht diese Zerrissenheit offenkundig, bringt sie ans Licht. Da sind gewissermaßen zwei „Paulusse“ unterwegs. Der eine will gerne die Orientierung am Wort Gottes, am Gesetz. Der Andere aber sagt: Du kannst doch gar nicht anders. Deine Taten haben dich längst auf die schiefe Bahn gebracht. Von nun an geht’s bergab.

Es gibt eine große Diskussion: Von wem redet Paulus hier? Von dem Menschen ohne Christus? Von sich selbst in seiner Existenz, bevor er glaubte? Oder redet er auch von aktuellen Zuständen und Erfahrungen? Sind die Christen, die in Christus ihre Zuflucht haben, wirklich noch so zerrissene Leute? Wo bleibt dann das sieghafte Leben? Bei Martin Luther finde ich: „Dieser Streit währet in uns, solange wir leben, im einen mehr, im anderen weniger, je nachdem der Geist oder das Fleisch stärker wird“ (M. Luther Deutsch, Bd. 5, Die Schriftauslegung, Vorrede zum Brief an die Römer 1522, Göttingen 1983, S. 58)      

Es ist also beides in uns: ein Vernehmen der Wegweisungen Gottes, ein Vernehmen der Stimmen, die zu einem fairen, gerechten, lebensdienlichen Umgang mit anderen und sich selbst rufen. Und gleichzeitig die unheimliche Wirklichkeit, dass wir das alles wissen, hören und doch auf der Stelle treten, zurück bleiben, uns ausliefern und uns ausgeliefert fühlen an den Sog des Bösen, des Destruktiven und Negativen. Der Sünde, wie Paulus sagt. Des Teufels, wie die sagen, die gerne personifizieren.

Die Unterscheidung „Ich – Sünde“ hat weitreichende Folgen. Sie ermöglicht den „Angriff“ Gottes auf die Sünde ohne damit das Ich zu vernichten. Person und Tat werden unterschieden. Ich bin mehr als meine Taten. Oder anders gesagt: Gott kann mein Tun verwerfen aber verwirft mit diesem Verwerfen nicht mich als Person.  So hat es Paulus ja auch nach Korinth geschrieben: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klarmachen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.“(1. Korinther 3, 11 – 15) Die Tat wird beurteilt, verurteilt. Die Täter werden gerettet.

Diese Unterscheidung von Person und Tat ist in das „abendländische“ (was für ein seltsames Wort!) Denken tief eingedrungen. Immer, wenn einer, eine von Gericht verurteilt wird, geht es nur um die Taten. Die Würde als Mensch aber muss geachtet bleiben. Sie ist unantastbar und seien die Taten noch so abscheulich und verachtenswert. Ob diese Langzeitwirkung den Vielen, die sich heute über den Glauben lustig machen, ihn für nebensächlich und verzichtbar halten, bewusst ist? Alles Verächtlich-machen von Menschen ist ein Rückfall hinter das, was in den Worten des Paulus, mit seiner Unterscheidung von Tat und Täter, Sünde und ich erreicht ist.

 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?

Dass Paulus hier nicht unbeteiligt redet, zeigt dieser Aufschrei. Der macht ja nur Sinn, wenn er nicht Theater ist. Ein Schrei nach Erlösung. Aus dieser Gefangenschaft. Es ist kein Schrei, der danach ruft, die „unsterbliche Seele“ aus dem todesverfallenen Leib zu erlösen. Sondern es ist der Schrei danach, in einer anderen Existenz gegründet zu werden, die den Tod der Sünde hinter sich lassen kann. Einen Weg aus der Todesexistenz (K. Haacker; aaO. S. 149) geöffnet sehen zu können und geführt zu werden. Ich stimme dem großen, alten Lehrer ausdrücklich zu: „Auch der Christ muss durch die Tiefe der Gesetzeserkenntnis und der Selbsterkenntnis hindurchgehen, um das Evangelium in seiner Größe zu verstehen.“(O. Michel, aaO. S.152)Sich darin zu bergen, ohne Wenn und Aber.

25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.

Welch ein abrupter Wechsel. Ein Ruf voller Dankbarkeit wie ein Aufatmen aus tiefsten Seelenqualen. Licht am Ende des Tunnels. Paulus wechselt die Blickrichtung. Er sieht nicht mehr auf sich selbst, nicht mehr auf die eigene innere Zerrissenheit, die Widersprüche im eigenen Leben. Sondern er sieht auf Christus. Manchmal, so lerne ich, ist es hilfreich, von sich selbst abzusehen. Weil sie die Ausweglosigkeiten des eigenen Lebens eben nicht im umso tieferen analytischen Blick auf das eigene Leben lösen lassen, sondern nur im Blick auf eine andere Wirklichkeit. Es soll, so habe ich gelernt, Lösungswege in der Mathematik geben, die genau so funktionieren: Man muss die Grenzen des bisherigen Blickfeldes überschreiten.

Und plötzlich klingt es dann fast schon versöhnlich:  Mit dem Gemüt diene ich dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde. Ist das gewissermaßen friedliche Koexistenz mit der Sünde? Auch noch abgesichert durch die Formel Luthers: „peccatores in re, iusti autem in spe“ – „In Wahrheit Sünder, aber im Urteil Gottes gerecht; gerecht, ohne es zu wissen und unwissentlich ungerecht; Sünder in ihrem Tun, Gerechte aber in der Hoffnung.“(M. Luther Deutsch, Bd. 1, Die Anfänge, Vorlesung über den Römerbrief 1515/1516, Göttingen 1983, S. 172) Mein Verdacht: Viel gründlicher kann man Paulus und auch Luther nicht missverstehen.

Was mich beschäftigt:

Die so menschliche innere Zerrissenheit hat das Peter Jackson in der Doppel-Figur des Gollum-Smeagol im „Herrn der Ringe“ genial in Szene gesetzt. Da sieht man diese Kümmergestalt in ihren inneren Dialogen: Der eine will Gewalt, Mord, Verrat, weil er nur so seinen „Schatz“, den Ring, wieder zu erhalten glaubt. Der andere hält dagegen und will „das Gute“, fühlt sich gebunden an Versprechen, an Ehrlichkeit und Freundschaft.

Und doch bleibt dieses Verständnis an der Oberfläche, weil es Paulus nicht um den Gegensatz von Moral und Unmoral geht, sondern um den Gegensatz von Gottvertrauen und Selbstbehauptung. Gollum-Smeagol steht im Ringen in der Wahl zwischen moralischen Werten und vermeintlichen Rechtsansprüchen. Paulus dagegen sieht die Wahl tiefer: auf der einen Seite steht die Behauptung der kreatürlichen Bedürfnisse, das eigene Ich, festzumache an dem, was sichtbar, greifbar, handfest ist. Auf der anderen Seite steht die Einladung zum Vertrauen in  den unsichtbaren Gott, in seinen Zusagen, die er im gekreuzigten Christus in die Welt hinein aufgerichtet hat.  Es ist die Anziehungskraft des Sichtbaren, die dem Gottvertrauen den Rang streitig machen will. Diesen Konflikt kennt jede und jeder Christ*in

 

Es gibt Tage, da leide ich unter meiner Zerrissenheit, unter dem Zwiespalt in meinem Denken und Reden und Tun. Ich bin nicht einfältig fromm wie ich es gerne wäre.

Mein Heiland, Du kennst mein Herz in seinen Widersprüchen, die Halbherzigkeiten, die inneren Kämpfe, die so oft im Aufgeben landen, mein sich gehen Lassen, weil ich resigniere. So bin ich halt – ein Mensch wie alle anderen.

Gib mir, dass ich mich Dir hinhalte, zerrissen und halbherzig, kleingläubig und zweifelnd, verzagt über dem eigenen Versagen. Du weißt ja, wie ich bin und wie ich es meine. Hülle mich ein in Dein Erbarmen. Amen