Nachbuchstabiert: Sündenfall

Römer 7, 7 – 13

7 Was sollen wir denn nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne!

Ein Augenblick zum Atemholen: Τί οὖν ἐροῦμεν; Was weiter? Je mehr Paulus schreibt, umso mehr muss er klären, auch erklären, anderen und auch sich selbst! Die Gedanken des Paulus sind – davon bin ich fest überzeugt – auch eine Prozess der Selbstvergewisserung in dem, was seinen Glauben ausmacht. Ist das Gesetz, das doch von Gott kommt, Sünde? Was für ein abwegiger Gedanke. Entrüstet weist Paulus das zurück, weist es weit von sich. Aber damit ist es ja nicht getan. „Die Frage zeigt den Beginn  einer neuen Auseinandersetzung.“(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 146) Also: erklären!

Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz. Denn ich wusste nichts von der Begierde, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte (2. Mose 20,17): »Du sollst nicht begehren!« 8 Die Sünde aber nahm das Gebot zum Anlass und erregte in mir Begierden aller Art; denn ohne das Gesetz war die Sünde tot.

             „Nicht die Sünde, sondern die Erkenntnis der Sünde entsteht durch das Gesetz.“(A. Schlatter, aaO. S. 232) Es ist geboten, hier genau hinzuschauen. Das Gesetz macht nicht, erzeugt nicht Sünde, sondern es bringt sie ins Bewusstsein. „Der Mensch würde die Sünde nicht kennengelernt haben, wenn nicht das Gesetz in sein Leben getreten wäre.“ (O. Michel, aaO. S. 147) Statt kennengelernt haben würde ich mit Paulus sagen: erkannt haben. Es ist ein betörend einfacher und zugleich einfältiger Gedanke: Hätte Gott nichts verboten, gäbe es keine Sünde und keine Sünder. Aber so einfach macht es uns Paulus nicht. Das Gesetz hilft mir, dass ich sehe, was mein Tun bewirkt, wie es mich von Gott wegbringt. Anders herum: Es erlaubt mir nicht, was ich tue, schön zu reden.

          Wenn man statt Begierden Gier sagt, dann ist man einen Schritt weiter. πιθΰμα, Begierde, darf nicht zu eng gelesen werden, womöglich nur in Richtung Sexualität. „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.“ (2. Mose 20,17) Es gibt eine Gier, die in alle Lebensbezüge hinein greift.

In unserer Zeit gibt es das nicht so selten, dass die Gier regelrecht als Grundzug des Menschen behauptet wird. Die Werbung spricht sie unverblümt an: „Geiz ist geil.“ Manche halten sie für unverzichtbar. Ohne Gier funktioniert der Kapitalismus nicht. Paulus sieht diese Gier, die Begierde als ein Verhalten, das durch das Gebot als Sünde sichtbar wird. Geiz macht einsam. Gier auch.  

Aber: ohne das Gesetz war die Sünde tot. Gier ist nur dort ein Problem, wo es noch ein anderes Bewusstsein gibt als das, was heute so en vogue ist. Wo es noch den schlichten Satz gibt: Du sollt nicht begehren. Ohne diesen Satz gibt es gieriges Verhalten, aber keine Instanz, die dieses Verhalten für fragwürdig erklärt. Und die Schäden, die die Gier anrichtet, die sind halt so – das liegt in der Natur der Sache: der Größere frisst den Kleineren, der Schnellere übertrifft den Langsamen.

Darwin ist gründlich missverstanden, wenn sein „survival oft he fittest“ sozusagen zur moralischen Grundkonstante erklärt wird und damit die Gier samt anderen Unappetitlichkeiten für wertneutral erklärt wird. Mir kommt es vor, als sei das die Traumvorstellung unserer Zeit. Ohne Gesetz – keine Sünde. Wunderbar.

  9 Ich lebte einst ohne Gesetz; als aber das Gebot kam, wurde die Sünde lebendig, 10 ich aber starb. Und so fand sich’s, dass das Gebot mir den Tod brachte, das doch zum Leben gegeben war.

        Wie ist das zu verstehen? Redet Paulus von sich selbst, von der Unschuld des Kindes, das solange es noch klein ist, nicht schuldfähig ist? So kann man ja sein  ich verstehen. „Für den Juden gibt es eine Kindheit ohne das Gesetz und ein Alter, in dem man für die Erfüllung des vom Gesetz Gebotenen selbst verantwortlich wird (bar-mizwa)“( O. Michel, aaO. S. 148) Das also kann jeder Jude unterschreiben: Erst als er das Gebot gelernt hat, wird er sich dessen bewusst, dass die Sünde lebendig ist.

Oder ist hier, ohne dass er das ausdrücklich sagt, von Adam und Eva die Rede. Sie leben solange, bis Gott das Verbot aufrichtet:  „Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ (1. Mose 2, 16-17) ohne Gebot, ohne Begierde, ohne Sünde. Das würde auch den Fortgang der Argumentation erklären. Das Gebot sollte Leben bewahren – aber die Übertretung hat den Tod in das Leben von Adam und Eva gebracht. In die Welt.

 11 Denn die Sünde nahm das Gebot zum Anlass und betrog mich und tötete mich durch das Gebot.

Es ist der große Betrug der Sünde. Sie sieht attraktiv aus, sie verspricht Lebensbereicherung, Erfahrungserweiterung. Tiefe Einsichten. Aber sie ist in Wahrheit Betrug und bringt den Tod. Sie stürzt in die abgrundtiefe Gottesferne, aus der der Mensch nicht mehr herausfindet. Von diesem Tod redet Paulus hier. Auch das lässt sich alles an Adam und Eva ablesen.

  12 So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.

             Daran ist für Paulus nicht zu rütteln: Das Gebot ist, weil es von Gott kommt, heilig, gerecht und gut. Auch das ist müßig – auf eine Unterscheidung von Gesetz und Gebot zu setzen – nach dem Motto: Das Gesetz ist der tödliche Buchstabe, das Gebot ist die lebenschaffende Weisung aus dem Geist. Nein, so einfach ist es für Paulus nicht und so einfach macht er es uns auch nicht. Nach der Weise: Es geht um den Sinn und nicht um die konkreten Worte. Paulus geht es sehr wohl darum, dass in den konkreten Worten des Gesetzes auch der Sinn des Gebotes bewahrt ist: Den Worten zu folgen ist, in ihrem Sinn zu leben und den Weg Gottes zu suchen.

 13 Ist dann, was doch gut ist, mir zum Tod geworden? Das sei ferne! Sondern die Sünde, damit sie als Sünde sichtbar werde, hat mir durch das Gute den Tod gebracht, damit die Sünde überaus sündig werde durchs Gebot.

Ich formuliere bewusst salopp: Ist das Gebot dann nur gut gemeint? Aber von Gott nicht gut gemacht? Und deshalb schief? Missverständlich? Einmal mehr: Das sei ferne! μ γνοιτο· Ganz gewiss nicht! „Es sollte der Dienst des Gesetzes sein, dass die Sünde ihr wahres Gesicht herausstellen muss.“(O. Michel, aaO. S. 150) Die Sünde darf nicht mehr, was sie am besten kann und was sie attraktiv macht – tricksen und täuschen. Sie wird mit ihrer Wirklichkeit konfrontiert. Es geht vielmehr darum, dass durch das Gesetz herauskommt, was es mit der Sünde auf sich hat. „Nicht das an sich gute Gebot selbst wurde dem Ich zum Verhängnis, aber es wurde zum Werkzeug der Sünde, die mit diesem Missbrauch des Guten ihre ganze Bosheit an den Tag legte.“ (K. Haacker; aaO. S. 145) Die Sünde hat aus dem Gesetz eine Waffe gemacht. Gegen den Menschen. Gegen das Ich.

Bis hierhin reicht der Abschnitt, in dem Paulus gewissermaßen die Geschichte des Sündenfalls nach-buchstabiert.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

 Es liegt heutzutage für viele nahe, Gebote auf ihren Sinn zu reduzieren und ihre Buchstäblichkeit irgendwie zu relativieren. Es gibt das berühmte Zitat eines Bundes-Innenministers aus grauer Vorzeit: „Die Beamten können nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen.“(H. Höcherl 1963) Die Relativierung der wörtlichen Bedeutung von Geboten scheint so ganz auf der Linie des Paulus zu liegen: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“(2. Korinther 3,6) Wir tun uns mit solcher Sichtweise keinen Gefallen, weil wir damit das objektive Gebot der subjektiven Betrachtungsweise unterwerfen. so zu denken und zu handeln ist das Ende jeder verbindlichen Gemeinschaft.

 

Manchmal, mein Gott, schieben wir Dir unsere Schuld in die Schuhe. Du hättest uns besser machen müssen oder das Gesetz weglassen. Keine Gebote. Einfach alles ist schon deshalb gut, weil es da ist, weil es getan wird, gelebt wird.

Aber wir spüren, dass das nicht stimmt. Wir bringen die Stimmen in uns nicht zum Schweigen, die uns anklagen, die uns vorhalten was wir getan haben, die uns nicht erlauben, zur Tagesordnung über zu gehen.

Halte Du die Stimme meines Gewissens in mir wach, auch mit seinen unbequemen Botschaften, auch mit seinen Anklagen. Damit ich mich auf den Weg mache zu Dir, Dein Erbarmen und deine Gerechtigkeit suche. Amen