Gegen die Enge im Glauben

Römer 7, 1- 6

 1 Wisst ihr nicht, Brüder und Schwestern – denn ich rede mit denen, die das Gesetz kennen -, dass das Gesetz nur herrscht über den Menschen, solange er lebt? 2 Denn eine Eherfrau ist an ihren Mann gebunden durch das Gesetz, solange der Mann lebt; wenn aber der Mann stirbt, so ist sie frei von dem Gesetz, das sie an den Mann bindet. 3 Wenn sie nun bei einem andern Mann ist, solange ihr Mann lebt, wird sie eine Ehebrecherin genannt; wenn aber ihr Mann stirbt, ist sie frei vom Gesetz, sodass sie keine Ehebrecherin ist, wenn sie bei einem andern Mann ist.

Einmal mehr sucht Paulus nicht nur die Verständigung mit seinen Briefleser*innen, sondern ihre Zustimmung, ihr Einverständnis. Wisst ihr nicht  – γνοεῖτε. Er spricht sie auf das an,  was sie alle kennen, auf ihre Lebenserfahrung. Um mit ihnen zu verhandeln, was sich als Thema schon lange unterschwellig durchzieht  Wie ist das mit dem Gesetz?

Er beginnt, wie gute Redner das gerne tun, mit einem Umweg, einem Beispiel. Setzt aber zuvor eine steile These in den Raum. Dem stimmen sie doch auch alle zu: das Gesetz herrscht über den Menschen, solange er lebt. Das ist nicht spezifisch jüdisch – es gilt für das mosaische Gesetz wie für das antike Rechtdenken. „Für Paulus ist das allgemeine menschliche Recht in gewisser Weise analog dem mosaischen Gesetz zu verstehen.“(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 141)

Darum kann Paulus davon ausgehen, das kennen sie alle, die Brüder und auch die Schwestern.  „Damit meint er vor allem die Judenchristen, aber nicht nur sie. Auch die aus dem Kreis der „Gottesfürchtigen“ stammenden Heidenchristen kannten die Tora.“ (W. Klaiber, aaO. S. 116) Wobei es wohl nicht nur um ein äußeren Kennen der Weisungen Gottes gehen wird, sondern vor allem um ein Vertrauen darauf, dass sie wirklich Wegweisung zum Leben und darum auch bindend sind.

Jetzt also das Beispiel: Eine Ehe bindet die Ehepartner, solange sie leben. So ist das im Gesetz geregelt. Du sollst die Ehe nicht brechen. Nicht aus der Ehe ausbrechen. Wenn aber der Ehepartner tot ist, gibt es keine Verpflichtung mehr ihm gegenüber. Der Tod des Mannes ist das Ende der Ehe. Wir heute würden auch umgekehrt formulieren: Der Tod der Frau ist das Ende der Ehe für den Mann. In der patriarchalischen Gesellschaft, die die Zeit des Paulus prägt, wäre das eine Binsenwahrheit. Das ist der feste Boden, auf dem Paulus steht: Die Ehe gilt lebenslänglich, aber nicht darüber hinaus. Das trennt ihn von aller laxen Scheidungspraxis damals und auch heute.

Frei von der Bindung ist der, die, dessen Ehepartner verblichen ist. Dann gibt es andere Möglichkeiten, eine neue Wahl. Dieses Bild nun wendet Paulus auf das Verhältnis der Christen zum Gesetz an, auf ihre Bindung an das Gesetz.

 4 Also seid auch ihr, meine Brüder und Schwestern, dem Gesetz getötet durch den Leib Christi, sodass ihr einem andern angehört, nämlich dem, der von den Toten auferweckt ist, damit wir Gott Frucht bringen.

Was sofort auffällt: Paulus erklärt nicht das Gesetz für gestorben! Das Gesetz – Paulus verwendet im Abschnitt fast durchgängig das Wort νμος für das Gesetz, eher selten das Wort ντολ, Weisung, Gebot, das bei ihm stärker positiv besetzt ist – ist in seiner Sicht auch weiterhin höchst lebendig. Eine Wirklichkeit, die Achtung verdient. Aber die Christen sind gestorben – und damit frei von der Bindung des Gesetzes. Sie sind dem Gesetz gegenüber getötet durch den Leib Christi.

Das ist, so denke ich, doppelt zu hören. Einmal meint Paulus gewiss „konkret den Leib des Gekreuzigten.“ (U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/2, Neukirchen 1980, S. 65) Daneben aber klingt auch das mit an, dass Paulus die Gemeinde der Christen als den Leib Christi bezeichnen kann. „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.“(1. Korinther 12, 27) Das kann nur bedeuten: Durch die Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu betreten Menschen einen Raum, in dem sie dem anklagenden und verurteilenden Zugriff des Gesetzes gestorben, entzogen sind. Kein gesetzesfreier Raum, aber ein Raum, in dem die tödlichen Wirkungen des Gesetzes aufgehoben sind. Weil die andere Kraft, die Kraft der Gnade Christi, stärker ist. „Es geht Paulus um die Freiheit gegenüber dem Gesetz als Kehrseite der Bindung an Jesus Christus.“ (K. Haacker; aaO. S. 137) Das ist kein Freiheitskonzept, das die Autonomie des Menschen behauptet, sondern eines, das die Bindung an Jesus Christus als Freiheit sieht.

 5 Denn als wir im Fleisch waren, da waren die sündigen Leidenschaften, die durchs Gesetz geweckt wurden, kräftig in unsern Gliedern, sodass wir dem Tode Frucht brachten.

Vorher war das anders, erinnert Paulus seine Leserinnen und Leser. Vorher gab es keine Freiheit, sondern nur eine totale Bindung,  verfallen sein. Geknechtet sein, könnte ich auch sagen. Ausgeliefert an die „unkontrollierte Emotionalität“ (K. Haacker; aaO. S. 138) Nicht mehr Herr seiner selbst, sondern unterworfen. Das wirkt das Gesetz! Es ist, als würden durch das Gesetz diese Leidenschaften erst richtig entfesselt. So wie es der Volksmund weiß und sagt: „Was verboten ist, macht uns erst richtig scharf.“

Kräftig in unseren Gliedern – im Griechischen steht da: νηργετο. Das ist die Energie, die antreibt. Es geht Paulus in den ganzen Abschnitt um einen Wechsel der Antriebskräfte. Um ein Leben, das „nicht mehr den alten Programmen ausgeliefert ist(Volxbibel) Was die Christen früher mit Energie aufgeladen hat, läuft jetzt ins Leere. Die Energie in den Christen ist nicht mehr an die sinnliche Vitalität und nicht mehr ans Gesetz als den Transmissions-Riemen gekoppelt. Sie erhält ihre Kraft von oben. Aus dem Einfluss des Geistes Gottes.

 6 Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden und dem abgestorben, was uns gefangen hielt, sodass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.

Jetzt aber, einmal mehr folgt das von Paulus geliebte νυνὶ δὲ, bindet das Gesetz die Christen nicht mehr. Wir Christen sind, weil wir mit Christus gestorben sind, unerreichbar für das Gesetz, ihm entzogen. „Nicht das Gesetz wird verwandelt, sondern der Mensch wird neu gemacht.“ (A. Schlatter, aaO. S.230) Der Tod wird hier zur erfolgreichen Flucht vor der Verfolgung! Frei vom Gesetz beginnt ein neues Dienen. Einmal mehr taucht mit dem Wort δουλεύειν das Bild des Knechts, des Sklaven auf, seines unbedingten Gehorsams. Aber jetzt ist es ein Dienen im Wesen des Geistes. Nach dem Geist, nicht nach dem Buchstaben. Man muss also nicht das Gesetz des Mose unter dem Arm haben, sondern das Wesen des Geistes in Kopf und Herz und Seele.

Den Energiefluss des Geistes wird man nicht an irgendwelchen außergewöhnlichen Fähigkeiten festmachen dürfen. Am Reden in Zungen, am ungelernten Verstehen fremder Sprachen, Am euphorischen abheben. An der Fähigkeit, durch Handauflegen zu heilen. Die Energie Gottes treibt dazu an, sich dem Tag heute zu stellen – so wie er ist. Im Versuch, die Gelassenheit eines Gottvertrauen einzuüben, das sich jeden Tag neu bewähren muss. Darin ist Gotte Geist am Werk, dass er die Auswege von innen her verwehrt – den Ausweg in die Euphorie und den Enthusiasmus genauso wie den Ausweg in die Resignation und das aufgeben. Stehen bleiben, Stand halten, sich nicht beugen und sich nicht verkrümmen, das ist der Geist, der aus der Energie Gottes seine Antriebskraft gewinnt. Ich finde, dass das eine Menge ist, genug für jeden neuen Tag.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Man wird schon fragen dürfen, vielleicht sogar fragen müssen: Haben wir Christ*innen diese Freiheit eigentlich immer durchgehalten? Haben wir uns nicht zu oft der Schrift wie einem „papierenen Papst“ unterworfen? Was ist mit den bitteren Streitereien um Bibeltreue, mit der Angst vor dem „Geist, der bläst, wo er will“(Johannes 3,8)?  Haben wir uns getraut, die Weite zu leben, wie sie in dem Wort des Augustinus steckt: Liebe und tu, was du willst. Dilige et quod vis fac. (In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII,8)

Ist es weit her geholt, hier Worte Jesu mitzuhören: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“(Johannes 4,24) Nicht ein vorschriftsmäßiges Leben, so kann das Wort γρμμα auch gedeutet werden, sondern ein Leben, das aus der Kraft der Liebe geleitet ist, entspricht der Freiheit, zu der die Christen befreit sind. Die Liebe wird euch leiten. Darauf dürfen sie vertrauen, damals in Rom und wir heute.

 

Jesus, Du öffnest uns in Deiner Gemeinde den Raum der Freiheit. Wir dürfen leben als Deine Brüder und Schwestern, wir dürfen uns Deinem Leiten anvertrauen, Deiner Güte Raum geben, Deinem Trösten unseren Schmerz und alle Traurigkeit hinhalten. Du willst, dass wir frei sind.

Wir aber machen aus dem Raum der Freiheit so wenig. Wir machen ihn eng. Alle sollen so sein wie wir sind. Alle sollen so glauben wie wir glauben. Alle sollen unsere Formen zu singen und zu beten übernehmen. Aus dem Raum der Freiheit wird so leicht die Enge unserer Vorstellungen.

Gib Du, dass wir uns Deinem Geist anvertrauen, lernen, uns leiten zu lassen von seiner Wehen, die Furcht verlieren vor dem unbekannten Land der Zukunft. Mache uns stark im Wehen Deines Geistes. Amen