Adam – Christus

Römer 5,12 – 21

12 Deshalb, wie durch “einen” Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben. 13 Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam; aber wo kein Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet. 14 Dennoch herrschte der Tod von Adam an bis Mose auch über die, die nicht gesündigt hatten durch die gleiche Übertretung wie Adam, welcher ist ein Bild dessen, der kommen sollte.

Ich gestehe mir ein: Das ist schon im Ansatz weit weg von dem, wie ich denke. Aber es ist der Versuch, die Bedeutung des Todes Jesu auszusagen – als eine grundsätzliche Wende: Durch den einen Menschen – gemeint ist Adam – ist die Sünde in die Welt gekommen und mit ihr der Tod. „Durch den ersten Menschen dringt die Macht der Sünde wie durch ein Eingangstor in die Menschheit ein.“(K. Heim, Weltschöpfung und Weltende, Wuppertal 1952, S. 155) Man könnte also denken und so ist lange auch gedacht worden: Ohne die Sünde Adams gäbe es den Tod nicht. Im Paradies war der Tod keine Wirklichkeit.

Das ist nicht spezifisch christlich gedacht – diese Gedanken gibt es auch in der jüdischen Tradition: „Die Frage, ob es einen Tod ohne eigene Schuld des Menschen gibt, ist für die Synagoge offen geblieben.“( (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 122) In diesem Denken bleibt der einzelne Mensch gleichwohl verantwortlich für sein Tun und ist nicht nur hilfloses Opfer der Sünde Adams in grauer Vorzeit. Man kann das eigene Verhalten nicht mit dem Hinweis  auf Adam entschuldigen – unter dem Motto: er hat es alles verbockt. Ich kann ja gar nicht anders. „Es gibt für Paulus zwar keine `Erbsünde’, wohl aber eine `Ursünde’, in der sich alle Menschen vorfinden. Ihre Macht behält sie dadurch, dass alle durch ihr Sündigen diese Macht bestätigen.“ (W. Klaiber,  aaO. S. 93)   

Eine Nebenbemerkung fällt auch noch ab: Die Sünde ist älter als das Gesetz. Es gibt schon Sünde, als es noch kein Gesetz gab, noch nicht die Gebote und die Weisungen der Tora. Diese Einsicht ist schlicht der Reihenfolge der biblischen Texte in den ersten beiden Büchern Mose abgewonnen. Die Sünde ist vor dem Gesetz da, das heißt auch: Sie wird nicht durch das Gesetz gemacht, produziert. Aber sie wird erst durch das Gesetz angerechnet. „Registriert.“ (K. Haacker;  aaO. S. 119) Dennoch wirkt sie sich schon aus in die Lebenswirklichkeit.

Bleibt der rätselhafte Satz über Adam: welcher ist ein Bild dessen, der kommen sollte. Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll. Wessen Bild ist Adam? Das Bild Christi? Als Sünder? Oder muss man so reduzieren: Als der eine Mensch, der das Geschick der Menschheit beeinflusst, wendet? Und darin ist er dann Hinweis auf den, der kommen soll als der, der die Geschichte der Welt zum Heil wenden wird. Aber wie unterschiedlich der Einfluss Adams und der Einfluss Christ sind, das wird sich ja im Folgenden zeigen.

 15 Aber nicht verhält sich’s mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn wenn durch die Sünde des Einen die Vielen gestorben sind, um wie viel mehr ist Gottes Gnade und Gabe den Vielen überreich zuteil geworden durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus. 16 Und nicht verhält es sich mit der Gabe wie mit dem, was durch den einen Sünder geschehen ist. Denn das Urteil hat von dem Einen her zur Verdammnis geführt, die Gnade aber hilft aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit. 17 Denn wenn wegen der Sünde des Einen der Tod geherrscht hat durch den Einen, um wie viel mehr werden die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben durch den Einen, Jesus Christus. 18 Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. 19 Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten.

Jetzt folgt eine vielfach variierte Gegenüberstellung: Hier Adam, dort Christus. Auch wenn die beiden Namen nicht ständig wiederholend genannt werden. Durch die Sünde des Einen kommt das Sterben der Vielen, die Verdammnis. Er reißt sozusagen alle mit – unter die Herrschaft des Todes. Dem steht Christus gegenüber – er reißt alle heraus aus diesem Herrschaftsbereich und stellt sie in den Wirkungsbereich der Gnade. Die wird allen zuteil als Rechtfertigung, als Weg, der zum Leben führt. „Paulus denkt gleichzeitig zurück in die Urzeit und vorwärts in die Endzeit; offenbar entsprechen sich diese beiden Denkbewegungen.“ (O. Michel, aaO. S. 125)

            So wird es von Paulus auf den Punkt gebracht: Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten. „Auf die Sünde folgt der Tod für alle; aus der Gerechtigkeit das Leben für alle.“(A. Schlatter, aaO. S. 185) Von hier aus erklärt sich mir, was Paulus am Anfang des Briefes schreibt. Sein Auftrag ist: Gehorsam des Glaubens aufzurichten (1,5). Also hineinzurufen in das Leben, das sich aus dem Gehorsam des Einen speist. Der Ruf zu Christus ist ein Ruf heraus aus dem Ungehorsam Adams und hinein in den Gehorsam Christi. An Christus glauben ist so Teilhaben, Anteil gewinnen an seinem Gehorsam. Gehorsam in seiner Spur. Hören, wie ein Jünger hört. (Jesaja 50,4) Wie Christus hören und auf Christus hören – beides ineinander.

Was das heißen könnte, deutet Paulus hier nur mit einer kurzen Wendung an: im Leben herrschen durch den Einen. Das Wort „herrschen“- βασιλεσουσιν heißt wörtlich: sie werden Könige sein, die Königsherrschaft ausüben taucht in diesem Abschnitt  ja vielfach auf. Die Sünde hat geherrscht, jetzt soll die Gerechtigkeit herrschen, die Freiheit in Christus und eben durch Gerechtigkeit und Freiheit die Christen. Sie sollen wieder – in Christus geborgen – Herren im eigenen Leben sein. Es geht Paulus um Lebenskonsequenzen und nicht in erster Linie um theologische Lehrsätze, die lebensmäßig zu Leersätzen werden können. Später wird Paulus diese Lebenskonsequenzen in der neuen Menschheit, die mit Christus ihren Anfang nimmt, ausführlich in den Kapiteln 12 – 16 behandeln. Sie sind bei weitem nicht nur ein lästiger Anhang an den ersten Teil, sondern die notwendige Folge aus ihm.

 20 Das Gesetz aber ist dazwischen hineingekommen, damit die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden, 21 damit, wie die Sünde geherrscht hat zum Tode, so auch die Gnade herrsche durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unsern Herrn.

            Wieder wirkt es auf mich wie eine Randnotiz, wenn Paulus hier vom Gesetz sagt, es sei dazwischen hineingekommen. Im Galaterbrief weiß Paulus von einer Zeit ohne Gesetz nach der Verheißung an Abraham, 430 Jahre (Galater 3,17) Nur eine Wirkung gesteht er dem Gesetz zu: dass es die Macht der Sünde unterstreicht und dadurch steigert. Aber wichtiger als dies ist ihm, dass  die Gnade noch viel mächtiger geworden ist.  Es ist ein Gedanke, der sich mit dem hinzugekommenen Gesetz verbindet: Gott „will,  dass die alte Weltzeit ihr Ziel, die Fülle der Sünde und der menschlichen Aussichtslosigkeit im Tode, erreicht. Er will auch, dass der Mensch die Bitterkeit dieses Zieles, die Not der Sünde und des Todes restlos auskostet. Gott will dem Menschen das Ende des Weges, der mit Adams Übertretung eingeschlagen wurde, nicht ersparen.“ (O. Michel, aaO. S. 127) Herbe Worte in den Ohren unserer Zeit, die daran erinnern, was Paulus andernorts schreit, dass das Gesetz ein Zuchtmeister auf Christus hin (Galater 3,24) sei.

Man könnte es schlicht so sagen: Die Sünde ist „nur“ wirksam für die paar Jahre, die wir hier leben. Die Gnade aber ist wirksam schon in der Zeit des Lebens, dann aber weit darüber hinaus, als die Gerechtigkeit zum ewigen Leben.  Damit ist deutlich, dass die Gnade, die uns durch Jesus Christus, unseren Herrn zuteilwird, unvergleichlich größer ist als alle Sünde.

Wenn ich mir diese Gegenüberstellung vor Augen halte, möchte ich eigentlich nicht mehr von einer Adam-Christus-Typologie reden. Denn im Grund ist Adam nicht das Bild (5,12), so das griechische Wort τπος, der Typos Christi. Eher eine dunkle Folie, auf der das Bild Christi umso heller leuchtet.

Daran freilich liegt diesem Vergleich, so denke ich, schon: Wie Adam der Anfang der Menschheit ist, die von Sünde und Tod gekennzeichnet wird, so ist Christus der Anfang der neuen Menschheit, die durch seinen Gehorsam, seine Gnade, seine Gerechtigkeit gekennzeichnet ist. So wie es Paulus nach Korinth ja auch schreibt: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch “einen” Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch “einen” Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.“(1.Korinther 15, 20-22)

Darum allerdings geht es Paulus dann folgerichtig, dass diese neue Menschheit, zu der auch die Christinnen und Christen in Rom gehören, ihm, Christus, entspricht in Wort und Wesen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben: . 

Einer für alle. so tickt der Glaube an die christliche Rechtfertigung, an die Erlösung. Genau darin ist er die Zumutung schlechthin für unsere Zeit. „Es kann doch in existentiellen Fragen keine Stellvertretung geben.“ So sagen Menschen, die in der Kirche engagiert sind und sich doch damit schwer tun: Einer, Christus stirbt für uns.

Krimi-Autoren wissen es besser. Da legt einer ein Geständnis a und die Ermittler spüren: irgendetwas stimmt da nicht. Und machen sich auf die Suche nach dem, der durch das Geständnis geschützt werden soll. Die Schlüsselfrage heißt: Wer ist ihm/ihr so wichtig, wen liebt der Gestehende so sehr, dass er an seiner/ihrer Stelle ins Gefängnis gehen würde. Für Krimi-Autoren gibt es dieses Verhalten tatsächlich, dass einer Existenz-Vertretung übernimmt, fremde Schuld auf sich lädt. Ob wir das in den Kirchen von den Krimi-Autoren neu zu lernen haben?

 

Mein Gott, wie gut, dass Du nicht antwortest wie wir antworten, nicht vergiltst wie wir vergelten, dass Du nicht das Echo unsere Taten bist.Du eröffnest neue Wege  aus dem, was wir schuldig geblieben sind, was uns verklagt, gegen uns spricht. Du gibst uns in Christus Deine Gnade, Deine Liebe, Dein Erbarmen. Damit wir ihm gleich-gestaltet werden durch Deinen Geist. Amen