Machtfalle

  1. Samuel 2, 12 – 26

12 Aber die Söhne Elis waren ruchlos. Sie fragten nicht nach dem HERRN 13 noch nach dem, was dem Priester zustand vom Volk.

             Die Trennung der Abschnitte verbirgt den Kontrast: hier der Knabe Samuel – „Diener des Herrn“(2,11) – dort die Söhne Elis – ruchlose Leute. Die sich nehmen, was sie wollen. die aus dem Tempel einen Selbstbedienungsladen machen. Die sich nicht für den Weg und Willen Gottes interessieren, sondern nur für das eigene Wohlergehen. diese Söhne beugen das Recht – mischpat – sie beanspruchen einfach, weil sie es können.

In der Gegenwart dieser Männer wächst Samuel auf. „Welche Gefahr steckt darin, weil die missratenen Söhne Elis auch Einfluss auf den jungen Samuel nehmen konnten.“(M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, s. 44)Auch die Menschen, mit denen Gott seine Wege gehen will, wachsen nicht unbedingt in einer heilen Welt auf.

 Wenn jemand ein Opfer bringen wollte, so kam des Priesters Diener, wenn das Fleisch kochte, und hatte eine Gabel mit drei Zacken in seiner Hand 14 und stieß in den Tiegel oder Kessel oder Pfanne oder Topf, und was er mit der Gabel hervorzog, das nahm der Priester für sich. So taten sie allen in Israel, die dorthin kamen nach Silo. 15 Desgleichen, ehe sie das Fett in Rauch aufgehen ließen, kam des Priesters Diener und sprach zu dem, der das Opfer brachte: Gib mir Fleisch für den Priester zum Braten, denn er will nicht gekochtes Fleisch von dir nehmen, sondern rohes. 16 Wenn dann jemand zu ihm sagte: Lass erst das Fett in Rauch aufgehen und nimm dann, was dein Herz begehrt, so sprach er zu ihm: Du sollst mir’s jetzt geben; wenn nicht, so nehme ich’s mit Gewalt. 17 So war die Sünde der jungen Männer sehr groß vor dem HERRN, denn sie verachteten das Opfer des HERRN.

             „Die Eli-Söhne setzten Willkür an die Stelle des Rechts und das hieß das Menschlich-Eigene an die Stelle des Gottgewollten… Sie setzten sich selbst an die Stelle des Herrn“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 24)Sie greifen tief in die Opferpraxis hinein, die den Opfernden Anteil an dem gewährt, was sie opfern. Ist doch das Opfer der Ort, an dem das normale Volk auch einmal Fleisch zu essen bekommt.

In einer Art „Gottesurteil“ – was der Diener der Priester im Topf mit der Gabel trifft und  aufspießt, – entscheidet sich, was den Priestern zusteht und was die opfernde Familie erhält.  „Was den Söhnen Elis vorgeworfen wird, ist, dass sie das Gottesurteil umgehen wollen. Sie wollen das Fleisch sofort haben – da sieht man, was man hat.“ (R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 56) Ihr Verhalten ist nicht nur ein Verstoß gegen heilige Regeln, es ist auch ausgesprochen asozial. Arrogant und überheblich.

Macht es das ganze Tun noch schlimmer? „Die Eli-Söhne machten sich die Hände nicht schmutzig, sondern schickten einen Diener: der musste holen, wozu sie Lust hatten. – Sie alle, auch die Untergebenen profitierten vom Treiben der Oberen, darum machten alle mir und keiner brachte einen Einwand hervor oder mahnte.“ (M. Holland, aaO. S. 45) „Machtfalle“ weiterlesen

Der Psalm der Hanna

1. Samuel 2, 1 – 11

1 Und Hanna betete und sprach:

             Für das Verständnis der nachfolgenden Worte ist es wichtig, sich zu erinnern, wer hier das Wort nimmt. Hanna war eine hoffnungslose Frau. Sie war noch lebendig und kam sich doch schon tot vor. Denn ihre Existenz war vom Leben abgeschnitten, weil sie kein Kind bekommen konnte. Kein Kind haben zu können, war für die Frauen Israels wie lebendig begraben zu sein. Ihre Anerkennung als Mensch, ihr Glück als Frau ‑ das alles hing an dem Kind. Wir, die in einer Gesellschaft leben, in der Kind oft mehr als Last denn als Segen, mehr als Verlust von Möglichkeiten denn als Gnadengabe Gottes betrachtet wird, vermögen das kaum noch recht zu verstehen.

Hanna jedenfalls war lebendig tot. Dieser Frau hatte Gott nun doch einen Sohn geschenkt. Sie hatte Leben empfangen und ein Kind gebären dürfen. Wo nichts mehr zu erwarten war, wo Leben in den Tod verschlossen schien, da hatte Gott Leben geschenkt. „Hanna hatte schon einmal gebetet, in Verzweiflung, ohne Stimme, nur die Lippen bewegend.“(R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 46) Jetzt, Jahre danach, öffnet das Geschehene ihr den Mund zu ihrem Lobgesang.„watitpalél  – sie betete ist das wichtigste Leitwort des Abschnitts.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S. 85) Das ist ihre Antwort auf ihre Erfahrung. Hanna betete. Sie war den Weg durch den sozialen Tod gegangen und durfte nun neu leben. Gott hatte sie getötet in ihrer Hoffnungslosigkeit und ihr nun neues Leben geschenkt. Darum singt sie ihr Lied.

 Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,                                                                               mein Horn ist erhöht in dem HERRN.                                                                                   Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,                                            denn ich freue mich deines Heils.                                                                                          2 Es ist niemand heilig wie der HERR,                                                                                   außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. 

Man wird es sich eingestehen müssen: dieser Psalm der Hanna „steht inhaltlich nur in einem losen Zusammenhang mit der Geschichte der Hanna.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 20) Es ist ein Psalm, der die Sprache des Hymnus aufnimmt, der davon singt, wie ein Mensch – hier Hanna – in dem HERRN aufgehoben ist. „Der Mensch in Gott ist geradezu unangreifbar, da er im Bereich des starken Gottes ist.“(H. W. Hertzberg, ebda.) Aber gerade in dieser eher allgemeinen Sprache, die den direkten, biographischen Bezug vermissen lässt, lädt er ein zum Einstimmen, zum Nachsingen. Dennoch ist der Psalm geboren aus der eigenen, persönlichen Erfahrung.

Gleich zu Anfang wird der starke Punkt gesetzt: Keiner ist heilig wie der HERR. Das ist nicht die Botschaft eines theoretischen Monotheismus. Im Umfeld Israels gab es immer viele Götter. Und in Israel selbst ist die Losung „Jahwe allein“ das Ergebnis eines langen Prozesses. „Das AT rechnet damit, dass es noch andere Götter gibt.“(M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 37)Aber sie haben keine Relevanz für das Leben. Sie sind „Nichtse“ gegenüber dem Gott Israels. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest, damit man erfahre vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang, dass keiner ist außer mir. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut.“   (Jesaja 47, 5 – 7) Wer sich an sie halten würde, der greift ins trügerisch Leere. „Der Psalm der Hanna“ weiterlesen

Das erbettelte Kind loslassen

  1. Samuel 1, 21 – 28

21 Und als der Mann Elkana hinaufzog mit seinem ganzen Hause, um dem HERRN das jährliche Opfer zu opfern und was er gelobt hatte, 22 zog Hanna nicht mit hinauf, sondern sprach zu ihrem Mann: Wenn der Knabe entwöhnt ist, will ich ihn bringen, dass er vor dem HERRN erscheine und bleibe dort für immer.

          Es ist einiges an Zeit vergangen. Der Knabe Samuel ist geboren. Wieder steht die Wallfahrt nach Silo an. Hanna aber will nicht mitziehen. Weil es zu anstrengend ist für das neue Kind? Weil sie auf Zeit spielen will? „Solange das Kind gestillt wird, bleibt das Gelübde ausgesetzt.“  (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 19) Gemeint ist das Gelübde der Mutter. Dass Elkana auch ein Gelübde abgelegt hat, erfährt man erst hier. Seinen Inhalte aber erfährt man nicht.

Es mag sein, im Hintergrund schwingen Bestimmungen aus dem Gesetz mit: „Wenn jemand dem HERRN ein Gelübde tut oder einen Eid schwört, sich von etwas zu enthalten, so soll er sein Wort nicht brechen, sondern alles tun, wie es über seine Lippen gegangen ist…. Wenn eine Frau im Hause ihres Mannes etwas gelobt oder sich mit einem Eid eine Enthaltung auferlegt und ihr Mann hört es und schweigt dazu und verwehrt es ihr nicht, so gelten alle ihre Gelübde und alles, was sie sich auferlegt hat. … Jedes Gelübde und jeden Eid, durch den sie sich Enthaltung auferlegt hat, kann ihr Mann bekräftigen oder aufheben.“(4. Mose 30, 2, 11-12-14)So gesehen trägt Elkana das Versprechen der Hanna mit.

23 Elkana, ihr Mann, sprach zu ihr: So tu, wie dir’s gefällt! Bleib, bis du ihn entwöhnt hast; der HERR bestätige aber, was er geredet hat. So blieb die Frau und stillte ihren Sohn, bis sie ihn entwöhnt hatte.

Es ist ein großzügiger Umgang, den Elkana mit seiner Hanna pflegt. Auf Augenhöhe, möchte man sagen. Fast partnerschaftlich, wenn das in der patriarchalen Ordnung der alten Zeiten überhaupt denkbar ist. Er gesteht ihr die Zeit mit ihrem Kind Samuel zu. Wie lange die Zeit ist, bis der Knabe entwöhnt ist, abgestillt, bleibt offen. „Das erbettelte Kind loslassen“ weiterlesen

Der verschlossene Leib

  1. Samuel 1, 1 – 20

1 Es war ein Mann von Ramatajim-Zofim, vom Gebirge Ephraim, der hieß Elkana, ein Sohn Jerohams, des Sohnes Elihus, des Sohnes Tohus, des Sohnes Zufs, ein Ephraimiter. 2 Und er hatte zwei Frauen; die eine hieß Hanna, die andere Peninna. Peninna aber hatte Kinder und Hanna hatte keine Kinder.

  Die Erzählung beginnt mit einer Einordnung. Elkana, einer aus dem Stamm Ephraim ist einer aus einer langen Reihe. Die lange Geschlechterreihe setzt ein Signal: Es geht um die Treue Gottes, die sich in seiner Treue zu der Geschlechter-Folge zeigt. Auch das man mitklingen: Wenn man verstehen will, wer einer ist, muss man den Zusammenhang kennen, aus dem er kommt.

Ganz unbefangen wird es erzählt: Elkana hatte zwei Frauen. Die Schriften Israels haben damit nicht die Probleme, wie wir sie durch unsere abendländische Geschichte haben. „Undiskutiert ist die Mehrehe in Geltung.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, s. 15) Ein Mann mit mehreren Frauen – das ist nicht ungewöhnlich in Israel, auch wenn es vielleicht nicht immer Usus ist. Man muss sich die Mehrzahl der Frauen auch leisten können, materiell und psychisch. Die Schriften verschweigen aber auch nicht, dass sich  in solchen Konstellationen Schwierigkeiten ergeben. Hier wird eine zunächst benannt: Hanna hatte keine Kinder. Im Gegensatz zu Peninna.

3 Dieser Mann ging jährlich hinauf von seiner Stadt, um anzubeten und dem HERRN Zebaoth zu opfern in Silo. Dort aber waren Hofni und Pinhas, die beiden Söhne Elis, Priester des HERRN. 4 Wenn nun der Tag kam, dass Elkana opferte, gab er seiner Frau Peninna und allen ihren Söhnen und Töchtern ihre Anteile. 5 Aber Hanna gab er nur einen Anteil, obgleich er Hanna lieb hatte; der HERR aber hatte ihren Leib verschlossen. 6 Und ihre Widersacherin kränkte und reizte sie sehr, weil der HERR ihren Leib verschlossen hatte.

             Es gibt die jährliche Wallfahrt zum damaligen Zentralheiligtum nach Silo. Silo war, so vermuten die Historiker, an die Stelle Bethels getreten. Von Jerusalem und dem Tempel war noch nichts in Sicht. Diese Wallfahrt ist für Hanna kein einfacher Weg. In der Verteilung der Opfer wird das Alleinsein, das kinderlos sein der Hanna überdeutlich. Bei Peninna und ihren Kindern häuft es sich. Hanna: nur ein Anteil. Zum eigenen Schmerz kommt das andere hinzu. Über all das hinaus ist es offensichtlich so, dass Peninna sie spüren lässt: nur eine Frau zweiter Klasse zu sein. Unfähig zur Geburt. Ungesegnet. Die Bosheit der anderen Frau macht sie zur Widersacherin. Ob sie es Hanna gesagt hat: Dein Leib  ist von Gott verschlossen? „Der verschlossene Leib“ weiterlesen

Am Ende bleibt nur Anbetung

Römer 11, 25 – 36

25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26 und so wird ganz Israel gerettet werden,

            Jetzt noch einmal im Klartext. Das Geheimnis, τ μυστριον. „Es ist der Hauptbegriff, der die Art der neuen Erkenntnis umschreibt.“ (O. Michel, aaO. S. 249) Gottes Geheimnis, das alle Klugheit relativiert. Kann Paulus nach Korinth schreiben, dass das Wort vom Kreuz den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit ist, so macht er hier mit diesem Geheimnis alle vermeintliche Klugheit der Christen aus den Völkern zunichte. Sie sind nicht der endgültige Ersatz Gottes für Israel, sondern nur die Vorhut Israels. Wenn sie in der Fülle zum Heil gelangt sind, dann wird Gott auch an Israel neu handeln, es retten. Retten, weil ja doch der Retter da, vor Gott, ist und für alle, die Gott liebt eintritt.

„Ganz Israel“. Das ist eine Wendung, die aus dem Alten Testament stammt. Sie meint fast immer das Volk im Gegenüber zu Gott. „Die ganze Gemeinde Israel“ kann es auch heißen. In dieser Wendung sind die einzelnen Israeliten aufgehoben. Ganz Israel meint sie alle als Einzelne. Darauf läuft es hinaus: „Der Vollzahl der Heiden entspricht apokalyptisch die Vollzahl Israels.“(O. Michel, aaO. S. 250) Was Paulus hier anklingen lässt ist: Israel wird dann endlich werden, wozu es immer schon bestimmt ist, durch die Wahl Gottes: Sein Volk. Das ist gerettet werden, dass sie sein Volk werden.

Ob es Paulus bewusst ist oder ob es ihn nicht interessiert: Er macht damit die Tore weit auf – ausgerechnet für die, die doch den Herrn Jesus als Messias Israels abgelehnt haben.  Für die, die er um des Evangeliums willen Feinde nennt. Allerdings bleibt er damit seiner Linie, seinem Evangelium treu: Gott wendet sich gerade denen zu, die gott-los sind, die sich seinen Wegen bislang verweigert haben. Gott wird es nicht dabei bewenden lassen.

wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«               

               Einmal mehr folgt ein Schriftbeweis, diesmal aus Schlüsselstellen der Propheten. Jesaja hat den Erlöser aus Zion angekündigt. Jeremia den neuen Bund Gottes mit seinem Volk. Im Zentrum dieses Bundes steht das Wegnehmen der Sünden. Der Leser, die Leserin des Römerbriefes wird hier sofort Jesus Christus vor Augen haben, der „die Sünden der Welt trägt.“(Johannes 1,29) Er ist ja der, an dem die zentralen Sätze des Paulus festgemacht sind: Alle, Juden wie Heiden, „werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (3, 24)

Paulus sieht am Ende der Zeit von Gott her keine andere Wirklichkeit, als er sie jetzt schon sieht. Er sieht nur Israel anders auf dem Weg. Es ist auch für Israel keine Rettung an dem Retter Jesus vorbei, sondern durch ihn. Durch sein Vergeben, durch seine Hingabe am Kreuz. „Der Messias wird Israel mit Gott versöhnen und die Heiligkeit Israels wiederherstellen.“ (O. Michel, aaO. S. 251) Dieser Kommende, dieser Messias ist für Paulus ohne jeden Zweifel Jesus. Paulus landet, so sehe ich das, nicht in zwei Heilswegen, sondern bei dem einen Heiland Gottes.    „Am Ende bleibt nur Anbetung“ weiterlesen