Machtfalle

  1. Samuel 2, 12 – 26

12 Aber die Söhne Elis waren ruchlos. Sie fragten nicht nach dem HERRN 13 noch nach dem, was dem Priester zustand vom Volk.

             Die Trennung der Abschnitte verbirgt den Kontrast: hier der Knabe Samuel – „Diener des Herrn“(2,11) – dort die Söhne Elis – ruchlose Leute. Die sich nehmen, was sie wollen. die aus dem Tempel einen Selbstbedienungsladen machen. Die sich nicht für den Weg und Willen Gottes interessieren, sondern nur für das eigene Wohlergehen. diese Söhne beugen das Recht – mischpat – sie beanspruchen einfach, weil sie es können.

In der Gegenwart dieser Männer wächst Samuel auf. „Welche Gefahr steckt darin, weil die missratenen Söhne Elis auch Einfluss auf den jungen Samuel nehmen konnten.“(M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, s. 44)Auch die Menschen, mit denen Gott seine Wege gehen will, wachsen nicht unbedingt in einer heilen Welt auf.

 Wenn jemand ein Opfer bringen wollte, so kam des Priesters Diener, wenn das Fleisch kochte, und hatte eine Gabel mit drei Zacken in seiner Hand 14 und stieß in den Tiegel oder Kessel oder Pfanne oder Topf, und was er mit der Gabel hervorzog, das nahm der Priester für sich. So taten sie allen in Israel, die dorthin kamen nach Silo. 15 Desgleichen, ehe sie das Fett in Rauch aufgehen ließen, kam des Priesters Diener und sprach zu dem, der das Opfer brachte: Gib mir Fleisch für den Priester zum Braten, denn er will nicht gekochtes Fleisch von dir nehmen, sondern rohes. 16 Wenn dann jemand zu ihm sagte: Lass erst das Fett in Rauch aufgehen und nimm dann, was dein Herz begehrt, so sprach er zu ihm: Du sollst mir’s jetzt geben; wenn nicht, so nehme ich’s mit Gewalt. 17 So war die Sünde der jungen Männer sehr groß vor dem HERRN, denn sie verachteten das Opfer des HERRN.

             „Die Eli-Söhne setzten Willkür an die Stelle des Rechts und das hieß das Menschlich-Eigene an die Stelle des Gottgewollten… Sie setzten sich selbst an die Stelle des Herrn“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 24)Sie greifen tief in die Opferpraxis hinein, die den Opfernden Anteil an dem gewährt, was sie opfern. Ist doch das Opfer der Ort, an dem das normale Volk auch einmal Fleisch zu essen bekommt.

In einer Art „Gottesurteil“ – was der Diener der Priester im Topf mit der Gabel trifft und  aufspießt, – entscheidet sich, was den Priestern zusteht und was die opfernde Familie erhält.  „Was den Söhnen Elis vorgeworfen wird, ist, dass sie das Gottesurteil umgehen wollen. Sie wollen das Fleisch sofort haben – da sieht man, was man hat.“ (R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 56) Ihr Verhalten ist nicht nur ein Verstoß gegen heilige Regeln, es ist auch ausgesprochen asozial. Arrogant und überheblich.

Macht es das ganze Tun noch schlimmer? „Die Eli-Söhne machten sich die Hände nicht schmutzig, sondern schickten einen Diener: der musste holen, wozu sie Lust hatten. – Sie alle, auch die Untergebenen profitierten vom Treiben der Oberen, darum machten alle mir und keiner brachte einen Einwand hervor oder mahnte.“ (M. Holland, aaO. S. 45) „Machtfalle“ weiterlesen

Der Psalm der Hanna

1. Samuel 2, 1 – 11

1 Und Hanna betete und sprach:

             Für das Verständnis der nachfolgenden Worte ist es wichtig, sich zu erinnern, wer hier das Wort nimmt. Hanna war eine hoffnungslose Frau. Sie war noch lebendig und kam sich doch schon tot vor. Denn ihre Existenz war vom Leben abgeschnitten, weil sie kein Kind bekommen konnte. Kein Kind haben zu können, war für die Frauen Israels wie lebendig begraben zu sein. Ihre Anerkennung als Mensch, ihr Glück als Frau ‑ das alles hing an dem Kind. Wir, die in einer Gesellschaft leben, in der Kind oft mehr als Last denn als Segen, mehr als Verlust von Möglichkeiten denn als Gnadengabe Gottes betrachtet wird, vermögen das kaum noch recht zu verstehen.

Hanna jedenfalls war lebendig tot. Dieser Frau hatte Gott nun doch einen Sohn geschenkt. Sie hatte Leben empfangen und ein Kind gebären dürfen. Wo nichts mehr zu erwarten war, wo Leben in den Tod verschlossen schien, da hatte Gott Leben geschenkt. „Hanna hatte schon einmal gebetet, in Verzweiflung, ohne Stimme, nur die Lippen bewegend.“(R. Kessler, Samuel, Leipzig 2007, S. 46) Jetzt, Jahre danach, öffnet das Geschehene ihr den Mund zu ihrem Lobgesang.„watitpalél  – sie betete ist das wichtigste Leitwort des Abschnitts.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S. 85) Das ist ihre Antwort auf ihre Erfahrung. Hanna betete. Sie war den Weg durch den sozialen Tod gegangen und durfte nun neu leben. Gott hatte sie getötet in ihrer Hoffnungslosigkeit und ihr nun neues Leben geschenkt. Darum singt sie ihr Lied.

 Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,                                                                               mein Horn ist erhöht in dem HERRN.                                                                                   Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,                                            denn ich freue mich deines Heils.                                                                                          2 Es ist niemand heilig wie der HERR,                                                                                   außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. 

Man wird es sich eingestehen müssen: dieser Psalm der Hanna „steht inhaltlich nur in einem losen Zusammenhang mit der Geschichte der Hanna.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 20) Es ist ein Psalm, der die Sprache des Hymnus aufnimmt, der davon singt, wie ein Mensch – hier Hanna – in dem HERRN aufgehoben ist. „Der Mensch in Gott ist geradezu unangreifbar, da er im Bereich des starken Gottes ist.“(H. W. Hertzberg, ebda.) Aber gerade in dieser eher allgemeinen Sprache, die den direkten, biographischen Bezug vermissen lässt, lädt er ein zum Einstimmen, zum Nachsingen. Dennoch ist der Psalm geboren aus der eigenen, persönlichen Erfahrung.

Gleich zu Anfang wird der starke Punkt gesetzt: Keiner ist heilig wie der HERR. Das ist nicht die Botschaft eines theoretischen Monotheismus. Im Umfeld Israels gab es immer viele Götter. Und in Israel selbst ist die Losung „Jahwe allein“ das Ergebnis eines langen Prozesses. „Das AT rechnet damit, dass es noch andere Götter gibt.“(M. Holland, Das erste Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2002, S. 37)Aber sie haben keine Relevanz für das Leben. Sie sind „Nichtse“ gegenüber dem Gott Israels. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest, damit man erfahre vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang, dass keiner ist außer mir. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut.“   (Jesaja 47, 5 – 7) Wer sich an sie halten würde, der greift ins trügerisch Leere. „Der Psalm der Hanna“ weiterlesen

Das erbettelte Kind loslassen

  1. Samuel 1, 21 – 28

21 Und als der Mann Elkana hinaufzog mit seinem ganzen Hause, um dem HERRN das jährliche Opfer zu opfern und was er gelobt hatte, 22 zog Hanna nicht mit hinauf, sondern sprach zu ihrem Mann: Wenn der Knabe entwöhnt ist, will ich ihn bringen, dass er vor dem HERRN erscheine und bleibe dort für immer.

          Es ist einiges an Zeit vergangen. Der Knabe Samuel ist geboren. Wieder steht die Wallfahrt nach Silo an. Hanna aber will nicht mitziehen. Weil es zu anstrengend ist für das neue Kind? Weil sie auf Zeit spielen will? „Solange das Kind gestillt wird, bleibt das Gelübde ausgesetzt.“  (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 19) Gemeint ist das Gelübde der Mutter. Dass Elkana auch ein Gelübde abgelegt hat, erfährt man erst hier. Seinen Inhalte aber erfährt man nicht.

Es mag sein, im Hintergrund schwingen Bestimmungen aus dem Gesetz mit: „Wenn jemand dem HERRN ein Gelübde tut oder einen Eid schwört, sich von etwas zu enthalten, so soll er sein Wort nicht brechen, sondern alles tun, wie es über seine Lippen gegangen ist…. Wenn eine Frau im Hause ihres Mannes etwas gelobt oder sich mit einem Eid eine Enthaltung auferlegt und ihr Mann hört es und schweigt dazu und verwehrt es ihr nicht, so gelten alle ihre Gelübde und alles, was sie sich auferlegt hat. … Jedes Gelübde und jeden Eid, durch den sie sich Enthaltung auferlegt hat, kann ihr Mann bekräftigen oder aufheben.“(4. Mose 30, 2, 11-12-14)So gesehen trägt Elkana das Versprechen der Hanna mit.

23 Elkana, ihr Mann, sprach zu ihr: So tu, wie dir’s gefällt! Bleib, bis du ihn entwöhnt hast; der HERR bestätige aber, was er geredet hat. So blieb die Frau und stillte ihren Sohn, bis sie ihn entwöhnt hatte.

Es ist ein großzügiger Umgang, den Elkana mit seiner Hanna pflegt. Auf Augenhöhe, möchte man sagen. Fast partnerschaftlich, wenn das in der patriarchalen Ordnung der alten Zeiten überhaupt denkbar ist. Er gesteht ihr die Zeit mit ihrem Kind Samuel zu. Wie lange die Zeit ist, bis der Knabe entwöhnt ist, abgestillt, bleibt offen. „Das erbettelte Kind loslassen“ weiterlesen

Der verschlossene Leib

  1. Samuel 1, 1 – 20

1 Es war ein Mann von Ramatajim-Zofim, vom Gebirge Ephraim, der hieß Elkana, ein Sohn Jerohams, des Sohnes Elihus, des Sohnes Tohus, des Sohnes Zufs, ein Ephraimiter. 2 Und er hatte zwei Frauen; die eine hieß Hanna, die andere Peninna. Peninna aber hatte Kinder und Hanna hatte keine Kinder.

  Die Erzählung beginnt mit einer Einordnung. Elkana, einer aus dem Stamm Ephraim ist einer aus einer langen Reihe. Die lange Geschlechterreihe setzt ein Signal: Es geht um die Treue Gottes, die sich in seiner Treue zu der Geschlechter-Folge zeigt. Auch das man mitklingen: Wenn man verstehen will, wer einer ist, muss man den Zusammenhang kennen, aus dem er kommt.

Ganz unbefangen wird es erzählt: Elkana hatte zwei Frauen. Die Schriften Israels haben damit nicht die Probleme, wie wir sie durch unsere abendländische Geschichte haben. „Undiskutiert ist die Mehrehe in Geltung.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, s. 15) Ein Mann mit mehreren Frauen – das ist nicht ungewöhnlich in Israel, auch wenn es vielleicht nicht immer Usus ist. Man muss sich die Mehrzahl der Frauen auch leisten können, materiell und psychisch. Die Schriften verschweigen aber auch nicht, dass sich  in solchen Konstellationen Schwierigkeiten ergeben. Hier wird eine zunächst benannt: Hanna hatte keine Kinder. Im Gegensatz zu Peninna.

3 Dieser Mann ging jährlich hinauf von seiner Stadt, um anzubeten und dem HERRN Zebaoth zu opfern in Silo. Dort aber waren Hofni und Pinhas, die beiden Söhne Elis, Priester des HERRN. 4 Wenn nun der Tag kam, dass Elkana opferte, gab er seiner Frau Peninna und allen ihren Söhnen und Töchtern ihre Anteile. 5 Aber Hanna gab er nur einen Anteil, obgleich er Hanna lieb hatte; der HERR aber hatte ihren Leib verschlossen. 6 Und ihre Widersacherin kränkte und reizte sie sehr, weil der HERR ihren Leib verschlossen hatte.

             Es gibt die jährliche Wallfahrt zum damaligen Zentralheiligtum nach Silo. Silo war, so vermuten die Historiker, an die Stelle Bethels getreten. Von Jerusalem und dem Tempel war noch nichts in Sicht. Diese Wallfahrt ist für Hanna kein einfacher Weg. In der Verteilung der Opfer wird das Alleinsein, das kinderlos sein der Hanna überdeutlich. Bei Peninna und ihren Kindern häuft es sich. Hanna: nur ein Anteil. Zum eigenen Schmerz kommt das andere hinzu. Über all das hinaus ist es offensichtlich so, dass Peninna sie spüren lässt: nur eine Frau zweiter Klasse zu sein. Unfähig zur Geburt. Ungesegnet. Die Bosheit der anderen Frau macht sie zur Widersacherin. Ob sie es Hanna gesagt hat: Dein Leib  ist von Gott verschlossen? „Der verschlossene Leib“ weiterlesen

Am Ende bleibt nur Anbetung

Römer 11, 25 – 36

25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26 und so wird ganz Israel gerettet werden,

            Jetzt noch einmal im Klartext. Das Geheimnis, τ μυστριον. „Es ist der Hauptbegriff, der die Art der neuen Erkenntnis umschreibt.“ (O. Michel, aaO. S. 249) Gottes Geheimnis, das alle Klugheit relativiert. Kann Paulus nach Korinth schreiben, dass das Wort vom Kreuz den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit ist, so macht er hier mit diesem Geheimnis alle vermeintliche Klugheit der Christen aus den Völkern zunichte. Sie sind nicht der endgültige Ersatz Gottes für Israel, sondern nur die Vorhut Israels. Wenn sie in der Fülle zum Heil gelangt sind, dann wird Gott auch an Israel neu handeln, es retten. Retten, weil ja doch der Retter da, vor Gott, ist und für alle, die Gott liebt eintritt.

„Ganz Israel“. Das ist eine Wendung, die aus dem Alten Testament stammt. Sie meint fast immer das Volk im Gegenüber zu Gott. „Die ganze Gemeinde Israel“ kann es auch heißen. In dieser Wendung sind die einzelnen Israeliten aufgehoben. Ganz Israel meint sie alle als Einzelne. Darauf läuft es hinaus: „Der Vollzahl der Heiden entspricht apokalyptisch die Vollzahl Israels.“(O. Michel, aaO. S. 250) Was Paulus hier anklingen lässt ist: Israel wird dann endlich werden, wozu es immer schon bestimmt ist, durch die Wahl Gottes: Sein Volk. Das ist gerettet werden, dass sie sein Volk werden.

Ob es Paulus bewusst ist oder ob es ihn nicht interessiert: Er macht damit die Tore weit auf – ausgerechnet für die, die doch den Herrn Jesus als Messias Israels abgelehnt haben.  Für die, die er um des Evangeliums willen Feinde nennt. Allerdings bleibt er damit seiner Linie, seinem Evangelium treu: Gott wendet sich gerade denen zu, die gott-los sind, die sich seinen Wegen bislang verweigert haben. Gott wird es nicht dabei bewenden lassen.

wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«               

               Einmal mehr folgt ein Schriftbeweis, diesmal aus Schlüsselstellen der Propheten. Jesaja hat den Erlöser aus Zion angekündigt. Jeremia den neuen Bund Gottes mit seinem Volk. Im Zentrum dieses Bundes steht das Wegnehmen der Sünden. Der Leser, die Leserin des Römerbriefes wird hier sofort Jesus Christus vor Augen haben, der „die Sünden der Welt trägt.“(Johannes 1,29) Er ist ja der, an dem die zentralen Sätze des Paulus festgemacht sind: Alle, Juden wie Heiden, „werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (3, 24)

Paulus sieht am Ende der Zeit von Gott her keine andere Wirklichkeit, als er sie jetzt schon sieht. Er sieht nur Israel anders auf dem Weg. Es ist auch für Israel keine Rettung an dem Retter Jesus vorbei, sondern durch ihn. Durch sein Vergeben, durch seine Hingabe am Kreuz. „Der Messias wird Israel mit Gott versöhnen und die Heiligkeit Israels wiederherstellen.“ (O. Michel, aaO. S. 251) Dieser Kommende, dieser Messias ist für Paulus ohne jeden Zweifel Jesus. Paulus landet, so sehe ich das, nicht in zwei Heilswegen, sondern bei dem einen Heiland Gottes.    „Am Ende bleibt nur Anbetung“ weiterlesen

Zum Staunen: Gott bleibt (sich) treu

Römer 11, 25 – 36

25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26 und so wird ganz Israel gerettet werden,

            Jetzt noch einmal im Klartext. Das Geheimnis, τ μυστριον. „Es ist der Hauptbegriff, der die Art der neuen Erkenntnis umschreibt.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 249) Gottes Geheimnis, das alle Klugheit relativiert. Kann Paulus nach Korinth schreiben, dass das Wort vom Kreuz den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit ist, so macht er hier mit diesem Geheimnis alle vermeintliche Klugheit der Christen aus den Völkern zunichte. Sie sind nicht der endgültige Ersatz Gottes für Israel, sondern nur die Vorhut Israels. Wenn sie in der Fülle zum Heil gelangt sind, dann wird Gott auch an Israel neu handeln, es retten. Retten, weil ja doch der Retter da, vor Gott, ist und für alle, die Gott liebt eintritt.

„Ganz Israel“. Das ist eine Wendung, die aus dem Alten Testament stammt. Sie meint fast immer das Volk im Gegenüber zu Gott. „Die ganze Gemeinde Israel“ kann es auch heißen. In dieser Wendung sind die einzelne Israeliten aufgehoben. Ganz Israel meint sie alle als Einzelne. Darauf läuft es hinaus: „Der Vollzahl der Heiden entspricht apokalyptisch die Vollzahl Israels.“(O. Michel, aaO. S. 250) Was Paulus hier anklingen lässt ist: Israel wird dann endlich werden, wozu es immer schon bestimmt ist, durch die Wahl Gottes: Sein Volk. Das ist gerettet werden, dass sie sein Volk werden. „Zum Staunen: Gott bleibt (sich) treu“ weiterlesen

Nicht du trägst die Wurzel

Römer 11, 11 – 24

11 So frage ich nun: Sind sie gestrauchelt, damit sie fallen? Das sei ferne!

            Verblendet mag Israel sein. Wohl auch ins Straucheln gekommen. Aber nicht für immer gefallen. Nicht verstoßen. Was mit Israel im Augenblick geschieht, ist kein Entscheid für immer.  Denn das würde ja bedeuten, dass Gott seine Wahl widerruft, seinen Bund kündigt. Hier ist vom Weg Israels in der Zeit die Rede, aber nicht von seinem Weg in Ewigkeit. Von Entscheidungen in der Zeit, aber nicht von Entscheidungen für die Ewigkeit.

Sondern durch ihren Fall ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen nacheifern sollte. 12 Wenn aber schon ihr Fall Reichtum für die Welt ist und ihr Schade Reichtum für die Heiden, wie viel mehr wird es Reichtum sein, wenn ihre Zahl voll wird.

            Das ist, in den Augen des Paulus, der „Plan“, die Absicht Gottes: Als erstes hat der verweigerte Glauben Israels den Weg zu den Heiden frei gemacht. Weil die Jünger nicht schweigen konnten von dem, was sie in Jesus und mit Jesus erfahren haben, was sie „gesehen und gehört haben“(Apostelgeschichte 4,20), hat sie ihr Weg in die Völkerwelt zu den Heiden geführt. In der Darstellung der Apostelgeschichte spiegelt sich diese Sicht des Paulus: Es ist die Verfolgung der ersten Gemeinde in Jerusalem, die dazu führt, dass die Jünger die Stadt verlassen und sich ins Umland wenden, auf die Straßen Samarias, nach Damaskus, Cäsarea und Antiochia (vgl Apostelgeschichte 9 – 14). So bedient sich Gott der Verfolgung, um das Evangelium über die Grenzen Israels hinaus zu bringen.

Daneben tritt das andere Motiv: Wenn  Israel sieht, dass den Heiden das Heil widerfährt, werden sie dann nicht selbst neu danach fragen und auch den Weg der Heiden zum Heil, den Glauben, neu suchen? „Haben wir nicht doch etwas verpasst? Haben die Heiden empfangen, was eigentlich uns Juden zusteht?“ (W. Klaiber, aaO. S. 189) Solche Fragen, die aus der Eifersucht entstehen, will Gott bei den Heiden auslösen. Sagt Paulus und sieht damit Eifersucht als eine positive Reaktion. Sie führt zu einem Nacheifern, das den Weg des Heils annimmt, wie ihn Gott geht.

            Es ist um Ecken gedacht, aber nicht unlogisch, sondern hat die Logik, die im Denken Israels oft zu beobachten ist, vom Leichteren zum Schwereren. Wenn aus der Verweigerung, dem Fall Israels, schon Gutes entsteht für die Heiden, wie viel mehr wird Gutes werden, wenn Israel sich nicht mehr vom Heil entfremdet, wenn es nicht nur ein kleiner Rest ist, der glaubt, sondern alle Israeliten. Ganz konsequent hält Paulus hier in seinen Formulierungen durch: Es ist das Handeln Gottes, das Israel jetzt auf Distanz hält und das einmal umgekehrt die Zahl voll werden lassen wird. Wie sollte er auch, der im Blick auf das Heil alles vom Tun Gottes abhängig sieht, hier anders reden können.  „Nicht du trägst die Wurzel“ weiterlesen

Gott ist zäh

Römer 11, 1 – 10

1 So frage ich nun: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne!

Paulus hangelt sich durch die Fragen, die ihm zu schaffen machen, ihm zusetzen. „Ist an die Stelle der ausgebreiteten Hände womöglich die geballte Faust getreten, mit der Gott sein Volk mit Schimpf und Schande von sich jagt?“ (K. Haacker; aaO. S. 219) Verstoßen ist ja kein harmloses Wort – es würde das Ende Israels als erwähltes Gottesvolk bedeuten. Es würde heißen: Israel hat keinen Auftrag mehr in der Geschichte der WeltWieder ist Paulus eindeutig: Keinesfalls. Das sei ferne. Nie und nimmer. „Gott hat Israel nicht aus seinem Heilsplan entfernt.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 234)

Ich frage, auch mich selbst: Warum haben die christlichen Kirchen so lange über dieses μ γνοιτο· – das sei ferne – hinweg gelesen? Warum konnte in die Theologie der Gedanke einer Enterbung Israels Einzug gewinnen, Macht gewinnen, so sehr, dass es keinen entschiedenen und konsequenten Widerstand gegen den Antisemitismus in den Reihen der Kirche gab?

Denn ich bin auch ein Israelit, vom Geschlecht Abrahams, aus dem Stamm Benjamin.

            Sich selbst nimmt Paulus als erstes Zeugnis und ersten Zeugen, als Gottes „Unterpfand  für die bleibende Erwählung“ (O. Michel, aaO. S.235)Israels, ist er doch selbst ein Israelit, aus dem Stamm Benjamin. Er als Einzelner ist so ein Zeichen dafür, dass die Geschichte Gottes mit Israel eben nicht am Ende ist. Nicht aufgekündigt von Gott, auch wenn es dem Volk und im Volk oft genug an Treue und Glauben gefehlt hat. „Gott ist zäh“ weiterlesen

Predigen. Weitersagen

Römer 10, 14 – 21

14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? 15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« 16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?«

Paulus bildet gerne Kettenschlüsse. Wir haben fünf Glieder in vier Fragesätzen vor uns; in diesen fünf Gliedern spiegelt sich der Prozess der Verkündigung.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 230) Sie – das sind jetzt offensichtlich nicht nur die Juden. Es stimmt schon: Sie rufen den Namen Jesu nicht an, weil sie in ihm nicht den Messias sehen können. Aber es stimmt ja in gleicher Weise auch für die Völker, wenn es nicht die Boten gibt, die sich zu ihnen senden lassen Die ganze folgende Gedankenkette könnte wie eine Entschuldigung wirken: Es fehlt am Glauben, weil es an denen fehlt, die weitersagen, die zum Glauben rufen. Am Ende dieser Kette stünde dann Gott, der keine Boten gesandt hat, stünde die unterlassene Bitte: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“(Matthäus 9,38) Läuft es also auf eine Entschuldigung Israels hinaus?

Aber: Da sind ja Freudenboten, die gelaufen sind. Gerufen haben, eingeladen haben. Nur: Sie haben nicht überall Glauben gefunden. Nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Aus dem Hören ist nicht überall ein Gehorchen geworden. „Nur der Gehorsame glaubt, und nur der Glaubende gehorcht.“(D. Bonhoeffer, Nachfolge, München 1976, S. 35) Ein wirkliches Hören ist nur da, wo es zu Lebensschritten kommt, die dem Gehörten Rechnung tragen.

Das aber, dass es nicht zum hörenden Glauben und glaubenden Hören gekommen ist, ist nicht nur die Erfahrung der christlichen Boten. Das hat schon Jesaja, der Prophet, erfahren.

 17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

   Daran hält Paulus fest: Es braucht das Zeugnis, das Predigen. Es braucht die zu hörende Botschaft. So besser κοῇ. Es ist gut, bei dem Wortpredigen nicht in Gedanken sofort bei unserer sonntäglichen Predigt landen. Es gibt keine Kanzeln, keine Kirchen, keine festen Gottesdienstzeiten zu der Zeit, in der Paulus seinen Brief schreibt. Alles ist viel mehr im Fluss, als es uns mit unserer Jahrtausend-Tradition bewusst ist. Es gibt wohl nur kleine Gruppen auf Augenhöhe, in denen ein Bote von Jesus erzählt, auch lehrhafte Sätze weitergibt. Aber wie das im Einzelnen ausgesehen hat, können wir doch nur sehr begrenzt aus den neutestamentlichen Schriften rekonstruieren.

Daran allerdings lässt Paulus nicht rütteln. Es braucht die Botschaft, die aus den Worten Jesu schöpft. Predigt ist nie allgemeine religiöse Rede, sondern sie ist gebunden an das Wort Christi, an die Überlieferung von ihm. Wie wir sie in den Evangelien, die nach Paulus entstanden sind, finden. Es sind, das wird durch die griechische Wortwahl ῥήματος Χριστο deutlich, nicht zeitlose Worte Jesu gemeint, sondern sein Wort in die Zeit. „Predigen. Weitersagen“ weiterlesen

Das Wort in Herz und Mund

Römer 10, 5 – 13

5 Mose nämlich schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt (3. Mose 18,5): »Der Mensch, der das tut, wird dadurch leben.«

Auf das Tun kommt es an. Das ist das Credo unserer Zeit. Wobei wir uns nicht an das Gesetz gebunden fühlen, von dem Mose seinen Satz sagt – denn er redet von den Gesetzen Gottes, wie wir sie im Dekalog und den Weisungen der Tora finden. Mose stellt Seine Hörer*innen und Leser*innen vor die Forderung des Gesetzes. Oder anders: Vor das Gesetz als Forderung, die bis aufs kleinste Jota  – „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“(Matthäus 5,20) – zu erfüllen ist. Das ist der „alte Weg“, den Paulus her unkommentiert und unbewertet zeigt. Aber in Wahrheit doch bewertet durch seine nun folgende Gegenüberstellung.

 6 Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so (5. Mose 30,11-14): »Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?« – nämlich um Christus herabzuholen -, 7 oder: »Wer will hinab in die Tiefe fahren?« – nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen -, 8 sondern was sagt sie? »Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.« Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.

Es ist ein bewusst gewählter Kontrast: „Mose „schreibt“ und die Gerechtigkeit aus Glauben „sagt“. Dem „Schreiben“ des Mose entspricht das Gesetz wie dem „Reden“ der Gerechtigkeit aus Glaube das Wort des Evangeliums.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 225) In einem anderen Brief taucht ein verwandter Gedankengang auf: „Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“(2. Korinther 3,6)

Zugespitzt: Wir müssen nichts mehr tun für die Gerechtigkeit aus dem Glauben. Nicht mehr in den Himmel steigen, nicht mehr in die Hölle hinabfahren – wir müssen nicht mehr Christus zu uns bringen. Weil er ja gekommen ist. Christus ist da. Sein Wort ist nah. Paulus geht in einer großen Freiheit mit den Worten seiner Bibel um. Er liest ihre Worte auf Jesus Christus hin, ohne sich großartig darum zu kümmern, ob sie von Anfang an so gemeint waren. Und er lässt weg, was ihm nicht in seine Argumentation passt: Denn im 5. Buch Mose geht der Satz weiter: „Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass Du es tust.“(5. Mose 30,14) Freilich täte man Paulus, diesem Missionsaktivisten bitter Unrecht, wenn man sagte: Mit dem Tun hat er es nicht so. Doch, aber nicht mehr als Weg zum Heil. „Das Wort in Herz und Mund“ weiterlesen