Dss Zeugnis der Schrift: Abraham

Römer 4, 1 – 12

1 Was sagen wir denn von Abraham, unserm leiblichen Stammvater? Was hat er erlangt? 2 Das sagen wir: Ist Abraham durch Werke gerecht, so kann er sich wohl rühmen, aber nicht vor Gott.

            Einmal mehr scheint es, als würde Paulus auf Argumente eingehen, die irgendwie in der Luft liegen. Erst einmal aber wird man sagen müssen: dieser Rückgriff auf Abraham ist nicht den Lesern geschuldet Es mag sein, er hat dabei Juden, die ihn für einen Ketzer halten vor Augen. Oder Juden, die Christus-Gläubige sind, die aber gleichwohl glauben, dass die Botschaft des Paulus gefährlich verkürzt ist, weil sie die Notwendigkeit der Werke leugnet.  „Offensichtlich spricht Paulus damit vor allem zu Gesprächspartnern jüdischer Herkunft und nennt Abraham deshalb unseren Vorvater nach dem Fleisch.“(W. Klaiber, aaO. S. 69) Das heißt aber auch, dass er betont: Ich bin einer von euch. Auch mein leiblicher Stammvater ist Abraham.

Wichtiger ist jedoch das andere: Paulus greift auch deshalb jetzt auf Abraham zurück, weil er ein Schrift-Theologe ist, einer, der an den Schriften der Väter hängt, weil er glaubt, dass sein Glauben an Jesus als den Christus in den Schriften der Hebräischen Bibel seinen Grund und seine Wahrheit hat. Würde die Schrift nicht bezeugen, was er bezeugt, so hätte er keinen festen Grund unter den Füßen. Hier ist sich Paulus ganz einig mit dem späteren Evangelium: „Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen.“(Johannes 5,39)

Darum greift Paulus auf die Schrift zurück, weil es ihm um die Einheit des Evangeliums, das er verkündigt, mit den Worten und Wegweisung des Glaubens der Väter geht. Darum hat er ja schon früher betont: Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ist bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Paulus liegt unendlich viel daran, dass er nicht eine neue Lehre oder gar einen neuen Gott verkündigt, sondern dass das, was er sagt, Erfüllung der alten Schriften ist. Darum auch greift er auf Abraham nicht nur aus taktischen Gründen zurück. Es geht ihm vielmehr darum, dass er an Abraham genau das sieht, was er durch Christus glaubt..

Sie alle, Juden und Judenchristen aber auch Christen aus den Heiden, stehen vor der Frage: Was ist der Ruhm Abrahams? Sind es die Werke – ργα? Besteht er damit vor Gott? Vor Menschen mag er so großartig dastehen – wer wäre nicht beeindruckt von diesem Mann und seinem Weg. Aber vor Gott?

 3 Denn was sagt die Schrift? »Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden.« (1.Mose 15,6) 4 Dem aber, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern weil er ihm zusteht. 5 Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.

Jetzt zitiert Paulus – wörtlich. Und hält sich an den Worten fest, wie ein Biblizist unserer Tage. „Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden.“ Es ist der Glauben, der Abraham ins rechte Gottesverhältnis gesetzt hat. Besser gesagt: Durch den er in das rechte Gottesverhältnis gesetzt worden ist. Paulus hängt offensichtlich an dieser Wendung: Das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden. Denn das stellt ja heraus: Es ist Gott, der hier aktiv ist, der zurechnet, der den Abraham zu etwas macht, der ihn als gerecht sieht. Es ist nicht Abraham, der tut, macht, handelt. Auch der Glaube Abrahams ist hier nicht ein Handeln, das ihn gerecht sein lässt.

Es ist wichtig, sich nicht in die Irre führen zu lassen: Wenn wir „Gerechtigkeit“ hören, denken wir an juristisch fassbare  Sachverhalte. so denkt Paulus nicht. Für ihn ist Gerechtigkeit nicht aus einem juristischen Denkrahmen zu verstehen, sondern als ein Beziehungswort. Gerechtigkeit lässt mich einem anderen Recht sein, setzt in ein Beziehungsverhältnis, das in Takt ist.  Im Glauben findet Abraham das Verhältnis zu Gott, das in sich stimmig ist. Er „findet“ es, weil Gott sagt: so ist es richtig. Es ist immer eine von Gott her zugrechnete Gerechtigkeit, zugesprochen – du ist mir in deinem Vertrauen recht.

Darauf läuft alles hinaus: Abraham vertraut sich Gott an. Und macht darin die Erfahrung, dass dieses Vertrauen trägt. Dass sein Leben so festen Grund unter die Füße kriegt. Dass Gott zu ihm steht, auch wenn er nicht immer konsequent ist, auch wenn er die Geduld verliert und auf eigene Faust mit Hagar den Verheißungen Gottes nachhelfen will, auch wenn er sich aus Angst in Lügen verstrickt – Gott hält an ihm fest. Das ist Abrahams Gerechtigkeit. Gott lässt ihn in seinen Schwächen nicht fallen – er bleibt Gott recht.

Folgerichtig führt Paulus hier den zweiten Begriff an, der für ihn ein Leitwort ist: Gnade. χρις. Was Abraham empfängt, ist Gnade und nicht Antwort auf vorher erbrachte Leistung, nicht Lohn. Lohn ist in einem gerechten Arbeitsverhältnis eine Pflicht, ein Recht. Darauf darf man sich verlassen: „Gott verkürzt keinem Geschöpf den Lohn.“(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 101) Nur: Hier geht es nicht um ein „Arbeitsverhältnis“ Hier geht es um die Beziehung Gottes zu Abraham. Sie ist bestimmt von Gnade und Glauben.  Gnade ist ein Geschenk. Und sie hat bewirkt, dass Abraham Gott glaubt, dass er „seine Zuversicht und Festigkeit in Gott“ (K. Haacker;  aaO. S. 100) findet. Das ist das Wesen des Glaubens: Er macht sich in Gott fest, ohne jede Vorbedingung, einfach aus dem Vertrauen, dass Gott sich die recht sein lässt, die in ihm ihre Stärke, ihre Hilfe, ihre Zuflucht suchen. Auch mit leeren Händen. Ohne Vorleistungen.

6 Wie ja auch David den Menschen seligpreist, dem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke (Psalm 32,1-2): 7 »Selig sind die, denen die Ungerechtigkeiten vergeben und denen die Sünden bedeckt sind! 8 Selig ist der Mann, dem der Herr die Sünde nicht zurechnet!«

Das findet Paulus bestätigt durch Worte eines Psalms Davids. Darin ist er der treue gelehrige Schüler seiner Herkunft: „Nach rabbinischer Methode wird das Thorawort durch das Psalmwort bekräftigt.“(O. Michel, aaO. S. 99) David preist ja gerade die selig, die Sünder sind und erfahren: Gott vergibt. Gott rechnet die Sünde, das Unrecht nicht vor. Gott sieht nicht die Schuld an, sondern deckt sie zu. Paulus wird seine Bibel so gut kennen, dass er mit im Blick hat: „Liebe deckt alle Übertretungen zu“(Sprüche 10,12) Einmal mehr: Es sind Sünder, die Gott gerecht macht.

Diese Botschaft ist schwer auszuhalten. Bis heute. Weil es Paulus darum geht, dass die Gnade, das Gerechtmachen Gottes voraussetzungslos ist. Keine Reue zuvor. Keine Frage: Ist es dir Leid? Kein Besserungsversprechen. Alles hängt daran, dass Gott gnädig ist und diese Gnade in Jesus manifestiert.

9 Diese Seligpreisung nun, gilt sie den Beschnittenen oder auch den Unbeschnittenen? Wir sagen doch: »Abraham wurde sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet.« 10 Wie wurde er ihm denn zugerechnet? Als er beschnitten oder als er unbeschnitten war? Ohne Zweifel nicht als er beschnitten, sondern als er unbeschnitten war. 11 Das Zeichen der Beschneidung aber empfing er als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, den er hatte, als er noch nicht beschnitten war.

Auch das ist keine Voraussetzung: beschnitten sein. Hier muss, einmal mehr, eine Argumentationsweise herhalten, die Theologen heute fremd ist und sie entsprechend befremdet. Die Reihenfolge der Abrahamserzählung wird zum Argument: Vor der Beschneidung, auch vor der Opferung Isaaks – beides Taten, Werke Abrahams – wird schon gesagt: Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden. Die Reihenfolge der Erzählung ist also wichtig! Nicht zufällig, sondern von eminenter theologischer Bedeutung. Daran hängt viel – Abraham hat sich die Gerechtigkeit nicht verdient, sondern sie im Glauben empfangen. Vor allem Handeln und als noch Unbeschnittener.

So sollte er ein Vater werden aller, die glauben, ohne beschnitten zu sein, damit auch ihnen die Gerechtigkeit zugerechnet werde; 12 und ebenso ein Vater der Beschnittenen, wenn sie nicht nur beschnitten sind, sondern auch gehen in den Fußtapfen des Glaubens, den unser Vater Abraham hatte, als er noch nicht beschnitten war.

            Das ist für Paulus ja auch aktuell ein wichtiges Element. Auch in seiner Zeit heute ist der Glauben ohne Vorleistung – beschnitten sein, Werke – das Grundmodell Gottes. Sind doch viele der Heiden, denen er das Evangelium gesagt hat, nicht beschnitten und sollen auch nicht beschnitten werden. Jedenfalls nicht, wenn es nach Paulus geht. Der sich ja auch anderswo dieser Forderung nach Beschneidung gläubig gewordener Heiden aufs Heftigste widersetzt hat und in Petrus und Jakobus Zustimmung gefunden hat, die in einen regelrechten Beschluss gemündet ist (Apostelgeschichte 15).Seitdem lehrt Paulus, unter stillschweigender Zustimmung der Jerusalemer Autoritäten in der ersten Gemeinde, dass die Beschneidung keine Bedingung des Glaubens an den Herrn Jesus Christus ist.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

In einem Gottesdienst höre ich die Wendung „Der Gott des Alten Testamentes“. Das soll, so legt es die deutsche Sprache nahe, eine Differenz zu dem „Gott des neuen Testamentes“ anzeigen. Hier der grausame, zornige, rachgierige, blutrünstige Gott, der obendrein patriarchalische Verhältnisse zulässt. Dort der gütige, nette, liebe Gott, den Jesus repräsentiert, der auch gut zu den Frauen ist. Paulus würde, so denke ich, aufschreien, wenn er das hörte. Wer sich löst vom Gott der Väter, der macht aus dem Christus-Glauben eine neue Religion. Für Paulus: unmöglich.  Aber dieses Denken in den zwei Göttern ist bis heute tief in die Christenheit hinein verwurzelt. Hier gilt es, unermüdlich das eigene Sprachverhalten zu prüfen und zu korrigieren.

 

Mein Gott, worauf vertraue ich? Auf meinen Glauben, auf meine guten Taten, auf mein Leben nach den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln?

Manchmal bin ich skeptisch über mich selbst. Ich habe nur Angst, meine Sehnsüchte und wilden Träume zu erfüllen, auszubrechen aus den festen Schienen, die mir den Weg weisen. Oder bin ich auch einfach nur zu alt und inzwischen zu träge.

Darauf vertraue ich, dass Du mein Leben, auch die ungelebten Träume und Sehnsüchte, unendlich sanft in Deinen Händen hältst, dass Du mein Leben gut machst, gerecht und zurecht gebracht vor Dir. Amen